Die Diskussion um Google als Feindbild der Verlage spitzt sich zu. Der DJV sorgte mit seinem Vorstoß, eine "konzertierte Aktion der Verlage" gegen Google zu fordern, für Entrüstung im Web. Björn Sievers formulierte einen offenen Brief an DJV-Chef Michael Konken, für Spiegel Online schrieb Konrad Lischka über das "Feindbild Google". "Handelsblatt"-Blogger Thomas Knüwer trat aus dem DJV aus. Der DJV legte seinerseits in einem eigenen Blog nach. Die Kluft zwischen Web- und Verlagswelt wird anscheinend größer.
"Die heile Welt von Spiegel Online" ist der Beitrag in dem Weblog "freien infos" des DJV beschrieben. Darin wird gegen den Artikel "Sie schimpfen auf Google und meinen das Netz" von "SpOn"-Autor Konrad Lischka geätzt. Viele hätten sich mit der "Datenkrake" Google bereits eingerichtet, würden Dienste wie Googlemail nutzen und Google-Werbung auf der eigenen Homepage zeigen, heißt es in dem DJV-Blog. Die Kommentare unter dem Beitrag belegen, wie verfahren die Diskussion zwischen den Web-Heads und dem Verlags- und Verbandslager mittlerweile ist. Da verlangt ein gewisser "Borchert" als "Mitglied des Vorstandes des DJV Berlin" zu wissen, wer für diesen Artikel verantwortlich ist. Die "Redaktion" des DJV-Blogs pampt zurück: "Steht doch im Impressum..."
"Spiegel Online"-Autor Lischka meldet sich auch in den Kommentaren zu Wort und weist darauf hin, dass die vom DJV vermissten Google-kritischen Aspekte in seinem Artikel durchaus vorhanden waren. Der DJV beklagt sich daraufhin, dass es zu wenig sei, auf diese Probleme "nur" einen Link zu setzen. Diese Einlassung ruft Medienkritiker Stefan Niggemeier auf den Plan, der den DJV-Autoren attestiert, "das Internet nicht verstanden zu haben." Zitat Niggemeier: "Man kann gar nicht so oft in den DJV eintreten, wie man austreten möchte."
In seinem eigenen Weblog zerpflückt Niggemeier wiederum ausführlich die so genannte "Hamburger Erklärung", in der sich zahlreiche Verlage für einen umfangreichen Leistungsschutz aussprechen und Geld von Suchmaschinen verlangen. Niggemeier: "Die Firma Google, die sich — wohl nicht zu unrecht — angesprochen gefühlt hat, hat schon lapidar darauf hingewiesen, dass kein Autor oder Verleger es hinnehmen muss, dass seine Inhalte mithilfe von Suchmaschinen für die Öffentlichkeit auffindbar gemacht werden. Ein einfacher Befehl verwehrt Google den Zugriff und damit die kommerzielle Vermarktung dieser Suchergebnisse durch Google (reduziert allerdings auch die Zahl der Leser dramatisch)."
Niggemeier weist noch darauf hin, dass die "Hamburger Erklärung" aus dem Bereich von Axel-Springers Chef-Lobbyisten und ehemaligen "Welt am Sonntag"-Chefredakteur Christoph Keese stamme. Die "Hamburger Erklärung" bezeichnet er als ein "Dokument der Hilflosigkeit, ein ziellos-hysterisches 'So tu doch einer was', bei dem es auf Inhalte nicht ankommt, solange nur möglichst viele mitschreien."
Der Journalist Björn Sievers hat mit einem viel verlinkten offenen Brief direkt nach der Veröffentlichung der umstrittenen DJV-Aussagen die eigentliche Diskussion angestoßen. Sievers forderte den Verband in dem Brief auf, seine Energie darauf verwenden, über die Zukunft des Journalismus und neue Erlösmodelle nachzudenken."
Dem offenen Brief antwortete inzwischen die stellvertretende DJV-Vorsitzende Ulrike Kaiser für den im Urlaub befindlichen Michael Konken. Erkennbar bemüht, die Diskussion zu versachlichen, schrieb sie: "Nein, es ist nicht alles schwarz-weiß, weder im DJV noch anderswo. Deshalb, lieber Kollege Sievers: Bleiben Sie dabei, und gestalten Sie mit. Manchmal an Grautönen. Aber auch die sind wichtig in einem stimmigen Medienbild." Nicht dabeibleiben beim DJV wollte der "Handelsblatt"-Redakteur Thomas Knüwer. Er ist mittlerweile aus dem DJV ausgetreten und will gemeinsam mit anderen nun eine neue, Internet-freundliche Interessensvertretung ins Leben rufen (siehe auch das MEEDIA-Interview mit Thomas Knüwer zum Thema). Die Kluft zwischen Web-Welt und Verlagen wird, so scheint es, immer größer.
Letzte Kommentare
25.07.09 18:07
Sören Fink
Zwischendurch vielleicht mal eine Frage, und dann auch noch eine ganz spezielle. Gerade habe ich das Wort Monopol gegoogelt, weil ich mir nicht mehr ganz sicher war. Der DJV malt das Wort Informationsmonopol ja immer direkt neben den Teufel an die Wand. Vielleicht bin ich ja etwas begriffstutzig, aber wo soll das denn entstehen? Im Internet doch wohl kaum.
