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Amazons E-Reader ist eine Marktbereicherung

Schreibt den Kindle nicht zu früh ab!

Auch eine Folge der Medienkrise: Kaum ist ein Produkt mit zumindest vager Relevanz fürs Verlagsgeschäft auf dem Markt, finden sich schon endgültige Prognosen über dessen langfristige Perspektiven. So war es auch vergangene Woche beim Kindle, den Amazon überraschend einen Tag vor Ostern zum Verkauf in Deutschland freigab. Noch bevor eine größere Zahl von Käufern das Gerät ausgepackt hatten, zeigte der Daumen erster Kommentatoren nach unten - ein vorschneller Irrtum.

Dabei bringt der Kindle auf den ersten Blick wenig mit, weshalb man geneigt wäre, dem Reader auf dem deutschen Markt eine große Zukunft vorauszusagen. Flach ist er, aber wenig elegant, mausgrau und mit einer Tastatur, die an erste Generationen von Taschenrechnern aus japanischer Serienfertigung erinnert. Keine Spur von der Aura, die etwa Apples gehyptes iPad umgibt - und doch dem Lifestyle-Gadget in einigen Belangen überlegen.

Denn es sind die praktischen Dinge, die den Kindle wertvoll machen: eine aufgrund des energiesparenden Schwarz-Weiß-Displays extrem lange Akkulaufzeit zum Beispiel oder auch der rasche Download von ganzen Büchern, der die ständigen Probleme der iPad-Aufladung mit einer einzigen E-Paper-Ausgabe vergessen lässt. Hinzu kommt ein Display, das uns auch überlange Texte ermüdungsfrei lesen lässt, und das mit einem Datenträger, der auf 240 Gramm ganze Bibliotheken speichern kann.

Sicherlich steht dem eine ganze Reihe von Nachteilen im Vergleich mit den uns vertrauten hochgerüsteten E-Produkten gegenüber. Doch fallen die wirklich ins Gewicht? Wir alle nutzen SMS und machen den Handel mit den Kurznachrichten für Provider zu einem bombastischen Business, obwohl das Eintippen auf Handys und Smartphones fummelig und immer noch überteuert ist und die ausgelieferten Ergebnisse im Vergleich dazu geradezu kümmerlich sind.

SMS sind ein Milliardenmarkt, obwohl (oder weil?) hier ein extrem limitierter Service bereitgestellt wird, den wir alle wollen und verwenden. Es könnte sein, dass auch der Kindle einen Nerv in der Mediennutzung trifft, gerade weil er weniger Möglichkeiten bietet als konkurrierende Geräte.

Schon der Preis markiert einen wesentlichen Unterschied zu iPad & Co.: Man kann 189 Euro für die 3G-Topversion angesichts der Ausstattungsmerkmale teuer finden. Auf jeden Fall ist das weit weniger, als die Summe, die Apple für sein billigstes Tablet aufruft. Zudem ist der (auf Downloads beschränkte) kostenlose Gebrauch des mobilen Funknetzes ein weiteres Argument für alle, die keinen Sinn darin sehen, für das x-te mobile Endgerät einen weiteren Zeit- oder Volumenvertrag abzuschließen und somit laufende Kosten anzuhäufen. Das wichtigste Argument für den Kindle ist aber, dass er das, wofür er in erster Linie da ist, einfach deutlich besser kann als die Konkurrenten: nämlich das Darstellen lesbarer Texte auch unter schwierigen Bedingungen. Der automatische Wechsel des Displays, das je nach Lichtverhältnissen entweder weiße Schrift auf schwarzem Grund oder umgekehrt anzeigt, erlaubt es, das Lesegerät fast überall problemlos zu nutzen.

Und sicher: Der Kindle reduziert die Mediennutzung in erster Linie auf Wörter und Sätze. Er erlaubt kein multimediales Feuerwerk, mit dem viele Verlage ihre iPad-Apps aufpeppen oder -motzen (je nach Leserempfindung). Wer dem Kindle dennoch einen festen Platz in der Vielfalt des heutigen Medienkonsums zutraut, muss die Möglichkeiten von iPad & Co. aber auch nicht schlecht finden oder reden. Der Kindle ersetzt das iPad nicht (was auch andersrum gilt), aber er ist für manche oder sogar viele die interessantere Alternative, weil diese Leute Medien eben nicht so nutzen wie manche Verlagsstrategen sich dies im Wunsch nach der Neuerfindung medialer Vertriebsplattformen ausmalen. Während das iPad die bunte Vielfalt aufblättert, liefert der Kindle das Konzentrat. Es wirkt eindimensionaler, aber begünstigt professionelle Mediennutzung mit geringem Zeitbudget. Der Kindle ist wie geschaffen für den zielgerichteten, vertikalen Inhaltekonsum. Wer sich mit einem Medium (sei es Zeitschrift oder Zeitung) gut auskennt, der weiß, wo dort die subjektiv relevanten Inhalte zu finden sind. Bei dieser Form der Inhaltenutzung fallen auch die Nachteile des Kindles bei Navigation und Hierarchisierung weniger ins Gewicht.

