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Das Frankfurter iPad-Modell ist ein großer Wurf

FR setzt Maßstab für Medien-Apps

Mit ihrer neuen iPad App setzt die Frankfurter Rundschau Maßstäbe im Segment der Medien-Apps. Die digitale Ausgabe der FR nutzt wie bislang keine andere deutsche Tageszeitung die vielfältigen Möglichkeiten von Apples Tablet-Computer. Die aufwändig gestaltete App wird von Anfang an nur gegen Bezahlung angeboten. Im DuMont-Konzern mit Kölner Stadt-Anzeiger, Express, Berliner Zeitung und Hamburger Morgenpost übernehmen die Frankfurter damit die Vorreiterrolle in Sachen digitales Publizieren.

Sieben Leute umfasst die iPad-Arbeitsgruppe bei der Frankfurter Rundschau, die von Michael Bayer geleitet wird. Das neue Redaktionsgebäude der FR in einem ehemaligen Bahnhof mitten zwischen den Apfelwein-Kneipen im Frankfurter Amüsierviertel Sachsenhausen bietet einen guten Kontrast zum modernen Newsroom und der ambitionierten iPad-App.



"Das Projekt hat auch eine tolle Wirkung nach innen", sagt Projektleiter Bayer. War mancher Print-Redakteur in Sachen Online früher vielleicht noch ein bisschen zurückhaltend, so habe es solche Widerstände bei der Entwicklung der App nicht gegeben. Das iPad-Team ist in die normalen Redaktionsbesprechungen der Zeitung eingebunden. So werden schon früh am Tag die Themen herausgepickt, die sich für eine multimediale Aufbereitung eignen. Dann geht es auch schon an die Arbeit, interaktive Grafiken werden erstellt, Layouts gebaut, eventuell wird ein Team für ein regionales Video losgeschickt.

Was dabei herauskommt, kann sich mehr als sehen lassen. Mit einer klassischen Tageszeitung hat das, was das iPad-Team der Rundschau gemeinsam mit der Redaktion und der Technik-Tochter des Verlags, DuMontNet, zusammengebastelt hat, nichts mehr zu tun. Digitales Tages-Magazin wäre ein treffender Ausdruck. Die opulente Optik der App wird von derzeit vier Layoutern von Hand gebaut. Das sieht man dem Produkt auch an.

Ein großes Foto, das teilweise die gesamte Startseite der App einnimmt, viele Bilder im Innenteil und eine Rubrik Bilder des Tages, die neun besonders ausdrucksstarke Fotos in Form einer Galerie präsentiert, sind Kern-Bestandteile der App. "Selbst schlechte Bilder sehen auf dem Ding gut aus", sagt einer aus dem Team scherzhaft. Die Redaktion der traditionellen Rundschau ist vom iPad-Virus befallen. Dazu hat die Redaktion eine Art Tuorial erstellt, das Nutzer Schritt für Schritt mit den Besonderheiten der Digital-Ausgabe vertraut macht. An einigen Stellen der App werden auch Verbindungen zum Online-Amgebot der FR gemacht, zum Beispiel zu Blogs oder zu Kommentar-Diskussionen.

Der Anspruch ist, spätestens zeitgleich mit der gedruckten Zeitung im App-Store zu sein. Ursprünglich sollte die digitale Ausgabe schon am Vorabend erscheinen. Bei besonderen Ereignissen, wie beispielsweise Fußballspielen hätte dies aber zu Problemen mit der Aktualisierung geführt. Während der Anfangsphase zur Seite steht dem Tablet-Team der FR übrigens auch ein erfahrener Boulevard-Mann: Uwe Dulias, ehemaliges Mitglied der Bild-Chefredaktion, der jetzt als Berater unterwegs ist.



Die Frankfurter nutzen für ihre App alle Spielarten, die das iPad bietet. Hält man das Gerät quer, schaltet die App in einen Multimedia-Modus und bindet zusätzliche Elemente wie Bilder-Galerien oder interaktive Grafiken direkt in eine Story ein. Hält man das iPad hochkant wird die Geschichte in einem Modus präsentiert, der ablenkungsfreies Lesen ermöglicht. Die Zusatzelemente befinden sich dann unten, am Ende des Textes.

Neben Fotos und interaktiven Grafiken, gibt es vor allem auch Videos und Audio-Slideshows. Diese Mischung auf Fotografie, Musik, gesprochenem Text und Bewegtbild gilt manchen als Königsdisziplin des Online-Journalismus. Projekte wie "One in Eight Million" der New York Times wurden von Kritikern hoch gelobt - durchgesetzt hat sich dieses Format im Web aber bislang nicht. Fürs iPad sei diese neue Erzählform aber wie geschaffen, meint Projektleiter Bayer. Die Frankfurter sind sich sicher, dass ihre Slideshows beim Publikum ankommen. Die ersten wurden schon von FR-Fotografen produziert, die dafür von ihren Terminen außer Fotos auch Video- und Tondokumente mitbrachten. "FR Fotoreporter" heißt dann auch die Rubrik. In der ersten regulären Ausgabe findet sich dort eine Audio-Slideshow zu einem Besuch der umstrittenen CDU-Politikerin Erika Steinbach bei der CDU-Basis. Das ist vorbildlicher Digital-Journalismus.

