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Stefan Schultz über Sprüche und Macken von Medienchefs

“Öde Geschichten bedeuten wunde Gesäße”

Mehr oder weniger lustige Chefsprüche erfreuen sich im Karriere-Ressort bei Spiegel Online großer Beliebtheit. Fast jeder Angestellte kennt die berüchtigten Chef-Weisheiten im Stile vom ProSiebens Büro-Ekel “Stromberg”, nach dem Motto: “Ich habe keine Probleme, ich habe Angestellte”. SpOn-Autor Stefan Schultz hat aus der Reihe mittlerweile auch ein Buch gemacht. MEEDIA sprach mit ihm über die seltsame Faszination der Chefsprüche und über die Sprüche und Macken von Medienchefs.

Sie sind bei Spiegel Online mittlerweile Experte für Chef Sprüche und haben zu dem Thema auch ein Buch geschrieben - wie kam es dazu?

Wir hatten uns bei Spiegel Online überlegt, dass wir Freitag nachmittags für die Leute im Büro etwas Buntes zur Zerstreuung brauchen. Wir haben dann zuerst im Kollegen- und Freundeskreis Sprüche gesammelt und eine Klickstrecke mit 25 Chefsprüchen gemacht, verknüpft mit einem Aufruf an die Leser, weitere einzusenden. Danach kam dann eine wahre Flut an Zuschriften: tausende Einsendungen. Irgendwann fiel mir auf, dass es dabei auch gewisse soziale Phänomene gibt, die diese Chefsprüche auf den Punkt bringen. Wir haben eine Serie daraus gemacht, ich habe dann noch mit verschiedenen Experten zum Thema gesprochen, die Sprüche sortiert und in Rubriken eingeteilt und das Buch „Wer lacht, hat noch Reserven“ daraus gemacht.

Warum bewegt das Thema die Leute so sehr?

Zum einen hat das sicher eine gewisse kathartische Wirkung. Ganz viele Leser haben geschrieben, wie schön es ist zu wissen, dass man nicht der oder die einzige mit so einem blöden Chef ist. Zum anderen finden viele die Sprüche einfach lustig.

Werden diese Sprüche wirklich von Chefs benutzt? Ist da nicht viel Überzeichnung dabei?

Ich habe das nicht in jedem Fall nachgeprüft, aber einen Plausibilitäts-Check gemacht. Manche Sprüche sind so speziell, die kann man sich gar nicht ausdenken. Bei rund 50 Chefsprüchen habe ich eine Stichprobe gemacht. Ich habe mir von den Einsendern die Geschichte hinter dem Spruch erzählen lassen. Diese Anekdoten sind dann zum Teil ins Buch eingeflossen.

Aus welchen Branchen kamen die meisten Chefsprüche?

Sehr viele kamen aus der Gastronomie-Branche, in Großküchen herrscht ja bekanntermaßen ein eher rauer Ton. Auch im Handel, in Werbeagenturen und in der Medienbranche arbeiten offenbar viele Sprücheklopfer-Chefs.

Haben Sie ein schönes Beispiel für einen Chefspruch aus der Welt der Medien?

Da gab es diese Geschichte von dem Chefredakteur einer japanischen Tageszeitung, Ituso Sakawa hieß der. Er hat angeblich seine Untergebenen regelmäßig mit einem Lineal verprügelt. Dazu soll er den Spruch gesagt haben: „Öde Geschichten bedeuten wunde Gesäße.“ Und es gab einen Chefredakteur beim Stadtmagazins Prinz, der soll in Bezug auf seine Redakteure gesagt haben: „Was soll ich mit denen machen? Soll ich eine Journalistenschule aufmachen?“

Was zeichnet Ihrer Erfahrung nach die Sprüche von Medienchefs aus?

Dazu habe ich für mein Buch den „Stromberg“-Autoren Ralf Husmann interviewt. Der meinte, dass man in der Werbe- und Medienbranche sehr schnell Karriere machen kann. Plötzlich ist man Chef von einem Dutzend Leuten und hat keine Ahnung von Personalführung. Dazu kommt der oft lockere Umgang in der Branche. Da vergreift sich die Führungskraft schnell mal im Ton. Husmann sagte, ihm seien als junger Chef ab und zu Dinge herausgerutscht, die man ihm wohl als sexuelle Belästigung hätte auslegen können.

Haben Sie selbst auch Erfahrung mit fiesen Medienchef-Sprüchen gemacht?

Nein, ich habe bisher nur in sehr netten Redaktionen gearbeitet.

Natürlich.

Natürlich!

Andererseits sollen die redaktionellen Führungskräfte ja heutzutage auch ein bisschen softer geworden sein. Früher wurde gerne mal gebrüllt oder, Erzählungen zufolge, mit massiven Aschenbechern nach Redakteuren geworfen. Heute stehen Teamfähigkeit und Effizienz hoch im Kurs ...

Mit Aschenbechern wurde ich noch nicht beschmissen, aber mit einem Laptop. Ich hatte als Praktikant mal einen Chef, dem der Rechner ständig abstürzte. Irgendwann hat er ihn vor Zorn durch das Büro gepfeffert. Das Teil zerschellte vor meinem Schreibtisch. Ich habe das allerdings nicht persönlich genommen.

Erhalten Sie eigentlich auch Sprüche von weiblichen Chefs?


Oh ja. Eine Chefin, die gerade Mutter geworden war, soll zu einem Untergebenen, der einen Auftrag nicht an Land gezogen hat, gesagt haben: "Sie sind schuld, dass meine Milch ausbleibt." Ich würde schätzen: Zwei Drittel der Sprüche stammen von männlichen Chefs, rund ein Drittel von weiblichen.

Sind die meisten Sprüche eher lustig oder eher verletzend?


Das kommt ganz auf die eigene Schmerzgrenze an. Die meisten Sprüche werden von den Mitarbeitern durchaus humorvoll aufgenommen, aber was mancher lustig findet, findet ein anderer schon beleidigen. Klar ist: Es gibt Sprüche, die gehen gar nicht, die sind rassistisch oder sexistisch. Ein Chef soll beispielsweise zu einem neuen indischen Mitarbeiter gesagt haben: „Erst setzt man den Praktikanten hin, dann den Russen und jetzt auch noch Sie.“ Ein anderer soll vor arabischen Mitarbeitern auf die Luftangriffe der Nato in Libyen angespielt haben. Nach dem Motto: "Die arbeiten ja nur, wenn man sie aus der Luft angreift.". Das ist definitiv nicht mehr lustig.

Das Buch "Wer lacht, hat noch Reserven: Die schönsten Chef-Weisheiten" von Stefan Schultz ist als Spiegel-Online-Buch bei Kiepenheuer & Witsch erschienen und kostet 7,99 Euro

Interview: Stefan Winterbauer

11.05.2012
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