Seit 50 Folgen läuft die Sendung "Augstein und Blome" auf Phoenix. Der wöchentliche Schlagabtausch zwischen dem Bild-Vizechef Blome und dem Freitag-Verleger Augstein findet zwar auf eher randständigen Sendeplätzen statt. Inhaltlich aber überzeugt der nur ein Dutzend Minuten währende Kampf zwischen den politischen Welten. Denn beide Diskutanten beweisen nicht nur große Schlagfertigkeit, sondern warten mit für deutsche TV-Verhältnisse unkonventionellem Humor auf. Das zeitsparende Format ist die bessere Talkshow.
Zum Jubiläum - so ganz sicher, wann genau die 50. Folge lief, ist man sich allerdings bei Sender und Protagonisten nicht - kramte Bild-Mann Nikolaus Blome in der vergangenen Woche einen Kuchen hervor, steckte eine Kerze rein und kredenzte Jakob Augstein das Backwerk. Er habe selber gar nicht mitgezählt, bekannte Augstein. "Aber ich habe das Gefühl, wir haben schon unser halbes Leben miteinander verbracht." Umgekehrt wollte der Chef der Wochenzeitung Freitag Blome neulich einen kleinen Pokal überreichen, als der Eklat um den Henri-Nannen-Preis heftig diskutiert wurde. Ein Trio der Süddeutschen Zeitung hatte den Preis abgelehnt, weil gleichzeitig auch Bild-Rechercheure ausgezeichnet wurden. Darauf nun Augstein: "So lange ich mit Ihnen auftrete, werde ich nie einen Preis gewinnen oder müsste ihn ablehnen." Blome: "Nein, Sie müssen ihn teilen - und das fällt den Linken natürlich schwer."
So in etwa geht´s zu bei "Augstein und Blome". In den nur knapp dutzend Minuten pro Folge tauschen die beiden Journalisten ihre Argumente zu einem politischen Thema der Woche aus. Und, hier liegt ein Unterschied zu den allabendlichen Talkshows anderer Sender: ein Thema wird nur ausgewählt, wenn die Kontrahenten dazu wirklich anderer Meinung sind. Über den notwendigen Abgang von Christian Wulff als Bundespräsident hätten die beiden gar nicht lange sprechen müssen, denn sie wären größtenteils einer Meinung gewesen. Bei Wulffs Nachfolger Gauck lag der Fall schon wieder anders – Blome ist Fan ("Mit dem kriegen wir echt noch Spaß"), Augstein eher nicht ("Er ist eitel, dass es quietscht"). Vor einer Woche unterhielten sich die beiden über die Entlassung von Norbert Röttgen als Umweltminister. Für Augstein der Beleg, dass die Koalition eine "Fehlgeburt" sei. Für Blome eher der Beleg, dass Merkel ihre Macht auch mal demonstrieren könne, wo sie sonst eher nicht mit der Faust auf den Tisch haue. Zumindest nicht, wenn die Öffentlichkeit dabei zusieht.
Die kleine Reminiszenz an die ZDF-Sendung "Frontal", in der einst Bodo Hauser und Ulrich Kienzle sich gegenseitig beharkten, ist unübersehbar. "Die Sendung ist der Versuch, ein Format neu zu etablieren und gleichzeitig zu persiflieren", sagt Augstein beim Gespräch nach einer Sendung in einer nahe gelegenen Weinstube. Aufgezeichnet wird im Berliner Hauptstadtstudio der ARD, die den Kanal Phoenix gemeinsam mit dem ZDF betreibt. "Man muss schnell und fintenreich sein und auch was einkassieren können, man darf aber auch nicht zu viel austeilen." Kontrahent Blome vergleicht das Format, das bei anderen Sendern möglicherweise "Das Duell" oder "Der Showdown" getauft worden wäre, mit einem Tischgespräch: Ernsthafte Gespräche mit ernsthafter Überzeugung, aber auch mit Ironie. Und es dürfe gelacht werden. Einmal musste die Aufzeichnung bisher abgebrochen werden, eben wegen eines Lachanfalls von Augstein.
