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Wie das Netzwerk Kommunikation und Beziehungen verändert

Facebook: das große Grundrauschen

Facebook hat weltweit über 600 Mio. Mitglieder. Mittlerweile wird es immer schwieriger, der wachsenden Zahl an Meldungen und Verknüpfungen Herr zu werden. Der Wettbewerb um “Freunde” führt zunehmend zu einer Inflation und Entwertung von Kommunikation. Medien verwenden Facebook als neue Maßeinheit für Popularität. Das Hintergrundrauschen bei Facebook wird so immer lauter - und übertönt womöglich bald die echten Botschaften.

Im Social Web muss man Nachrichten nicht mehr suchen - die Nachrichten finden uns! So lautet eines der Heilsversprechen, das Propheten des Social Web gerne predigen. Die Theorie: Der moderne, vernetzte Citizen 2.0 braucht keine Filter in Form klassischer Medien, er hat das Social Web. “Freunde” übernehmen die Aufgabe von saturierten und voreingenommenen Journalisten. Was die Facebook-Buddies “liken”, ist potenziell auch für mich interessant. So die Theorie.

Aber: Ist das wirklich so? Was bedeutet die Flut an “Freunden”, “Seiten” und “Gruppen” mit denen wir uns mit der Zeit fast wie von selbst vernetzen für unsere ganz persönliche Kommunikations-Hygiene? Im Zweifel nichts Gutes.

Seiten, Gruppen und Marken wollen bei Facebook auch unsere “Freunde” sein. Genauso wie Kollegen, Vorgesetzte und Menschen, von denen man noch nie zuvor gehört hat (vielleicht brauchen sie nur ein bisschen Unterstützung für eine Mission bei Mafia Wars). Das kann harmlos damit beginnen, dass man eine Marke, die man gut findet, “liked” - ist ja nichts dabei. Jetzt behandelt Facebook diese Marke, Coca-Cola oder Adidas wie einen “Freund”. “Neuigkeiten” der Marke tauchen in der Timeline bei Facebook auf, die Marke verschickt Einladungen zu Events und postet Kommentare. Die Marke hat im Zweifel auch Zugriff auf meine eigenen Profilinformationen.

Jetzt noch ein paar Medien hinzugefügt, die ihre Facebook-Präsenz am besten mit ihrem RSS-Feed verknüpft haben - schon wird es unangenehm voll, in der privaten Timeline. Die Verwirrung steigt, wenn Personen beginnen, sich wie Marken aufzuführen. Aktuelle Beispiele aus der Medienwelt sind Claus Strunz, der umtriebige Chefredakteur des Hamburger Abendblatts, und Wolfram Weimer, der umtriebige Chefredakteur des Focus. Beide können ein wenig “Buzz” (also Aufmerksamkeit) für ihre Blätter gut gebrauchen, und man kann sie bei Facebook ganz markenmäßig “liken”. In der Timeline von Facebook verschwimmen so die Unterschiede zwischen Marken und Menschen. Für eine Marke mag das im geschäftlichen Sinne erstrebenswert sein - aber für Menschen?

Man füge nun noch den einen oder anderen PR-Arbeiter hinzu, der einem im Job schon mal über den Weg gelaufen ist und der Facebook zum - schreckliches Wort - netzwerken nutzt. Will heißen: Der PR-Arbeiter versendet regelmäßig Facebook-Einladungen zu seinen Kunden-Seiten oder zu neuen “spannenden” Projekten, die einem dann in den Mailbox-Eingang oder die Timeline gespült werden. Dann heißt es verwirrenderweise “xy sent you a message”. Die vermeintliche “Message” ist aber nur Spam - verkleidet als Nachricht eines “Freundes”.

Und weil so viele Menschen Mitglied bei Facebook sind, haben die Medien Facebook als eine Art Instant-Seismographen für die Massenmeinung in “dem Internet” entdeckt. Egal ob Stuttgart 21, die Diskussion um die teilweise abgeschriebene Guttenberg-Dissertation, Kachelmann-Prozess oder RTL-Dschungelshow - bei Facebook finden sich sofort Gruppierungen die ganz entschieden dafür oder dagegen sind. Sofort geht in den Medien die “Freunde”-Zählerei los. Welche Facebook-Gruppierung hat mehr “Fans” oder “Freunde”? Die Stuttgart-21-Gegner oder die -Befürworter? Wer ist zahlreicher: Guttenberg-Fans oder Guttenberg-Hasser? Daraus wird schnell eine Schlagzeile im Stil von “Riesen-Sympathiewelle im Web für...” oder “Facebook-Hasswelle gegen...” Ganz wie es beliebt.

