Na also, es geht doch! Am vergangenen Sonntagabend hat Günther Jauch die aktuelle Landtagswahl in Schleswig-Holstein zum Thema gemacht und damit eine seiner bisher besten Sendungen abgeliefert. Vielleicht sogar die beste. Wir erinnern uns: Nach der - ebenfalls hochspannenden - Saarland-Wahl talkte Jauch noch gemütlich zeitlos und belanglos zum Thema Burnout daher. Diesmal gab es neben einem spannenden politischen Schlagabtausch auch einen Eklat mit Randalierer im Publikum. Und einen souveränen Moderator.
Es war kurz vor Ende von “Günther Jauch” als plötzlich Geschrei im riesigen Studio des Gasometers aufkam. Ein junger Mann im Publikum begann Parolen zu schreien und hatte sich von seinem Platz erhoben. Sofort wurde er von Sicherheitskräften aus dem Studio gezerrt. Kurze Zeit schien die Kontrolle in der Live-Sendung verloren zu gehen.
Günther Jauch reagierte blitzschnell und sehr souverän. Zuerst wies er an, dass man den Mann bitte wieder reinbringen soll und sicherstellen möge, dass er ordentlich behandelt wird: “Hier wird keiner einfach aus der Sendung wie in der Ukraine rausgehauen”, sagte er. Als der junge Mann sich beruhigt hatte und wieder im Studio war, bekam er von Jauch auch noch eine Standpauke in bester Klassen-Lehrer-Art: Dass es sich nicht gehöre, mit Gewalt Themen in seine Sendung drücken zu wollen. So schätzt das Publikum seinen Günther Jauch. Der Mann wollte dagegen protestieren, dass der Neubau der Ernst-Busch-Schauspielschule in Berlin vom Hauptausschuss des Abgeordnetenhauses gestoppt wurde.
Das hat Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit in gewohnt lässiger Manier während der Sendung erläutert, weil das Geschrei des Protestlers beim besten Willen nicht zu verstehen war. Aber auch jenseits des kleinen Eklats lieferte Günther Jauch in der Sendung vom vergangenen Sonntag endlich einmal wirklich gutes Polit-TV. Zum Beispiel ließ er Bundesumweltminister und CDU-Spitzenkandidat für NRW Norbert Röttgen nicht vom Haken bei der Frage, ob er denn nach eine möglichen Niederlage lieber in Berlin bleibt, statt in NRW die Oppositionsbank zu drücken.
Nachdem Röttgen seine erwartbaren Ausflüchte runtergeleiert hatte, sagte Jauch an einer Stelle zu Wowereit gewandt: “Ja, er bleibt in Berlin, aber er will es halt nicht sagen.” Röttgen: “Das ist unfair!” So was will man sehen. Das waren feine, kleine Sternstunden der Moderation. Genausogut war, dass Jauch gegenüber dem Piraten-Geschäftsführer Johannes Ponader so lange insistierte, bis dieser endlich zugab, dass er als “Gesellschaftskünstler” auch von Hartz IV lebt. Und das zur Schau getragene Getwitter des Ober-Piraten während der Live-Sendung wurde von Jauch lediglich neutral angesprochen - was völlig ausreichte, um es als pubertären Unfug zu entlarven.
Mit Röttgen, Bonader, Gregor Gysi, Renate Künast und Christian Lindner hatte Jauch aktuelles Top-Personal des Politikbetriebs beisammen. Das hätte er auch schon nach der Saarlandwahl haben können, doch damals entschied sich die Redaktion leider dafür, Talk nach Fahrplan zu machen. Nächste Woche sind die wichtigen NRW-Wahlen und Jauch hat schon angekündigt, dass er diese in seiner Sendung zum Thema macht. Unruhige politische Zeiten sind eigentlich gute Zeiten für eine politische Talkshow. Diese Gelegenheit haben Günther Jauch und seine Redaktion mit ihrer jüngsten Sendung hervorragend genutzt. Endlich einmal.
Letzte Kommentare
09.05.12 01:25
Herbert Fischer-Solms
Ich wäre dem Autoren des Beitrags sehr verbunden, wenn er die von ihm so bezeichnete "Ernst Bausch"-Schauspielschule korrekterweise als das benennen würde,worum es sich handelt - nämlich die Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch".
Vielen Dank für das Verständnis.
H. Fischer-Solms
08.05.12 14:01
P. Rezzo
Da tut es doch gut zu wissen, dass dort "wo die Musik dieser Welt gespielt wird" kein Hartz IV-mit-einser-Abitur-Pirat und auch keiner der Frösche- und sonstiges Getier- plus überzogene Umwelt-, Essens-, Sonnen-, Wald- und Gesundheits-Schützer etwas zu sagen hat. Die dürfen hier in unserem Wir-sind-alle-nett-zueinander-Deutschland das Maul aufreissen, sich tot plärren und gegenseitig im Internet be-shit-stormen... aber wo es lang geht wird einfach anderswo bestimmt. Und immer öfter denkt man sich: Das ist auch gut so!
08.05.12 08:49
P. Pawlowski
Wer kommentiert hier Artikel..? Leute aus der Medienwelt anscheinend nur wenige. Sonst wäre bekannt, was Jauch bringen soll und wie TV gemacht wird.
Die Bemerkung zu Röttgen (Berlin/Düsseldorf) und das Zurückholen des Schreihalses waren die Lichtblicke der Sendung, in der man glatt noch Reste eines Journalismus erkennen kann - wenn man will!
Die panische Angst des Bildungsbürgertums, ihren Status zu verlieren ist nicht nur überheblich, sondern inzwischen Angstgeschrei. Es sind nicht alle Individuen gespaltene Persönlichkeiten, die neben ihren Emotionen herlaufen und versuchen sie abzuhängen.Sie gehören zu uns und sie werden uns einholen. TV lebt davon - da ist die Quote!
08.05.12 01:06
Friedhelm Hofmann
Sehr geehrter Autor dieses Artikels.
In welcher Rolle sehen Sie Herrn Jauch? Als Moderator einer Diskussion oder Journalist und Interviewer oder Kommentartor?
Alle drei Rollen zeitgleich in ein Sendung einzunehmen ist unmöglich, da sich diese gegenseitig ausschließen.
Ist ihnen der Unterschied und der jeweilige Aufgabenbereich überhaupt bekannt? Nach dem Lesen Ihres Artikels habe ich erhebliche Zweifel.
MfG
07.05.12 22:48
P. Rezzo
@Claus Clausnitz: Es ist mir völlig egal, was die Piraten wollen. Ich hab azch nix dagegen, dass sie sich präsentieren und gewählt werden. Gleichzeitig ist es mein gutes Recht zu sagen, dass mich wirklich nicht interessiert, was ein Mann wie der gestern in der Talkshow sitzende mit seinem Gerät twittert oder welche Twitter-Botschaften er bekommt. Mich haben alle fünf anderen Politiker weit mehr interessiert. Und das werde ich immer genau so äussern wie ich es für richtig finde. Auch wenn Sie gerne etwas anderes lesen oder hören wollen. Bin gespannt, was das nächste Schimpfwort ist, das Ihnen dazu einfällt. So weit sind wir noch nicht, dass jeder diese Selbstfindungstruppe gut finden muss.