Nun ist "Debatte" für Medien aller Art, ob online oder offline, von Cicero über Beckmann bis zum Deutschlandradio, scheinbar eine Art Zauberwort. Es signalisiert Ernsthaftigkeit, Klugheit, Offenheit. In der Mehrheit der bekannten TV-Talkshows aber werden in der Regel nur Standpunkte ausgetauscht, bei denen der eine Diskutant gar nicht auf die Argumente des anderen eingeht. Das ist bei "Augstein und Blome" tatsächlich anders. Dies ist möglich, weil die beiden Journalisten fixe Denker sind – aber auch, weil sie kein Parteiprogramm verkaufen müssen, in der Regel keine außer ihrer eigenen Agenda haben. Die Subjektivität lebt. Und so können eigentlich recht kurze zehn bis zwölf Minuten am Ende mehr Substanz haben als eineinhalb Stunden bei Jauch.
"Ich bin ja irgendwie ein Linker, bin zudem ursprünglich eher Reporter als politischer Journalist", sagt Augstein. "Blome ist Teil dieser politisch-medialen Welt im Regierungsviertel, ich bin da eher ein Beobachter, der den Blick von Außen vertritt." Doch, glaubt Blome, habe sich auch die Rolle des politischen Korrespondenten verändert: "Klassische Parteienberichterstattung geht in allen Zeitungen zurück. Der politische Journalist als Parteigänger hat an Bedeutung verloren, aber nicht der politische Journalist als Beobachter, Kommentator und Erklärer von immer mehr Themen."
Im Fall von Auftritten im Fernsehen gehört in diese Aufzählung vermutlich auch die Rolle des politischen Journalisten als Entertainer. Bei "Augstein und Blome" wird gerne mal ein kleines Utensil mitgebracht, um den Kontrahenten aus der Fassung zu bringen. So fuchtelt Blome mit Wonne mit einem bunten kleinen Taschenrechner herum, um zu belegen, wie seine Argumente nicht nur sinnhaft, sondern auch nachzurechnen sind. "Packen Sie doch Ihren blöden Taschenrechner weg", sagt dann Augstein. Der einmal einen Schnaps einschmuggelte, der dann vor laufenden Kameras verkostet wurde. Da haben sich beide fast ein wenig gewundert, dass Alkohol in der Sendung akzeptiert wurde. "Phoenix und die Kollegen, die uns betreuen, haben ein breites Kreuz", hat Blome gelernt.
Für Phoenix, den kleinen "Ereignis- und Dokumentationskanal", ist der wöchentliche Schlagabtausch jedenfalls ein Schmuckstück. "Politik im Fernsehen wirkt häufig zu glatt und von taktischem Verhalten bestimmt", findet Phoenix-Programmgeschäftsführer Christoph Minhoff, die Streitkultur sei unterentwickelt. Unverständlicherweise wird die Sendung, die Streitkultur bietet, am Freitag um 16 und 23.50 Uhr, sowie am Samstag um 00.35 Uhr versendet. Die beste Sendezeit liegt am Sonntag um 11.50 Uhr vor dem Presseclub. Die Phoenix-Chefs Christoph Minhoff und Michael Hirz finden die Sendeplätze auf Nachfrage allerdings "attraktiv". Und vielleicht ist es auch ganz egal, wann die Sendung läuft, denn das Format ist mit seiner überschaubaren Länge wie geschaffen für einen Abruf über das Internet. Und dort schauen die Nutzer auch zu – über YouTube, Facebook oder die Webseite von Augsteins Freitag.
Nach einer Aufzeichnung, sagen Augstein und Blome dann noch, haben sie bis zu diesem Tag noch nie etwas gemeinsam gegessen. Ihre Wege trennen sich an der nächsten Straßenbiegung.
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