Selbst ernannte “Digitale Konditoren” haben Ex-Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg eine Torte ins Gesicht gerieben. Sprach-Kritiker Wolf Schneider wurde im Web als seniler Depp verspottet, weil er fragwürdige Aussagen zum Online-Journalismus gemacht hat. Und CDU Hinterbänkler Ansgar Heveling bekam nach seinem Handelsblatt-Kommentar den bestellten Shitstorm frei Haus geliefert. Die Netzgemeinde ist leicht erregbar. Drückt man die richtigen Knöpfe, wird sie schnell zur Hetzgemeinde.
Falls es so etwas wie “Schwarm-Intelligenz” tatsächlich geben sollte, dann gibt es mit Sicherheit auch eine “Schwarm-Schnappatmung”. Dass die Flut an Verballhornungen und Schmäh-Kommentaren, die sich im Netz über Leute wie Wolf Schneider, Ansgar Heveling und Karl Theodor zu Guttenberg ergießen, oft den gegenteiligen Effekt haben, wird von der “Netz-Gemeinde” dabei entweder nicht erkannt oder bei der Deregulierung des eigenen Trieb-Haushalts billigend in Kauf genommen.
Gegenteiliger Effekt meint: Die Beschimpften stehen hinterher oft besser da als vorher. Und das ist nicht zu begrüßen, denn im Prinzip (!) hat die “Netz-Gemeinde” ja oft sogar Recht. Natürlich ist zu Guttenberg ein selbstgerechter Betrüger, Heveling ein tumber Provinz-Politiker und Wolf Schneider ein furchtbarer Angeber mit einem Hang zur Arroganz. Aber in dem Moment, in dem die ach so subversiven “Digitalen Konditoren” ein Berliner Café “stürmen” und zu Guttenberg eine Sahnetorte ins Gesicht reiben, erweisen sie dem Doktorarbeits-Abschreiber einen großen Gefallen. Denn Guttenberg wischt sich locker die Sahne aus dem Gesicht und macht einfach weiter. Das ist souverän. Der Torten-Angriff war das Gegenteil davon.
Und Ansgar Heveling musste keine große Leuchte sein, um den Shitstorm vorherzusehen, den sein Handelsblatt-Kommentar (“Netzgemeinde, ihr werdet den Kampf verlieren!”) auslösen würde. Jetzt hat er Gelegenheit, auf seiner seltsam konstruierten Provo-Position zu beharren und sich als Rebell gegen das “böse Internet” aufzuspielen. Mission accomplished - aus Heveling-Sicht. Und das Handelsblatt hat nebenher einen Riesenhaufen Klicks eingesammelt.
Es ist ja auch wirklich nicht so schwer, die digitale Meute hinter dem Ofen hervorzulocken. Es reicht, einfach eine andere Meinung zu vertreten als der Web-Mainstream und schon geht der gemeine Netzbürger, Heveling würde sagen: der Netz-Citoyen, an die Decke. Man muss beispielsweise kundtun, dass man das Sperren gesetzwidriger Webseiten für eine gute Idee hält oder den US-Gesetzesentwurf SOPA (Stop Online Piracy Act), der das Aushebeln von Urheberrechten im Netz unterbinden soll, für besser hält als seinen Ruf. Oder - Hilfe! - dass Vorratsdatenspeicherung nicht das konzentrierte Böse ist. Schon klingelt es an der Tür: Halli hallo, hier ist der digitale Mob, sie haben uns gerufen...
Einer, der es übrigens auch vortrefflich versteht, die Netzgemeinde kollektiv auf die Palme zu bringen, ist Axel Springers Ober-Lobbyist Christoph Keese. Die Netz- und Hetzgemeinde hat halt so ihre Lieblingsfeinde und ihre Lieblingsthemen. Und am Ende brauchen beide Seiten einander - sonst wäre ja alles so entsetzlich langweilig.
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