Politik- und Medienexperte Michael Spreng ist unzufrieden mit den Wahlkampf-Formaten der deutschen TV-Sender. Die politischen Verhältnisse hätten sich verändert, die großen Volksparteien seien lange nicht mehr so dominant wie früher. Diese Entwicklung habe das deutsche Fernsehen verschlafen. Auch das TV-Triell sei keine Lösung. Sprengs Prognose im Interview mit MEEDIA: "Wir werden in diesem Wahlkampf das letzte TV-Duell erleben." Über den aktuellen Wahlkampf sagt er: "Merkel will, Steinmeier kann nicht."
Wo liegen die Unterschiede in dem aktuellen Wahlkampf zu den vergangenen Wahlkämpfen?
Der Wahlkampf findet aus der großen Koalition heraus statt mit zwei Kandidaten, die sich ziemlich ähnlich sind. Da ist zum einen die Kanzlerin Angela Merkel, die keinen Wahlkampf machen will und zum anderen ihr Herausforderer Frank-Walter Steinmeier, der offenbar nicht in der Lage ist, Wahlkampf zu führen. Beide sind pragmatisch nüchtern und rhetorisch nicht besonders begabt. Insofern unterscheidet sich dieser Wahlkampf schon sehr von vergangenen Auseinandersetzungen etwa zwischen Kohl und Schröder oder Strauß und Schmidt. Es handelt sich also um einen sedierten Wahlkampf.
Warum will Merkel keinen Wahlkampf machen?
Ihre Strategie ist die Demobilisierung der SPD-Wähler. Dazu vermeidet sie polarisierende Themen und geht Konfrontationen aus dem Weg. Sie will als ruhige, sachliche, sich kümmernde Regierungschefin erscheinen, die bis zuletzt ihre Pflicht tut. Diese Strategie ist bei ihr allerdings nicht neu. Sie hat schon 2002 Edmund Stoiber empfohlen, "auf Samtpfoten an die Macht" zu kommen, selbst aber 2005 dagegen verstoßen.
Und warum kann Frank-Walter Steinmeier keinen Wahlkampf führen?
Ich will Steinmeier nicht zu nahe treten, aber ein Spitzenbeamter mit 53 Jahren wird kein Parteipolitiker mehr, geschweige denn ein Wahlkämpfer. Das kann man nicht mehr lernen. In dem Alter kann man auch keine neue Sprache mehr lernen, wenn man sein Leben lang eine andere gesprochen hat. Das ist sein Handicap, auch wenn er zweifelsohne ein guter Spitzenbeamter ist.
Kann man damit die katastrophalen Umfragewerte der SPD erklären?
Die Unfähigkeit Steinmeiers zu führen, ist nur ein Teil der Misere der SPD. Die Hauptgründe dafür liegen tiefer. Etwa in der innerparteilichen Auseinandersetzung mit der Agenda 2010, die einen lang anhaltenden Selbstzerfleischungsprozess bei den Sozialdemokraten ausgelöst hat. Zudem zeigen die vielen Wechsel an der Parteispitze, dass die SPD sich ihrer eigenen Identität nicht mehr sicher ist. Da ist Steinmeier gewissermaßen ein Symbol dafür, aber er ist bestimmt nicht der Hauptschuldige.
Was muss Frank-Walter Steinmeier machen, um noch einen Chance zu haben?
Im Grunde kann Steinmeier nichts mehr ändern. Er kann sich nicht so kurz vor der Wahl noch einmal neu erfinden. Außerdem wäre das unglaubwürdig. Er kann jetzt nur noch darauf hoffen, dass Frau Merkel, die CDU/CSU oder die FDP Fehler machen.
Wie bewerten Sie Steinmeiers Auftritt bei RTL am Sonntagabend?
