Wikileaks hat die Kontrolle über ihre Informationen verloren. Die Veröffentlichung von Dokumenten über Haftbedingungen im US-Gefangenenlager Guantanamo waren chaotisch anstatt koordiniert. Die New York Times, die von Wikileaks vom Informationsfluss ausgeschlossen wurde, erhielt die Dokumente aus einer anderen Quelle. Daraufhin zog Wikileaks die Veröffentlichung in Partnermedien eilig vor. Leidtragender war u.a. der Spiegel.
Die Veröffentlichung der Guantanamo-Akten erfolgte über das Osterwochenende so schnell und unkoordiniert, dass der Spiegel die Story nicht mehr in seiner aktuellen Print-Ausgabe hatte, sondern nur noch Online verwerten konnte. Auf dem Cover prangte stattdessen Jesus Christus als “Rebell Gottes”. Wikileaks-Chef Julian Assange hat sich in der Vergangenheit mit seinen früheren Medienpartnern New York Times und Guardian überworfen. Assange warf den Chefredaktionen der beiden Zeitungen mangelnden Respekt gegenüber Wikileaks vor. Offenbar hatte er sich auch über ein wenig freundliches Porträt über sich in der Times geärgert.
Statt Times und Guardian sollten diesmal jedenfalls der britische Telegraph, die Washington Post, die Zeitungen der McClatchy-Gruppe sowie einige weitere internationale Zeitungen als erste die neuen Wikileaks-Enthüllungen veröffentlichen dürfen. Allerdings erhielt Bill Keller, der Chefredakteur der New York Times, die Informationen auf einem anderen Weg. Keller reichte die Infos nach eigenen Angaben an den Guardian und das National Public Radio weiter und die Ex-Partner von Wikileaks bereiteten eine Veröffentlichung in komplett eigener Regie vor.
Süffisant schrieb die New York Times dazu: “Im Journalismus hat dies das traditionelle Verhältnis zwischen Wettbewerbern und Quellen wieder zurechtgerückt.” Bei Wikileaks bekam man von der bevorstehenden Veröffentlichung in Times und Guardian mit und alarmierte die Medienpartner, die daraufhin am Osterwochenende selbst eilig mit der Story rauskamen. Über Twitter betonte Wikileaks, dass die offiziellen Medienpartner trotz allem die ersten gewesen seien: “Enough. Our first partner, The Telegraph, published the Gitmo Files 1am GMT, long before NYT or Guardian.”
Laut der FAZ beschuldigt man bei Wikileaks den ehemaligen Sprecher Daniel Domscheit-Berg, die Guantanamo-Akte an die Times weitergegeben zu haben. Domscheit-Berg dementiert dies. Die Guantanamo-Enthüllungen basieren immer noch auf dem umfangreichen Daten-Material, das angeblich der US-Militärangehörige Bradley Manning an Wikileaks weitergereicht hat. Schon das berühmte “Collateral Murder”-Video, die Kriegs-Dokumente aus Afghanistan und dem Irak sowie die US-Botschafts-Depeschen, die von Wikileaks und seinen Medienpartnern verbreitet wurden, stammten alle aus dieser einen Quelle.
Für Wikileaks geht es nicht nur um die Info-Hoheit, sondern um das Überleben. Im Streit über die schnelle Veröffentlichung von tausenden Dokumenten und über den äußerst umstrittenen Führungsstil von Wikileaks-Gründer Julian Assange, haben sich einige Mitarbeiter abgewendet, der prominenteste war Daniel Domscheit-Berg, der mit dem Open-Leaks-Projekt eine Alternative zu Wikileaks gegründet hat. Laut dem jüngsten Bericht der Berliner Wau-Holland-Stiftung, die einen Großteil der Spenden für Wikileaks verwaltet, erhielt Wikileaks immer dann zahlreiche Spenden, wenn die Organisationen eine große Enthüllung über ihre ausgewählten Medienpartner veröffentlicht hat. Für Assange und Wikileaks ist es also von existenzieller Bedeutung, dass das Modell der exklusiven Medienpartnerschaften weiter funktioniert. Nur danach sieht es im Moment nicht aus.
Wikileaks hat aber vielleicht ein noch weitaus größeres Problem: Langsam droht das Material auszugehen, das von Manning geliefert wurde. Was macht Wikileaks, wenn der Info-Berg, der der Organisation von dem frustrierten US-Militärangehörigen zugespielt wurde, abgetragen ist? Dann muss sich zeigen, ob es noch so viel Vertrauen in Julian Assange und Wikileaks gibt, dass auch andere Whistleblower sich der Plattform anvertrauen. Immerhin hat Wikileaks derzeit selbst offenbar einige Leaks.
