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Wolfgang Blau über seinen Wechsel zum Guardian

"Online gibt es keine Plateaus zum Ausruhen"

Dieser Wechsel ist wohl eine Herzensentscheidung: Wolfgang Blau geht von Zeit Online zum Guardian. Als Grund für den Umzug nennt der 44-Jährige im MEEDIA-Interview, dass ihn die "transnationalen" Themen am meisten umtrieben. Zum Abschied gibt es noch ein großes Lob für die Kollegen: "Was mir am besten gefällt am deutschen Online-Journalismus, ist die unglaubliche Zähigkeit und der Humor, mit dem so viele Redakteure unterhalb des Radars traditioneller Medienkapitäne die Zukunft vorbereiten."

Warum gehen Sie zum Guardian?
Ich bin vor knapp fünf Jahren aus den USA nach Deutschland zurück gekommen, um die Redaktion von Zeit Online zu leiten. Ich hatte mit Rainer Esser als Chef, der Familie von Holtzbrinck als Verleger und dem Team bei Zeit Online unglaubliches Glück.

Im Lauf der Jahre ist mir aber deutlich geworden, dass ich mich jeden Tag fast ausschließlich im englischen Sprachraum bewege, wenn es um Diskussionen über neue Methoden, Werkzeuge und Geschäftsmodelle im Online-Journalismus geht. Auch die redaktionellen Themen, die mich persönlich am meisten umtreiben – etwa der Schutz des offenen Internet, der Klimawandel und die Zukunft der europäisch-amerikanischen Beziehungen – sind transnationale Themen. In der primär englischsprachigen, internationalen Diskussion über diese Themen spielt der Guardian mit seinen weltweit über 30 Millionen Lesern eine sehr wichtige Rolle.

 
Was machen Sie genau in London?
Der Auftrag von Geschäftsführung und Chefredaktion des Guardian an mich lautet, zunächst einmal das gesamte Unternehmen und möglichst viele seiner Mitarbeiter gut kennen zu lernen und dann die Weiterentwicklung der "digital-first"-Strategie des Guardian zu unterstützen.

Was hat der Guardian, was die Zeit nicht hat?
Sie können diese zwei Unternehmen nicht wirklich vergleichen. Die Zeit ist eine der besten Wochenzeitungen Europas, der Guardian eine der bekanntesten, und wie ich finde mutigsten Tageszeitungen der Welt. Besonders attraktiv für mich als Online-Journalist ist natürlich die Aussicht, mit einem so international orientierten Team und mit Pionieren wie Alan Rusbridger und Andrew Miller zusammen arbeiten zu können. Allein in seiner Entwicklungsabteilung beschäftigt der Guardian über 150 Kollegen.

Sie haben Zeit Online umgebaut und fit für die Zukunft gemacht. Das Portal befindet sich noch immer auf der Überholspur. Kann man als Chefredakteur mitten in diesem Projekt eigentlich das Ruder abgeben?
Wenn Sie sagen "mitten in diesem Projekt" implizieren Sie, dass es auf diesem Zeitstrahl überhaupt so etwas wie eine Mitte gibt. Ich glaube, es gibt sie nicht. Es gibt für Online-Redaktionen in diesen Jahren keine Plateaus zum Ausruhen. Die nächsten fünf Jahre werden von noch mehr Umbrüchen geprägt sein als die letzten fünf, ob in Deutschland oder in Großbritannien. Ich glaube aber schon, dass Zeit Online heute ein sehr solides Fundament und eine gute Zukunft vor sich hat. In unserem neuen Newsroom in Berlin haben wir jetzt eine adäquate Heimat gefunden. Der Umzug weiterer Kollegen von Hamburg nach Berlin liegt hinter uns, die Entwicklungsredaktion und die Videoredaktion sind neu aufgestellt, das Newsdesk-Team erweitert, die Social-Media-Redakteurin ist an Bord und das gesamte Team hat in diesem Jahr Social-Media-Trainings durchlaufen. Vor allem fällt Zeit Online regelmäßig durch originelle Ideen und eine sehr eigene Herangehensweise auch an die Pflichtthemen des Nachrichtengeschäfts auf. Das spiegelt sich auch in den Visits wider, die weiter steil wachsen.

