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Die merkwürdigen Nebengeschäfte von Anja Kohl

Schleichwerbe-Verdacht gegen ARD-Expertin

Die wegen ihrer Nebentätigkeiten für die Wirtschaft in die Kritik geratene ARD-Börsenmoderatorin Anja Kohl hat in Veröffentlichungen in auffällig positiver Weise Versicherungsprodukte angepriesen. Kohl ist seit längerem für Unternehmen tätig, die auch Gegenstand ihrer Berichterstattung sind, unter anderem für Anbieter von Finanzprodukten. Dabei sollte Kohl eigentlich unabhängig berichten. Heute Abend moderiert sie in Bad Soden eine Veranstaltung für den Immobilienpartner der TaunusSparkasse.

Am 25. Mai moderierte Kohl im Depot der Frankfurter Rundschau zuletzt eine Diskussionsrunde, diesmal für Corpus Sireo, den Immobilienpartner der TaunusSparkasse. Die zweiteilige Veranstaltung wird heute Abend im Ramada Hotel Bad Soden fortgesetzt. Mit den Sparkassen pflegt die ARD-Journalistin offenbar ein enges Verhältnis: Bereits 2007 moderierte sie auf dem 2. Mittelstandsforum Hessen, das den Titel "Banken und Sparkassen im Dialog mit Unternehmern" trug. Zu den Mitausrichtern des Forums gehörte auch die Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba), die die Verbundsparkassen in Hessen und Thüringen mit Finanzprodukten und Dienstleistungen versorgt und die Mutter der Frankfurter Sparkasse ist.

2006 nahm Kohl vor 1000 Gästen an einer Podiumsdiskussion beim Sparkassen-Forum der Kreissparkasse Ravensburg teil. Partner und Mitfinanzier eines Immobilienkongresses im Berliner Hotel Adlon, wo Kohl im Februar eine Podiumsdiskussion moderierte, war die DekaBank, der zentrale Fondsdienstleister der Sparkassen-Finanzgruppe.
 
In einem Interview mit dem "Berliner Kurier" im September 2008 hob Kohl die Vorteile der Sparkassen hervor: „Mein Geld ist auf dem Sparbuch sicher, weil es auch abgesichert ist Das gilt auch für Bundeswertpapiere. Die Einlagen bei Sparkassen sind sogar in unbegrenzter Höhe gesichert.“ In dem selben Interview antwortete Kohl auf die Frage "Lohnt es sich, jetzt noch eine Riesterrente abzuschließen?": "Ja. Die Riester-Rente ist staatlich gesichert. Das ist ein sehr gutes Produkt. Man bekommt alles wieder raus, was man eingezahlt hat."

Das ZDF-Magazin "Frontal 21" rechnete jedoch im November 2008 vor, dass man weit überdurchschnittlich alt werden muss, damit sich die Riester-Rente wirklich auszahlt. Schon im Januar 2008 berichteten Kohls Kollegen von der WDR-Sendung "Monitor", dass Millionen zukünftiger Rentner Gefahr laufen, "trotz Riester-Rente im Alter keinen Euro zusätzlich in der Tasche zu haben". Stichproben von Monitor ergaben, "dass Banken, Sparkassen und Versicherungen die Versicherten über diesen Sachverhalt selbst auf Nachfrage nicht aufklärten."
 
Anja Kohls Aussage ist besonders deshalb problematisch, weil die Journalistin für die Versicherungsbranche tätig war. Im vergangenen Jahr referierte Kohl auf dem Charta-Marktplatz in Neuss, einem wichtigen Treffen der Branche der Versicherungsmakler mit über 70 Ausstellern und weit über 1.000 Fachbesuchern. Der Marktplatz wird verantwortet von der Charta Börse für Versicherungen AG aus Düsseldorf, einem Dienstleister für Versicherungsmakler. Ein Dinner, das das Treffen, begleitet, "ist alljährlich auch Treffpunkt für zahlreiche Versicherervorstände".
 
Kohls mangelnde Scheu vor Versicherungsprodukten wird auch hier deutlich: An dem Tag, an dem der genannte Frontal-21-Beitrag zur Riester-Rente gesendet wurde, veröffentlichte die Deutsche Rentenversicherung einen "Familien-Finanz-Check" mit Anja Kohl in ihrem Magazin "Zukunft jetzt". In dem Check, der auf der Titelseite des Magazins mit einem großen Foto von Anja Kohl angekündigt wurde, knöpfte sich die Börsenjournalistin auch die KfZ-Unfallversicherungen der Familie vor: "Die zahlt nur nach einem Unfall mit dem Auto. Besser ist eine normale, aber teurere Unfallversicherung, die auch nach Unfällen im Sport und Haushalt zahlt", riet Kohl in dem Check mit dem Titel "Jeder Cent zählt". Wichtiger sei außerdem eine Auslandsreisekrankenversicherung: „Die kostet euch nur 22 Euro im Jahr und sollte Pflicht für alle Familien sein, die Ferien im Ausland machen“, empfahl Kohl der Familie. Auf die Frage, ob sich die Finanzkrise auf die Auszahlung einer Lebensversicherung auswirke, antwortete Kohl: „Das kann schon passieren. Denn Lebensversicherungen legen das Geld in Immobilien und anderen Anlageformen an.“ Deshalb schwankten auch die Renditen der Versicherungen mit dem Markt. "Aber nur wenig. Denn die Risikostreuung ist groß", so Kohl optimistisch.
 
