Heute startet ein Experiment, Journalismus anders zu finanzieren: Krautreporter ist eine neue Plattform für Journalismus-Crowdfunding. Kleine und große Beiträge von Online-Unterstützern ermöglichen journalistische Projekte. Journalist und Krautreporter-Gründer Sebastian Esser erklärt in einem Gastbeitrag, welche Chancen er in diesem Experiment sieht, wie das Ganze funktioniert und wie die Macht der Masse auch den Journalimus verändern kann.
Journalismus ist ein Beruf mit Zukunft. Das, was Journalisten können, kann sonst niemand. Wir finden und erzählen Geschichten.
Nur gibt es dabei gerade ein Problem: Immer häufiger fehlen Journalisten die Mittel, ihre Arbeit zu tun. Mein Kollege Wendelin Hübner und ich schlagen darum ein Experiment vor, diesen besonderen Beruf anders zu finanzieren. Unsere Idee ist sicher nicht der Weg, nicht die Lösung, nicht die Revolution. Aber es ist eine von hoffentlich vielen kleinen Zukunften, eine Möglichkeit, gemeinsam voranzukommen. Und es macht Spaß.
Unser Projekt: eine Crowdfunding-Plattform für deutschsprachigen Journalismus. Der Name: Krautreporter. Heute Morgen ist die Seite online gegangen.
Was war noch gleich Crowdfunding? Ziemlich einfach, es handelt sich um eine Form der Vorfinanzierung. Ein Journalist, Fotoreporter oder Dokumentarfilmer präsentiert auf unserer Plattform seine Idee und bittet um eine bestimmte Summe innerhalb einer bestimmten Frist. Ob eine Story finanziert wird, entscheiden die Leser, die den Reporter mit kleinen oder großen Beträgen unterstützen. Jedes Projekt muss das Finanzierungsziel erreichen, bevor die Frist abläuft. Dann geht für den Journalisten die Arbeit los.
Für viele kreative Projekte hat sich Crowdfunding zu einer ernst zu nehmenden Finanzierungsmöglichkeit entwickelt. Die amerikanische Plattform Kickstarter hat innerhalb weniger Jahre fast eine halbe Milliarde Dollar umgesetzt und Millionen Menschen erreicht. Tolle journalistische Projekte sind entstanden, Reportagen, Filme und Podcasts, Magazine, Webseiten und Bücher. In einigen Ländern gibt es inzwischen eigene Crowdfunding-Plattformen, die auf Journalismus spezialisiert und sehr erfolgreich sind – von nun an auch bei uns.
Krautreporter unterstützt Journalisten, aufwändige Themen zu recherchieren und journalistische Projekte zu finanzieren, die kein klassisches Geschäftsmodell haben. Das hat wenig mit dem Journalismus zu tun, wie er traditionell in großen Verlagen und Sendeanstalten betrieben wird. Krautreporter ermöglicht Experimente – journalistische Darstellungsformen oder Geschäftsmodelle, von denen wir noch nichts ahnen. Und Krautreporter hilft Lesern, Zuschauern und Zuhörern, selbst Teil einer journalistischen Community zu werden und wichtige Storys zu ermöglichen.
Es geht nicht nur um Geld. Crowdfunding schafft eine neue Nähe zwischen Journalisten und Lesern, Zuschauern, Hörern. Sie bleiben im Internet nicht passive Konsumenten, sondern begreifen sich als Teil einer kommunizierenden Gemeinschaft. Journalisten verkünden nicht mehr, sondern sind Teil eines Gesprächs auf Augenhöhe. Sie bilden eine eigene Community um sich und ihr Thema herum – eine "Crowd", die ihre Arbeit direkt finanziert. Wir lassen den Zwischenhändler weg. Nicht das Medium ist die Marke, sondern der Reporter selbst.
