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Michael Spreng über die publizistische Defensive Bettina Wulffs

„Zweite Hinrichtungswelle durch die Presse“

Eigentlich wollte der Medienberater und Blogger (www.sprengsatz.de) Michael Spreng am heutigen Dienstag bei Sandra Maischberger mit Bettina Wulff über ihr heiß diskutiertes Buch „Jenseits des Protokolls“ diskutierten. Aber daraus wird nichts, Bettina Wulff hat alle Talkshow-Auftritt und Interviews abgesagt, wohl als Reaktion auf das katastrophale Echo zu ihrem Buch. MEEDIA sprach mit Michael Spreng über Bettina Wulffs plötzlichen Wechsel von der publizistischen Offensive in die Defensive.

Am 8. September hatten sie in ihrem Blog Sprengsatz geschrieben: „Bettina Wulff ist eine mutige Frau“. Sehen Sie das immer noch so?

Sie ist eine mutige Frau, weil sie in die Offensive gegangen ist gegen die größte Verleumdungskampagnen der letzten Jahrzehnte. Nach der Veröffentlichung ihres Buches hat sie gewissermaßen ihre zweite Hinrichtung erlebt. Die erste Hinrichtung geschah durchs Internet, die zweite durch gedruckte Medien. Ihr Buch ist total verrissen und mit Häme überzogen worden, wozu sie ohne Zweifel durch die Qualität des Buches und unnötige private Mitteilungen beigetragen hat. Sie weicht vor dieser zweiten Hinrichtungswelle nun in die Defensive zurück, stellt sich den Medien nicht weiter zur Verfügung. Offenbar hat sie die Wirkung ihrer Interviews und ihres Buches falsch eingeschätzt.

Sie wurde aber nicht nur durch Printmedien verrissen - eine Rolle spielen auch Kommentare im Netz, anonyme Besprechungen des Buches zum Beispiel bei Amazon, die in der überwiegenden Mehrzahl extrem negativ sind. Was ist schlimmer: die anonymen Anfeindungen im Netz oder das desaströse Medienecho?

Das Presse- und Medienecho. Anonyme Anfeindungen im Internet sind inzwischen Legion und gehören dort leider zum Alltag. Aber die Kritik und die Hinrichtungswelle in den gedruckten Medien hat eine andere Qualität und erreicht ein anderes Publikum. Insofern glaube ich, dass der Rückzug von Bettina Wulff aus der Öffentlichkeit dadurch ausgelöst wurde. Eine Bild-Schlagzeile wie „Warum tut sie ihrem Mann das an?“ sind Schlagzeilen, die sie sich mit Sicherheit nicht erwartet hatte. Davor weicht sie zurück.

Kennen Sie Frau Wulff persönlich?

Nein überhaupt nicht. Ich kenne ihn, aber nicht sie.

Können Sie sich in sich erklären, was sie mit dem Buch ursprünglich bezwecken wollte?

Ich denke der Hauptgrund für die Veröffentlichung war, dass das Buch ihren juristischen Feldzug gegen diese Verleumdung publizistisch flankieren sollte. Diesen Rufmord öffentlich zu machen und den Versuch, die Deutung über das eigene Leben zurückzugewinnen und wieder eine selbstständige Person zu werden und nicht ein Spielball von Verleumdungen und Gerüchten, das war wohl die Intention des Buches. Das ist meine Interpretation.

Und die vielen "Exklusiv"-Interviews - war das nur um das Buch zu verkaufen, einfach nur ungeschickt oder Strategie?

Das Wort „Exklusiv“ ist hier ja total entwertet. Es gab gar kein Exklusiv-Interview. Früher hätte ein Blatt wie der Stern ein solches Interview gar nicht gedruckt, wenn er es nicht wirklich exklusiv gehabt hätte. Das war eher ein medialer Massenabwurf und dies war einerseits eine Fortsetzung ihrer Rehabilitierungsversuche, andererseits natürlich auch eine Promotion des Buches, wobei ich das legitim finde. Bücher von Herrn Sarrazin oder Frau Höhler werden nach einem ähnlichen Schema promoted.