Letzte Kommentare
28.04.11 17:41
Max Mustermann Web-Site
Die Deutsche Übersetzung zur Seite www.wikilekas.ch/gitmo/ ist auf http://www.thoughts.com/MaxMustermann zu finden.
28.04.11 15:55
dot tilde dot
vielen dank für den wichtigen hinweis auf die umstände der veröffentlichung durch den spiegel. ich hatte mich schon gewundert, warum die gar nicht auf die dokumente verlinken, sondern schreiben, die lägen dem spiegel vor.
jetzt weiß ich endlich warum: die redaktion hatte einfach keine zeit, auf die quellen zu verlinken.
so einfach kann eine erklärung sein - wenn man nur will, nicht wahr.
.~.
27.04.11 15:21
bert bricht
Mein Vorredner hat völlig recht. Nur zu Domscheit-Berg möchte ich dies noch sagen: Der ist nicht aus dem selben Holz geschnitzt wie Assange. Warum hat er sich mit Assange überworfen? Weil es DoBe ums Geld geht. Assange aber ist ein echter Freak, wie der historische Jesus ein Rebell (insofern ist die Spiegel-Story in dieser Woche gut plaziert) mit Spaß am Sex, dem zwei dumme, intrigante Schwedinnen zum Verhängnis (oder soll ich sagen zum Kreuz?)geworden sind. Assange bedroht mit Wiki-Leaks übrigens nicht grundsätzlich jeden, der sich Geschäftsgeheimnisse bewahren möchte. Aber richtige Sauereien in Politik und Wirtschaft lassen sich heute dank WL nicht mehr verheimlichen. Thank Jesus - das ist nur ein Bild und Jesus ist auch nicht Gottes Sohn gewesen, weil es letzteren nicht gibt. Aber Gut und Böse gibt es. Böse ist fast alles, woran unschuldige Menschen sterben und sei es auch nur mittelbar. Und Böse Menschen kommen heute in die WL-Veröffentlichungen. Ist doch prima? Assange kommt nicht ans Kreuz, wird hoffentlich freigesprochen. Aber WL schafft weiter ein Klima der Revolution und irgendwann rollen Köpfe. Wenn die richtigen Köpfe rollen - noch am Hals in den Knast, also ohne Mord - dann wird die Welt ein Stückchen besser. Und genau davor haben die Geheimnisverwalter dieser Welt fürchterliche Angst. Mit WL und ebenso den deutschen Plagiats-Enthüllungen schlägt die bessere Hälfte der Menschheit zurück. Einer wie Assange darf auch ruhig Geld haben. Bis jetzt hat er nichts getan, wofür auch sein Kopf rollen müßte. Aber die Bushes und Guttenbergs dieser Welt (die haben viel gemein miteinander) sollen sich künftig freuen, dass man sie leben läßt. Vor Demut sollen sie kriechen. Das reicht.
27.04.11 11:45
Jan-Bernd Meyer
moin, moin, liebe Redaktion,
na, da wird ja eine Nebensache zum Politikum hochgejazzt. "Chaotische Veröffentlichung", "Kontrollverlust" etc.
Was soll das?
Es bleibt festzuhalten:
1. Wikileaks hatte die Informationen und sonst niemand.
2. Mehrere Medien bedienten sich dieser Informationen.
DAS ist die Story. Dass Wikileaks und sein natürlich diskutabler Frontmann Assange sich mit einem Medium überworfen haben: Who cares?
Dass diese sich die brisanten Informationen dann über andere Kanäle besorgen: Who gives a shit?
Dass Assange wegen seiner Persönlichkeit und seines Führungsstils kritikwürdig ist: Uralte Kamellen.
Wichtig ist doch, dass einige Hintergründe zu Guantanamo bekannt werden. Im Zeitalter des Internet ist es doch nicht mehr wichtig, WO ich die Informationen, sondern DASS ich sie finde bei einem glaubwürdigen Medium.
Any comments?
27.04.11 11:35
Marc-Nicolas Oerke Web-Site
.. warum ist der Überbringer wichtiger als die Botschaft... hat man sich schon so daran gewöhnt?
Honi soit qui mal y pense...
LG
Marc