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Chefticket wird nach Streik zum PR-Desaster

Die Bahn rast in die Facebook-Falle

Bis elf Uhr streikten heute die DB-Mitarbeiter. In ganz Deutschland herrscht das reinste Bahn-Chaos. Empörte Kunden suchen händeringend nach einer Möglichkeit, ihrem Ärger Luft zu machen und mit dem Konzern zu reden. Schlau, dass die Bahn gerade eine neue Facebook-Seite einrichtete. Dumm ist nur: Über die Webseite soll eigentlich exklusiv das neue Chefticket verkauft werden. Zudem sind die wenigen Moderatoren mit dem empörten Kunden-Ansturm völlig überfordert. Mit Ansage raste die Bahn in die Facebook-Falle.

So haben sich die Verantwortlichen bei der Deutschen Bahn AG den Start ins Social-Network-Zeitalter wohl nicht vorgestellt. Seit einer Woche bewirbt die Bahn auf Facebook ihr Chefticket. Entworfen wurde die Kampagne von der Frankfurter Agentur Ogilvy.



Von der Discount-Kampagne zum Shitstorm
Die Idee dahinter: Über ein eigens für die Werbekampagne eingerichtetes Profil können User ein Discount-Ticket kaufen. 25 Euro soll eine einfache Fahrt in ganz Deutschland in der zweiten Klasse kosten, sofern zwischen dem 25. Oktober und 7. November gebucht und zwischen dem 1. November und dem 15. Dezember gereist wird. Ein Lockangebot also – von begrenzter Dauer. Wer das Schnäppchen nutzen will, muss nur ein Fan der Seite werden. Aktuell verfolgen fast 29.000 Personen den Auftritt.  

Die User nutzen den Dienst aber ganz anders: um ihrem Ärger über verspätete Züge und schmutzige Abteile und den heutigen Streik Luft zu machen. Der gewollte Imagewechsel droht zum PR-Debakel zu eskalieren.

"Scheiß Deutsche Bahn"
Die Kritik am Konzern reicht von einem knappen "Scheiß Deutsche Bahn", bis zu grundsätzlichen Kommentar-Abhandlungen zum Mitarbeiter-Ausstand wie, "Ich finde es nicht richtig, dass bei einem Unternehmen, das jahrelang in staatlicher Obhut war, auf Kosten der Kunden gestreikt wird. Wettbewerb hätte hier von Anfang an nicht geschadet. Dass neben dem fahrenden Personal auch Mitarbeiter der Infrastruktur streiken, ist das beste Beispiel für die Monopolstellung."

Die Verantwortlichen des Facebook-Auftritts wirken recht überfordert von dem "Shitstorm", der sich vor ihnen aufbaut. Statt forsch zu reagieren, hüllen sich die Moderatoren der Seite bei kritischen Fragen in Schweigen. Bei vielen anderen Wortmeldungen zum Streik gibt es nur den semi-automatischen Moderatoren-Text: "Details zur aktuellen Situation sind über die kostenlose Servicehotline 08000 996633 erhältlich." Lediglich die Fragen zum Cheftcket werden zügig beantwortet.

Aktion wird bald beendet
Bei einigen frustrierten Streik-Opfern schlägt der Ärger auf der Fan-Seite schon in Galgenhumor um. So schreibt einer: "Wer spielt mit? Findet jemand einen Zug mit höherer Verspätung als +150min? (ICE513 Münster,Köln, München)". Die Antwort folgt prompt: " Ich spiel mit. Hab hier "ca. +140 Min. " von Würzburg nach Nürnberg im ICE 25... aber soviel wie du hab ich noch nicht gefunden". Auch in diesem Thread werden die wütenden Reisenden allein gelassen.

Doch es hagelt nicht nur gehässige Kommentare. Es gibt auch User, die der Bahn zur Hilfe springen. "Wenn ihr die Bahn so scheiße findet", schreibt ein Facebook-Nutzer", warum treibt ihr euch dann hier rum? Ihr könntet ja auch das Auto nehmen (und dabei n Haufen CO2 ausstoßen). Es gibt auch jetzt schon viele Apps für Smartphones seitens der DB, die sehr gut gelungen sind & über Fahrpläne informieren. Genug Informationen sind also da, man muss nur auf sie zugreifen wollen. Sucht die Fehler daher erstmal bei euch & nicht bei den anderen, die einfach nur ihren Job machen."

Die Werbeaktion scheint der Bahn eine Lehre zu sein. Laut heute.de erklärt die Bahn-Konzernzentrale, dass es sich lediglich um einen Testballon handle. Nach Ablauf der Aktion werde die Seite wieder geschlossen.

ax/fd

26.10.2010
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MEEDIA RÜCKBLICK

  • 27.10.2010 Twitter: Fake-Account führt Bahn vor

Letzte Kommentare

Anzeige: 1 - 1 von 1

27.10.10 13:09

Thorsten K

PR-Desaster? Wer das ernsthaft behauptet, der versteht überhaupt nicht, worum es bei Social Media eigentlich geht.

Die Bahn hat binnen kürzester Zeit 32000 personalisierte Kontakte generiert, deren Daten sie auswerten und die sie weiterhin direkt (!)ansprechen kann. Ohne Streuverlust! Der Streik sorgt nun dafür, dass sich a) mehr Leute "anmelden", als sich eigentlich für das Angebot interessieren und damit b) der Bahn die tolle Chance geben, zusätzlich ein Feedback auf ihr generelles Angebot zu erhalten.

Die unzufriedene Kundschaft kann jetzt direkt Dampf ablassen. Und hat dabei den subjektiven Eindruck, dass ihr Frust auch gehört wird. Allein dadurch entsteht bereits ein positiver Effekt. Wer sich mit Reklamation-Management auskennt, der weiß, dass oft schon "nur zuhören" ausreicht, um eine Situation zu entschärfen.

Dass die "Verantwortlichen ... überfordert" sind, kann ich auch nicht beobachten. Sich in die entstandene Diskussion einzumischen, wäre der völlig falsche Weg. Was soll man auch zu allgemeinen Vorwürfen (Verspätung, Müll) gezielt entgegnen? Fragen zum Tarif werden zügig beantwortet und (anscheinend) schwer beleidigende Inhalte zeitnah gelöscht - völlig nachvollziehbares Verhalten.

Insofern läuft diese Aktion sogar besser als geplant. Die Bahn wollte einfach nur ein Podium zum Abverkauf eines Sondertarifes - bekommen hat sie ein Lehrstück in Sachen Social Media. Involvierte Kunden kommunizieren (als Menschen) auf Augenhöhe mit einem Anbieter, der daraus wertvolle Informationen ableiten kann, für die er via Marktforschung ein Heidengeld bezahlen müsste.

Von einem Desaster kann also üerhaupt keine Rede sein!

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