Finden Sie es klug, dass Bettina Wulff nach der Offensive in die publizistische Defensive gegangen ist? Die Zeitung Die Welt ja ja sogar aus einem zurückgezogenen Interview eine große Geschichte gemacht ...

Sie hat wohl keine andere Wahl mehr gesehen. Sie sieht, dass ihr Versuch, die Deutungshoheit über ihr Leben wiederzugewinnen, scheitert und will dem keine neue Nahrung geben. Was die Medien daraus machen, liegt ja außerhalb des Einflusses von Frau Wulff. Ich hielt ihre Medienpräsenz ohnehin für übertrieben. Aber jetzt kann sie im Prinzip nur mit dem Rückzug arbeiten, weil ihr Interesse nicht mehr ist, das Buch zu promoten, sondern die zweite Hinrichtungswelle zu stoppen.

Meinen Sie, der Rückzug gelingt?

Ich glaube, das Feuer glimmt jetzt aus. Ich höre von dem einen oder anderen Blatt, dass geplante Geschichten gecancelt wurden. Insofern scheint dieser Rückzug richtig zu sein. Das öffentliche Bild von Frau Wulff ist aber erneut negativ geprägt, diesmal durch die Medien. Aus dieser Falle kommt sie, fürchte ich, nicht mehr heraus.

Müssen sich die Medien Vorwürfe machen, über die Art wie sie mit Bettina Wulff umgegangen sind?

Ja. Es gibt ganz wenige Medien, die den eigentlichen Skandal thematisiert haben, nämlich Google. Dieser Algorithmus der Verleumdung, der sich ins Unendliche potenziert, ist nach meiner Sicht das eigentliche Thema. Damit müssten sich die Zeitungen und sonstigen Medien viel mehr beschäftigen. Aber die meisten Medien sind den leichten Weg gegangen und haben sich auf den Klatsch gestürzt.

Was reizt die Medien an dieser Klatschgeschichte?

Diese Melange aus Bundespräsident, Prostituierter, Verleumdung, Rücktritt, attraktive Frau usw. Das ist natürlich höchst medien- und öffentlichkeitswirksam.

Und jetzt will der Produzent Nico Hoffmann noch einen Film dazu drehen.

Dafür kann Frau Wulff aber nichts.

Naja, die Filmrechte an dem Buch wurden ja offenbar verkauft.

Klar ist das ein attraktiver Filmstoff, aber meiner Meinung nach sollte sie nicht die Hand dazu reichen.

Gab es einen Zeitpunkt, zu dem Bettina Wulff hätte dafür sorgen können, dass die Geschichte nicht derart aus dem Ruder läuft?


Den Zeitpunkt gab es: beim Verfassen des Buches. Sie hätte vielmehr den Rufmord in den Mittelpunkt stellen müssen und sich diese privaten Mitteilungen über ihre Ehe und frühere Liebhaber ersparen sollen. Damit ist das Ganze erst in den unteren Teil des Klatsches abgerutscht.

Der Bild-Autor Martin Heidemanns, der die Wulff-Affäre mit ins Rollen brachte hat selbst auch ein Buch zum Thema Wulff-Affäre kurz vor der Veröffentlichung. Erwarten sie sich davon noch etwas Erhellendes?

Soweit ich das verstanden habe, ist das mehr eine Dokumentation der Ereignisse. Da mag manch erhellendes Detail dabei sein, aber ich erwarte mir keine neue Interpretation der Geschichte Wulff.

Michael Spreng bloggt unter www.sprengsatz.de

Interview: swi

18.09.2012
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Letzte Kommentare

Anzeige: 1 - 5 von 5

18.09.12 18:18

Thomas Bauer

@Peter Bramböck:
Na dann sagen wir halt "der letzten drei Jahrzehnte", dann stimmt's.