Ich habe die Fragestunde zwar gesehen, musste mich allerdings immer wieder bei Anne Will im Ersten davon erholen. Da saß Peer Steinbrück, der mir der liebere Kandidat gewesen wäre. Die Performance von Steinmeier war bitter. Er war nicht in der Lage, einfache präzise Antworten auf einfache präzise Fragen zu geben. Als Anwärter auf das Kanzleramt muss man eine andere Sprache sprechen – eine, die die Wähler verstehen und sie emotionalisiert. Auf die Frage, ob die Krankenkassenbeiträge steigen werden, erzählte Steinmeier langatmig vom Erfolg der Gesundheitsreform. Ein Spitzenpolitiker muss seine Botschaften aber in kurzen Sätzen und in entsprechenden Bildern präsentieren können. Steinmeier verfügt dafür nicht über die richtige Sprache.
Die kleinen Parteien legen zu. Wie wichtig ist das TV-Triell der Öffentlich-rechtlichen?
Ich sehe die Bemühungen der Fernsehsender generell kritisch. Dort hat man offensichtlich noch nicht begriffen, welchen Wandel die Politik in Deutschland gerade durchmacht. Die großen Volksparteien verlieren permanent an Zustimmung, insofern werden wir schon bei der Wahl 2013 keine richtigen Kanzlerkandidaten mehr haben. Daher sind Formate wie das TV-Duell und auch das TV-Triell obsolet.
Was können die TV-Sender besser machen?
Ich wünsche mir fast die alten Elefantenrunden zurück, in der alle großen Parteienvertreter miteinander diskutieren. Vorstellbar wären auch mehrere TV-Duelle, in denen die Spitzenkandidaten aller Parteien gegeneinander antreten. Zum Beispiel Lafontaine gegen Steinmeier oder Künast gegen Merkel. Das entspräche viel mehr der politischen Realität in diesem Land und wäre für den Wähler weitaus interessanter. Das Fernsehen muss für diesen Wandel entsprechende Formate entwickeln, daher gehe ich davon aus, dass wir in diesem Wahlkampf das letzte Mal ein Kanzler-Duell im TV erleben werden.
Wer gewinnt das TV-Duell?
Ich sehe de facto ein null zu null, wobei Merkel in der öffentlichen Wahrnehmung gewinnen wird – wegen des Kanzlerinnen-Bonus.
Was muss Steinmeier machen, um Boden beim TV-Duell gut zu machen?
Er muss versuchen, die Wahlkampfvermeidungspolitik von Frau Merkel zu entlarven. Er muss versuchen sie zu dringenden Fragen Stellung beziehen zu lassen. Er muss sie mit den Problemen der Zukunft konfrontieren. Zum Beispiel wie die Schulden abgebaut werden sollen, was aus unserem Sozialversicherungssystem wird und ob der Generationenvertrag hält. Also all die Fragen, die bisher im Wahlkampf von beiden Parteien ausgeklammert werden.
Wo liegen die Unterschiede zur Obama-Kampagne?
Wir haben keinen Obama. Damit fängt es an. Es gibt derzeit keinen deutschen Politiker, der die Menschen begeistert und auch emotional erreicht. Das hängt auch mit der Sprache zusammen. Wenn Obama über die Gesundheitsreform spricht, dann erzählt er die Geschichte seiner Großmutter und wie sie gestorben ist. Das berührt die Menschen und bricht gleichzeitig einen komplizierten Sachverhalt auf eine verständliche, menschliche Ebene herunter. Diese Form des Storytelling beherrscht in Deutschland keiner.
Fehlen den Parteien die charismatischen Typen?
Ja, charismatische Figuren sind das A und O in der Politik. Davon haben wir in Deutschland aber derzeit keine.
Wer könnte das in absehbarer Zeit werden?
Karl Theodor zu Guttenberg könnte diese Rolle vielleicht ausfüllen. Von seiner geistigen und materiellen Unabhängigkeit geht eine Strahlkraft aus, die ihm viele Sympathien bei den Wählern einbringt. Mit seiner Prinzipienfestigkeit könnte er ein Zukunftsmodell für deutsche Politiker werden, wenn ihn Angela Merkel und Horst Seehofer nicht vorher wieder klein machen. Auch bei der SPD sehe ich Potential, zumindest für eine gute Opposition. Sigmar Gabriel könnte ein schlagkräftiger Oppositionsführer werden, sofern die Sozialdemokraten die Kraft besitzen, ihn zum Fraktionschef zu machen.
