Nach dem Spiegel zahlt nun doch auch die Bild für Sarrazin. Die Hamburger hatten wie das Boulevard-Blatt einen Vorabdruck aus dem umstrittenen Buch "Deutschland schafft sich ab", mussten dafür aber ins Portemonnaie greifen. Für die Bild wird jetzt eine andere Sarrazin-Geschichte teuer: 60.000 Euro - von geforderten 170.000 Euro - zahlt sie an Lettre International, weil sie ein Interview mit dem Ex-Bundesbanker aus dem Magazin ohne Genehmigung kopiert hatte. Nun einigten sich die Parteien vor Gericht.
Bild hatte das Interview mit dem Ex-Bundesbanker, in dem dieser einige heftig umstrittene Äußerungen zur Integration von türkisch- und arabischstämmigen Mitbürgern machte, zu weiten Teilen übernommen. Auf Bild.de war es vorübergehend sogar komplett zu lesen. Dies war Springer durch eine einstweilige Verfügung untersagt worden. Bild-Chefredakteur Kai Diekmann hatte die Print-Version anschließend auch noch in seinem Blog unter www.kaidiekmann.de veröffentlicht. Wegen der Wiedersetzung gegen die einstweilige Verfügung musste der Verlag bereits 20.000 Euro an Lettre zahlen.
Daraufhin bot die Axel Springer AG einen Vergleich über 30.000 Euro an. Nachdem die taz über den Fall berichtete, zog sie das Angebot aber wieder zurück.
"Axel Springer legt großen Wert auf die Einhaltung von Urheberrechten", sagte ein Sprecher gegenüber MEEDIA. "Wir sind seinerzeit davon ausgegangen, dass uns Lettre International die Genehmigung zum Abdruck erteilt hat. Dass wir gerade mal ein Drittel der geforderten 170.000 Euro zahlen, ist für uns ein guter Kompromiss. An einem langwierigen Rechtsstreit mit der Literaturzeitschrift hatten wir gar kein Interesse."
Springer bot in einem presserechtlichen Verfahren auch einen Zeugen auf, der beweisen sollte, dass die Veröffentlichung des kompletten Interviews im Internet genehmigt gewesen sei. Laut Lettre-Anwalt Johannes Eisenberg habe der Bild-Redakteur Hans-Jörg Vehlewald dies bei seiner Vernehmung aber überraschend widerlegt. Er habe ausgesagt, dass von einer Online-Nutzung in seinem Gespräch mit Lettre International niemals die Rede gewesen sei.
Durch die Veröffentlichung der wesentlichen Interview-Passagen in der Bild sah der Lettre-Chefredakteur Frank Berberich seine ökonomischen Interessen verletzt. Die bis dahin weitgehend unbekannte Kulturzeitschrift kostet im Handel 17 Euro und habe das Sarrazin-Gespräch nicht gratis verbreiten wollen. Dem stimmte das Berliner Landgericht zu und urteilte laut Eisenberg, dass es "von einer Urheberrechtsverletzung ausgeht und einen erheblichen Schadensersatzbetrag für gerechtfertigt hält".
Interessant ist der Fall auch deswegen, weil die Axel Springer AG einer der deutschen Verlage ist, der sich am vehementesten für ein Leistungsschutzrecht einsetzt, also für eine Vergütung von übernommenen Inhalten. Das Verhalten von Bild in dieser Sache widerspricht in der Tat der, nicht zuletzt von Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner vorangetriebenen, Hamburger Erklärung zum Leistungsschutz.
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