Während bei Privatsendern ein Sparprogramm das nächste jagt, stehen die Zeichen bei den öffentlich-rechtlichen Sendern auf Expansion. Gerade hat die KEF (Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs) ihren Prüfbericht vorgelegt. Ergebnis: ARD und ZDF geben trotz Sparvorgaben immer mehr Geld aus. Vor allem die ARD hinkt bei notwendigen Sparmaßnahmen hoffnungslos hinterher. Ihr Heil suchen ARD und ZDF stattdessen in einer Neuordnung der Gebühren. Ziel: Noch mehr Geld für den öffentlichen Rundfunk.
Noch in diesem Jahr wollen sich die Bundesländer auf eine grundsätzliche Neuordnung der Rundfunkgebühren verständigen. Zur Debatte stehen im Wesentlichen zwei Modelle: eine haushaltsbezogene Abgabe oder eine Kopfpauschale. Beiden Ideen ist gemein, dass man sich von einer gerätebezogenen Abgabe verabschieden würde. Ziel von ARD und ZDF ist es, dass möglichst alle Bundesbürger, Härtefälle ausgenommen, Rundfunkgebühren zahlen. Ganz egal, ob sie nun ein Fernsehgerät besitzen oder nicht. Im Raum steht auch die Einführung einer Einheitsgebühr von dann wohl 18 Euro. Bisher müssen reine Radiohörer nur knapp sechs Euro zahlen.
Der Grund für diese Bestrebungen ist klar: ARD und ZDF wollen mehr Geld. Das liegt einmal daran, dass das aktuelle Gebührenaufkommen rückläufig ist. Wegen der demographischen Entwicklung und einer steigenden Zahl von Gebührenbefreiungen sinken derzeit die Rundfunkgebühren. Trotzdem kommen noch immer rund 7,6 Mrd. Euro pro Jahr zusammen. Während die Einnahmen sinken, steigen die Ausgaben.
Der Prüfbericht der KEF rechnet vor, dass sich beispielsweise der finanzielle Aufwand für Spartenkanäle des ZDF, wie der jüngst gestartete Familien-Kanal ZDFneo, innerhalb der Gebührenperiode 2009 bis 2012 versiebenfacht. Auch die Kosten für Onlineangebote und fürs Personal kennen nur eine Richtung: nach oben. Scharf kritisiert von der KEF wurde vor allem die ARD, die zugesagte Sparmaßnahmen bei den Personalkosten noch nicht einmal ansatzweise anpackt. Eigentlich müsste die ARD 300 Stellen abbauen und damit rund 50 Mio. Euro beim Personal sparen. Beim ZDF sollen 100 Stellen und 18 Mio. Euro Personalkosten gestrichen werden. Die Mainzer sind laut KEF zwar weiter als die ARD, "konkrete Maßnahmen" habe das ZDF aber auch noch nicht vorgelegt.
Bemerkenswert auch die Unterschiede bei den Produktionskosten vergleichbarer Sendungen. So kostet laut KEF eine Sendeminute der Talkshow "Menschen bei Maischberger" 1.552 Euro, eine Sendeminute "Anne Will" schlägt mit 3.164 Euro zu Buche. Immerhin hat die KEF ARD und ZDF bescheinigt, dass sie bis 2012 keinen Grund sieht, dass die Gebühren erhöht werden. Danach soll, wenn es nach den öffentlichen Sendern geht, am besten schon die neue Regelung mehr Geld in die Kassen spülen.
Schnell der Vorwurf der Gebührenverschwendung laut, wie ihn aktuell wieder die "Bild"-Zeitung erhebt. Die Chancen, dass sich etwas ändert, sind allerdings genauso gering, wie der Vorwurf alt. Der Grund ist die Verflechtung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks mit der Politik. Wie stark der politische Einfluss bei den öffentlichen Sendern reicht, wurde exemplarisch durch die Demontage des ZDF-Chefredakteurs Nikolaus Brender durch die CDU vorgeführt. Die Personalfrage wurde trotz massiver öffentlicher Kritik im Sinne der CDU geregelt. Alle haben sich aufgeregt, Brender bekam noch einen Preis, nun ruht wieder still der See. Die Lehre aus dem Fall Brender für die politische Klasse lautet schlicht: Beim nächsten Mal bitte geschickter und leiser kungeln. Das war's dann auch.