Was könnten die deutschen Agenturen bei den politischen Kampagnen besser machen?
Die Agenturen sind nicht zu beneiden. Wahlkämpfe sind für sie Graubrot, weil die Parteien nicht den Mut haben, ihnen mehr Freiraum zu geben. Es gab vor ein paar Jahren eine Kampagne von der Agentur Shipyard, die den Wahlkampf von Ole von Beust in Hamburg gestaltet hat. Diese Kampagne war grafisch und von der Idee her originell, solche Fälle sind aber bislang die Ausnahme.
Welches Medium ist wichtiger für den Wahlausgang: TV oder Internet?
Noch können die Parteien im Fernsehen die Wähler besser erreichen. Die Unterstützergruppen in den sozialen Netzwerken im Internet sind bislang noch zu klein, um wirklich ins Gewicht zu fallen. Das kann aber 2013 schon anders sein.
Wie könnten die Parteien das Internet besser nutzen?
Das Internet ist ein Partizipationsmedium, insofern müssen die Parteien sich entsprechend öffnen und die Menschen beteiligen. Alle Formen von Frontalunterricht, etwa Parteitagsreden und dergleichen, bringen nichts, wenn man sie ins Netz stellt. Ich bin ein Anhänger von Internetmitgliedschaften, so wie es die französischen Sozialisten gemacht haben. Mit solchen Mitgliedschaften, die die gleichen Rechte wie konventionelle Mitgliedschaften beinhalten, könnten die Parteien vielleicht auch die jüngere Generation wieder zu mehr Parteiengagement bewegen.
Michael Spreng (61) schreibt über das politische Geschehen auf seinem Blog www.sprengsatz.de
Letzte Kommentare
04.09.09 02:32
Margit Hutter Web-Site
Die Dämlichkeit und Unverfrorenheit unserer Versager- und (legalen?) Betrüger-Eliten haben mich lange verstummen lassen. Deshalb melde ich mich erst reichlich verspätet zum Zusammenbruch des Kapitalismus. Ich bitte meine Leser um Verständnis.
Versager und Betrüger
Ich habe auf diesen Seiten auf die Kapitalismusfehler schon seit vielen Jahren hingewiesen und in meinem Begrüßungsvideo auf die Anfänge meiner Zweifel bereits im Jahr 1995 verwiesen. Ich habe auch auf meiner Startseite beschrieben, dass ich Angst habe vor den Versagern und (legalen?) Betrügern in unseren Chefetagen und im Politikbetrieb. Mir war immer klar, dass wer ein Schneeballsystem Staatsverschuldung betreibt, auch zu allen anderen denkbaren Schäden gegenüber der Bevölkerung fähig und skrupellos genug ist. Letztlich traue ich unseren Versagern und Betrügern auch zu, dass sie den Untergang der Erde riskieren teilweise aus Dummheit, aber auch aus Arroganz und Skrupellosigkeit, selbst wenn sie damit ihren eigenen Untergang besiegeln.
Monetäre Scheinwelten
Ich habe schon lange von monetären Schein- und Geisterwelten gesprochen. Damit waren die durch die Notenbanken und das Zinsezinssystem aufgeblähten Geldvermögen gemeint, die in der realen Welt keine Deckung haben und sich von einer Vermögensblase zur nächsten retten mussten. Die Welt der Finanzwetten hat dann dem Fass den Boden ausgeschlagen. Sie haben Werte erreicht, die locker das Zehnfache der Weltwirtschaftsleistung ausmachen können. Diese Wetten sind hauptsächlich geplatzt. Die notleidenden Hypotheken der armen amerikanischer Hauseigentümer sind niemals in der Lage gewesen, diesen weltweiten Zusammenbruch der Wirtschaft zu bewerkstelligen. Dies ist nur ein vorgeschobener Grund, um Verwirrung zu stiften. Aber das hat sich gelohnt. Die Bankenzocker haben die Regierungen genötigt mit falschen Horrormeldungen über einen Einsturz des Bankensystems, ihnen ihre Wettschulden zu ersetzen. Und dämliche Regierungen haben das getan. Und die Staaten dieser Regierungen kommen jetzt selbst in Bedrängnis wegen Überschuldung. Selbst das Eurosystem ist stark gefährdet. Es ist schon absurd, dass Regierungen eine monetäre Scheinwelt retten wollen, die nicht zu retten ist. Hätten die Regierungen mal den ehernen Grundsatz der Banken beherzigt, dann wären sie nicht auf die Banken hereingefallen. Dieser Grundsatz lautet:
Man wirft kein gutes Geld dem schlechten hinterher.