Kollegen von DAPD, von der FTD, von Frankfurter oder Westfälischer Rundschau werden sich womöglich zu Recht fragen, wie sie um Himmels Willen mit Crowdfunding ihre Miete bezahlen sollen. Wir möchten die Erwartungen an dieses Projekt darum gerne etwas tiefer hängen. Es ist ganz einfach: Krautreporter ist eine tolle neue Möglichkeit, Journalismus zu finanzieren. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Die wichtigsten Freien-Verbände begleiten Krautreporter wohlwollend und unterstützen uns: Freischreiber, Freelens, Weltreporter, Reporter-Forum und Journalist Network – eine Allianz der Anpacker. Besonders beeindruckt mich der Mut der Reporter, die heute als Pioniere ein eigenes Krautreporter-Projekt vorstellen, ohne zu wissen, wie und ob die ganze Sache klappt. Der Optimismus und Tatendrang, die dieses Projekt von Anfang an begleiten, sind wirklich ungewöhnlich.
Ich möchte alle Leser dieses Textes ermutigen, mitzumachen und gemeinsam dafür zu sorgen, dass Journalismus nicht am Geld scheitert. Arbeiten Sie in einer Redaktion, die sich bestimmte Geschichten nicht mehr leisten kann? Dann bitten Sie Ihre Leser bei Krautreporter direkt um Unterstützung. Arbeiten Sie in einem Unternehmen oder einem Verband, das Recherche-Stipendien oder einen der vielen hundert Preise ausschreibt, die angeblich Journalismus fördern? Dann überlegen Sie doch, ob das Geld nicht besser angelegt wäre, wenn Sie damit Geschichten ermöglichen, die sonst nie entstehen würden.
Egal ob Sie beim Lesen innerlich genickt haben oder noch skeptisch die Stirn runzeln: Wenn Ihnen unabhängiger Journalismus am Herzen liegt, dann gehen Sie jetzt gleich zu krautreporter.de und schauen Sie sich um. Falls Ihnen eines der Pionier-Projekte gefällt, erzählen Sie davon am Telefon, beim Mittagessen, bei Facebook und Twitter. Am allerbesten unterstützen Sie eines der Krautreporter-Projekte. Ermöglichen Sie einem Kollegen, seine Arbeit zu machen. Irgendwann wird er vielleicht das gleiche für Sie tun.
Letzte Kommentare
01.02.13 14:23
Harald Schmid
Das ist mal eine produktive Idee zur Zukunft des Journalismus. Nebenbei empfehle ich, auch mal in dieses Buch hier reinzuschauen: http://gedankenstrich.org/2012/11/internet-mobile-devices-und-die-transformation-der-medien/
Mir hats viel gebracht – auch wenn das vielleicht hin und wieder etwas einfacher darstellbar wäre, ist vieles richtig und vor allem ordnend.
Gruß,
HS
31.01.13 13:55
Leser haben auch Geschichten
Was die ganzen Crowd-Dienste immer vergessen ist (laut Studien belegt) das KUNDEN auch die MEISTEN guten Ideen haben.
Soll heissen, das ich gerne bei Kickstarter Projekte vorschlagen würde, die dann irgendwer umsetzen kann weil man hier dank Regularien zu viel Geld dafür bräuchte.
Dasselbe gilt für Geschichten.
Der LESER müsste auch ein Recht haben, Geschichten vorzuschlagen die dann irgendwer umsetzt. Speziell wie man an #aufschrei sieht, gibts viele Geschichten zu erzählen.
Top-Down war gestern. Nebeneinander ist die neue Ordnung. D.h. die Interessenten, Watcher, Betroffenen (Abofallen, aufgeschwatzte Knebelverträge,...), Mitwisser, ehemalige Mitarbeiter usw. und die Reporter sind voneinander abhängig. Von daher ist "Wir sind die tollen Reporter und die einzigen die wissen und Euch vorsetzen was berichtet werden sollte" eine nicht gerade hilfreiche Top-Down-Einstellung die vielleicht mal früher galt, aber heute sicher nicht mehr.