Die Politik hat gezeigt, dass ihr die aktive Beeinflussung des öffentlichen Rundfunk so wichtig ist, dass sie dafür sogar einen massiven Image-Schaden in Kauf nimmt. Wenn ARD und ZDF wirklich ernsthaft sparen und effizientere Strukturen einführen würden, würde dies auch ein Weniger an Ämtern und ein Weniger an Einfluss für die Parteien bedeuten. Die politischen Parteien wollen aber eher mehr Einfluss. Und darum werden ARD und ZDF auch mehr Geld bekommen. So einfach ist das. Und so erschreckend.
Update: NDR-Sprecher Martin Gartzke weist auf Gründe für die unterschiedlichen Minuten-Preise bei "Anne Will" und "Maichberger" hin. Hier sein Statement:
"Für die unterschiedlichen Minutenkosten von "Anne Will" und "Menschen bei Maischberger" gibt es leicht nachvollziehbare Gründe:
1. "Anne Will" ist eine komplette Auftragsproduktion, während "Menschen bei Maischberger" in WDR-eigenen Studios mit eigener Technik produziert wird. Die internen Produktionskosten sind in dem angestellten Minutenvergleich nicht berücksichtigt.
2. "Menschen bei Maischberger" ist 75 Minuten lang, "Anne Will" nur 60 Minuten. Die Fixkosten schlagen bei längerer Sendezeit naturgemäß geringer zu Buche."
Letzte Kommentare
30.01.10 00:35
Thomas Television Web-Site
Der letzte Eintrag ist von mir, ich hab "ausversehen" meinen echten Namen geschrieben. Vielleicht könnt ihr das wieder in Television ändern.
29.01.10 11:39
Stefan Winterbauer
@Thomas Television Ich finde nicht, dass die ÖR unbedingt Casting-Shows machen müssen. Warum? Die Pauker-Reihe bei ZDFneo: Warum kann man sowas nicht im ZDF um 19.30 Uhr senden, sondern im Digitalkanal. Ich will nicht sagen, dass das Programm von ZDFneo schlecht ist. Es ist sogar ziemlich gut. Warum nicht mehr ZDFneo im ZDF? Das ist ja das Problem, dieses ständige Ausufern der Programme. Über unsere Springer-Berichte können Sie sich gerne wundern.
Derzeit ist Springer auch meiner Meinung nach einfach mit der Verlag, der am besten mit dem Medienwandel und der Krise umgeht. Es wird auch wieder Anlass für Kritik geben. Ich habe auch schon oft den Vorwurf gehört, wir würden Bertelsmann nach dem Munde schreiben. Wenn man von allen Seiten halbwegs gleichmäßig hört, dass man zu tendenziös sei, dann passt es ja vielleicht einigermaßen.
Beste Grüße
SW
28.01.10 19:24
Thomas Television Web-Site
@Stefan Winterbauer:
"Ich finde solche Verdächtigungen wie 'machen sich zum Sprachrohr von', 'ausgelagerte Presseabteilung' aber ein bisschen preiswert."
Das sind keine Verdächtigungen, ich stelle fest, dass ich das so wahrnehme. Woran das liegt, dass Meedia scheinbar so oft Bild und Springer lobt und unterstützt, während alle anderen kritisieren, darüber kann ich nur spekulieren und mich wundern.
"Ich finde, man sollte lieber auf inhaltlicher Ebene diskutieren."
Die dann folgenden Fragen sollten Sie sich von jemand anderem beantworten lassen, zum Beispiel von einem Entscheider bei den öffentlich-rechtlichen. ZDFneo, der ihrer Meinung nach angeblich hochkommerzielle Inhalte haben soll, finde ich zum Beispiel eine Bereicherung.
"Aber warum müssen die ÖR in allem die Verfehlungen der Privaten schlecht kopieren? Und in Digital-Ghettos und der Nachtschicht wird als Feigenblatt das Anspruchsfernsehen versteckt"
Solche Probleme sehe ich auch. Ich mache mich aber nicht, etwa in Form von entsprechenden Kommentaren, deswegen zum Teil einer Kampagne der Verlage (und wer weiß wem noch), deren Ziel es ist, die komplette Liberalisierung des gesamten Mediensystems im eigenen Profitinteresse und zu Lasten des Qualitäts-Journalismus durchzusetzen.