Die richtige Lösung ist immer noch, die Banken und andere Finanzinstitute kontrolliert bankrott gehen zu lassen. Auf diesen Seiten der Kapitalismusfehler fordern wir diesen kontrollierten Bankrott schon seit vielen Jahren. Die Notwendigkeit dieser Maßnahme ist schon seit vielen Jahren absehbar. Und sie betrifft nicht nur die Finanzbranche, sondern auch die Staatsverschuldung. Nach dem gigantischen Staatsschuldenaufbau in dieser Krise trifft das umso mehr zu. Das Bankensystem wird durch einen kontrollierten Bankrott nicht zusammenbrechen. Denn die Banken haben sich hauptsächlich selbst diese Wetten und Schrottpapiere angedreht. Auf dem Höhepunkt des Irrsinns haben die Banken versucht, sich gegenseitig zu betrügen. Ein wahrhaft makabrer Höhepunkt einer Geisterfahrt.
Während Staaten versuchen, die monetäre Geisterwelt zu sanieren, was nicht möglich ist, werfen sie gutes Geld dem schlechten hinterher. Gleichzeitig "fehlen" den Staaten die Mittel, um das Klima zu retten, neue Energien zu fördern und die Nahrungsmittelkrise in den Griff zu bekommen. Ist das der Höhepunkt der Geisterfahrerei oder ist ein noch schwerwiegenderes Fehlverhalten möglich?
Schlimmer als 1929
Ist diese Krise schlimmer als die Weltwirtschaftskrise von 1929? Meine Antwort ist eindeutig: Ja. Ich schließe dies aus einem Film über den Börsencrash 1929. In diesem Film wurde dieselbe Arroganz und Ahnungslosigkeit der damals herrschenden Clique gezeigt, wie wir das heute erleben. Weshalb es heute schlimmer ist, liegt in einem wesentlichen Unterschied. Die 1929 Verantwortlichen sind nach ihrem Versagen alle abgestraft worden. Einige haben sich selbst die Kugel gegeben oder haben sich aus den Fenstern ihrer Glaspaläste gestürzt, andere sind verurteilt worden, wurden ins Gefängnis geworfen, alle anderen haben nie mehr einen Fuß auf den Boden bekommen, sind auf Lebenszeit verachtet worden, haben meist ihr ganzes Vermögen verloren und in sind in Armut und Bitterkeit gestorben. Welch ein Unterschied zu heute. Heute sind alle Politiker, alle Chefredakteure, alle Leiter von Wirtschaftsinstituten, alle Lobbyisten, alle Polittalkmoderatoren, fast alle Manager und andere Verantwortliche für diesen Zusammenbruch noch in Amt und Würden. Und wenn jemand geschasst wurde, dann ist er mit Millionenabfindungen verabschiedet worden, die er möglichst noch unversteuert über eine Steueroase vor dem Fiskus in Sicherheit bringt. Hinzu kommt, dass nichts an den Zielen der Wirtschaft geändert wurde. Kein einziges Gesetz ist geändert worden, das zu dieser Misere beigetragen hat. Die neoliberale Ideologie soll in Reinkultur weiter betrieben werden, nachdem man dem Steuerzahler gigantische Billionen Schulden vor die Füße geschüttet hat. Danach soll alles bleiben, wie es ist. Die Reichen und Schönen wollen sich ohne Skrupel weiter auf Kosten der Bevölkerung ein schönes Leben machen.
