Der Freischreiber-Verband kritisiert den Deutschen Journalisten Verband. Der große DJV habe sich einen Erfolg an die Brust geheftet, den er nicht allein errungen habe. Die Verbesserung der Honorarbedingungen für freie Journalisten bei Spiegel Online, die der DJV in der vergangenen Woche verkündete, ginge auch und vor allem auf eine Initiative von Freischreiber und 40 SpOn-Mitarbeitern zurück. Der DJV schade der "Sache der Freien", wenn er Verbandsinteressen voranstelle.
DJV und die Gewerkschaft Verdi verkündeten am 25. Mai, gemeinsam habe man neue Honorarbedingungen für freie Journalisten erreicht, die für Spiegel Online schreiben. Gegen die bisherigen AGBs (Allgemeine Geschäftsbedingungen) seien die Journalisten-Vereinigungen vorgegangen. Zu den neuen Regelungen gehört, dass die Honorierung bei 100 Euro beginnt. Mehrfachverwertungen sind nur in Absprache möglich, Exklusivität kann SpOn nur noch für maximal fünf Tage beanspruchen. "Faire Konditionen erreicht", lautete die Überschrift der Mitteilung.
Die Überschrift einer Mitteilung des Freischreiber-Verbands, einer 2008 gegründeten Interessensvertretung für freie Journalisten, lautete am folgenden Montag: "Die tollen Erfolge des DJV". Die neuen AGBs von SpOn hätte es ohne die Initiative von 40 freien Journalisten und Freischreiber nicht gegeben. Bereits im August vergangenen Jahres hätten die Autoren, die bei Freischreiber organisiert sind, einen Brief an SpOn-Chefredakteur Mathias Müller von Blumencron geschickt. Einige der Nutzungsrechte seien "nicht mehr zeitgemäß", hieß es u.a. in diesem Schreiben. Und: "Wir lassen uns ungern knebeln und würden uns ein professionelles Arbeitsverhältnis auf Augenhöhe wünschen."
Bei einer Preisverleihung der Freischreiber an besonders Freien-freundliche und –feindliche Medien sei SpOn aus diesen Gründen für den "Hölle-Preis" nominiert gewesen. Chefredakteur Blumencron habe bei dieser Veranstaltung im vergangenen November öffentlich Stellung zu den Arbeitskonditionen genommen. Die Verhandlungen mit der SpOn-Firma SpiegelNet nahmen dann aber die Gewerkschaften DJV und Verdi auf. Ohne Beteiligung der Freischreiber, die das so kommentieren: "Wir sind derart unkollegiales Verhalten schon gewohnt."
Immerhin habe man im April auf Bitten von Blumencron einen Blick auf die ausgehandelten AGBs werfen können. Und noch zwei Veränderungen erreicht: So sei die Beteiligung der Urheber an Erlösen durch den Verkauf von Artikeln an Dritte von 30 auf 40 Prozent erhöht worden. Und die Extrahonorierung für Fotos, die Freie als Beigabe zu ihren Artikeln schicken, habe ebenfalls auf Bitte der Freischreiber Einzug in das Vertragswerk gefunden.
Diese Vorgeschichte sei in der Mitteilung des DJV nicht erwähnt worden, und das sei bedauerlich, findet Freischreiber-Vorstand Benno Stieber: "Eine Politik, in der es ganz offenbar mehr um Verbandsinteressen geht als um Inhalte, schadet der Sache der Freien." Vor allem sei bedauerlich, dass die Initiative der freien Journalisten nicht gewürdigt werde: "Es geht im Kern der Sache ja nicht um zwei Verbände, sondern darum, dass sich 40 Journalisten dafür eingesetzt haben, dass sich die Autorenverträge bei Spiegel Online ändern."
DJV-Pressesprecher Hendrik Zörner hat die Historie etwas anders in Erinnerung. Mit fremden Federn schmücke sich der DJV keineswegs. Auf Nachfrage von MEEDIA sagt Zörner: "Unabhängig von den angeblich 40 Freischreiber-Autoren hatten sich mehrere DJV-Mitglieder wegen der Honorarbedingungen von Spiegel Online an uns gewandt. Als wir bereits der Geschäftsführung deutlich gemacht hatten, dass wir diese AGB's nicht akzeptieren könnten und notfalls juristische Schritte einleiten würden, wurde die Freischreiber-Aktion bekannt." Der DJV habe bereits "zahlreiche Verlage wegen ihrer Honorarbedingungen für Freie verklagt" und sei "bisher sehr erfolgreich in diesen Auseinandersetzungen". Was von den Freischreibern nicht behauptet werden könne: "Uns ist kein einziger Fall bekannt, in dem die Freischreiber mehr unternommen haben als einen Brief zu schreiben oder ein Gespräch zu führen. So etwa mit Giovanni di Lorenzo von der Zeit, deren AGB sich dadurch trotzdem nicht änderten, so dass wir die juristische Auseinandersetzung mit dem Zeit-Verlag aufnehmen mussten."