Bei der Navigation und der Präsentation der FR-App denkt man unweigerlich an die iPad-Ausgabe des US-Magazins Wired, das zu den Pionieren auf Apples Wunder-Flunder zählte. Das kommt nicht von ungefähr. Erstens haben sich die Macher aus Frankfurt zahlreiche internationale Medien-Apps vorher angeschaut, zweitens benutzen sie mit Woodwing das gleiche iPad-Redaktionssystem wie Wired.

Auch die Handhabung des Kaufs ähnelt dem der Amerikaner. In einer Kiosk-Umgebung gibt es zwei "Schnupper-Ausgaben", man kann einzelne digitale FR-Ausgaben kaufen und auch noch ältere Ausgaben lesen. Später soll die Möglichkeit zu einem iPad-Abo hinzukommen, sobald Apple das anbietet. Die FR will sogar Digital-Abos zusammen mit iPad-Geräten verkaufen. Wie genau diese Modelle aussehen werden, ist aber noch nicht klar.

Eine iPad-Ausgabe der FR kostet derzeit 79 Cent. Ein sehr gutes Preis-Leistungsverhältnis angesichts des Umfangs und der reichhaltigen Features der App. Geld verdienen wird der Verlag mit dem neuen digitalen Spielzeug aber vorerst kaum. Dafür sind zu wenige iPads im Umlauf. Wirtschaftlich interessant, werden Digital-Ausgaben erst, wenn sehr viele iPads verkauft sind und solche Apps gleichzeitig auf mehreren Plattformen angeboten werden, zum Beispiel auch in Googles Android Market. Aus dem DuMont-Umfeld heißt es, nach internen Berechnungen brauche man rund 2.000 verkaufte FR-Apps, damit das Projekt profitabel wird.

Neben dem Vertriebserlös von 79 Cent pro Ausgabe sind auch Anzeigen ein Weg der Finanzierung. Die FR-App enthält bereits eine bezahlte iPad-Anzeige. Das arabische Königreich Jordanien hat sich vom Reiseveranstalter Berge & Meer und dessen Agentur i42 ein ganzes multimediales Advertorial für die FR-App erstellen lassen. Die Nachfrage von Premium-Kunden nach solchen neuen digitalen Werbeformaten sei sehr groß, heißt es bei der FR.

Die Gretchenfrage bei dem ganzen Projekt ist aber: Schafft es die Redaktion der FR auf Dauer, täglich eine derart umfangreiche digitale Ausgabe zu erstellen? Optimierte Arbeitsabläufe und Synergien sollen es möglich machen, die Herkulesaufgabe einer täglichen iPad-Ausgabe zu stemmen. Man wird sehen.

Es ist schon erstaunlich, dass sich ausgerechnet die vergleichsweise kleine, von Sparzwänge gebeutelte Frankfurter Rundschau mit einer derart aufwändigen iPad-App an die Spitze des digitalen Publizierens in Deutschland setzt. Aber es ist auch Zeichen, das der Branche Mut machen sollte.

Stefan Winterbauer

23.09.2010
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  • 02.09.2010 Bitte zahlen: die iPad-Offensive der FR
  • 27.07.2010 FR präsentiert sich neu im Web

Letzte Kommentare

Anzeige: 1 - 2 von 2

23.09.10 12:54

Leo Trotzky

Unglaubliches Gesülze - und Meedia.de macht da auch noch mit. Mir scheint, der Autor hat den Pressetext gelesen, die Bilder gesehen aber selber weder iPad noch Erfahrung damit.

Ich helfe gerne aus: Die FR App ist eine Woodwing-App unter Duzenden - so sieht sie aus (ja, Herr Winterbauer, alle Woodwing Apps haben die exakt selbe Handhabung: "Auch die Handhabung des Kaufs ähnelt dem der Amerikaner"), so fühlt sie sich an und so lange lädt sie auch. Ich empfinde das bei einem Wochenmagazin schon als Zumutung, aber bei einer täglichen Ausgabe jeden Tag 10 Minuten früher aufstehen, um den Download zu starten? Brauchbar ist so was nicht.

Drum bitte, selbst wenn Sie so gerne über iPad-Apps schreiben, weils die Klientel gerne hört ("Der neue Massstab der Medien-Apps"), schauen Sie sich das Zeugs doch wenigstens vorher richtig an. Damit wäre uns allen weitaus mehr gedient.

23.09.10 10:40

Steve Jobs

Herzlichen Glückwunsch, FR! So surft man auf der Hypewelle direkt in den Ruin. Wie sich eine App, die von sieben Mitarbeitern erstellt wird bei einem Preis von 79 Cent und ein paar Anzeigen jemals refinanzieren soll wird wohl das Geheimnis der Rechenkünstler von DuMont bleiben. Aber bei einem Jahresverlust von 24,5 Mio. Euro hat man ja noch Spielraum...

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