Die EU hat immer noch die gleichen Ziele wie vor der Krise. Die Kapitalvermehrung und die größtmöglichen Renditen sind weiterhin oberste Ziele des Wirtschaftens. Dafür wird auch in Kauf genommen, dass man diese Ziele gegen die eigene Bevölkerung und andere Staaten mit Gewalt und Militär durchsetzen muss. Demokratische Rechte sind da nur hinderlich, deshalb ist eine zunehmend undemokratischere EU, aber auch Bundesrepublik Bedingung für diesen Coup gegen die Bevölkerung. Die Versager und Betrüger haben nichts verstanden, wollen nichts verstehen. Das macht die Sache so gefährlich.
Erbärmliche Kreaturen
Eines darf Sie trösten. Diese erbärmlichen Kreaturen haben trotz ihrer Millionen ein erbärmliches Leben. Denn nichts kann diesen Leuten das Leben so vermiesen wie die Verachtung der Bevölkerung, ihr Eingeständnis immer wieder gescheitert zu sein. Denn die früheren masters of the universe sind zu masters of desaster geworden. Vorbei sind die Zeiten, in denen ihnen noch jemand zuhört, vorbei die Zeiten, in denen Schreiberlinge die Bevölkerung für dumm verkaufen konnten, bemitleidenswert die Fernsehdiskussionen mit Talkmastern, die immer noch die falschen Fragen stellen an Leute, die bewiesen haben, dass sie nichts verstehen, am Wohl der Bevölkerung nicht das geringste Interesse haben. Diese Veranstaltungen sind gespenstisch, haben mit der Realität nichts mehr zu tun.
In eigener Sache
Erbärmliche Kreaturen, Versager, Betrüger, Unverfrorenheit, Dämlichkeit etc sind nicht mein bevorzugtes Vokabular und mein Stil. Im Gegenteil, es kostet mich einige Überwindung, diese Begriffe zu verwenden. Trotzdem muss man die aktuelle Situation so beschreiben, wenn wir - die Bevölkerung - überhaupt eine Chance haben wollen, um zu überleben. Dazu gehört, dass wir denen jeden Respekt verweigern, die keinen Respekt verdienen, sondern nur verachtenswert sind. Ich beschreibe die aktuelle Situation in so drastischen Worten stellvertretend für viele, die es ähnlich empfinden, aber nicht die Möglichkeiten haben oder sehen, dem auch öffentlich Ausdruck zu verleihen. Wir müssen erreichen, dass die Versager und Verlierer jeden Einfluss auf die Öffentlichkeit und auf das reale Geschehen verlieren. Verantwortung haben diese Leute nicht übernommen, verurteilt worden sind sie auch nicht. Millionen und Milliarden wollen sie weiterhin kassieren. Nachdem ihre legalen oder kriminellen betrügerischen Geschäftsmodelle gescheitert sind, wollen die Versager und Betrüger jetzt direkt vom Steuerzahler in einer verarmenden Bevölkerung weiterhin Millionengehälter und Milliardenrenditen. Unverschämter geht es wirklich nicht. Und Sie zahlen dafür mit Jobverlust, geringen Löhnen und Gehältern, sinkenden Sozialleistungen, höherer Umsatzsteuer, Umweltzerstörung etc. Dafür sind die in diesem Kommentar gebrauchten Begriffe noch zu harmlos.
