Die allmonatliche Veröffentlichung aktueller IVW-Online-Zahlen sorgt immer wieder für ein großes Feuerwerk an wortreichen Eigenlob-Arien aus den Presseabteilungen von Web- und Medienunternehmen. "Neuer Visit-Rekord", heißt es dann, "belegen auf Anhieb Platz 1", "konnten die Reichweite deutlich steigern". Die IVW Online, so scheint es, kennt nur strahlende Gewinner. Dabei ist die Aussagekraft eines solchen Rankings und der wahre Nutzen der Jagd nach den Klick-Millionen in höchstem Maße fragwürdig.
Um eines gleich vorweg zu sagen: Ja, auch MEEDIA ist in der IVW Online gelistet, und MEEDIA berichtet regelmäßig und ausführlich über die IVW Online wie auch über andere Online-Reichweitenmessungen. Insofern sitzen wir im Glashaus. Aber ab und zu ist es vielleicht ganz heilsam, auch aus dem Glashaus heraus mit Steinen zu werfen.
Schauen wir uns also die neue Nummer 1 nach Visits in der IVW-Online-Hitliste an: die VZ-Netzwerke. Die Verlagsgruppe Holtzbrinck weist ihre drei sozialen Netzwerke StudiVZ, SchülerVZ und MeinVZ ab sofort nur noch gemeinsam in der IVW aus. Aus drei mach eins und schwupps landet man ganz oben auf dem Treppchen. VZ-Chef Clemens Riedl dazu in der sogleich verschickten Jubel-Meldung: "Die gemeinsame Ausweisung der drei Plattformen ist die konsequente Weiterentwicklung zur Bündelung unserer Kräfte. Mit der Zusammenlegung der IVW-Zahlen wird dies, vor allem auch für unsere Kooperations- und Werbepartner, noch deutlicher als zuvor." Der letzte Teil der Aussage macht klar, worum es eigentlich geht. Man will potenziellen Werbekunden deutlich machen, wer der Größte ist.
Die VZ-Manager hatten offenbar die Nase voll von den mit schöner Regelmäßigkeit wiederkehrenden Meldungen, dass der weltweite Marktführer in Sachen Social Networks, Facebook, nun schon wieder in Deutschland wächst und alle hinter sich lässt. Zuletzt geschehen am 5. Mai, als die Meldung kursierte, dass Facebook laut Nielsen Media die VZ-Netzwerke bei den Unique-Visitors überholt hat. Nun ist aber Facebook halt nicht IVW-geprüft und Visits sind auch etwas ganz anderes als Unique Visitors - aber egal. Hauptsache man ist in irgendeinem Ranking die Nummer eins.
Der Zusammenhang zwischen dem tatsächlichen Erfolg bei den Nutzern und Lesern und den immer gigantischer werdenden Klick-Zahlen lässt sich ohnehin immer schwieriger bis gar nicht mehr herstellen. Wieso schießt die bisher unter "ferner liefen" rangierende Website News.de im April von 1,7 auf 10,9 Mio. Visits bei der IVW? Wirklich, weil sich nun aus heiterem Himmel ganz viele Menschen für die Nachrichten dort interessieren? Kaum zu glauben. Warum gewinnt Welt Online 15 Prozent, während die anderen großen Nachrichtenportale im Werktag-armen Oster-Monat April verlieren? Machen die bei Welt Online den besseren Job, haben die die besseren Suchmaschinen-Optimierer, haben sie eine Kooperation geschlossen, ein Gewinnspiel online gestellt oder für die Page Impressions einen IQ-Test oder ein Kreuzworträtsel veröffentlicht, bei dem jeder Buchstabe einen Klick erzeugt? Man weiß es nicht, es ist auch egal. Bei der IVW Online, so scheint es, trickst jeder so gut es geht, und wer es nicht macht, steht halt am Ende nicht oben in der Hitliste.
Ihre einzige Existenzberechtigung hat die IVW Online, weil es nichts Besseres gibt. Die Reichweiten-Studie Internet-Facts der AGOF ist zwar durch den Mix aus IVW-Online-Zahlen und Befragungen wahrscheinlich näher an der Realität, erscheint aber nur einmal im Quartal, und Markforschungsunternehmen wie Nielsen wollen ihre detaillierten Daten für die zahlenden Kundschaft aufbewahren. Das Problem mit den Online-Messungen ist auch, dass man praktisch mit jedem Programm ein anderes Ergebnis bekommt. Google-Analytics misst andere Zahlen als der E-Tracker, Web-Trek oder als die IVW usw. Was wirklich stimmt – keiner weiß es. Hauptsache, die Klicks steigen. Ob die schwindelerregenden Zahlen mit Hunderten von Millionen Visits und Klicks einen direkten Realitätsbezug haben, scheint niemanden zu interessieren.
Letzte Kommentare
15.07.10 10:57
Walter Elitess Web-Site
@ Denno:
Es ist erstaunlich wie schnell in diesem Zusammenhang immer vom "Neid der Unwissenden" über diverse SEO-Aktivitäten gesprochen wird...
Mal unabhängig davon, ob meedia.de bzw. Herr Winterbauer in der Position ist dieses Business zu kritiseren und sich vorher erst einmal in Eigenkritik üben sollte, es gibt sicher viele andere Menschen, die aus ethischen oder ähnlichen Gründen SEO-Aktivitäten und damit verbundene Ranking-Listen verachten ohne gleich als "neidisch" bezeichnet werden zu müssen.
11.05.10 22:58
Stefan Winterbauer
@ Wolfgang Hertz nanana....
@ Denno Wert "Neid" ist mir persönlich fremd. Erst recht blanker.
11.05.10 11:47
Denno Wert Web-Site
Hier spricht für mich der blanke Neid. Aus der eigenen Unwissenheit und den damit entstehenden Wettbewerbsvorteilen der Konkurrenz, einen Strick zu drehen ist ... fragwürdig.
11.05.10 10:49
Sven Bagemihl Web-Site
Hallo Herr Winterbauer,
hier mal ein direkter Kommentar aus der VZ Basis vom verantwortlichen Manager :-)
Wie sie es vollkommen richtig darstellen, lässt sich facebook nicht über die IVW messen, ist dazu kein Mitglied in der AGOF und Sie selbst berichten stetig im Zusammenhang mit dem google AdPlanner über facebook Reichweiten. Damit stellen Sie aus meiner persönlichen Sicht stetig die gesamte deutsche Medienforschung in Frage und verzerren ein Bild. Ich frage mich welche Motivation Sie haben ?
Bei ca. 30 mio deutschen in communities im Jahr 2010 ist es doch vollkommen normal, das sich zwei Altersgruppen in zwei verschiedenen Netzwerken aufhalten. Dazu wollen sich nach unserer Erfahrung die "digital natives" (14-29) kaum mit den "digtal wannabees" +29 in der virtuellen Welt oder im echten Leben begegnen :-)
Das ist also durchaus Platz für zwei auch wenn Sie und manch andere Kollegen das nicht wahrhaben wollen.
Es grüßt die vielleicht jüngste und derzeit größte deutsche Website aus Berlin
Sven Bagemihl
11.05.10 09:53
Wolfgang Hertz
Ich habe den Eindruck hier zünden welche ein Haus an und dann wirft einer der Brandstifter dem Hausbesitzer vor, dass sein Haus brennt. Kein anderer Mediendienst veröffentlicht so viele Rankings wie Meedia. Und kein anderer Mediendienst geht so unkritisch mit den Quellen um.