Der Übergang zu crowdbasierten Studien ist fliessend. Ich würde beispielsweise gerne wissen wo Wimax oder D1-UMTS oder VDSL (braucht man evtl für T-Entertain-Abos) wirklich verfügbar ist.
Oder wer nach seinem Studium welchen Studienganges an welcher Universität jahrelang als Praktikant arbeiten musste weil ein Studium anscheinend doch kein auskömmliches Einkommen sichert wie diese Crowd-Plattform für Reporter (anscheinend ohne Festanstellung) und die Entlassungen dieses/letzen Jahres bei vielen Redaktionen ja aufzeigen. Welcher Studiengang rentiert überhaupt noch ? Vermutlich gar nicht mal so viele.
...
Es gibt es sehr viel zu erzählen. Und die Betroffenen wissen das viel besser als die Reporter die nur noch aggregieren, recherchieren (per Internet unf Crowd Betroffene und Mitwisser suchen ist sehr einfach wenn man durch Remixer Anonymität beweisbar garantieren kann) und eine Geschichte schreiben was ja völlig in Ordnung ist, aber auch keine Heldentat der schlauen Reporter die das Volk informieren müssen.
Davon abgesehen muss vieles ganz anders erzählt werden als früher. Manche Geschichten erwarten ständige Updates (Steinbrücks Wahlkampf) oder werden überwiegend als Quasi-Statistik mit immer wieder mal aktualisierten Beispielen erzählt. Z.b. Sauberkeit von Urlaubshotels oder Verkehrs-Unfälle und ihre Ursachen. Die Crowd liefert ständig per Umfrage-App/Webseite die Daten und Fotos und wer vertrauenswürdig und in der Nähe ist, überprüft es und die Bilder (verschimmeltes Hotelzimmer, Baustellen, versiffter Strand,...) werden freigeschaltet.
Man kann problemlos im Web viel umfassender (nicht unbedingt voluminöser) und wahrer berichten als vieles in komprimierten Print-Artikeln.
Auch fehlen in dpa/dapd/reuters/...-Berichten oft Informationen die dann in Foren gerne von der Crowd nachgeliefert werden. Sowas könnte man organisieren und wäre damit der zentrale Anlaufpunkt für alle, die gehaltvollere Informationen wollen als nachgeplapperte Agenturmeldungen ohne viel Eigenanteil.
In USA kriegt man für sowas Millionen und wird von gigantischen Konzernen aufgekauft. In Diktaturen gibts dafür stattdessen vielleicht nur Anwalts-Schreiben, Schikanierung, Verfolgung oder Besuch der örtlichen Mafia.
Leider lebt nicht jeder im meinungsfreien Amerika.
29.01.13 16:30
Nicolas Scheidtweiler Web-Site
Ich finde das Projekt sehr gut. Wichtig ist die Vermittlung von Werten im Journalismus: http://www.scheidtweiler-pr.de/verantwortung-massenmedien-laura-himmelreich-diskussion/
29.01.13 15:18
Karl Dettmer Web-Site
http://489588.forumromanum.com/member/forum/forum.php?USER=user_489588 ist zensurfrei. Eindringlich darf ich vor dem Netzwerk Fumano warnen:
Schon bei der Anmeldung baut die URL haufenweise Cookies in die Puter ein, was Festplatten kaputt machen kann! Welche Erfahrungen hast Du mit den Spionen aus der Schweiz gemacht?
29.01.13 14:22
Juli Werner
Ich finde das Projekt super! Falls etwas für mich spannendes kommt, bin ich finanziell dabei.
Was haltet ihr davon, eine Rubrik "Projekte" wie bei Startnext einzuführen? Das würde die Schwelle bzw. den Aufwand, um sich zu bewerben, herunter setzen. Zudem könnten sich in dieser Erst-Präsentationsphase ja auch neue Partnerschaften (im Planungs- und to-do-Bereich!) für das spätere, konkrete Projekt finden.
Viel Erfolg und bitte regelmäßige Bericht auf meedia über den Fortgang der Plattform und über neue Projekte!