Der sechste "Tatort" mit dem vom Publikum mäßig geliebten Hamburger Undercover-Cop Cenk Batu war auch sein letzter: Darsteller Mehmet Kurtulus steigt - angeblich auf eigenen Wunsch - aus, und als der Abspann läuft, dürften die meisten Zuschauer froh sein, dass endlich alles vorüber ist. Zu stilistisch, zu weltfern, zu verkopft waren diese Krimi-Episoden, und das Finale treibt all das, was ohnehin das Problem der Batu-Folgen war, noch auf die Spitze. Quälende 90 Minuten bis zum buchstäblichen Exitus.
Ja, Mehmet Kurtulus ist ein guter Schauspieler. Aber auch einem wie ihm tut man keinen Gefallen, wenn man sein mehr oder weniger versteinertes Gesicht ständig in Großaufnahme zeigt, wenn man Sprache und Mimik auf ein Minimum reduziert und den Mann ellenlang wie einen angeschlagenen Boxer durch die Szenerie geistern lässt: Kurtulus als Klitschko mit Dienstwaffe, als scheinbar willenloses Werkzeug einer durchgeknallten Serienkillerin.
Logiker sind beim Batu-Finale fehl am Platz. Man muss oder sollte sich nicht wirklich die Mühe machen, den Plot zu verstehen: Eine Schar raffgieriger Investmentbanker, die mimisch zwischen dem Bild eines Rudels vollgekokster Werber zu fortgeschrittener Stunde einer Betriebsfeier und den letzten Verbliebenen eines Kindergeburtstags mäandern, dazu eine Auftragsmörderin, die nach zwei Jahrzehnten Babypause todkrank noch einen Multimillionen-Euro-Auftrag annimmt, dann die Entführung der Freundin Batus durch diese mysteriöse "Valerie" (Corinna Harfouch) und ihren waldschratigen Sohn, dazu geheime Verhandlungen zwischen Politik und Banken, die ausgerechnet in der Hamburger Handelskammer stattfinden – tja, dann wundert es auch nicht, dass der "Auftrag" Batus in der Kleinigkeit besteht, den Bundeskanzler zu erschießen. Selbstredend vor laufenden Kameras einer sensationslüsternen Medienmeute.
Willkommen in der Kriminalwelt von Matthias Glasner, der Buch und Regie des Batu-Abgangs besorgt (oder sollte man besser sagen: verbrochen?) hat. Und dann diese Kameraführung, die den Zuschauer seekrank werden lässt und eine Dramatik vorgaukelt, die der Krimi nicht einzulösen imstande ist.
"Die Ballade von Cenk und Valerie", so der hochtrabende Titel des Hamburger "Tatorts", versucht vergeblich, den Geist der griechischen Tragödie zu verströmen und hängt sich dabei auf in der Pose der Unvereinbarkeit zwischen Pflicht und Gefühlen. Ein Dilemma, das bei Licht besehen keines wäre und zeitweise die Darsteller-Crew fast der Lächerlichkeit preisgibt. Von etlichen logischen Brüchen und realitätswidrigen Szenarien mal ganz abgesehen – wie etwa, dass bei der Geiselnahme eines Bundeskanzlers Reporter zeitgleich mit dem Sondereinsatzkommando die Hallen stürmen.
Nein. Nein. Nein. So verheizt der NDR gute Schauspieler, wofür sich die Verantwortlichen schämen sollten. Wer immer die Entscheidung für die Absetzung der Batu-Figur getroffen hat: Man kann Mehmet Kurtulus nur dazu gratulieren.
Letzte Kommentare
07.05.12 18:49
La Lavrova
Der Tatort war grandios, Matthias Glasner hervorragend und Mehmet Kurtulus wunderbar. Die Kameraführung machte seekrank? Ganz und gar nicht. Im Gegenteil: Endlich mal andere Einstellungen, ungewöhnliche Blickwinckel. Bilder, die zur Stimmung passten. Wenn dem "Tatort" in Deutschland etwas fehlt, dann sind es zukünftig die Episoden aus Hamburg.
07.05.12 15:00
Michael Wilhelm
Danke "ga" für den Totalverriss dieser von vorn bis hinten völlig bescheuerten Story.
07.05.12 13:51
Tobias Mandelartz
Die Geschmäcker sind halt verschieden, das muss man einfach akzeptieren. ABER: Sich anmassen zu wollen in einem Artikel so mal eben für die Mehrheit der Zuschauer zu sprechen ist schon ein bisschen dreist. Der Tatort war großes Kino, Harfouch war beängstigend und grandios, der Plot und die Drehorte hollywoodreif. Dass das Buch nicht immer 100%ig in sich stimmig war: Wen schert es...
Dafür wurde man auch mit der unfreiwillig komischsten Sterbeszene aller Zeiten belohnt:
Schönenborn: "HmmHmm"
Maskenbildnerin: "Nur so durch die kleinen Haare... ich mach nichts,... dass die kleinen Haare da weg sind"
Batu(röchelnd). "Ich liebe dich"
Glaubste nicht? Kuckst du hier:
http://absolutobsolet.blogspot.de/2012/05/wenn-mensch-und-technik-aufeinander.html
Gloria (schluchzend): "Ist doch egal..."
07.05.12 11:44
Christian Bartz
Ich als bekennender Boykottierer der Privatsender kann mich den positiven Kritiken/Kommentaren hier nur anschließen.
Natürlich kann man den Plot oder die Logik (wohl fast eines jeden Krimis) pseudo-akademisch zerpflücken, bis nix mehr übrig bleibt. Allein wozu?
Geht es nicht auch primär um Unterhaltung? Ich fand den gestrigen Tatort - wie eigentlich alle Batu-Tatorte zuvor auch schon - äußerst unterhaltend und spannend und bedaure außerordentlich, dass die Zeit für dieses im Tatort-Umfeld einzigartige Format des dauerhaft verdeckten Ermittlers scheinbar noch nicht als reif erachtet wurde. Herkömmliche Krimi-Formate à la Hannover- oder Ludwigshafen-Tatort - die man mindestens genauso kritisieren könnte, wenn man denn wollte - gibt es ja genug.
Einfach nur schade!!
07.05.12 11:05
k d
Ich fand den Tatort absolut spannend und deshalb sehr unterhaltsam und kurzweilig. Es war ein Thriller. Unrealistisch halte ich persönlich die Münsteraner Tatorte, weil die dargestellten Personen viel zu überzogen wirken und nicht als nachvollziehbare reele Charaktere rüberkommen.
Oft halt das schon etwas Slapstickartiges, das mir im Tatort Fehl am Platz vorkommt. Bei Louis De Funes wäre das etwas anderes.....
Fazit:Lieber Thriller als platter Slapstick.