"All das und die evidente Einmischung der Politik haben null mit Springer zu tun. Dass Springer die Bild für unternehmensstrategische Zwecke missbraucht ist auch unappetitlich."
Aus genau diesem Grund wäre es wünschenswert, wenn man das nicht auch noch mit einem Artikel wie diesem unterstützen würde.
"Ich bin sehr für öffentlich rechtliches Fernsehen. Aber ich bin gegen einen schlechten Abklatsch von RTL und Co, bezahlt mit Gebühren."
Da sind sich in der Sache sicherlich alle einig. Das Problem steckt im Detail: Ich finde, dass das öffentlich-rechtliche Fernsehen sämtliche Darstellungsformen die das Fernsehen bietet anbieten muss und soll, also auch Casting-Shows, Reality, Seifenopern. Sie müssen sich aber von den privaten inhaltlich und stilistisch dabei unterscheiden. ZDFneo hat das mit die "Promi-Pauker" jetzt schonmal gemacht, die BBC macht es mit "The Apprentice" und anderen.
27.01.10 18:35
Axel Schweiß
Niemand braucht öffentlich-rechtliche Tageszeitungen.
Niemand braucht öffentlich-rechtlichen Rundfunk.
Und erst recht braucht niemand so ein aufgedunsenes öffentlich-rechtliches System wie das deutsche, das in so einer ekelhaften Weise von der Politik kontrolliert wird.
Früher oder später wird eine neue Generation von Mediennutzern, die weitgehend ohne öffentlich-rechtliche Medien groß geworden ist und die ÖR schlichtweg nicht braucht, dafür sorgen, dass die ÖR auf ihre verdiente Größe zurechtgestutzt werden.
27.01.10 18:02
Stefan Winterbauer
@Thomas Television Wenn jemand anderer Meinung ist, ist das vollkommen in Ordnung. Ich finde solche Verdächtigungen wie "machen sich zum Sprachrohr von", "ausgelagerte Presseabteilung" aber ein bisschen preiswert. Heute sind wir angeblich das Sprachrohr vom Abendblatt und Springer. Morgen sind wir angeblich die Vasallen von Bertelsmann und RTL. Und Übermorgen sind wir die Claqeure von Gruner + Jahr oder dem Bauer Verlag oder sonstwem. Wenn man jemanden kritisiert oder lobt, kann man immer leicht mit dem Finger draufzeigen und sagen: Das machen die aber nur, weil die die anderen viel toller finden.
Ich finde, man sollte lieber auf inhaltlicher Ebene diskutieren. Warum werden wertvolle Programme bei den ÖR ständig zu unmöglichen Sendeterminen spätnachts versendet? Warum leistet sich die ARD die größte Soap- und Telenovela-Strecke im deutschen Fernsehen? Warum muss das ZDF einen Digitalkanal mit hochkommerziellen Inhalten mit Gebührengeldern hochziehen? Ich habe den Eindruck, dass bei ARD und ZDF Expansion zum Selbstzweck geworden ist. Ebenso skandalös finde ich die Entwicklung des Kika. Warum müssen die ÖR mit Kikaninchen nun auch noch eine Programmstrecke und ein Internet-Angebot für Vorschulkinder anbieten. Und über das Kika-Programm selbst ließe sich auch mal kräftig streiten.
Damit soll keineswegs gesagt werden, dass Super RTL und Nick besser sind, Gott bewahre. Aber warum müssen die ÖR in allem die Verfehlungen der Privaten schlecht kopieren? Und in Digital-Ghettos und der Nachtschicht wird als Feigenblatt das Anspruchsfernsehen versteckt.
All das und die evidente Einmischung der Politik haben null mit Springer zu tun. Dass Springer die Bild für unternehmensstrategische Zwecke missbraucht ist auch unappetitlich. Aber sie tun es wenigstens nicht mit meinem Geld. Die dutzenden Lobbyisten, die in Brüssel für ARD und ZDF ÖR den Weg für die kommende Gebührenreform bereiten, die werden von mir mitgezahlt.
Ich bin sehr für öffentlich rechtliches Fernsehen. Aber ich bin gegen einen schlechten Abklatsch von RTL und Co, bezahlt mit Gebühren. Uff. Ende der Durchsage....