Das endgültige Aus für die Financial Times Deutschland ist nur noch eine Formsache. An diesem Mittwoch werden die Aufsichtsräte von Gruner + Jahr und Bertelsmann die Meldung wohl zur Gewissheit machen - allein schon um den Mitarbeitern eine weitere Hängepartie zu ersparen. Bei Facebook und Twitter bekunden in der Zwischenzeit zahlreiche Fans der FTD ihr Bedauern und weinen ihrer “Lieblingszeitung” manche Träne nach. Allerdings fanden die wenigsten “Fans” der FTD in der Vergangenheit den Weg zum Kiosk.
Der “Love-Storm” für die Financial Times Deutschland auf deren Facebook-Seite liest sich kuschelig und mag dem einen oder anderen Mitarbeiter der Zeitung ein wenig Trost spenden. Das ist schön. Aber die Diskrepanz zwischen der Web-Anteilnahme und den harten Kiosk-Verkäufen der chronisch defizitären Wirtschaftszeitung belegt, wie wirkungslos die Gratis-Klicks der Netz-Nutzer in der Realität sind. „Fans“ im Web sind eben nicht automatisch Käufer am Kiosk.
Ein Nutzer hat sogar eine Facebook-Seite “Rettet die FTD” ins Leben gerufen - allerdings mit noch sehr verhaltener Resonanz. Auf der offiziellen FTD-Facebook-Seite wird dafür umso eifriger kondoliert - obwohl das Ableben der Zeitung noch gar nicht offiziell ist: “Schade, vermisse Euch jetzt schon. Damit geht ein gutes Stück Qualitätsjournalismus verloren. Nach all den Jahren wird sich der Morgen ohne FTD leer anfühlen”, schreibt ein Nutzer. Ein anderer schreibt: “Traurige Sache und ein absolutes Armutszeugnis für das deutsche Bildungssystem, wenn eine Zeitung wie die FTD vor der Bunten oder der Bild oder der Abendzeitung oder der tz eingestellt wird.”
Gerade dieser Beitrag zeigt, dass hier viele Emotionen im Spiel sind, aber wenig Markt-Verständnis, wenn man die FTD mit Bild oder Bunte vergleicht. Die FTD war als Marke immer ein bisschen “cooler” als das als verstaubt geltende Handelsblatt. Die Verbindung zur britischen Institution Financial Times, das lachsrosa Papier, ein oft liberalere Haltung als im Handelsblatt, die Rolle als ewiger Überlebenskämpfer - all dies macht die FTD sympathisch. Aber noch lange nicht erfolgreich.
Bei Facebook erntete die FTD mit über 34.000 Fans mehr Zuspruch als das Handelsblatt (rund 30.000 Fans). In der wirklichen Welt waren und sind die Kräfteverhältnisse umgekehrt. Hier fanden sich im vergangenen dritten Quartal nur 3.102 Menschen, die tatsächlich bereit waren, eine FTD am Kiosk zu kaufen. Das Handelsblatt fand mit knapp über 6.000 Exemplaren fast doppelt so viele Kiosk-Käufer. Auch bei den Abozahlen ist das Handelsblatt in etwa doppelt so stark wie die FTD (rund 80.000 Abos für das Handelsblatt im Vergleich zu rund 41.000 Abos für die FTD).
Einige der FTD-Fans schmieden bei Facebook nun rührende Rettungspläne. Die Rede ist davon, dass man die FTD gerne abonnieren würde, auch als PDF oder als Digital-Version mit einer gedruckten Wochenausgabe. Solche Solidaritätsbezeugungen sind im Web schnell gemacht und in jeder Hinsicht umsonst. Der Weg zum Kiosk oder zum Ausfüllen des Abo-Auftrags, der ist dann nämlich meistens doch zu weit.
Letzte Kommentare
23.11.12 08:35
Till Förstemann
Ich stimme Herrn Lindgens voll zu.
Was die Auflage des Handelsblatts angeht, habe ich dagegen ernste Zweifel. In den Zahlen sind doch sicherlich die zigtausend e-Fellows Stipendiaten enthalten, deren kostenlose Abos erfahrungsgemäß auch nach dem Ende des Studiums weiterlaufen!?