Mal angenommen, die Schreckensvision stimmt, und es gäbe irgendwann tatsächlich nur noch die Suchmaschine Google, die nicht mehr nur verlinkt, sondern auch alles selber schreibt und die doofen Texte herausfilltert. Wäre nicht spätestens dann auch der Markt für einen zweiten Anbieter entstanden, vielleicht auch für einen dritten oder vierten? Vorausgesetzt natürlich, Google schafft nicht auch noch die Adressleiste abschafft und es gibt nur noch www.google.de
Das wäre dumm. Da wüsste ich auch nicht weiter. In allen anderen Fällen aber wären noch Adressen frei, und es bliebe einzig die Frage, wie sich dort ein journalistisches Angebot finanzieren ließe. Möglicherweise könnten die großen Verlage das dann tatsächlich nicht mehr, weil sie zu sehr Gemischwarenladen sind und Anzeigen bei Google einfach besser ihr Ziel treffen.
Und vielleicht ändert sich dann tatsächlich etwas in der Verlagslandschaft. Vielleicht gibt es dann Pleiten, was nicht gut wäre, aber immer so ist, wenn eine Struktur nicht mehr in die Zeit passen. Vielleicht kommen dann kleinere Anbieter, die Nischen besetzen und genau deshalb weiter von Anzeigen leben können. Vielleicht eben. Vielleicht kommt aber auch alles anders. Nur die Sache mit dem Informationsmonopol, lieber DJV, das ist wirklich völliger Unsinn.
24.07.09 11:42
Hans-Georg Wenke Web-Site
Vorschlag: Nennt doch bitte das Kind beim Namen. Es geht nicht um Journalismus, nicht um Verlage, nicht um Google.
Es geht um das Medien-MONOPOL. Es geht um die liebgewonnene, weil bequeme Art, nicht mit seiner Qualität (des Journalismus, der Publikation) Geld zu verdienen, sondern durch die bloße Existenz.
Stellen wir uns vor: ein Koch beansprucht von einem anderen Koch Tantiemen, Copyright-Gelder, weil der dessen Idee nachkocht. Oder: hiermit erhebe ich weltweit als einziger das Recht (wer es nachmacht, wird bestraft und zahlt richtig Kohle), Zucker statt Salz aufs Frühstücks-Ei zu streuen. Absurd? Nein, so wollen es Verlage (und in deren Windschatten viele Journalisten mit Texten.)
Hunderte von Berufen und Geschäfts-Genres gingen zugrunde, weil sich die Welt veränderte. Verlage, Journalisten, nun seid Ihr dran. Hört das Jammern auf. Stellt Euch auf die neue Zeit ein.
Mit kollegialem Gruß
Hans-Georg Wenke
24.07.09 11:06
Frank Schultheiss Web-Site
Schreibmaschine - Computer
Plattenspieler - CD Player
Journalismus - ???
Das Problem des Journalismus ist ganz offensichtlich: die Wertschöpfungskette funktioniert nicht mehr wie in der Prä-Internet-Ära. Die Zusammenstellung relevanter Informationen geht heute meist mit einigen Klicks und eine journalistische Ausbildung ist dafür nicht immer zwingend notwendig.
Das der Ausgangspunkt für die Zusammenstellung des Informationsmixes noch in Redaktionen liegen muss ist ein Irrtum, denn bestenfalls liegt der beim Leser selbst.
Ob nun Google davon profitiert oder nicht spielt dabei keine Rolle, denn der Grund dafür ist das Internet oder weiter gefasst der technische Fortschritt.
Wenn der DJV eine "konzertierte Aktion" gegen Google fordert, scheint das so aussichtslos wie eine Aktion gegen den Fortschritt.
24.07.09 10:53
Tobias Ullersperger
Ach, was würden die Journalisten tun, wenn sie nicht mehr bei Google oder Wikipedia usf. recherchieren dürften? Das ist doch ein Geben und Nehmen.
"Verbote" oder "Regeln" aufstellen wollen - da muss ich meinem Vorredner Recht geben - hat auch die Plattenindustrie an den Rand des Ruins getrieben. Die hat auch (fast) zu spät aufgehört, die Realität zu ignorieren und sich Gedanken über neue Geschäftsmodelle zu machen. Einfach mal Tim Renners "Kinder, der Tod ist gar nicht so schlimm" lesen. Ist wieder topaktuell.
24.07.09 10:53
Tobias Ullersperger
Ach, was würden die Journalisten tun, wenn sie nicht mehr bei Google oder Wikipedia usf. recherchieren dürften? Das ist doch ein Geben und Nehmen.
"Verbote" oder "Regeln" aufstellen wollen - da muss ich meinem Vorredner Recht geben - hat auch die Plattenindustrie an den Rand des Ruins getrieben. Die hat auch (fast) zu spät aufgehört, die Realität zu ignorieren und sich Gedanken über neue Geschäftsmodelle zu machen. Einfach mal Tim Renners "Kinder, der Tod ist gar nicht so schlimm" lesen. Ist wieder topaktuell.