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Das Dauerversagen von ARD und ZDF bei Weltereignissen

Verzweifelt gesucht: ein echter Newssender

Die aktuellen Ereignisse in Libyen haben wieder einmal anschaulich gezeigt, was in der hiesigen Medienlandschaft wirklich fehlt: ein echter Nachrichtenkanal. ARD und ZDF wollen in ihrem Hauptprogramm keine Live-News senden. n-tv und N24 sind ökonomisch ausgezehrt. Und der “Ereigniskanal”-Phoenix sendet unverdrossen Konserven vor sich hin. Ein öffentlich-rechtlicher Nachrichtensender - das wäre ein Projekt, für das sich Gebühren wirklich lohnen würden. Dass er jemals kommt, ist leider unwahrscheinlich.

Die Berichterstattung von ARD, ZDF, Phoenix, n-tv und N24 zu den jüngsten Ereignissen in Libyen zog im Web und bei Twitter viel Kritik auf sich. Zu Recht! Während sich in dem gebeutelten nordafrikanischen Land Rebellen anschickten, die Hauptstadt zu erobern und den Diktator Gaddafi zum Teufel zu jagen, lief bei ARD, ZDF und den privaten “Nachrichten”-Sendern Sommerloch-Programm von der Stange. Der “Ereignis”-Kanal Phoenix, eine Art Feigenblatt-Nachrichtensender von ARD und ZDF, sendete statt aktueller Umstürze von Welt-Format lieber stundenlang historische Betrachtung zum Mauerbau in Berlin von 1961. Gebühren-TV nach 50-Jahres-Plan.

Und die private Konkurrenz? Während bei internationalen News-Kanälen wie Al Jazeera, CNN und BBC World Weltnachrichten aus Arabien liefen, zeigte n-tv eine Reportage über alte Kühlschränke, und N24 schickte die “Gangs of New York” auf den Sender. Konserven-TV statt Weltpolitik. Immerhin: Ein Ticker-Laufband zu den Ereignissen hatte man eingeblendet.

Warum das alles so miserabel ist, ist sattsam bekannt: n-tv und N24 haben schlicht kein Geld für echtes Nachrichtenfernsehen. Stattdessen werden reihenweise Billig-Dokus versendet, um das Programm vollzustopfen. ProSiebenSat.1 hat N24 wegen der fehlenden wirtschaftlichen Perspektive schließlich verkauft. Seither ist der Sender nicht erkennbar besser geworden. Wie sollte er auch?

ARD und ZDF ziehen sich gerne auf das Argument zurück, man sei ja Vollprogramm, und man verweist auf die bewährten “Brennpunkte” am nächsten Tag nach der “Tagesschau” oder eben die regulären Ausgaben von “Tagesschau” und “heute". Und das stimmt ja auch. Niemand kann von einem Vollprogramm erwarten, dass alle naselang das laufende Programm wegen aktueller Ereignisse unterbrochen wird.

Aber warum leistet sich der öffentlich-rechtliche Rundfunk dann keinen echten Nachrichtensender? Stattdessen erfand man vor Jahren das seltsame Konstrukt des “Ereignis”-Kanals Phoenix, der gerne historische Dokus versendet oder auch schon mal die Pressekonferenz zum Eurovision Song Contest live überträgt. Aber echte, aktuelle Berichterstattung - no way! In der Tat war ein echter Nachrichtensender von ARD und ZDF nie gewollt, weil man fürchtete, dass “Tagesschau” und “heute” Kompetenzen abgeben müssten. Wieder einmal stand und steht das Hierarchie-Denken und das Absichern von Pfründen im öffentlich-rechtlichen Sumpf-Biotop vor höchst legitimen Zuschauer-Interessen. Denn was entspräche dem öffentlichen Auftrag von ARD und ZDF mehr als ein Nachrichtenkanal? Ein 24-Stunden-Nachrichtensender ist teuer zu betreiben und rechnet sich wirtschaftlich kaum - siehe n-tv und N24. ARD und ZDF - bitte übernehmen Sie!

Aber der Ruf verhallt ungehört. Dabei läge in der Gründung eines Nachrichtensender eine ureigene Aufgabe für ARD und ZDF. Und nicht etwa im Start eines seichten Unterhaltungs-Programms für Mittelalte (ZDFneo) oder dem x-sten Digital-Kanal, der alte Ausgaben der “Tagesschau” oder Konzertmitschnitte wiederholt. Wer, wenn nicht ARD und ZDF mit ihren Gebührenmilliarden und ihrem weit verzweigten Korrespondentennetz, wäre dazu in der Lage?

Aber für einen öffentlich-rechtlichen Nachrichtensender würde es eines radikalen Umdenkens in den Sender-Spitzen bedürfen. Man müsste bereit sein, Kompetenzen und Teile des eigenen Budgets abzugeben. Leider undenkbar. Durch Selbstlosigkeit im Sinne des Zuschauers sind die Verantwortlichen des öffentlich-rechtlichen Systems bislang nicht aufgefallen. Stattdessen wird ARD-Aktuell-Chef Kai Gniffke wahrscheinlich in Kürze im “Tagesschau”-Blog wieder einmal verkünden, warum die ARD und die “Tagesschau” auch diesmal wieder “alles richtig” gemacht haben. Und wer sich für aktuelle Nachrichten interessiert, der guckt halt Al Jazeera oder CNN.

Stefan Winterbauer

22.08.2011
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