Bei der Fußball WM kämpfen nicht nur die Teams um den Pokal - auch die Kommentatoren kämpfen darum, wer legitimer Nachfolger von Analyse-Meister Günther Netzer und seinem Zuspieler Gerhard Delling wird. Die ARD schickt Reinhold Beckmann und Mehmet Scholl ins Rennen, das ZDF setzt auf Katrin Müller-Hohenstein und Oliver Kahn und RTL spannt Günther Jauch und Jürgen Klopp vor den WM-Zug. Bereits jetzt zeigt sich: Der einzig legitime Nachfolger für Günther Netzer heißt... Oliver Kahn.
Was für eine Wandlung. Als Torwart-Titan (Bild) war Oliver Kahn auf dem Platz ein Rabauke. Kahn wie er schreit, Kahn wie er auf gegnerische Angreifer zurennt, Kahn wie er in der Bundesliga mit Bananen beworfen wird. Das sind die Bilder, die man vom Torwart Oliver Kahn noch im Kopf hat. Kahn war ein Vieh. Nachdem er bei der vorigen Weltmeisterschaft in Deutschland von Jürgen Klinsmann zu Gunsten von Jens Lehmann zur Nummer 2 degradiert wurde, erleben TV-Zuschauer bei der aktuellen WM in Südafrika nun einen ganz neuen, anderen Oliver Kahn. Er analysiert glasklar, weiß sich zu artikulieren, formuliert wohlbedacht, trägt bei Deutschland-Spielen gut sitzende Anzüge mit Binder.
Kahn kommt dabei seine Erfahrung als langjähriger Spitzentorwart zu Gute. Ähnlich wie Günther Netzer kann er, was die Erfahrung auf dem Platz betrifft, aus dem Vollen schöpfen. Der eigene Erfahrungsschatz wird von ihm hier und da vielleicht noch ein wenig überbetont ("Ich weiß das ja selbst." "Als Torwart bei einer WM muss man dies und jenes." etc.) aber das kann sich legen. Wichtig ist: Kahn macht keinen Firlefanz. Er spricht klar und erklärt präzise Stärken und Schwächen der eigenen Mannschaft und der Gegner wie das bisher nur Netzer fertiggebracht hat.
Kahn hat eine eigene Sicht der Dinge, die er stets gut begründet. Zum Beispiel war seine Interpretation für das Tor Serbiens gegen Deutschland die bestechendste. Nämlich dass die deutsche Mannschaft noch zu sehr mit dem Platzverweis für Miroslav Klose beschäftigt war. Im Prinzip banal, aber in der Kürze der Zeit und der Hitze der Emotion muss man das erst einmal so auf den Punkt bringen. Kahn zu Gute kommt außerdem, dass das ZDF ihm mit Katrin Müller-Hohenstein eine adäquate Partnerin zur Seite gestellt hat. Ihren kleinen Ausrutscher mit dem "inneren Reichsparteitag" kann man getrost vergessen. Sie macht ihre Sache prinzipiell gut, weil sie sich nicht selbst in den Vordergrund drängt, sondern Kahn das Analyse-Feld allein überlasst. Der Original-Delling beansprucht fast schon zu viele Pointen für sich selbst. Katrin Müller-Hohenstein ist wahrscheinlich sogar der bessere weibliche Delling.
Während das ZDF mit dem unwahrscheinlichen Duo Müller-Hohenstein/Kahn einen sehr guten Delling/Netzer-Ersatz gefunden hat, tut sich die ARD selbst mit der Nachfolge von Analyse-Großmeister Netzer deutlich schwerer. Mehmet Scholl als Experte ist zwar sympathisch und versteht auch eine Menge vom Fußball. Seine Analysen wirken aber nicht so bestechend wie die Kahns. Auch charismatisch hat der Ex-Torwart einiges mehr zu bieten. Kahn ist einfach eine Type, Scholl bleibt vergleichsweise blass. Scholls größtes Problem ist aber sein Widerpart Reinhold Beckmann. Der sieht sich mittlerweile zum ARD-Intensiv-Talker vom Dienst gereift und eigentlich ist es unter seiner Würde, bei der WM Stichwortgeber für Mehmet Scholl zu spielen. So kommt er jedenfalls rüber. Eine gewisse Lustlosigkeit, gepaart mit einem Schuss Arroganz - da kann die Chemie nicht stimmen.
Keine großen Worte verlieren muss man über das Duo Günther Jauch und Jürgen Klopp bei RTL. Beide geben ein bisschen zu sehr die Fußball-Clowns von der Fan-Meile und albern in der Halbzeit herum statt Tacheles zu reden. Jauch spult routiniert sein Programm ab, Klopp agiert wie schon beim ZDF am Rande der medialen Überforderung. Fürs ZDF ist "Kloppos" Weggang zu RTL jedenfalls ein eher ein Gewinn.
Und das Original? Gerhard Delling und Günther Netzer sind in ihrem Zusammenspiel aus Sachkenntnis und feiner Ironie nach wie vor unerreicht. Aber die beiden hatten ja auch seit 1998 Zeit, ihr Kommentatoren-Spiel zu optimieren. Netzer ist wahrscheinlich der einzige Ex-Fußballer, der ein Spiel intelligent analysieren kann und dabei auch noch Ironie ins spielt bringt. Das Ironische fehlt Oli Kahn noch. Aber der hat sich ja auch gerade mal warm analysiert.
