Dirk Ippen nimmt den deutschen Verlegern in ihrem Kampf gegen Google den Wind aus den Segeln. Im Gespräch mit dem "Tagesspiegel" fordert er: "Don't bet against Google". Eine Beteiligung an den Werbeeinnahmen des Nachrichtendienstes Google News hält Ippen für "Wunschdenken". Stattdessen setzt der 68-Jährige bereits seit einiger Zeit verstärkt auf eigene Online-Inhalte, die in seinen Lokalredaktionen von München bis Brandenburg produziert werden. Noch in diesem Jahr soll hierfür ein einheitliches System eingeführt werden.
Ippen gehören über 20 Regional- und Lokalzeitungen. Damit ist er der fünftgrößte Zeitungsverleger in Deutschland. Dass er mit seinen Lokaltiteln Einfluss besitzt, zeigte Ippen, als er Anfang des Jahres die "Hessische/Niedersächsische Allgemeine" (HNA) für sechs Wochen ohne Meldungen der Deutschen Presse-Agentur (dpa) erscheinen ließ und mit diesem Testlauf das Genossenschaftsmodell der dpa zu erschüttern drohte.
Auch im Internet geht der Verleger eigene Wege und forciert das Produzieren von Multimedia-Inhalten. Dabei glaubt er an die bestehenden Strukturen seiner Verlagsgruppe. "Weder Google noch irgendwer sonst hat vor Ort so viele fähige Journalisten wie die deutschen Zeitungsverleger", so Ippen.
Bei der HNA spielt der Online-Auftritt jetzt schon eine wichtige Rolle. "Wir bemühen uns einen kontinuierlichen Nachrichtenfluss auf dem Portal abzubilden", erklärt Jens Nähler, Ressortleiter Online bei der HNA, gegenüber MEEDIA. Jede der 14 Lokalredaktionen muss täglich mindestens drei sogenannte Breaking News an die Online-Redaktion in Kassel schicken. Künftig können die Lokalredaktionen Online-Beiträge auch selbständig ins Netz stellen. Mit einem entsprechenden Relaunch arbeiten alle Redaktionen im Ippen-Reich mit demselben System. Zudem wird die Webseite breiter und künftig in drei statt zwei Spalten geordnet.
Im Vordergrund des Online-Angebots stehen Videos. Auch hier dominieren lokale Themen. Kurzfilme über die Eishockey-Mannschaft Kassel-Huskeys erreichen bis zu 10.000 Klicks, erklärt Nähler. "Die Außenredaktionen liefern wöchentlich etwa 30 bis 40 Videos, die von den Redakteuren gedreht, geschnitten und vertont werden", ergänzt der für bewegte Bilder verantwortliche Redakteur Andreas Berger.
In Planung sind auch zusätzliche Mitmach-Funktionen. Ein Regio-Wiki, in dem Nutzer ihr lokales Wissen eintragen können, startete bereits 2006. "Inzwischen läuft das regionale Lexikon ohne unser Zutun", sagt Nähler. Es gibt eigene Twitter- und Facebook-Kanäle, die ausgebaut werden, es kommt ein Bewertungssystem und eine eigene Community. Abgerundet werden die Planungen von mobilen Diensten, wie einer Anwendung für das iPhone.
Was die überregionalen Titel und Magazine im Web machen, findet also auch in der Ippen-Gruppe statt – nur eben mit Fokus auf lokale Themen. Dabei arbeitet die Verlagsgruppe laut Ippen profitabel. "Wir haben nie die Höhen erlebt wie die Großstadttitel und wir fallen deshalb auch nicht so tief", so der Verleger.
Für Ippen findet die Zeitungs-Zukunft vor allem im Internet statt. Bei der Online-Redaktion der HNA werde definitiv nicht gekürzt, "eher noch ausgebaut", sagt Nähler. Eine Zentral-Redaktion in München werde sich künftig um die überregionalen Titel kümmern, damit sich die Lokalredaktionen stärker auf ihre Kernthemen konzentrieren können.
Letzte Kommentare
13.10.09 12:32
Rainer Barg
> Man kann nur hoffen, dass der Verlegerverband
> und sein Vorsitzender nicht als nächstes Kiosk
> Besitzer angreifen wird – die verdienen auch
> Geld mit den ‚Inhalten’ der Verlage.
Das ist ein schlechter Vergleich, der den Verlegerargumenten in die Hände spielt. Denn schließlich bringt der Kiosk den Verlagen auch Geld. Er behält nur eine Provision ein, überweist das meiste aber an die Verlage. So hätten die Verlage es bei Google ja auch gern.
13.10.09 10:43
Derek Brewer
Die Argumentation der „Anti-Google Verleger“ ist schlicht hanebüchen: Google kostet die Verlage keine Umsätze, es bringt ihnen Umsätze – ohne Google gäbe es dort nämlich wesentlich weniger Besucher. Google löst eine hoch komplexe Aufgabe in ausgezeichneter Manier: Es bahnt dem User einen Weg zu den gesuchten Inhalten. Das dabei noch ein funktionierendes Geschäftsmodell ‚abgefallen’ ist, liegt nun wahrlich nicht an den Inhalten der Verlage. Einzig Ippen scheint das verstanden zu haben. Großartig!
Man kann nur hoffen, dass der Verlegerverband und sein Vorsitzender nicht als nächstes Kiosk Besitzer angreifen wird – die verdienen auch Geld mit den ‚Inhalten’ der Verlage.
12.10.09 22:25
Peter Berger Web-Site
Ippens Ideen zeigen den richtigen Weg auf. Die HNA gehört zu den (wenigen) Lokalzeitungen, die konsequent auf das Web setzen. Und nicht erst seit gestern.
Die Strategie von Ippen ist mir lieber als das Kampfgetöse großer Verlage, die per Lobbyarbeit an den Einnahmen von Google beteiligt werden möchten.
12.10.09 21:02
Rainer Barg
Ich lese diese Ippen-Pamphlete nur noch augenzwinkernd. Ippen erzählt von seinem Münchner Renommierverlag aus immer viel: das Lokale stärken, "das Internet umarmen" und nun dieses. In den Niederungen seiner anderen Zeitungen ist von alledem gar nichts zu merken. Dort wird Billig-Journalismus produziert, in der Regel mit ausgesprochen grottigen Lokalteilen unter abenteuerlichen Bedingungen. Dass ausgerechnet dort nun die Online-Speerspitze der Lokalpresse wirken soll, ist völlig bizarr. Das geht dann wahrscheinlich wie bei Ippens Weblog, das er mal ein paar Monate lang führte und es dann einstellte, weil alles gesagt sei.
12.10.09 18:19
Ibrahim Evsan Web-Site
Ich finde die Strategie zeitgerecht, wunderbar. Das Internet ist nicht mehr aufzuhalten.
In Europa haben wir die digitalen Revolution verpennt. Wir spielen international eine untergeordnete Rolle. Die USA hat den digitalen Fortschritt mit viel Geld und Förderungen unterstützt. Vollkommen richtig gehandelt.
Wir müssen nun globaler denken und uns mit den richtigen Schnittstellen an die digitalen Supermächte verzahnen. Dann hat jeder Verlag eine Zukunft. In diesem Fall müssen eigentlich alle Verlage miteinander kooperieren (Wissen tauschen, Open Source Projekte fördern etc.).
Unser Augenmerk muss darauf gerichtet sein, dass wir wieder investieren. Für die digitale Zukunft von Deutschland. Oder sehe ich das falsch?