“Tyler The Creator” ist ein scheues Wesen. Der Rapper gibt nur ungern Interviews. Das hinderte die "zdf.kulturpalast"-Redaktion aber nicht, den Hip-Hop-Künstler in ein Interview zu verwickeln. Dafür musste der Sänger noch nicht einmal anwesend sein. Der Sender bediente sich beim Promomaterial der Künstleragentur und stellte mit einem Praktikanten die Interviewszene nach. Auf Anfrage gibt sich der Sender gelassen: “Dieser Beitrag ist Ausdruck eines satirischen Umgangs mit der Attitüde eines Sängers."
Der Beitrag lief am 16. Juni in der Sendung ZDF.kulturpalast. In dem Beitrag ist ein Praktikant namens “Johannes” in einer Interviewszene zu sehen. Backstein, blanker Boden. Post-industrieller Chic eben. Ihm gegenüber scheint der Rapper “Tyler The Creator” zu sitzen. Johannes bedankt sich höflich. 
Dass Johannes eigentlich niemand gegenübersitzt, konnte der Zuschauer nicht merken. Denn Johannes hat kein Interview mit “Tyler The Creator” geführt. Das ZDF hat für den Beitrag das Pressematerial der Agentur des Künstlers verwendet. Das Interview ist gestellt, wie Daniel Bröckerhoff herausgefunden hat. Als wäre das noch nicht genug, resümiert Johannes zum Schluss: “Ich glaub, das Interview lief ganz gut. Zwischendurch hab ich das Gefühl gehabt, er war ein bißchen genervt. Es war auch sehr heiß da drin, vielleicht lag’s daran. Und so ganz, mit dem Ghetto-Slang, ich hab nicht alles verstanden.”
Die Frage, ob die Redaktion einer Agentur aufgesessen ist, die Promo-Material als Exklusivinhalt verkauft, lässt sich nicht endgültig beantworten. Denn auf Anfrage von MEEDIA erklärt die Redaktion: “Es ist richtig, dass es sich bei dem angefragten Beitrag nicht um ein tatsächlich geführtes Interview handelt. Das Material wurde zu Promotionzwecken durch die Künstleragentur zur Verfügung gestellt, der ‘Praktikant Johannes’ hat den Hip-Hop-Star Tyler the Creator hierfür nicht getroffen. Tyler the Creator ist dafür bekannt, dass er keine Interviews gibt. Dieser Beitrag ist Ausdruck eines satirischen Umgangs mit der Attitüde eines Sängers, der vollständig gestaltete Beitrag wurde im übrigen so von der Plattenfirma abgesegnet.”
Daniel Bröckerhoff fragt in seinem Blog zu recht, wo bei dieser angeblichen Satire die Überspitzung bleibt. In der Mediathek des ZDF ist das Video weiterhin verfügbar. In der Beschreibung hieß es bis gestern Abend: “Das schrägste Interview aller Zeiten? zdf.kulturpalast-Praktikant Johannes lässt sich ein auf ein haarsträubendes Interview mit dem Bandleader von “Odd Future Wolf Gang Kill Them All”.
Die Erklärung der Redaktion: “In der Anmoderation dieses ‘Interviews’ in der zdf.kulturpalast-Sendung am 16.6. sagte Moderatorin Pegah Ferydoni: ‘...und weil diese Musik vor allem bei jungen Männern gut ankommt, haben wir gleich an unseren Praktikanten Johannes gedacht. Der hat noch nie im Leben ein Interview geführt. Deswegen haben wir ihn direkt zu Tyler the Creator geschickt. Na, Johannes, dann zeig mal, was du drauf hast.’” In der ZDF-Mediathek trägt der Clip seit Mittwochmorgen den Titel "Das schrägste Fake-Interview aller Zeiten".
Der aufmerksame Zuschauer dürfte sich gewundert haben, warum ein Musiker plötzlich von einem Praktikanten interviewt wird. Doch wundert die Haltung der Redaktion schon sehr, das Stück im Nachhinein als Satire zu verkaufen. Denn wer soll in dem Stück derjenige sein, der den Spott abbekommt?
Letzte Kommentare
30.06.11 19:51
ralf thoren
ich finde schon, dass man die satire aus dem beitrag raushört. wer die karriere des tylers verfolgt, dem kommmt das auch nicht ungewöhnlich vor, weil er für solche moves bekannt ist.
ausserdem ist doch das ganze Kulturpalast-format dafür bekannt, desöfteren mal mit dem auge zu zwinkern.
skandalfaktor eher gering, aber lustig allemal!
30.06.11 11:57
Patrick W.
Wenn man beim Lesen (ausgerechnet) eines Medien-Mediums dies "Oh, Honey"-Mitleidsgefühl bekommt, ist etwas ganz arg im Argen. Vor allem, wenn das Problem offenbar bei der Verständniskompetenz liegt.
"Das Interview ist gestellt, wie Dennis YX herausgefunden hat"… Das ist selbst für Meedia ein Tiefpunkt.
Zeigt aber schön, was passiert, wenn sich Medienmedien damit begnügen, vermeintliche Aufreger zu suchen und reflexhaft auf solche (vermeintlichen) Funde reagieren.
30.06.11 11:10
Timo Rieg
Ergänzung: Wenn das "Absegnenlassen" eines Beitrags natürlich zum Konzept der Satire gehört, ist daran nichts auszusetzen. Das sollte dann allerdings entsprechend dokumentiert werden (nicht zwingend im Beitrag).
30.06.11 10:51
Timo Rieg Web-Site
Eine Satire, Herr Disselhoff, an die man schreibt, sie sei eine Satire, ist meist keine mehr. Der Vorschlag, wie Sie es machen würden, klingt entsprechend langweilig. Satire braucht auch keine Überspitzung.
Bedenklich an dem ZDF Beitrag ist allerdings, dass er angeblich von der Plattenfirma "abgesegnet" wurde. Das diskreditiert natürlich jedes journalistische Stück. Ansonsten war das gut, gerade weil (relativ) dezent mit Stilmitteln der Satire gespielt wurde.
29.06.11 18:55
noch empörter über euch
ihr löscht also einfach kritische kommentare?
erst so tun, als seis die eigene geschichte, dann änderungen vornehmen und nicht kenntlich machen und dann kritische kommentare löschen. so geht also journalismus bei meedia? ob ihr diesen hier überhaupt freischaltet?! dann wirds woanders zu lesen sein..