Das Dschungelcamp und die Intellektuellen - das ist eine Hassliebe. Einerseits würden geistige Hochflieger die Ekelshow bei RTL gerne ignorieren. Aber irgendwie geht das dann doch nicht. Und so suchen gestandene Feuilleton-Fans Rechtfertigungen, um doch darüber zu schreiben und zu lesen. Die Kommentatoren schimpfen wie die Rohrspatze und bringen die schlimmen, schlimmen Artikel in den Klicklisten der Schlaumeier-Medien ganz weit nach oben.
Wenn ein Top-Qualitätsmedium wie Die Zeit online über das RTL-Dschungelcamp schreibt, dann kann man sich in der Redaktion schon vorher denken, dass dies bei dem akademisch vorbelasteten Publikum Irritationen auslöst. Also lieber schnell noch eine Shakespeare-Anspielung in die Überschrift der Glosse gepackt und den Artikel “Der Widerspenstigen Zähmung im Wald” genannt.
Nach einigen, wenigen verschwurbelten Zeilen (Zitat: “Liegt die Künstlichkeit zitternd in ihrem Erbrochenen, kann sich das Publikum edelmütig erheben und in seiner neuen Rolle aufgehen: Wie herrlich, so ein Dschungelabend!, denkt sich das bürgerliche Exponat in seinem Fauteuil vor der Bücherwand.”) ist dann aber auch schon wieder Schluss. Dafür toben sich unter dem Artikel die Kommentatoren so richtig aus.
Es gibt da, grob eingeteilt, drei Fraktionen. Die einen bekennen sich zum Dschungelshow-Konsum und finden die Sendung durchaus lustig und lehrreich. Andere wenden sich ekelerregt ab, beschimpfen “Bild, RTL & Co für diese Idiotie”, fordern die Zeit auf, man möge sie mit Berichten über diese Sendung verschonen, die “Schreiberlinge” werden bezichtigt, nur scharf auf die Klicks zu sein, man erwartet von der Zeit “schon eine intellektuelle Dimension”, das “arme Deutschland” wird beschworen und das Feuilleton “geriert sich als Hofnarr”.
Ähnliche Aufregung herrscht in den Kommentarspalten eines Tagesspiegel-Artikels zum Thema Dschungelcamp (“Dschungelcamp: Die Trash-Kompetenten”), der von Zeit Online übernommen wurde. Schönstes Zitat aus den Tagesspiegel-Kommentaren: “Wer so tief in der Scheinrealität steckt wie der Autor, möchte natürlich eine Rechtfertigung dafür haben, dass er sich mit diesem Müll beschäftigt. Das ist Selbstbetrug. Wer sowas herstellt, anschaut oder in der Zeitung rezensiert, gehört zum Gewerbe der Verdummungsindustrie, und da gibt es nichts zu beschönigen.”
Über die die dritte Fraktion der randalierenden Feuilleton-Trolle im Dschungelfiber lässt sich wenig sagen, da die Zeit-Online-Redaktion deren Kommentare gnädig gelöscht hat. Da hatte manch ein Bildungsbürger offenbar zuviel Schaum vor dem Mund. Das liest sich in den Anmerkungen der Redaktion recht aufschlussreich. Da werden die Elite-Leser aufgefordert, doch bitte auf “pauschale Herabwürdigungen” und “polemische Äußerungen” zu verzichten und: “Bitte achten Sie auf Ihre Wortwahl.” Es beschleicht einen der schlimme Verdacht, dass so mancher Hardcore-Feuilletonleser im Dschungel womöglich gar nicht weiter auffallen würde. Wir beschließen diese brisante Betrachtung hochkulturell mit einem immer aktuellen Zitat von F.W. Bernstein: „Die schärfsten Kritiker der Elche - waren früher selber welche.“ In diesem Sinne weiter viel Spaß bei der Dschungelshow.
Letzte Kommentare
25.01.12 14:02
Thomas Bartel Web-Site
Das Dschungelcamp: Ein grandioses Lehrstück in Sachen PR
Erwartungen, Überraschungen, Enttäuschungen: Das Spiel mit Emotionen
Eine routinierte öffentliche Darstellung gehört für die Teilnehmer des Dschungelcamps eigentlich zum Standard-Repertoire. Jedenfalls unter geordneten Bedingungen. Was die Show jedoch sowohl für Zuschauer als auch PR-Profis so faszinierend macht, ist das veränderte Verhalten unter Anspannung: Welche unerwarteten Stärken und Schwächen treten hinter der ungeschminkten Fassade der Protagonisten zu Tage? Und was will das Publikum eigentlich bestätigt sehen?