@Social Punk: Was man von solchen "Kommmentaren" zu halten hat ist doch hinreichend bekannt. Ich schätze (und habe damit genausowenig Ahnung wie die "Kommentatoren"), dass höchsten zehn, zwanzig Prozent der Meinungshaber das Buch überhaupt gelesen haben, bevor sie darüber richten. Und Wulffs zu kritisieren, das ist dank der Bild-gesteuerten Kampagne so wohlfeil, dass man sich des Beifalls der Masse sicher sein kann, wenn man weiter drauftritt.

Michael Spreng ist einer der seltenen Branchenvertreter, die in diesem Punkt reflektieren statt ins gleiche Horn zu tröten wie der Chor der freiwillig gleichgerichteten Medienhorde. Man kann bescheuert finden, was sie oder ihr Mann in einzlenen Punten gesagt oder gemacht haben und trotzdem erkennen, dass es sich sich sowohl bei der Absetzung des „Der Islam gehört zu Deutschland“-Präsidenten per ordre de Diekmann um eine sorgfältig befeuerte und gesteuerte Kampagen handelt, wie beim Nachlegen unter der Gürtellinie was Bettina Wulff betrifft, als all die windigen Vorwürfe noch nicht genügten und Wulff sich einfach weigerte das Urteil der Bild anzuerkennen(gab es eigentlich inzwischen in irgendeinem der ach so dramatischen Punkte oberhalb der Bobbycar-Affäre ;-) eine Anklage?).
Durch stete Wiederholung in "Journalistenkreisen bekannter Tatsachen" werden sie noch nicht wahrer. Und wenn es etwas zu beweisen gegeben hätte, dann hätte die Bild das schon entweder selbst getan oder so feige wie die Mailbox-Geschichte über Bande (sic!) gelöst. Dass die Bild wenn es Beweise gäbe, diese aus moralischen Gründen zurüchhielte, das darf man ja wohl getrost aus Märchen aus uralten Zeiten betrachten.
Michael Spreng weiß halt als (geläuterter?) Ex-Bild-Mann, wovon er spricht, wenn er das Wort Kampagne benutzt. Dass es eine erneute Kampagne dagegen gibt, wenn sich jemand gegen eine Rufmord-Kampagen wehrt, das ist natürlich widerlich, wird aber verständlich, wenn man sieht, wer sich alles von Diekmann hat instrumentalisieren lassen. Da kann man ja jetzt schlecht anderer Meinung sein… 
Übrigens: Ich war damals nicht für Wulff sondern für Gauck, das hält mich aber nicht davon ab, eine so durchschaubare Kampagne widerwärtig zu finden.

18.09.12 16:47

Peter Bramböck

"die größte Verleumdungskampagne der letzten Jahrzehnte"? Na, Herr Spreng, da gab es aber ganz andere! Wenn ich nur an den gewissen Herrn Frahm denke, mit dem man W. Brandt titulierte ... Oder die SPIEGEL-Affäre, gerade 50 Jahre her: "ein Abgrund von Landesverrat"... Diese Verleumdungen hatten doch eine ganz andere "Qualität", und Herr Spreng kennt sie alle ...

18.09.12 12:21

Ulrich Schulze

Michael Spreng irrt. Nicht die Medien haben den Ruf und das Ansehen der BW zerstört. Das hat die eitle, egomanische BW schon selbst besorgt.

18.09.12 11:56

Social Punk Web-Site

Angesichts der überwältigenden Kritik auf Amazon hätte wohl auch die beste Beratung nichts mehr geholfen. Oder nur dann, wenn der Berater das Buch - oder zumindest die PR-Arbeit im Umfeld der Veröffentlichung - verhindert hätte. Was es alles bei Amazon zu lesen gibt, ist hier nachzulesen: http://tinyurl.com/8ub7hcg

Wir zumindest waren uns nicht darüber im Klaren, dass Wulffs Buch auch als Abführmittel dienen kann.

18.09.12 11:23

Christian G. Christiansen

Schade, Michael Spreng, dass Sie Frau Wulff nicht vorher beraten haben. Hat das Honorar nicht gestimmt?
Christian G. Christiansen

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