Am Montag beherrschte der Vergewaltigungs-Vorwurf gegen den ARD-Wettermann Jörg Kachelmann die Medien. Wer seine Nachrichten ausschließlich über die "Tagesschau" beziehen würde, hätte davon nichts mitbekommen. Die Redaktion von ARD Aktuell entschied sich, nicht darüber zu berichten. "Tagesschau"-Chefredakteur Kai Gniffke rechtfertigt die Entscheidung, eine solche Promi-Krimi-Vorwurf-Mixtur habe in der "Tagesschau" nichts verloren. Im Blog zur Sendung wird der Fall kontrovers diskutiert.
Einige Kommentatoren gratulieren Gniffke zu der Entscheidung, nicht über den Fall zu berichten. Man soll erst mal abwarten, was die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft ergeben. Ein anderer prangert den Entschluss zum Nicht-Bericht als "verlogen" und "selbstherrlich" an. Das Thema polarisiert offenbar. Die Berichterstattung in einem Verdachtsfall ist immer heikel, vor allem dann, wenn es um Sexualdelikte geht, die den intimsten Bereich der Privatsphäre ganz unmittelbar betreffen. Der Schaden, der hier angerichtet werden kann, ist sehr oft nicht wieder gut zu machen. Weder bei einem Opfer noch bei Jemandem, der zu Unrecht in solch einen Verdacht gerät.
Die Berichte zum Fall Kachelmann rufen sofort Erinnerungen an den Fall des ehemaligen TV-Moderators Andreas Türck ins Gedächtnis. Türck wurde wegen einer angeblichen Vergewaltigung der Prozess gemacht. Erst nach unzähligen Berichten und einer quälend langen Verhandlung stellte sich heraus, dass die Anschuldigung haltlos war. Türck wurde zwar freigesprochen, aber da war seine Karriere schon lange beendet. Medien müssen in solchen Fällen größte Sorgfalt und Vorsicht walten lassen. Und trotzdem werden sie eine Vorverurteilung nicht verhindern können. Die Alternative wäre eine Absprache zum kollektiven Nicht-Berichten. Aber dies geht an der Realität vorbei. Ein bekannter Fernsehmann, der in U-Haft sitzt, ist eine Geschichte, die zu gut ist, als dass sie irgendein Medium, eine Boulevardzeitung zumal, liegen lassen würde. Mit Ausnahme der Tagesschau.
Nun können Medien, die Wert auf ihre Seriosität legen, natürlich entscheiden, nicht über einen Verdachtsfall zu berichten. Aber spätestens, als Kachelmanns Anwalt sich öffentlich zur Sache geäußert hat, war der Fall ein Thema für jedes Medium. Die Geschichte wird nicht aus der Welt geschafft, indem man den Kopf wie ein Vogel Strauß in den Sand steckt und so tut, als sei nichts geschehen. Gniffke hat in seinem Blog-Eintrag, mit dem er die Entscheidung rechtfertigt, solche Kritik vorher gesehen. Sein Gegenargument: "Gedanklich haben wir den Fall mit anderen Fernsehschaffenden einmal durchgespielt, mit Moderatoren, Schauspielern und Showstars. Mir fiel dabei so gut wie keine Name von ZDF, RTL oder Sat.1 ein, bei dem ich in einem vergleichbaren Fall eine Meldung in Erwägung ziehen würde. Warum dann also bei Kachelmann? Weil er ein ARD-Gesicht ist? Nur damit uns ja keiner Parteilichkeit vorwirft? Ich denke nicht daran, aus diesem Grund das Profil der Tagesschau zu verändern."
