Am Montagabend konnten Zuschauer den endgültigen Bankrott des ARD-Politik-Talks erleben. “Hart aber fair”, einst eine unlangweilige und kontroverse politische Talkshow (Slogan früher: “Wenn Politik auf Wirklichkeit trifft”) hatte folgendes Thema: “Wissen wo der Hammer hängt - was treibt die Deutschen in den Baumarkt?”. Es war der vorläufige Tiefpunkt einer schon länger andauernden Entwicklung. Tags zuvor exerzierte Günther Jauch “Stern TV”-Nostalgie mit Samuel Koch.
Da war er wieder, der gefühlige Günther Jauch aus alten “Stern TV”-Tagen. Er saß in seinem Sessel, die Karteikärtchen mit Fragen auf den Knien. Im überdimensionierten Gasometer-Studio hatte er den seit seinem Unfall bei “Wetten dass..?” gelähmten Samuel Koch samt Anhang sitzen, der über sein Schicksal Auskunft gab. Das ist potenziell quotenträchtig, mit einer politischen Talkshow hat diese Überdosis Gefühls-Dusel nach dem „Tatort“ aber wenig bis gar nichts mehr zu tun. Die “Günther Jauch”-Redaktion tut sich auf dem Top-Talk-Sendeplatz der ARD nach wie vor schwer mit harten Themen. Aus Ideen-Armut oder dem vermuteten Empörungspotenzial hat “Günther Jauch” in den vergangenen Wochen allein achtmal (!) Christian Wulff zum Thema gemacht. Nun ist Wulff als Thema weg und Jauch rettet sich in alte Themenmuster, die er aus seiner „Stern TV“-Zeit aus dem Effeff kennt.
Den eigentlichen Tiefpunkt des ARD-Talks setzte dann tags darauf Frank Plasberg mit “Hart aber fair”. Man kann hätte die Sendung vom Montag auch umtaufen können in „Weich aber doof“. Einige erinnern sich vielleicht noch: das war tatsächlich früher mal eine politische Talkshow und eine gute dazu. Spätestens seit der jüngsten ARD-Programmreform mit ihrer Talk-Inflation am späten Abend begibt sich aber auch die “Hart aber fair”-Redaktion immer öfter in die Seichtgebiete des Oberflächlichen.
Nach den ARD-Markenchecks, etwa zu McDonald’s und H&M, fuhr “Hart aber fair” quotenmäßig gut damit, die Verbraucherthemen in die Talkshow zu verlängern. “Machen Burger und Discounter unser Essen kaputt?” wurde da gefragt oder: “Wer zahlt den Preis für billige Mode?” Das sind programmplanerische Methoden des Audience Flow, wie sie Marktführer RTL meisterlich beherrscht. Rhetorische Frage: Muss man sich RTL bei der ARD zum Vorbild nehmen? Frank Plasberg, der einstige Oberlehrer unter den Moderatoren, führt seine abgesofteten Gesprächsrunden mittlerweile mit einer Art eingebautem Augenzwinkern. Gerade so, als habe er kurz vor der Show noch schnell einen Clown verschluckt, um das gelaberte Elend auch ertragen zu können.
Am gestrigen Montag durfte Sonya Kraus mit einer Japan-Säge die Studio-Deko ansägen und Autor Jan Weiler machte sich über lustige Produkt-Namen in Baumärkten lustig. Die Grenzen zwischen Talkshow und gebührenfinanziertem Klimbim waren in diesem Moment nicht mehr fließend, sondern endgültig überschritten.
Die Misere ist natürlich nicht alleine (aber auch!) Schuld der Redaktionen. Mit der jüngsten Programmreform und der Fehlentscheidung von sonntags bis donnerstags spätabends eine Talkshow mit aktuellen Themen nach der anderen zu senden, hat die ARD-Programmplanung auf ganzer Linie versagt. Es zeigt sich überdeutlich, was jeder schon vorher hätte wissen können: Zu viele Talkshows, zu wenig relevante Themen, zu wenig Gäste-Potenzial. Das hat mittlerweile auch der WDR-Rundfunkrat erkannt und erstaunlich hellsichtig und konstruktiv kritisiert. Bezeichnend, dass die Kritik des WDR-Rundfunkrates von ARD-Chefredakteur Thomas Baumann kategorisch weggebügelt wurde.
Interessanterweise geht die Redaktion von “Beckmann” mit der Talkshow-Inflation im Ersten noch am souveränsten um. Immer wieder werden interessante Gäste-Konstellationen geladen, schwierige Themen ernsthaft beackert und allzu seichte Talk-Gewässer umschifft. Dabei ist “Beckmann” gar kein ausgewiesener Politik-Talk. Verkehrte, verkorkste Talk-Welt in der ARD.