So ist mittlerweile sogar ein neues Geschäftsfeld entstanden, das so genannte Astroturfing. Das bedeutet das Vortäuschen von Graswurzel-Bewegungen, vorzugsweise im Internet. Mittlerweile kann man die Web-Wellen faken oder sich die Facebook-Freunde bei Interesse sogar schon im 100.000er-Pack aus den USA bestellen. Es dürfte nur noch eine Frage der Zeit sein, bis auch Diktatoren auf die Idee kommen, dass es möglicherweise effektiver ist, ein paar 100.000 Facebook-Freunde online zu ordern statt den ganzen Apparat abzuschalten.

Keine Frage: Facebook ist schrecklich effektiv, wenn es darum geht, Kontakt zu alten Bekannten zu halten und neue Kontakte zu knüpfen. Das führt aber gleichzeitig zu einer Automatisierung und Entwertung von Kommunikation. Mittlerweile gibt es als Gegen-Entwicklung Projekte wie die persönliche Community Path, die die Zahl der “Freunde” radikal begrenzt. Bei Facebook dagegen wird das Hintergrundrauschen immer lauter. So laut, dass man irgendwann vielleicht gar nicht mehr zuhört.  

Stefan Winterbauer

23.02.2011
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  • 02.03.2011 Facebook: 310.000 wollen Guttenberg zurück

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02.03.11 18:07

Thomas Norder

Netter Bericht mit netter These - aber gibt es den auch in deutsch?
Für mich ist der "vernetzte Citizen" immer noch ein vernetzter Bürger, genauso wie die "Timeline" doch eine simple Zeitleiste ist. Das zieht sich durch den ganzen Bericht... bitte geben sie sich doch mehr Mühe mit der deutschen Sprache!

Vielen Dank

27.02.11 13:25

Feliks Dzerzhinsky Web-Site

Jaa, aber die eigentliche Unstertützerkampagne stammt von uns: http://is.gd/fwVt19">Uneingeschränkte Solidarität mit Dr. zu Guttenberg!

25.02.11 18:51

ostSeh küstermann Web-Site

so chic wie es ist, zu "netzwerken", so chic ist es neuerdings, das alles flach oder tief zu kritisieren. dass facebook mit daten schindluder treibt, weiß spätestens, wer mal freunde einladen wollte, die dann empört über die fortwährend weitergehende FB-belästigung meckern..

aber: kann ich es nicht einsetzen, wie es für mich den nutzen bringt und dann wieder privat ein gespräch führen, einen brief schreiben?

ich persönlich bin von XING weggewechselt und wir haben eben dort unseren blog trauminsel rügen verkauft, da facebook einfach größeren zulauf hat und beweglicher ist. die vermeintliche seriosität bei XING wiederum schafft auch viel langeweile. und mal ehrlich. FB ist so erfolgreich, weil es uns einfach eine zeitgemäße und witzige kommunikation mit eigener auswahl bietet, die ich aus- und eischalten kann. und die art meiner "freunde", die ich ohne erklärnden satz übrigens nicht aufnehme, weil es dann nur noch namedropping wird, bestimmt auch die art mener informationen. ich jedenfalls fühle mich da bestens informiert, weil meine kollegen für meinen ganz persönlichen tabgesinput sorgen und vor allem tun sie das häufig sehr früh..

grüße
küma

25.02.11 10:33

Jana Kupfer Web-Site

Danke für den Artikel.

Ich denke, dass jeder selbst für seine Timeline verantwortlich ist. Wen füge ich als Freund auf Facebook hinzu? Beschränke ich das nur auf Kontakte, die ich aus dem wahren Leben kenne? Muss ich jeden, mit dem ich in die Schule gegangen bin auch heute als Freund akzeptieren? Macht es vielleicht Sinn, die ein oder andere Fanpage auch mal wieder zu entfanen?

Schalte ich jede App frei und teile alle meine Daten mit Firmen, über die ich nichts weiß? Oder sollte ich nur die wirklich benötigten Apps in mein Leben lassen?

Facebook verlangt zum einen etwas Selbstkontrolle und zum anderen die richtigen Profil-Settings, damit man seine Freunde noch zwischen all den Fan Seiten findet. Am besten 50% der Fanpages entfernen, die Superspammer ausblenden und Apps blockieren. Dann macht Facebook wieder Spaß.

25.02.11 10:07

Tina Kulow

Lieber Stefan Winterbauer, über die These, dass man vor lauter Rauschen nichts hört würde ich ja gern diskutieren. Was Fake-Likes und Schummel-Apps betrifft so bin ich derselben Meinung - das hat auf der Plattform nix verloren. Viele Grüße.

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