Sind Sie zufrieden mit dem Erreichten?
So richtig und rundum zufrieden zu sein, war wohl nie meine Stärke und ich wünschte manchmal, ich hätte mir mehr Zeit genommen, meine Kollegen zu loben. Wenn ich mir aber unser heutiges Team anschaue – in Redaktion, Technik und Verlag – dann empfinde ich schon einen gewissen Stolz. Ich habe ein paar Jahre gebraucht, um zu begreifen, dass gute Ideen oftmals nicht in den Köpfen oder Herzen einzelner Kollegen entstehen, sondern in diesem unsichtbaren, sehr verletzlichen Gewebe, das zwischen allen Mitarbeitern existiert und sich ständig verändert. Im Grunde sind Personalentscheidungen die folgenreichsten Entscheidungen eines Chefredakteurs. Ja, das Team von Zeit Online zu betrachten, macht mich stolz.

Was wären die nächsten strategischen Schritte für Zeit Online gewesen? Welche dieser Schritte lassen sich noch umsetzen?
Da will ich meiner Nachfolgerin oder meinem Nachfolger nicht vorgreifen. Vielleicht möchte sie oder er ganz andere Schwerpunkte setzen. Neben dem redaktionellen Tagesgeschäft werde ich mich in den verbleibenden Monaten noch um die Weiterentwicklung von Homepage und Mobilangebot kümmern.

Sie verlassen die deutsche Medienlandschaft. Heißt: Sie können jetzt ja mal so richtig offen reden. Wie ist es denn um den deutschen Online-Journalismus bestellt?
Offen geredet habe ich auch schon vorher. Aber ich verlasse die deutsche Medienlandschaft nicht. London ist gerade mal 720 Kilometer Luftlinie entfernt. Denken Sie europäisch. Ich kann mir sehr gut vorstellen, in Zukunft wieder einmal in Deutschland zu arbeiten. Ich mag Deutschland.

Was hat Sie am deutschen Online-Journalismus immer am meisten genervt?
Vielleicht die ungesunde Fixierung auf das Negative, wie sie – mit Verlaub – auch in Ihrer Fragestellung zum Ausdruck kommt. Was mir am besten gefällt am deutschen Online-Journalismus ist die unglaubliche Zähigkeit und der Humor, mit dem so viele Redakteure unterhalb des Radars traditioneller Medienkapitäne die Zukunft vorbereiten.

Was machen die angelsächsischen Web-Medien besser als unsereiner?
Die britischen Medien haben aufgrund der englischen Sprache den Vorteil und Nachteil, in einem weltweiten Wettbewerb zu stehen. Unter diesem enormen Druck sind globale Medienmarken wie BBC, Guardian und Economist, aber auch die Daily Mail entstanden.

Wo sehen Sie denn die deutsche Web-Journalismus-Landschaft in drei Jahren?
Ich wäre schon dankbar zu verstehen, was jetzt gerade mit der Branche passiert. Wie weit wird die – faszinierende – Nutzungsverlagerung ins mobile Netz gehen? Finden wir dafür rechtzeitig ein Geschäftsmodell? Werden sich die öffentlich-rechtlichen Online-Medien ihren Mut vollends abkaufen lassen? Wird Google noch tiefer ins Display-Geschäft einsteigen? Wird Facebook uns demnächst zur Kasse bitten? Wann wird es die erste deutsche Journalistenschule geben, die sich endlich ganz aufs Netz konzentriert? Drei Jahre sind im Netz eine Ewigkeit.

Werden Sie Zeit Online auch in London lesen?
Mit Sicherheit. Und wenn ich Glück habe, schenkt Rainer Esser mir vielleicht auch noch ein Zeit-Abo fürs iPad. Nein, im Ernst, ich habe hier viele neue Freunde gefunden und werde Zeit Online und der Zeit sehr eng verbunden bleiben.

Alexander Becker

16.10.2012
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