Alles falsch gemacht
Kann man eigentlich in einem Wirtschaftssystem alles falsch machen? Nach den Gesetzen der Wahrscheinlichkeit ist dies schwer vorstellbar. Wenn also in einem System alles falsch gemacht wird, dann muss Absicht und Zielstrebigkeit dahinter stecken. Wenn alle Maßnahmen sich zum Nachteil der Bevölkerung auswirken, dann kann das kein Zufall mehr sein. Tröstlich für Sie: Diesmal haben die masters of desaster übertrieben. Diesmal gibt es keine Rückkehr zum alten System. Dazu ist der Schaden zu groß. Richtig ist aber auch, dass die Situation sich erheblich verschlechtern wird. Wir werden dafür zu sorgen haben, dass nur die am alten System unverdient reich Gewordenen den Schaden bezahlen. Weiterhin tröstlich für Sie, das wird auch so kommen. Denn die Bevölkerung hat diese Vermögensbestände nicht, um den Schaden einigermaßen zu reparieren. Das können und werden nur die zwangsweise machen müssen, die sich am bisherigen falschen und betrügerischen System bereichert haben.
Brauchen wir ein anderes Wirtschaftssystem?
Inzwischen ist wohl auch manchem klar geworden, dass eine verarmende Bevölkerung und ein stabiles Wirtschaftssystem nicht vereinbar sind. Nur wenn die Leute das auch kaufen können, was sie herstellen oder dienstleisten, entsteht ein Wirtschaftskreislauf, der funktioniert. Dies ist das oberste Wirtschaftsprinzip jeden Wirtschaftens, ganz gleich welchen Namen ein Wirtschaftssystem hat. Das hat schon der alte Ford vor ca. 100 Jahren gewusst, der kurzerhand die Löhne seiner Leute verdoppelte, damit sie sich auch die Autos leisten konnten, die sie herstellten.
Ganz sicherlich brauchen wir andere Ziele des Wirtschaftens. Wir müssen das System vom Kopf auf die Füße stellen. Nicht Höchstrenditen sind zu erwirtschaften, sondern das größtmögliche Gemeinwohl. Darunter hat man sich vorzustellen, größtmöglicher Wohlstand für die große Mehrheit der Bevölkerung und nicht größtmöglicher Wohlstand für eine kleine (betrügerische?) Minderheit. Dies alles in Einklang mit der Natur und nicht unter größtmöglicher Schädigung der Natur. Allein diese Änderung bei der Zielsetzung reicht aus, um auf einen tragbaren Pfad des Wirtschaftens zurückzukehren. Also: nicht das Kapital muss sich wohlfühlen - es ist nur Diener - sondern Bevölkerung und Natur müssen sich wohlfühlen. Um zu diesen Erkenntnissen zu gelangen, ist nun wirklich nicht viel Einsicht nötig. Wenn diese Einsicht bisher nicht genutzt wurde, liegt das an der bösen Absicht der Leute, die sich bisher für Eliten hielten, in Wirklichkeit aber die masters of desaster sind.
Börsenumsatzsteuer statt Mehrwertsteuererhöhung
Auch in einem kranken System kann man falsche und bessere Entscheidungen treffen. Eine dieser fatalen Falschentscheidungen war die Erhöhung der Mehrwertsteuer um drei Prozentpunkte von 16 auf 19 Prozent im Jahr 2007. Das war die größte Steuererhöhung aller Zeiten. Und sie ist verpufft. Und sie hat beträchtlichen Schaden angerichtet. Es ist eine der übelsten Entscheidungen der letzten Jahre auf unterstem Niveau. Zum einen trifft die Steuer die geringen und mittleren Einkommen besonders hart. Das ist wirtschaftlich unsinnig und ungerecht. Aber die große Koalition glaubte sich das leisten zu können. Ein Kaufkraftverlust von ca. 20 Milliarden Euro pro Jahr ist die Folge. Also in den beiden Jahren 2007 und 2008 ist ein damit ein Programm zum Abwürgen der Konjunktur in Höhe von 40 Milliarden Euro aufgelegt worden. Jetzt muss man mit neuen Schulden dies wieder ausgleichen. Da hat