Mir scheint es, als hätte das Handelsblatt mit verschenkten Abos somit nur seine Auflage geschickter frisiert als die FTD mit ihren Bordexemplaren.
21.11.12 17:11
Hans-Werner Lindgens
"Aber die Diskrepanz zwischen der Web-Anteilnahme und den harten Kios-Verkäufen ... belegt, wie wirkungslos die gratis-Klicks der Netz-Nutzer in der Realität sind".
Ach, kann man da sagen, ach, und für diese Erkenntnis braucht man erst mehr als 10 Jahre und Titel, die vom Markt verschwinden?
Und mal genauer hingucken, welche schleichende Schwindsucht auch so manchen vermeintlich großen Titel - z.B. in Hamburg - erfasst hat, der seinen Content in beachtlichem Umfang gerade den jungen Lesern nach wie vor per 'gratis-Klicks' anbietet.
Und dann sind dann die 'Internet-Päbste' da, die prahlen, wie profitabel man 'online' doch angeblich sei, aber gleichzeitig Marke (und auch Gattung) schwer beschädigen. Könnte es vielleicht sein, daß der weg 'online-gratis' nur über 'Print' zu ermöglichen, wie es die New York Times es der gesamten Branche gerade vormacht, der einzig richtige ist? Ich denke schon.
Die NYT vermittelt ihren Lesern erfolgreich "es kann nicht jeden Tag Weihnachten" sein. Möglicherweise lernen wir hierzulande erst und nur dann, wenn nicht die Rute mit dem Nikolaus, sondern das blutige Messer des Insovenzverwalters kommt.
21.11.12 17:03
LeMonsieur D
Lieber Hermann Lopes,
genau Ihre arrogante und überheblich Art ist es, die der FTD das Leben gekostet hat. Sie sind nicht zufällig Verleger? Das würde einiges erklären. Denn nicht die ach so geizigen Gratis-Leser und Facebook-Fans sind schuld an der Misere, sondern Sturköpfe wie Sie in den Redaktionen dieser Welt.
Die noch nicht verstanden haben, dass Qualitätsjournalismus sehr wohl zahlende Leser anlockt. Aber eben nur dieser. Leute wie Sie haben es in Ihrer widerlichen Art bislang perfekt geschafft, die Leser und ihre Wünsche zu ignorieren. Bravo, weiter so. Dann geht bald die nächste Zeitung den Bach runter. Und ich bin ganz ehrlich: wenn es eine ist, für die Sie schreiben, bin ich darüber nicht traurig.
MfG,
Le Monsieur D.
21.11.12 16:23
Hermann Lopes
Das oberflächliche getwittere und geface ist der Tod von Print. Das Bejubeln des "tollen Jobs" auf Fuckebook kann man nicht mehr lesen - na und. Diese sogenannten FTD-Fans kaufen und lesen doch keine Zeitung mehr, die wollen sich nur für lau oberflächlich und husch husch informieren, möglichst mit vielen Halbwahrheiten und Gerüchten. Qualitätsjournalismus ade. So siehts aus!
21.11.12 12:26
Social Punk Web-Site
Stefan Winterbauer trifft mit diesem Artikel den Nagel auf den Kopf. Kleiner Nebenaspekt: Die FTD hat auf Facebook einen sensationellen Job gemacht. Wie viele der Fans tatsächlich auch Käufer der Zeitung (ob digital oder print) sind, lässt sich von außen nicht feststellen. Würde man aber die harte Auflage ins Verhältnis zur Zahl der Fans setzen, würde die FTD ihren Wettbewerber Handelsblatt deutlich schlagen. So entspricht die Fanzahl der FTD-Seite 77 Prozent der Auflage. Beim Handelsblatt sind es lediglich 35 Prozent. Klarer Sieg für die FTD, und ebenso nutzlos. Wir hatten vor einiger Zeit weitere Fakten zu den beiden Blättern zusammengetragen. Zu finden sind sie unter http://tinyurl.com/d9hjnog