Wer nicht an diese Variante glaubt, sollte sich die erstaunliche Krisenfestigkeit des Buchs vor Augen führen, denn dies hat schon etliche Abgesänge auf dessen Geschäftsmodell überstanden und erlebt – auch wegen der zusätzlichen Verbreitungsmöglichkeiten auf elektronischem Weg – derzeit geradezu eine Renaissance.

Der Buchhandel hat viele Probleme und ist ebenso im Umbruch wie das Geschäft mit Zeitungen und Zeitschriften, aber seine Entwicklung verläuft einfach anders als etliche Experten vorhergesagt haben. Und gerade einige der Verleger, die sich dem dringendsten Rat widersetzt haben, blicken nun auf boomende Segmente. Und mehr als in eher konzeptgetriebenen Medienbereichen ist der originäre Wurf, die Einzelleistung der Autoren stets herausragendes Erfolgskriterium. Dieses Denken scheint in vielen Medienhäusern in den Jahren der Konjunkturkrise in den Hintergrund getreten zu sein, als zuallererst mit Dingen experimentiert wurde, die eine Abkehr vom bis dahin gängigen Geschäftsprinzip versprachen. Nun ist es zwar logisch, dass etwa mit Games oder auch transaktionsgetriebenen Modellen aus verlagsfernen Bereichen durchaus ordentlich Gewinn zu machen ist. Allerdings ist die Frage nach wie vor offen, ob es die Verlagshäuser sind, die solche Geschäftszweige auf Dauer profitabel und zur Substituierung rezessiver Bereiche betreiben können. Vom verlegerischen Grundauftrag einmal ganz zu schweigen.

Wer weiß, mit welchem Aufwand Medienhäuser die iPad-Ausgaben ihrer Zeitungen befeuern und dass dafür nicht selten ein halbes Dutzend Mitarbeiter oder mehr beschäftigt werden, ahnt wie schwierig es ist solche Angebote kostendeckend zu betreiben. Und wer die realen Größenordnungen der zahlenden Kundschaft für solche zusätzlichen Zeitungsangebote kennt, weiß auch, wie fragil das gesamte Geschäftsmodell ist. Hier bietet der Kindle eine schlichte, aber ergreifende neue Möglichkeit, die die Verlage auch zwingt den Inhalt in den Mittelpunkt der Überlegungen zu stellen. Nicht die schlechteste Form die Zukunft zu denken, oder?

Lesen Sie morgen: Wie Verlage den Kindle nutzen sollten

ga

26.04.2011
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    Letzte Kommentare

    Anzeige: 1 - 2 von 2

    27.04.11 23:06

    Jan Schmidt Web-Site

    Sehr schöner Beitrag, der es exakt auf den Punkt bringt. Wenig ist mehr - gerade wenn man einfach nur mal ein Buch oder Zeitungsartikel lesen möchte, ist bunter Multimedia-Firlefanz nicht wirklich passend

    27.04.11 12:55

    Dio Genes

    Warum schreibt hier - wieder einmal - einer Blinder über Farbe? - "Der automatische Wechsel des Displays, das je nach Lichtverhältnissen entweder weiße Schrift auf schwarzem Grund oder umgekehrt anzeigt." Mag sein, daß dieser Effekt beim Autor nach dem fünften Bier auftritt, beim Kindle gibt es diese Kontrastumkehr jedenfalls nicht (weder beim K2 noch beim K3), denn sie ist schlicht nicht nötig.
    Und ein ganz wichtiger Punkt fehlt: die Kosten! Ich hab' mir gestern ganz legal kostenlos vierzig Bücher im Papier-Wert von rund 600 Euro auf meinen Kindle geladen. Jede Schule sollte Kindles nutzen, denn alle Klassiker für den Unterricht gibt es kostenlos! Aber da müßten Lehrer sich mal intelligent verhalten, und wäre zu viel verlangt.

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