Das Magazin der Deutschen Rentenversicherung, die die Riester-Rente verwaltet, wird von einer Kommunikations-Agentur verlegt, die Anbieter von Riester-Produkten als Kunden hat. Die „wdv Gesellschaft für Medien und Kommunikation mbH & Co. OHG mit Sitz in Bad Homburg zählt "Gesundheit, Altersvorsorge, Touristik, Automobil und Finanzen" zu ihren Kernkompetenzfeldern. Zu ihren Kunden gehört nicht nur die Deutsche Rentenversicherung, sondern auch die Landesbausparkasse (LBS) und die DekaBank, beides Anbieter von Riester-Produkten. Weitere Kunden der Agentur sind die Hallesche-Nationale Krankenversicherung sowie sämtliche Landes-AOKs, alles Anbieter der von Kohl empfohlenen Auslandsreisekrankenversicherungen.
 
Die Agentur "wdv", die gegenüber dem Deutschen Presserat eine Selbstverpflichtungserklärung in Bezug auf den Pressekodex abgab, schreibt auf ihrer Website über das Magazin der Deutschen Rentenversicherung: „Kommunikationsziel ist es, diese Zielgruppe von der Zuverlässigkeit der umlagefinanzierten Rente und von der Notwendigkeit zusätzlicher kapitalgedeckter Altersvorsorge zu überzeugen.“ Das Magazin erscheint mit einer Auflage von 2,4 Millionen Exemplaren, von denen ein Anteil von fast 340.000 Exemplaren an öffentliche Stellen wie Versicherungsämter oder Versichertenberater der Rentenversicherung geht. Anja Kohl wollte sich zu den Vorwürfen nicht äußern.

Marvin Oppong

15.06.2009
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  • 04.08.2009 Neue Vorwürfe gegen ARD-Börsenexpertin
  • 20.06.2009 ARD-Redakteure ärgern sich über Buhrow

Letzte Kommentare

Anzeige: 1 - 3 von 3

16.06.09 15:51

O Meissner

Als durchaus kritischer Journalist, der PR und Schleichwerbung wie die Beulenpest hasst, kann ich in diesem Fall wirklich nichts handfestes entdecken.

Was ich nicht verstehe, wenn man nach einem Skandal sucht, dann muss man nur Verlagsbeilagen, Fachmagazine oder Tageszeitungen kritisch lesen. Diese sind voll von absolut fragwürdiger Werbung - eine Trennung zwischen Anzeigenkunde, PR und Redaktion ist bei vielen nicht gegeben.

Vermutlich wollte sich hier ein Schreiberling (Jurastudent?) ein wenig Aufmerksamkeit schaffen. Mein Tipp: Besser Recherchieren - dann wird es auch was mit Journalismus...

15.06.09 19:44

Knut Uwe

Es geht um die grds. Frage, wieso bzw. in welchem Umfang Journalisten vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk für die Privatwirtschaft tätig sein dürfen.
Die journalistische Unabhänigkeit sollte gerade ihre gewahrt bleiben und die jüngere Vergangenheit, gerade in den Sportredaktione, hat gezeigt, dass es hier oftmals immer noch große Defizite gibt.

15.06.09 18:09

Marcus Lindemann

Ich habe Verständnis dafür, wenn Sie Nebenjobs von Journalisten generell, oder zumindest wenn es PR ist oder sein könnte, ablehnen.

Ich finde aber, dass Ihre Geschichte hier mehrere Gedankensprünge hat bzw. Ihnen hie und da die Argumente fehlen, um die Vorwürfe wirklich hart zu kriegen.

1.) Außer in der Überschrift findet sich nirgendwo ein Hinweis darauf, dass Anja Kohl irgendwo Schleichwerbung gemacht haben könnte. Wie Sie ja wissen, ist Schleichwerbung ein recht klar geregelter Begriff.

2.) Sie kritisieren, dass Frau Kohl (u.a.) a) Riester-Renten, b) Auslandskrankenversicherungen und c) Sparbücher empfohlen habe, übergehen dabei aber geflissentlich, dass sie dies nie in der ARD getan hat (zumindest verschweigen Sie solche Belege, so es sie gibt).

3.) Nahezu jede dieser Empfehlungen würde ein Großteil der Verbraucher-Journalisten ebenso geben, inkl. der zurückhaltenden Kollegen von Finanztest.

3.) Keine dieser "Empfehlungen" bezieht sich auf ein Produkt eines bestimmten Anbieters, geschweige denn eines Anbieters für den Frau Kohl direkt oder indirekt tätig war.

4.) Konstruieren Sie mutwillig einen Widerspruch zwischen der "Riester-Empfehlung" von Anja Kohl und zwei Magazin-Beiträgen von Monitor bzw. Frontal21 und übersehen dabei, dass alle Experten die Riesterrente nach wie vor grundsätzlich empfehlen (u.a. auch auf der Frontal21-Seite). Im Monitor-Beitrag ging es um künftige Rentner, die auf die Grundsicherung angewiesen sein könnten und daher dann nichts von der zusätzlichen Riesterrente hätten. Die Aussage aus dem Frontal21-Beitrag gilt im Übrigen auch nicht für jede Produktart der Riesterversicherung - wie Sie ja sicherlich recherchiert haben, gibt es neben den Rentenversicherungsverträgen auch Bank- und Fondsparpläne.

Fazit: Ihr Vorwurf reduziert sich auf Kohls "mangelnde Scheu vor Versicherungsprodukten" ohne dass Sie fundiert darlegen, warum eine solche denn geboten sei. Das ist, mit Verlaub, ein Vorwurf, den sie nahezu jedem machen könnten.

Disclaimer: Ich kenne Frau Kohl und habe vor Jahren auch mal mit ihr zusammengearbeitet – ansonsten hätte ich mir Ihren Artikel wohl gar nicht durchgelesen.

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