Letzte Kommentare
24.04.12 19:03
Oskar Luft
Gott sei Dank gehöre ich zu denen, die den Fernseher mit gezogenem Stecker als Dekoration im Wohnzimmer stehen haben.
24.04.12 17:15
Peter Schuttmann
Frau Merkel hat in 2008, als die Wirtschafskrise richtig los ging, die Medien angwiesen, nichts Negatives über die Krise zu berichten, man sollte das Volk bei Laune halten!
Angesichts der aktuellen Weltsituation, ob Europa, USA, Naher Osten, Japan etc. wo sich normalerweise die Berichterstattungen überschlagen würden, herrscht Zensur, Stille und Schweigen seitens aller MSM! Ob zu Unrecht durch sinnlose Gebührenzwänge finanzierte öffentlich Rechtliche Sender oder Private, in Punkto Volksverdummungs-Reality-Soap-LügenNews und Verblödungsdokumentationen reichen diese sich ALLE die Hand uns zeigen eingeschworene Einigkeit auf gleichen Niveau dennoch mit verschiedenen Kulissen. Die größte Schweinerei dabei ist, dass das Deutsche Volk durch die GEZ quasi gezwungen wird diesen überteuerten Verdummungsdünnschiss zu finanzieren.
Überbezahlte Moderatoren wie z.B. Gottschalk und Co, haben diesem Land längst den Rücken gekehrt, kehren jedoch ein um utopische Traumgagen zu kassieren, die wir durch sinnlose jährliche Zwangsgebührenerhöhungen und Dauerwerbeberieselung bezahlen.
Nun ja, immerhin bleibt uns NOCH das Internet um uns dort auf die Suche nach "ehrlicher" unzensierter Berichterstattung und Unterhaltung zu begeben.
Fragt sich nur, wie lang dies noch "ohne staatliche Eingriff und Totalaufsicht" möglich sein wird.
24.04.12 17:02
Astrid Mohr
Ich sehe mir schon seid langem nicht mehr diese Sendungen an.Es gebe sehr viele Themen über die man dringend Reden müsste. z.B. ESM-Vertrag, Fiskalpakt, Finanzkrise, Redeverbot der Abgeordneten,Bereiche aus der Lebensmittelbranche wie Gentechnik,Spritpreise. Aber was erzähle ich da. da haben sie bestimmt einen Maulkorb bekommen. Über dieses Elend spricht man nicht. Presse ( ausser ein paar wenigen)Politik und Kapital sind eine Einheit geworden. Wenn Nichtgewählte wie beim ESM Vertrag Zugriff auf den Bundeshaushalt haben,warum dann noch über Betreuungsgeld diskitieren.
Sie spielen der Allgemeinheit permanent Theater vor. Und die Allgemeinheit glaubt eine Vorführung zu sehen, dabei wird SIE vorgeführt.
24.04.12 16:32
Thomas Bauer Web-Site
Man weiß ja schon immer nach den ersten Zielen des Vorspanns, wenn es mal wieder völlig subjektiv und der Hybris zugetan zugeht, dass swi oder Stefan Winterbauer drunter stehen wird. Da kann man freilich in gleicher Weise den Filter einschalten, wie wenn man taz / faz liest oder Bild lesen würde: Man weiß, welche Richtung vorherrscht.
So hat es natürlich schon eine grandiose Komik, wenn man der ARD unterstellt, bei journalistisch unterfütterten Themenabenden von (Boulevard-) Marktführer RTL abzukupfern. Der Hang zum Boulevard schlägt halt stehts ebenso durch wie die grundlegende Distanz zu differenzierteren Medien. Das überrascht eigentlich immer wieder, wenn man sieht, wie differenziert seine Kritik ausfallen kann, wenn er denn will.
Die Kritik am Polittalk-Overkill ist natürlich unwiderlegbar. Dass das alle vorher wussten außer den stolzen Jauch-Einkäufer-"Gremlins", das ist schon seltsam. Dass Jauch die besten Quoten unter den Talkern hat ist so logisch, wie dass RTL meist höhere Quoten hat "Das Erste". Es ist halt mehr jedermensch vermittelbares Nettsein als politisches Skalpell, auf das sich nicht jeder einlassen will, am Abend auf der Couch.
Auf den Punkt ist die Kritik zu "Hart aber fair". "HÄ?" War die wohl angebrachte, natürliche, intellektuell hinreichende Reaktion, als wir das Thema des gestrigen Abends gelesen hatten. Und besser wurde es dann auch im Verlaufe der Sendung nicht. Im Gegenteil. So macht man sich entbehrlich, im Kreise der zu vielen…
24.04.12 16:03
Jimmy Fever
oder wir wählen die aufsichtsgremien der öffentlich-rechtlichen rundfunkanstalten direkt-demokratisch selbst, siehe hier: http://www.facebook.com/groups/276758975735148/
konstruktive Kommentare in der Facebook-Gruppe sind herzlich willkommen!