Die erste “Anne Will”-Sendung am späten Mittwochabend war eine kleine Überraschung. Was mit dem Einzelgespräch mit dem Berliner Starkoch und ehemaligen Gang-Mitglied Tim Raue beschaulich begann, entwickelte sich zu einer unterhaltsamen und kontroversen Diskussion zum Thema Jugendgewalt. Vor allem der Gäste-Mix machte den Charme aus: Tim Raue plus Edmund Stoiber plus Sido plus Veronica Ferres. Auch die Gastgeberin wirkte sehr zufrieden mit ihrem Neustart.
Anne Will strahlte zwischendurch gar wie ein Honigkuchenpferd. Sie hat wohl während der Sendung gemerkt, dass es gerade ziemlich gut lief. Wenn Sido auf Ede Stoiber losging und herausplatzte, dass der normale Problem-Jugendliche von dem gerade stattfindenden staatsmännischen Gerede einen Scheißdreck versteht und statt so eine Sendung zu gucken wahrscheinlich gerade irgendwo ein Auto anzündet, dann war das unter Talkshow-Gesichtspunkten eine kleine Sternstunde. Umso mehr, als sich der altersmilde gewordene Stoiber wirklich auf die Diskussion einließ und vor allem gegen Ende so sehr menschelte wie wahrscheinlich nie zu seiner Amtszeit.
Aber es gab nicht nur Krawall und Seelen-Strip. Am Anfang, als der vom Gang-Mitglied zum Spitzenkoch geläuterte Tim Raue im Einzelgespräch dran war, wehte ein Hauch von “Beckmann”-Stimmung durchs Studio. Nachher war dann eher “Maischberger”-Atmo angesagt - mit gemütlichen Ledersesseln statt den früheren Stühlen. Es tat Anne Will und ihrer Sendung gut, dass sie nicht die üblichen Knallchargen aus dem Berliner Betrieb zu Gast haben musste, um zum x-ten mal die Krise der FDP, gesundheitspolitisches Trallala oder Libyen durchzukauen.
Offenbar kann Frau Will mit gesellschaftlichen Themen wie Jugendgewalt besser umgehen. Ihre Gesprächsführung war jedenfalls angenehm zurückhaltend aber doch souverän. Sie war halt gut drauf und man spürte, wie schon in ihren letzten Sonntag-Sendungen, dass da ein gewisser Druck abgefallen war. Gelungen war die Auftakt-Sendung der neuen “Anne Will” aber vor allem wegen der Gäste-Auswahl. Tim Raue ist ein interessanter Typ. Dazu den erfrischend unberechenbaren Sido, Edmund Stoiber und Christian Nürnberger als gutmütiger SPD-Onkel - das hatte was. Sogar Veronika Ferres, die in erster Linie Werbung für ihren nächsten ARD-Film machte, störte nicht weiter - und das will ja was heißen.
Das Grinsen von Anne Will wurde im Laufe der Sendung jedenfalls immer breiter. Da war jemand mit sich und der neuen, bescheideneren Rolle im neuen, großen ARD-Talkzirkus sichtlich zufrieden. Es sei ihr gegönnt.
Die besprochene Sendung in voller Länge in der ARD-Mediathek
Letzte Kommentare
02.09.11 01:10
M Cohrs
Ich habe das Gefühl, die Medien schonen Frau Will - vielleicht aus Mitleid, weil die ARD sie Dank Jauch so schnell von ihrem Sonntagsschlafplatz zu entsorgen wusste? Und wie Jauch sich schlagen wird, ist noch ungewiss...
Da wartet der Journalist an sich mal lieber ab, bis er Frau Will abschießt. Leider aber hätten sie und ihre Redaktion es für diese Sendung verdient gehabt. Das war so öde, öder gehts nicht. Erkenntnisgewinn gleich Null. Ach nee, stimmt nicht. Erkenntnisgewinn: Frau Ferres hat einen neuen Film gedreht, der beworben werden muss.
Frau Will ist eine tolle Journalistin und sollte lieber zu den tagesthemen zurück kehren oder tolle Reportagen a la Aust machen und das unsägliche Plappergeschäft der ARD an den Nagel hängen.
02.09.11 01:08
M Cohrs
Ich habe das Gefühl, die Medien schonen Frau Will - vielleicht aus Mitleid, weil die ARD sie Dank Jauch so schnell von ihrem Sonntagsschlafplatz zu entsorgen wusste? Und wie Jauch sich schlagen wird, ist noch ungewiss...
Da wartet der Journalist an sich mal lieber ab, bis er Frau Will abschießt. Leider aber hätten sie und ihre Redaktion es für diese Sendung verdient gehabt. Das war so öde, öder gehts nicht. Erkenntnisgewinn gleich Null. Ach nee, stimmt nicht. Erkenntnisgewinn: Frau Ferres hat einen neuen Film gedreht, der beworben werden muss.
Frau Will ist eine tolle Journalistin und sollte lieber zu den tagesthemen zurück kehren oder tolle Reportagen a la Aust machen und das unsägliche Plappergeschäft der ARD an den Nagel hängen.
01.09.11 15:45
Frederik Weiss
Auch ich habe beim Lesen von Kommentaren manchmal den Eindruck, eine andere Sendung gesehen zu haben, was aber kein Grund zur Aufregung ist. Kein Artikel ist "überflüssig", Herr Zukker!
Fakt ist, dass sich die Sendung durch ein unstrukturiertes Durcheinander auszeichnete. Die für Anne Will -trotz wochenlanger Medien- und Trailerunterstützung- desaströse Quote wurde vorsichtshalber nicht erwähnt.
Es scheint, die bisherigen Stammzuschauer haben andere Kanäle besucht und für das aktuelle Thema "neue Zuschauer" waren -wie Sido grinsend vermutete- mit dem Anzünden von Autos beschäftigt.
Den Mann von Petra Gerstner (mit bekannter Standardkritik an Stoiber) konnte man sich ebenso sparen, wie den etwas verwirrt und langatmig agierenden "liebevollen" Edmund Stoiber.
Zieht man Frau Ferres als menschgewordenen Trailer für ihren neuen Film ab, bleiben noch Sido und Raue. Die haben für ihre Verhältnisse -ohne Talkshow-Übung- eine passable Sendung abgeliefert.
01.09.11 14:03
Zakarias Zukker
Lieber Herr Winterbauer, ich kann aus meinem Statement keine "pauschale Beschimpfung" herauslesen.
Wenn Sie gerne konkrete Anmerkungen möchten, bitte gerne: Ihr Einstieg ist sehr sachlich, daher überrascht es mich umso mehr, im weiteren Verlauf Formulierungen wie "Atmo", "die üblichen Knallchargen", "gesundheitspolitisches Trallala" oder "Sie war halt gut drauf" vorzufinden. Der wilde Stilmix des Artikels spricht mich zugegebenermassen nicht an, ich halte ihn auch nicht für angemessen.
Beste Grüße.
01.09.11 13:48
Stefan Winterbauer
@Zakarias Zukker Machen Sie Ihre Kritik bitte konkret und vermeiden sie pauschale Beschimpfungen unter Pseudonym.