Das Video mit dem Klartext redenden Horst Seehofer (CSU) und “heute journal”-Moderator Claus Kleber ist ein Hit im Internet. Der bayerische Ministerpräsident und der Moderator plauderten nach einem offiziellen Interview vor laufenden Kameras noch ein wenig weiter. Dabei verzichteten beide auf die in Politiker-Interviews übliche Formel-Sprache. Seehofer gab die Erlaubnis, dies zu senden. Heraus kam ein echtes Gespräch von der Sorte, wie man sie gerne häufiger sehen würde.
Der Effekt beim Anschauen des Horst-Seehofer-Interviews im “heute journal” ist ganz und gar erstaunlich. Zuerst sieht man ein normales Politiker-Interview. Claus Kleber stellt die üblichen Fragen (“Notausgang für Röttgen nach Berlin”, “Gründe für das Debakel” usw.), Seehofer antwortet in der üblich ausweichenden Politprofi-Manier, ein kleines bisschen kauziger vielleicht, er ist ja Bayer. Zum Beispiel nennt er den gescheiterten CDU-Spitzenkandidaten Norbert Röttgen zunächst nicht beim Namen, sondern redete von ihm nur als “man”. Bei der Frage nach den Gründen für die Wahlniederlage kommt tausendfach gehörtes Geschwafel von “gewaltigen Projekten, wie die Energiewende” usw. Man sieht und spürt, wie Seehofer mit den Worten ringt, um nicht zu deutlich zu werden, nichts “Falsches” zu sagen.
Dies geschieht dann nach dem Interview. Nur dass das vermeintlich “Falsche” das eigentlich “Richtige” ist. “Na, das hat sich doch wieder gelohnt”, sagt Kleber nach dem offiziellen Interview-Ende und gerät noch weiter ins Plaudern mit Seehofer. Plötzlich wirken beide, der Politiker und der Moderator, wie ausgewechselt. Seehofer zieht offen gegen Röttgen vom Leder, Kleber löst sich von seinen stocksteif vorgetragenen Fragen und redet auch mal zwischenrein. Es ist eine Wohltat zuzuschauen und zuzuhören.
Am Ende der Plauderei verweist Kleber auf eine Anekdote seiner Kollegin Marietta Slomka, die in einer Rede erwähnte, dass die Vor- und Nachgespräche bei Interviews meist interessanter seien als die Interviews selbst. Seehofer, ganz Instinktmensch, versteht den Fingerzeig sofort und sagt: “Das können sie alles senden.” Beiden, dem Politiker Seehofer und dem TV-Mann Kleber, nützt das. Seehofer kommt souverän rüber, als einer der offen seine Meinung sagt und sich nicht länger hinter Phrasen verstecken will. Kleber ist derjenige, der dies aus ihm herausgekitzelt hat.
So erkennt man im direkten Vergleich erst, wie hohl, formal und ritualisiert Interviews, Politiker- und Manager-Interviews vor allen anderen, in Medien fast immer sind. Das gesendete Nachgespräch zwischen Horst Seehofer und Claus Kleber zeigt, dass es auch anders gehen kann. Für Journalisten ist das ein echtes Lehrstück. Für Politiker ist das eine Aufforderung, lockerer und direkter zu werden. Das Publikum kann es vertragen.
Letzte Kommentare
15.05.12 15:38
Elke O.
Köstlich. Einfach nur köstlich.
Und jetzt bin ich ehrlich gespannt, wie die Politik- und Medienwelt auf dieses Interview reagiert.
15.05.12 11:21
Jan-Bernd Meyer
moin, moin,
tja, das ist wirklich großartig.
Allerdings bin ich mittlerweile so schizophren (oder sollte ich schreiben mißtrauisch?), dass ich mich frage, ob dies nicht eine perfekte Inszenierung war.
Ob Herr Kleber und Herr Seehofer sich selbst und ihrer jeweiligen Sache nämlich wirklich einen Gefallen getan haben, bleibt dahingestellt. Denn gerade dadurch, dass hier deutlich wird, "wie hohl, formal und ritualisiert Interviews, Politiker- und Manager-Interviews vor allen anderen, in Medien fast immer sind", wird die Autorität der Medien ja eher in Frage gestellt.
Aber vielleicht ist das jetzt um zu viele Ecken gedacht. Jedenfalls zeigt das Video, was möglich wäre.