Seit 1991 ist Udo Reiter Intendant des Mitteldeutschen Rundfunks. Ein alter Hase im Geschäft. Was den Mikrobloggingdienst Twitter angeht, scheint der 66-Jährige allerdings noch etwas grün hinter der Ohren zu sein. Nach der Wulff-Rede zum Tag der Deutschen Einheit twitterte Reiter einen geschmacklosen Islam-Witz. Und sorgte damit für Aufruhr in der Web-Gemeinde. Man fragte sich, wie lange er wohl noch im Amt bleiben würde. Die Aufklärung folgte wenige Stunden später. Beide Tweets wurden mittlerweile gelöscht.
Dieses “Twitter” kann für manchen schon zum Verhängnis werden. Vor einem Jahr vermasselte es Köhler die mit Spannung erwartete Wiederwahl. "Leute, ihr könnt in Ruhe Fußball gucken. Wahlgang hat geklappt”, twitterte damals die CDU-Abgeordnete Julia Klöckner. Vorbei war der Trubel.
Und selbst der Mobilfunkanbieter griff vor einiger Zeit ordentlich daneben. Ein Mitarbeiter twitterte unüberlegt frivol: "VodafoneUK is fed up of dirty homo's (sic) and is going after beaver", was übersetzt so viel bedeutet wie: "VodafoneUK hat genug von dreckigen Homosexuellen und steht auf Vaginas". Was folgte, war ein Proteststurm entrüsteter User. Vodafone löschte umgehend den Tweet, doch die Nachrichte war im Umlauf. So ein Retweet-Button ist nun einmal schnell gedrückt.
Bundespräsident Mohammed Mustafa und die deutsche Minderheit
Von der Schnelligkeit des Mikrobloggingdienst wurde jetzt auch MDR-Intenant Udo Reiter überrascht. Er twitterte am Montagnachmittag: “Einheitstag 2030: Bundespräsident Mohammed Mustafa ruft die Muslime auf, die Rechte der Deutschen Minderheit zu wahren.” Political Correctness klingt anders. Was folgte, war eine Welle der Entrüstung. Immerhin verfügt sein Twitter-Account bereits über 2300 Follower. Etliche User erteilten dem 66-Jährigen eine Absage. Andere fragten sich, wie lange er nach diesen Worten wohl noch im Amt bleiben würde. Der MDR bestätigte auf Anfrage von MEEDIA die Echtheit des Twitter-Kontos.
Dabei hat der promovierte Germanist nicht zum ersten Mal für Aufregung bei Twitter gesorgt. Vor einiger Zeit machten sich Anonyme einen Spaß daraus, mit gefakten Profilen den Ruf des Intendanten zu ramponieren. Sie zeigten das Logo des MDR sowie ein Foto des Intendanten. Die Tweets ließen das MDR-Urgestein in keinem guten Licht stehen: “Werde gleich die Leute zusammenstauchen, die mir das mit dem Merkel-Interview eingebrockt haben! Ich muss die Suppe dann wieder auslöffeln!" hieß es. Oder: "Ich wundere mich darüber, dass mir unterstellt wird, ein "Fake" zu sein! Ich bin doch ein Mensch aus Fleisch und Blut!".
Zitat stammt aus Zeitungs-Karikatur
Seit Mitte September twittert Reiter nun selbst, wie der Mitteldeutsche Rundfunk mitteilte. Sein erster Tweet: „Auch alte Männer mit Kugelschreiber können twittern… bleiben Sie dran…“. Der MDR-Intendant macht es jetzt selbst. „Vielleicht ist es doch besser, wenn ich die Sache selbst in die Hand nehme, nach dem mich jetzt schon mehrere Twitter gedoubelt haben. Jeder der mir folgen will, weiß jetzt, wo er den echten Reiter findet.“, so MDR-Intendant Udo Reiter.
Jetzt scheint er seine zweite Lektion im Umgang mit dem Web gelernt zu haben. Denn einige Stunden später folgte die Entschuldigung samt Erklärung: “Der Tweet war vor einiger Zeit ein gezeichneter Witz in einer deutschen Zeitung. War natürlich als Joke gemeint. Sorry.” Auch wenn die Entschuldigung samt des ursprünglich Tweets mittlerweile verschwunden ist, so gilt anscheinend für Twitter und den Journalismus die gleiche Faustregel: Ohne Quellenangabe gibt es nur Ärger...
Letzte Kommentare
07.10.10 10:29
Chaim Levinson Web-Site
@ tobi lowe: "Was genau könnte daran denn die Gefühle anderer Menschen verletzten?" - Wenn wir in zwanzig Jahren einen Mohammedaner als Bundespräsidenten haben? Tja, weiß ich auch nicht, wen das verletzen könnte, Mohammedaner wohl kaum, die müßten doch voll stolzer Vorfreude darauf sein...
"Und welche Nationalität und Religion könnten diese Menschen haben?" - Das spielt bei einem politischen Witz doch wohl sicher die geringste Rolle. Haben wir jetzt Zensur? Die Nationalität der (angeblich) Beleidigten ist ja übrigens (angeblich) deutsch, nominell wenigstens.
05.10.10 18:06
tobi lowe
Was gibt es an diesem Witz eigentlich auszusetzen? Was genau könnte daran denn die Gefühle anderer Menschen verletzten? Und welche Nationalität und Religion könnten diese Menschen haben?
Ich stamme aus Duisburg Marxloh - und hier rufen meine türkischen Nachbarn ihre Glaubensbrüder schon lange zu mehr Respekt für die deutsche Minderheit auf. So unrealistisch ist der "Vertwitterer" also nicht!
05.10.10 14:20
Chaim Levinson Web-Site
Der Witz ist doch genial, keine Ahnung, warum der als geschmacklos gilt. Da hat der vorauseilende Dhimmi-Gehorsam der grün-linken Gutmenschen wohl auch bei twitter mal wieder voll zugeschlagen. Vielleicht sollten die schrecklich Aufgeregten mal wieder Tucholsky lesen?
Meinen freundlich-solidarischen Gruß an Herrn Reiter vom MDR, ich werde den Witz gern weiterverbreiten!
05.10.10 13:39
Inge Seibel
@H. Müller
Ach wie witzig, diese Namens-Koinzidenz...
Man lese in meinen Zeilen und wird dort schwerlich meine Meinung zu diesem Reiter-Tweet finden können, sondern viel mehr Anmerkungen zu schludrigem Journalismus. Für besseren Journalismus setze ich in der Tat eine Menge meiner Arbeitszeit ein.
Zu den Aufgaben der Bundeszentrale für politische Bildung gehört im Übrigen "Verständnis für politische Sachverhalte zu fördern, das demokratische Bewusstsein zu festigen und die Bereitschaft zur politischen Mitarbeit zu stärken".
Das finde ich richtig gut :-)
05.10.10 10:27
H. Müller
@Inge Seibel
Gehört es zum Handwerkszeug von Mitarbeitern der Bundeszentrale für politische Bildung, rassistische Witzchen gut zu finden :-)