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Interview mit Redaktionsleiter André Vatter

Basic Thinking und der Web-Mob

Das Weblog Basic Thinking hat kürzlich seinen RSS-Feed gekürzt. Damit sollen mehr Leser auf die Seite gelockt werden, um die Refinanzierung des Angebots voranzubringen. Der Schritt löste bei Twitter und in den Kommentaren Proteststürme und Beschimpfungen aus. Per Twitter wurden die Redaktionsmitglieder als "geldgeile Säcke" und "Arschlöcher" beschimpft. Mittlerweile hat sich die Lage beruhigt. MEEDIA sprach mit Redaktionsleiter André Vatter über eine kleine Ankündigung mit großen Folgen.

Die Ankündigung, dass Basic Thinking seine RSS-Feeds künftig von Volltext auf Teaser umstellt, hat bei den Leser-Kommentaren und bei Twitter für wahre Stürme der Entrüstung bis hin zu Beschimpfungen und Beleidigungen gesorgt. Waren Sie von der Masse und der Heftigkeit der Reaktionen überrascht?

Natürlich haben wir mit Gegenwind gerechnet. Überrascht war ich jedoch vor allem über all die neuen Stimmen, die sich nach und nach dazwischen mischten. Das waren dann die stillen RSS-Feed-Leser, von denen ich im Posting sprach. Leser, die sich offenbar nur dann zu Wort melden, wenn ihnen etwas gegen den Strich geht, von denen man aber sonst nichts hört.

Warum glauben Sie, hat eine solche Petitesse wie das Umstellen des RSS-Feeds solche hochemotionalen Ausbrüche bei manchen Lesern hervorgerufen?

Ich kann den Unmut einiger Leser verstehen: Wer Basic Thinking bislang unterwegs auf dem Handy las, offline oder im RSS-Reader, steht jetzt erst einmal vor einem Problem beziehungsweise muss nun vielleicht etwas unbequemere Wege in Kauf nehmen. Wir arbeiten derzeit daran, hier schnellstmöglich nachzubessern. Den Ton des Protestes kann ich allerdings überhaupt nicht nachvollziehen. Es ging nicht darum, dass wir Basic Thinking kostenpflichtig machen oder auf dem Blog eine Disco aus Layer-Ads installieren. Es ging darum, dass Content, der bislang komplett an der Seite vorbeigeschmuggelt wurde, auch dort gelesen wird, wo er entsteht. Davon profitieren letzten Endes nicht nur wir, sondern auch die Leser, die sich auf größere Kommentarrunden einstellen können.

Sie haben von Lesern auch Zuspruch erhalten. Was überwiegt: Zuspruch oder die Kritik?

Eindeutig der Zuspruch. Nach unserer unzweifelhaft unpopulären Ankündigung, den RSS-Feed zu kürzen, entzündete sich zunächst ein beachtliches Trollfeuerwerk. Komischerweise mussten wir erst emotional auf den Putz hauen, um letztendlich die Diskussion in sachlichere Bahnen zu lenken. Das Ergebnis: Geschätzte 95 Prozent der Kommentierenden unterstützten uns in der Entscheidung, per Twitter erfahren wir ebenfalls Zustimmung, erste Blogs zeigen sich mit Basic Thinking solidarisch und kürzen nun ebenfalls die Feeds. Vielleicht kann ich auch anmerken, dass ich trotz meines Aufrufs, Feed-Löscher mögen mir ihre Entscheidung bitte schriftlich versichern, bis jetzt keine einzige Mail bekommen habe.

Haben Sich die Zugriffszahlen bei Basic Thinking seit der Umstellung des Feeds verändert?

Die Umstellung ist noch nicht so lange her, doch wir können bereits jetzt sagen, dass die Zugriffszahlen, auch bereinigt um die Sondereffekte auf Grund der Diskussion, kurzfristig deutlich gestiegen sind. Wir sind zuversichtlich, dass diese Steigerungen auch nachhaltig bestehen bleiben.

Sie haben mit einem engagierten und emotionalen Beitrag auf die massive Kritik reagiert und wurden prompt wieder als selbstmitleidig beschimpft - was ziehen Sie persönlich für Konsequenzen aus der Diskussion?