Erwartungen wecken und perfekte Bilder entwerfen: Das ist PR-Business in Reinkultur. Für Stars und Sternchen ebenso wie für Unternehmer oder Politiker. Sobald sich jedoch Anspruch und Wirklichkeit eklatant unterscheiden, entstehen – vorsichtig ausgedrückt – „Irritationen“. Ob und wie diese aufgelöst werden, kann über das künftige Ansehen der Person, aber auch das eines Unternehmens oder einer Marke, ganz entscheidend sein. Sowohl positiv als auch negativ.
Einige wachsen in Konfliktsituationen über sich hinaus oder sind so ehrlich, eigene Schwächen einzugestehen oder Hilfe in Anspruch zu nehmen. Andere offenbaren Rücksichtslosigkeit und agieren intrigant, arrogant, egoistisch oder aggressiv. Jede dieser Handlungsweise kann eine genaue Bestätigung dessen sein, was durch ein vorgeprägtes öffentliches Bild erwartet wird. Oder aber die Akteure sorgen mit ihrer Reaktion für eine angenehme bzw. höchst unangenehme Überraschung, die sich umso stärker und auf Dauer in den Köpfen des Publikums „einbrennt“.
Begeisterung oder Enttäuschung: Beides liegt nicht nur im Dschungel dicht beieinander, sondern auch im Lebensalltag. Öffentlich dargeboten hat es allerdings deutlich mehr Gewicht. Das bedeutet: Je anspruchsvoller sich Personen, Unternehmen, Interessengruppierungen oder Marken in ihrem Selbstverständnis und Handeln definieren, desto härter und strenger wird genau danach geurteilt. Selbst markentreue Fans sowie Follower in sozialen Netzwerken kennen dabei kein Pardon, auch sie wollen ständig neue Bestätigung. Darauf müssen Akteure und ihre Berater mehr denn je vorbereitet sein. Doch sie sollten deshalb nicht weniger mutig und anspruchsvoll sein.
Der Autor dieses Artikels, Thomas Bartel, ist PR-Berater und Geschäftsführer der ICF Public Relations-Consulting in Hamburg (www.icf-pr.de)
19.01.12 18:53
Rainer Korn Web-Site
Ich habe mir den Auftakt des DC angeschaut - eigentlich nur, weil meedia.de so herrlich bereits im Vorfeld darüber berichtet hatte. Und ich wurde nicht enttäuscht und hatte viel Spaß mit meinem 13-jährigen Sohn beim Zuschauen. Jeden Tag könnte ich mir das nicht antun, aber heute - nur aus Trotz wg. der Zeit-Leser - werde ich es wieder tun. Ich finde es klasse, wie sich das Bildungsbürgertum darüber aufregt (wobei ich mich eigentlich auch dazu zähle?!). Also nochmal: wie sich ein Teil des BBT darüber empört. Ohne das wäre ja das alles nur halb so lustig. Um mit einem leicht abgewandelten Zitat Bernsteins zu enden: "Die schärfsten Kritiker der Elche - werden später selber welche..."
19.01.12 16:21
Stefan Winterbauer
@Frank Kemper Warum so wütend, lieber Herr Kemper? Auf dieser Website: http://nl.meedia.de/ceemes/page/show/newsletter_anpassen können Sie Meedia Newsletter nach Herzenslust bestellen und abbestellen. Ist sogar kostenfrei!
Beste Grüße
SW
19.01.12 16:20
Frank Kemper Web-Site
(Kommentar gelöscht) Bitte verzichten Sie auf herabwürdigende Pauschalkritik. swi
19.01.12 16:17
Frank Kemper Web-Site
Ehrlich, ich finde "Dschungelcamp" so spannend wie Farbe beim Trocknen zuzugucken. Es ist halt eine der 90% aller TV-Sendungen, die mich nicht interessieren.
Diskussionwsürdig finde ich indes, wie Meedia - nach Eigenwahrnehmung ja ein Medienportal, in dem über Medien berichtet wird - sich nicht entblödet, mir jeden Tag einen Sondernewsletter über die neusten Vorkommnisse in dieser dieser völlig uninteressanten Sendung zu schicken.
WTF?
Wenn mich das "Dschungelcamp" interessieren sollte (es muss ja Leute geben, die das interessant finden), dann hätte ich mir dem Schmarrn doch sicherlich selbst angesehen. Dank Mediathek, Youtube und Festplattenrecorder kann man das sogar dann tun, wenn man zum Ausstrahlungstermin (und einem der drei Wiederholungstermine) keine Zeit hat.
Welche armselige inhaltliche Leere muss die Meedia-Macher plagen, wenn ihnen nichts besseres mit ihrem Tool "Sondernewsletter" einfällt, als darin solchen Quatsch zu verbreiten?
Ich erwarte von Meedia in Zukunft eine deutlich besser fokussierte Berichterstattung. Im Moment ist es so, dass ich, wenn ich montags ins Büro komme, rund 20 Meedia-Mails in mainer Mailbox vorfinde. Sagt mal, Freunde, geht's noch?
Muss ich euch kündigen, filtern oder was?