Es war eine gute Entscheidung der ARD, den zweiten “Kluftinger”-Krimi “Milchgeld” mit Herbert Knaup als grantelndem Allgäuer Kommissar ohne Vornamen vom Dritten Programm des BR ins Erste zu hieven. Krimi-Kauz Kluftinger ist ein wohltuende Abwechslung in der sonst so öden Fernsehkrimi-Landschaft. Das ist vor allem (aber nicht nur) das Verdienst von Hauptdarsteller Herbert Knaup, der mit der Figur des Kluftinger sogar die Rolle seines Lebens gefunden haben könnte.
Wenn der Kluftinger genervt den Telefonhörer abnimmt und gleich ein “Nein” reinbellt, wenn er seinen übereifrigen Assistenten anbafft, er solle “sei Gosch” halten, dann ist das großes Kino im kleinen TV-Kasten. Es sind viele Kleinigkeiten, die den Kluftinger im TV zu einem tollen Krimihelden machen. Da ist einmal der Dialekt. Der Film ist konsequent in breitem Allgäuerisch gedreht. Anfangs dürfte das für einige Nordlichter gewöhnungsbedürftig sein, aber dem Film tut dieser Kniff ungemein gut. Auch die Regie von Rainer Kaufmann ist gelungen. Das Allgäu wird zwischen weitem Himmel und kargen Stuben mit dräuender Blasmusik gleichzeitig realistisch, romantisch und ein bisschen bedrohlich inszeniert.
Der unumschränkte Fixstern, um den alles kreist, ist aber der gebürtige Allgäuer Herbert Knaup. Sein Mienenspiel wie er einen Bauern packt, seine leicht geöffneter Mund, der beschränkt wirkende Gesichtsausdruck, die ungelenke Art zu Rennen, die speckige Trachtenjacke, die raue Zärtlichkeit, mit der er seiner Frau begegnet - das alles ergibt zusammen die originellste Krimifigur im deutschen TV seit ziemlich langer Zeit.
Die eigentliche Story um einen Mord in einer Molkerei und einen Skandal um gepanschte Allgäu-Milch ist solide, steht aber nicht im Mittelpunkt. Die Charaktere, die Landschaft, die Stimmungen machen den Charme des Kluftinger-Krimis aus. Bitte mehr davon! Genug Kluftinger-Bücher für eine ganze Reihe von Fortsetzungen gibt es ja.
Letzte Kommentare
27.04.12 14:21
Thomas Musch
Der Fim "Erntedank" weckt wieder Hoffnung, wo die Lektüre des jüngsten Kluftingers ("Schutzpatron") nur noch Unwillen hervorrief. Wenn das Rollen-Setting der Figuren so bleibt wie im Film "Milchgeld" ist mir vor der Verfilmung von "Schutzpatron" nicht mehr ganz so bang. Darin sind die Autoren jedenfalls vom Kurs abgekommen. Kluftinger ist nur noch derb, dumm, trampelig, weltfremd, nervtötend und kein bisschen lustig. Alle Handlungsfäden (Langhammer, Polzeipräsident, die österreichischen Kollegen, etc.) sind überdehnt. In diesem seltenen Fall ist mir der Film mal lieber als die (jüngsten) Bücher.
27.04.12 12:43
Rudolf Kahlen
Als Meedia-Leser und Kluftinger-Fan muss ich bei dieser TV-Kritik einmal kurz widersprechen: Herbert Knaup ist sicherlich ein guter Schauspieler, der als gebürtiger Allgäuer auch die Mundart beherrscht. Doch für einen Leser, der den Kommissar über seine Fälle kennengelernt und ein Bild vor Augen hat, ist er leider eine Fehlbesetzung. Kluftinger, wie ihn Volker Klüpfel und Michael Kobr in ihren Büchern schildern, ist kein langer Kerl, sondern von gedrungener Gestalt. Er hat kein schlankes Gesicht, ist eher leicht pausbäckig. Sein Bauch hat mehr Fülle, die ihn mitunter daran hindert, die Haferlschuhe ordentlich zu binden. Und kurzatmiger ist er auch. Der Buchheld kommt zudem auf sympathische Weise etwas verschrobener und introvertierter daher. Und er wirkt – immer auf den Ruhestand hin arbeitend – auch älter. Mit Blick auf die Buchvorlage spielt Knaup die Figur zu derb. Geht in den Dialogen zu harsch mit den Teammitgliedern um. Und leider reibt er sich auch zu wenig an Dr. Langhammer, seinem Antipoden. So wie der Kriminalhauptkommissar in der Milchgeld-Verfilmung mittlerweile den richtigen Wagen fährt – einen klapperigen VW-Passat und nicht mehr einen Mercedes – ließe sich in der nächsten Verfilmung auch der Hauptdarsteller ersetzen. Beispielsweise durch Joachim Król.
27.04.12 11:46
Stefan Winterbauer
@Chrischi Voll Da hammse natürlich Recht, ist korrigiert. Danke für den Hinweis!
27.04.12 11:39
Chrischi Voll
Alles richtig, aber bitte: DAS Verdienst, es geht ja nicht um "Kluftingers" Gage...!