Es war nicht meine Absicht, die "Gratismentalität" im Netz an den Pranger zu stellen, oder pauschal über Nutzer zu schimpfen, die AdBlocker oder Ähnliches verwenden. Mir ging es einzig darum, einmal aufzuzeigen, was für Arbeit hinter einem solchen Projekt steckt – für viele Leser ist es einfach eine Selbstverständlichkeit, Nachrichten frei Haus geliefert zu bekommen und das möglichst in einer Form, die sie mögen. Ich zähle mich übrigens auch zu diesen Lesern. Jedoch weiß ich auch, dass letzten Endes hinter jedem Online-Projekt Menschen stehen, die mit ihrer Arbeit auch ihren Lebensunterhalt verdienen. Deshalb muss jeder Zugeständnisse machen, dazu bin ich auch privat jederzeit bereit. Es war kein naives oder beleidigtes Poltern, wie man es hin und wieder von den Zeitungs- und Zeitschriftenverlegern im Netz vernimmt. Ich verstehe Basic Thinking als ein Gemeinschaftsprojekt von Autoren und Lesern. Deshalb sagte ich ihnen: "Okay, das sind die Alternativen: Sucht euch etwas aus, damit wir das hinbekommen." Mir war es auch wichtig, die langfristigen Folgen anzusprechen: "Wenn die Kompromissbereitschaft ausbleibt, war es das." Ich glaube schon, dass der Beitrag etwas bewirkt hat. Viele Nutzer haben in den Kommentaren beispielsweise ihre Verwunderung darüber zum Ausdruck gebracht, dass sich ihr Adblocker-Plugin tatsächlich für bestimmte Seiten automatisch abschalten lässt. Das zeigt mir: Einige Leute haben verstanden, wie sie mithelfen können. Ein kleiner Beitrag eben, der in der Masse aber Großes bewirken kann.

Glauben Sie, dass sich Basic Thinking eines Tages durch Werbung wird voll finanzieren können?

Da ich nur für die Redaktion spreche, kann und darf ich Ihnen darauf keine verbindliche Antwort geben. Dafür ist letztendlich der Vermarkter zuständig. Doch eines ist klar: Bei den sich ständig weiter ausdehnenden Werbeflächen im Internet wird es immer schwieriger, sich alleine durch Display-Ads und Co. über Wasser zu halten. Ich würde mich freuen, wenn wir es künftig mit einem gesunden Mix aus Bannern, Affiliate, Sponsoring und exklusiven Bezahlangeboten in die schwarzen Zahlen schaffen. Einiges davon wird in diesen Tagen bereits angestoßen.

Was sind Ihrer Meinung nach die Gründe, warum sich Leser im Netz auf derart aufbrausende Art und Weise äußern?

Warum? Nun, weil sie es können. Nutzer sind seit den Neunzigern darauf gedrillt, kostenlosen Content im Internet geboten zu bekommen. Der Gedanke, für Nachrichten im Netz zu zahlen, ist ihnen völlig fremd. Dies ist zu großen Teilen die Schuld der Verlage, die damals die Print-Ausgaben durch kostenlose Online-Pendants pushen wollten. Dann wurden diese Dank Werbung plötzlich lukrativ, bis der Markt zusammenbrach. Und jetzt haben wir den Salat. Der Nutzer reagiert, vielleicht sogar völlig zu Recht, empört, wenn auf einmal Veränderungen im bisherigen Leseverhalten gefordert werden: Plötzlich soll er für Content bezahlen – oder noch schlimmer! – einen gekürzten Feed akzeptieren. Die Art, wie sich diese Empörung bei uns geäußert hat, ist vielleicht auch etwas Blog-Typisches, da die Bindung zwischen Redaktion und Lesern eine andere ist, wie zum Beispiel im klassischen News-Geschäft. Es war eher ein Streit zwischen Freunden als ein Disput zwischen Arbeitskollegen. Jedenfalls wissen wir nun, wo mehr Fetzen fliegen.

Glauben Sie, dass die Anonymität im Internet dafür verantwortlich ist, dass Einige ihre Manieren vergessen und in Kommentaren zu pöbeln anfangen?

Trolle gibt es, seitdem es das Internet gibt. Auch früher wurde im Netz oft gepoltert und unfair polemisiert. Der Unterschied besteht heute darin, dass wir dank Twitter und Facebook davon auch verstärkt etwas mitbekommen. Bei den von mir kritisierten Tiefschlägen handelte es sich übrigens um Nutzer, die mit Vollnamen bekannt waren. Immerhin: Einer hat sich entschuldigt und räumte ein, dass es ein unüberlegter Schnellschuss war.

Stefan Winterbauer

09.03.2010
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