sich das Ausplündern der Bevölkerung gerächt. Wir haben einen Wirtschaftskreislauf, wo man nicht ohne Konsequenzen ständig die Bevölkerungsmehrheit belasten kann und die Reichsten ständig von der Finanzierung des Gemeinwesens freistellen kann. Die SPD hat mit dieser Aktion zum zweiten Mal ihre Seele und Glaubwürdigkeit verloren. Mit massivem Wortbruch hat sie einer Mehrwertsteuererhöhung zugesimmt, die sie im Wahlgang noch massiv abgelehnt hat. "Merkelsteuer - das wird teuer." Man hätte sich gewünscht, dass die scheinheilige mainstream-Presse bei diesem Wortbruch massiv dagegen gehalten hätte. Aber dieser Wortbruch passte ihr gut ins Kalkül ihrer neoliberalen Verblendung. Da selbst Großbritannien zur Ankurbelung der Konjunktur die Mehrwertsteuer gesenkt hat und schon lange eine Börsenumsatzsteuer hat, sollte das in Deutschland auch möglich sein. Also Mehrwertsteuererhöhung zurück wieder auf 16%. Börsenumsatzsteuer rauf von 0 auf 0,5%. Angst vor der Finanzindustrie muss ja nun wirklich niemand mehr haben. Dies würde ein Konjunkturprogramm von ca. 20 Milliarden Euro bedeuten und zwar ohne neue Schulden. Denn die Börsenumsatzsteuer würde ebenfalls 20 Milliarden Einnahmen bringen. Wie gesagt, auch in einem kranken Wirtschaftssystem kann man schlechte und bessere Entscheidungen treffen. Man kann die Bevölkerung stärken oder man kann die Reichen noch reicher machen. Und diese Entscheidung ist offensichtlich so schwer, dass man ständig die falsche Alternative wählt. Aber der Wirtschaftskreislauf und die Natur nehmen das sehr übel.
Weitere Krisen
Weitere Krisen sind entstanden bei unserer Währung Euro, bei Staatspleiten, Überschuldung, dem katastrophalen Einbruch der Wirtschaftstätigkeit, insbesondere bei den Autobauern, dem Jobabbau, und das alles im weltweiten Maßstab.
Zinseszins und Freiwirtschaft
Über allem thront ein fehlerhaftes Geld- und Zinssystem, das der Bevölkerung die Luft abschnürt und den Reichen Millionen und Milliarden in die Taschen spült. Wenn selbst gestandene Börsenmakler wie Dirk Müller in seinem aktuellen Buch Crashkurs das Zinseszinssystem als Crashsystem bezeichnen, das notwendigerweise zum Zusammenbruch führen muss, dann sollten alle Alarmglocken schrillen. Wenn nicht jetzt, wann dann wollen wir die Scheuklappen ablegen und - vielleicht noch nicht zu spät, ein fehlerfreies Geld- und Zinssystem einführen.
Dirk Müller:
"Unser Wirtschaftssystem wird kollabieren. So wie alle Systeme, die auf Zins und Zinseszins beruhen, in den vergangenen Jahrtausenden kollabieren mussten. Das ist mathematisch auch gar nicht anders möglich."
Seite 105 und weiter auf Seite 203:
"Unser aktuelles Zinseszinssystem ist nicht die beste aller Welten. Ob es die Freiwirtschaft ist, vermag ich nicht zu sagen. Sie hat sicherlich bestechende Vorteile."
Mehr von den Krisen und dem fehlerhaftem Geldsystem in der Fortsetzung dieses Artikels.
18.08.09 19:54
Klaus Schwarzbach
Das ist eine sehr gute Analyse, die eine weite Verbreitung finden sollt. Herr Spreng sollt die honorarfreie Verbreitung, den honorarfreien Abdruck gestatten.
18.08.09 19:36
Jean-Luc Levasydas
"Ich bin ein Anhänger von Internetmitgliedschaften, so wie es die französischen Sozialisten gemacht haben. Mit solchen Mitgliedschaften, die die gleichen Rechte wie konventionelle Mitgliedschaften beinhalten, könnten die Parteien vielleicht auch die jüngere Generation wieder zu mehr Parteiengagement bewegen."
Den " Erfolg " den die P.S. derzeit in Frankreich hat, hat M. Spreng wohl nicht gesehen...