Ja, genau. Gerade weil Kachelmann ein ARD-Gesicht ist, hätte man sich eben von der ARD ein Wort zur Sache gewünscht. Zwischen Bild-Haudrauf und Schweigen muss es doch einen Mittelweg geben. Zumal die ARD-Hörfunksender und Boulevardmagazine ja auch eifrig berichten. Ein Kommentator im Tagesschau Blog bringt es auf den Punkt: "Als Tagesschau und Tagesthemen genießen Sie höchste Glaubwürdigkeit, Sie sind Vorbild für seriöse Berichterstattung. Kachelmann ist durch seine Beiträge ein Gesicht Ihrer Nachrichtensendungen. Dazu nicht irgendeines, sondern eines der bekanntesten. Wenn dieses Gesicht nun überraschend aufgrund von Kachelmanns Inhaftierung nicht mehr auf dem Bildschirm zu sehen ist, haben die Zuschauer ein Recht, aus erster Hand zu erfahren, warum. Dazu hätte ich mir eine kurze, präzise, seriöse, zurückhaltende Meldung gewünscht. Eine, die dem Boulevard zeigt, wie es auch geht. Die einen Maßstab setzt."
Dem ist nichts hinzuzufügen.
Letzte Kommentare
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Unabhängig davon rechtfertigt die mögliche Entgleisung eines Posters /Journalistenschülers keineswegs, dass Sie sich als Moderator hier ebenfalls im Ton vergreifen. In solchen Dingen bin ich - wie auch bei ungerechtfertigten Vorverurteilungen - ganz entsetzlich altmodisch und
wertkonservativ.
08.11.10 21:38
Anonym Guest
Jetzt wundere ich mich aber gleich vielfach ob der haarsträubenden Argumentation. Fest steht: Für Jörg Kachelmann gilt die Unschuldsvermutung. Nun ist die Unschuldsvermutung bei gleichzeitigem Tatverdacht ein Konstrukt, dass sich zwar für ein Rechtssystem aufrecht erhalten lässt, aber nicht mit einem normalen Gehirn. Das heißt, wie ja hier auch gesagt wird: Der Schaden, den allein der bisher völlig unbewiesene Verdacht auslöst, ist potenziell verheerend. Es kann darauf nur eine richtige Antwort geben: Über den Verdacht hätte nie und in keinem Medium berichtet werden dürfen. Dass es andere machen sollte die Tagesschau nicht dazu bringen, sich von dem Boulevard treiben zu lassen, und selbstverständlich ist die Einlassung des Anwaltes auch keine Rechtfertigung. Wenn es so wäre, brauchte ich bloß jeden D-Prominenten wegen aller möglichen Vergehen anzuzeigen und darauf zu warten, dass der Anwalt das dementiert.
Weil das alles offensichtlich ist, wird hier ein Argument konstruiert, das unvorstellbar abenteuerlich ist: Ein "Kommentator" schreibt "Wenn dieses Gesicht nun überraschend aufgrund von Kachelmanns Inhaftierung nicht mehr auf dem Bildschirm zu sehen ist, haben die Zuschauer ein Recht, aus erster Hand zu erfahren, warum." Was ist das für ein Quatsch? Wenn Herr Kachelmann entscheiden würde, nicht mehr das Wetter anzusagen sondern stattdessen Schafe in Neuseeland zu hüten, dann müsste die Tagesschau das vermelden? Wenn er krank werden würde auch? Also bitte, Herr Winterbauer, dem wäre eine Menge hinzuzufügen. Aber sicher nicht Ihre Schlussfolgerung. bonusuri case de pariuri
08.11.10 21:27
Anonym Gast
Die Causa Kachelmann und die Einzelentscheidung von Tagesschau-Gniffke sollte für Medienschaffende Anlass sein, Verdachtsberichterstattung grundsätzlich kritsich zu thematisieren. Sicher wäre es albern von "Jörg K." zu sprechen und ihn mit schwarzem Balken vor den Augen zu zeigen. Der Skandal liegt darin, wie sich Medien zunehmend von ehrgeizigen Staatsanwälten und interessierten Prozessbeteiligten instrumentalisieren lassen. Ob Zumwinkel, Käßmann, Türck oder Benaissa - bereits mit der ersten Veröffentlichungswelle haben die Urheber der Verdächtigungen ihr böswilliges Ziel der Stigmatisierung erreicht. meciuri online