Letzte Kommentare
13.07.10 12:03
Judith Torma Web-Site
Wo bleibt der kritische Blick? Gibt es hier nur schwarz oder weiß? Der eine ist nur gut, der andere nur schlecht? Sportler sind und werden keine ausgereiften Journatlisten mit dem Blick fürs wesentliche. Sicherlich gibt es die eine oder andere Persönlichkeit, der der Sprung vom Sport in die Medienwelt gelungen ist, diesen dreien hier eher nicht. Vielleicht haben die jüngeren ja noch den Mut dazu zu lernen.
29.06.10 10:53
Medien Kritiker
Warum der Autor Oliver Kahn als TV-Experten so in den Himmel hebt, bleibt mir unverständlich. Wenn er jedoch beim Duo Delling/Netzer die 'feine Ironie' von letzterem lobt, dann fehlen mir die Worte. Bei Netzer merkt man, dass er seinen Job als Kommentator lieber heute als morgen aufgeben würde. Die Rollen des 'unwissenden Morderators' Delling und 'des unbeweglichen, langsamen Siebziger-Jahre-Fußballers' nerven nur noch. Auch wenn Netzer einige Situationen aus der Live-Kommentierung sehr gut richtigstellt (z.B. der "Torwartfehler Neuer" beim 2:1 für England[Herrn Simon] wird von ihm klar als Fehler der Abwehrspieler herausgestellt.)Die Analyse einzelner Spielsituationen ist in der ARD z.T. unterirdisch, weil nicht die eigentliche Situation gezeigt wird, sondern in der Totalen auch noch die Moderatoren eingefangen werden.
Die Analyse einzelner Spielzüge gelingt immer noch Jürgen Klopp (via Touchscreen)am besten. Jedoch gehen dessen Analysen oftmals im Gegröhle des Mobs vor der Bühne unter. Das Konzept einer Analyse vor 'Live-Publikum' ist bei RTl komplett gescheitert, denn der Mob ist an solchen Analysen nicht interessiert, sondern feiert lieber (sich selbst). Die Ansätze dazu waren bereits in der sog. WM-Arena des ZDF vor vier Jahren zu sehen, als das Publikum während der Analysen ebenfalls unbeindruckt weiterklatschte und -trampelte.
Mehmet Scholl zeigt gute Ansätze, doch hält er sich bisher mit Negativkritik stark zurück, weil er wohl selbst weiß, wie angreifbar er noch ist, da er bisher außer einem recht durschnittlichen Job als Trainer der Bayern Amateure und dem Trainerschein nach seiner aktiven Spielerkarriere wenig vorzuweisen hat.
23.06.10 20:12
Karl Punkt
Es ist einfach nur eine qual für die Augen wenn man diesen doch äusserst unansehnlichen Herrn Netzer anschauen muss. Da ist doch jedes Auge beleidigt.
Analyse hin oder her, solch ein Analytiker braucht man nicht.
Wenn ich eine frischen und angenehmen Memmet Scholl sehe ist dies einfach auch für das Auge ein Pracht.
Selbst ein Oliver Kahn der selbstverliebt wirken mag ist Stilsicher in der Optik, was man von Herrn Netzer wohl sicher nicht sagen kann.
Kann ein Mann der mitlerweile, laut meine recherchen 66 Jahre alt ist nicht auch eine würdevolle Optik seinem Alter entsprechen schliesslich sind die sechzieger und siebzieger schon lange vorbei und seine Jugend auch.
Bitte Herr Netzer gehen Sie zu einem Typberater und lassen sich die Haare schneider und entfärben.
Ch. P
23.06.10 01:50
Kano Nese
eine sehr eigene interpretation legen sie mit diesem artikel vor.
ich kann mich einem vorschreiber anschließen, denn auch mich lässt das ganze nur mit verwunderung und kopfschütteln zurück.
haben sie sich die jeweiligen "experten" für mehr als fünf minuten angeschaut, bevor sie zur feder gegriffen haben?
23.06.10 00:36
Siggi Schland
Ich halte diesen Artikel für Satire. Kahn macht doch keine Analysen, er drischt öde Phrasen. Sachlich liegt er auch öfter daneben und gibt sich ansonsten so, wie er eben ist. Selbstverliebt, pathetisch, humorlos und ohne jeden Charme. Und dass Kahn zu seiner akrtiven Zeit nicht grade der Meister des Spielverständnisses und der Antizipation war ist ja auch kein Geheimnis. Mittlerweile mache ich drei Kreuzchen, dass ich einen Pub nebenan habe, der Sky-TV hat. So komme ich in den Genuss von Jens Lehmanns tatsächlichen Spielanalysen, die dieser wohlbemerkt mit einem gewissen Charme vorträgt, anstatt wie Kahn einzuschläfern.
Scholl auf der ARD ist auch sehr angenehm. Wirklich, hört endlich auf diesen egoistischen Unsympathen besser zu schreiben als er ist und jemals war. Es soll ja auch Leute geben, die Kahns Zeit in der Nationalmannschaft komplett bewerten und nicht nur nach ein paar WM-Spielen, was dann nicht so positib für Kahn ausfällt.