Stieber findet dagegen, dass den "Funktionären" von DJV und Verdi der "Zugang zur Arbeitswelt von Freien" fehle. So sei der Verweis auf das Mindesthonorar von 100 Euro beispielsweise "die große Schwachstelle der Vereinbarung": "Aus unserer Sicht ist das eine überholte Denke, geschult an Tarifverträgen. Wirklich wichtig sind ganz andere Konditionen, die mehr mit der Wirklichkeit freier Journalisten von heute zu tun hat." Im Übrigen sehe man sich gar nicht als Konkurrenz zu den etablierten Verbänden.
Gegründet wurde der Freischreiber-Verband, weil freie Journalisten sich von den Gewerkschaften, die auch und vor allem für die Arbeitsbedingungen festangestellter Redakteure kämpfen, nicht mehr ausreichend und umfassend repräsentiert fühlten. Im besten Fall kann ein solch junger Verband, der noch nicht über die Verhandlungsmacht von DJV und Verdi verfügt, neue Akzente setzen. Und ein großer Verband wie der DJV sollte in der Lage sein, das ehrenamtliche Engagement freier Journalisten, das in der Auseinandersetzung mit ihren Arbeitgebern auch nicht risikolos ist, zumindest mit einer Zeile anzuerkennen.
Der Journalist, die Mitgliederzeitschrift des DJV, hat die neuen AGBs von Spiegel Online dokumentiert.
Letzte Kommentare
30.05.12 23:03
Christian Meier
Hallo Herr Hirschler, danke für den Hinweis. Aber die Kollegen Freischreiber haben in diesem Fall doch offensichtlich etwas mehr getan als nur Briefe zu schreiben - beispielsweise nachverhandelt. So zumindest sagt Herr Stieber. Stimmt denn das nicht? Zweite Bemerkung - offensichtlich leiden beide Verbände arg darunter, dass ihnen so wenig gedankt wird. Erscheint mir in beiden Fällen etwas selbstbezogen. Dritte Bemerkung bzw. eine Frage - was meinen Sie denn mit "mehr oder weniger befreundeten Medien"?
30.05.12 21:01
Michael Hirschler Web-Site
Das mit dem Briefeschreiben kann ich leider nur bestätigen. Ohne dass ich das jetzt offenlegen werde, wer der Absender aus den Reihen dieser tapferen Briefeschreiber-Vereinigung war, nur ein Beispiel. Da wurde kürzlich in anderem Zusammenhang an einen Verlag im süddeutschen Raum viel Wind gemacht, Leute mobilisiert und "ein Brief geschrieben". DA passiert erwartungsgemäß leider nichts, so sind halt deutsche Verlage. Anschließend wenden die freien Briefeschreiber an das Referat Freie Journalisten des Deutschen Journalisten-Verbandes (DJV), den man natürlich zugleich permanent allerliebst kritisiert, um Hilfe, wir sollten jetzt was organisieren bzw mit der Frage, zu was würden wir denn jetzt raten. Hallo? Zu was sollten wir raten? Wie wäre denn diese Antwort: Gründet mal eine große Journalistenorganisation, ZUSAMMEN mit Redakteuren, knüpft Kontakte und versucht in mühsamen Gesprächen Verlage wie den SPIEGEL dazu zu bringen, eine Vereinbarung zu treffen. Das hat mein Kollege Benno H. Pöppelmann gemacht. Nicht die Vereinigung der Briefeschreiber, sondern eben jemand vom DJV, zusammen mit jemand von ver.di bzw. dju in ver.di. Leute, die für Journalisten arbeiten, miteinander kollegial umgehen, trotz unterschiedlicher "Verbände". Die Vereinigung der Briefeschreiber arbeitet dagegen unkollegial und seit jeher nach der Methode, Preise zu verleihen für Gut und Schlecht, Briefe zu schreiben und diejenigen, die wirklich verhandeln, auch noch zu denunzieren. Das ist peinlich. Souverän wäre es gewesen, dem Kollegen einfach mal ein "Dankeschön" für die Verhandlungsarbeit zu sagen. Stattdessen spielen sich die Briefeschreiber auf und reden irgendetwas von "Verbandsinteressen", weil man ihren umwerfenden Brief zu erwähnen vergessen hat. Und finden da auch noch Resonanz in mehr oder weniger befreundeten Medien. Chapeau. Und nicht vergessen: Weiter fleißig Briefe schreiben, und im Übrigen den Justiziar vom DJV Pöppelmann weiter fleißig verhandeln zu lassen, um ihn anschließend noch eines auf die Rübe zu geben. Ogottogottogott...
30.05.12 15:27
Ulrich Schulze
Der Vorsitzende des djv ist Herr Konken. Er kann zwar nicht schreiben, aber schön reden kann er schon. Sich über ihn zu ärgern, ist verlorene Zeit.