Der Geo-Chefredakteur und langjährige G+J-Aufsichtsrat Peter Matthias Gaede meldet sich in der Debatte um das Anti-Online-Piraterie-Gesetz ACTA und Urheberrecht zu Wort. Die Argumentationen der ACTA-Gegner bezeichnet Gaede als "Verlogenheit derer vom Stamme Nimm": "Denn die, die unsere Leistungen kostenlos haben wollen – sie sind alles andere als unsere Freunde. Sie sind unsere Gegner." MEEDIA veröffentlicht den Debattenbeitrag von Peter Matthias Gaede als Gastkommentar.
An die vom Stamme Nimm
Wir, die „Krämer der Kulturindustrie“, wir, die „Angestellten der Inhalteindustrie“, wir, die offenbar Blöden einer „Rechteindustrie“, wir also, die Büttel eines auf seinem „Profitschutzrecht“ hockenden Kapitals, mögen uns doch bitte „nicht an den Konsumenten gütlich tun“. Das ist die Botschaft, die uns die vom Stamme Nimm in der Debatte um ACTA & Co. seit einigen Wochen zurufen. Es ist die Botschaft derer, die das geistige Eigentum als „interessengesteuerte Floskel“ abtun, offensichtlich schwer genervt von deren „mantraartigem Gebrauch“, wie zu lesen war. Eine Floskel also soll sie sein, die Leistung, die hinter dem geistigen Eigentum steht, vernachlässigenswert jedenfalls gegenüber dem Kundenrecht auf kostenlosen Eintritt in die Arena der Filme und Songs und Bücher und Reportagen. Gelegenheit soll nicht mehr Diebe machen, sondern den „König Kunde“. Was er sich umsonst besorgen kann, soll er sich nehmen können. Immer. Überall. Sofort. Freiheit! Das ist das neue Credo, und wir, auch wir Journalisten, sollen es unterschreiben.
Da jene, die dies rufen, das geistige Eigentum, die kreative Leistung, die gedankliche Arbeit, das Grübeln für eine gute Idee offenbar nicht wirklich für Werte halten, sei kurz ein Rollenspiel erlaubt: Möchte man unter denen, die alle Freiheit zum Nichtbezahlen für sich reklamieren, polnische Putzfrau sein? Wenn es die neuen Freiheitlichen zu ihrem Recht, zu ihrem Kundenbedürfnis erklären, nur einen Euro die Stunde zu zahlen? Wenn sie, wie in einem weiteren Beitrag zu lesen war, den „Kontrollverlust“ der Arbeitenden, der Produzenten über ihre Ware als demokratische Errungenschaft feiern? Oder möchte man an einer Opern-, Kino- oder Konzertkasse sitzen, wenn sie des Weges kommen, um zu erklären, freier Eintritt entspreche aktueller Konsumentenkultur? Oder möchte man Zeitschriftenhändler sein, verstrickt in die Diskussion, ob man nicht dem Bedürfnis auf „Kundenzufriedenheit“ entsprechen und den „Spiegel“ diesmal für zwei Euro rausrücken wolle?
Sie haben einen argumentativen Trick, die Freunde des gepflegten Mitessertums, die Sympathisanten des highway robbery: Sie sagen, wir, also zum Beispiel wir Journalisten, sollten uns doch bitte besser bei unseren Auftraggebern bedienen. Da hätten wir sie, jene vom Stamme Nimm, ganz auf unserer Seite.
Aber wenn Moral in dieser Argumentation ist, dann ist es in letzter Konsequenz die Moral derer, die auch Sneakers aus Kinderarbeit kaufen, weil die so schön billig sind – und die Debatte über die Bedingungen der Arbeit an die Dritte Welt delegieren.
Nein, natürlich sind wir Journalisten keine Kinder. Aber gerade deshalb ist uns die Verlogenheit der Argumentation derer vom Stamme Nimm so bewusst. Denn die, die unsere Leistungen kostenlos haben wollen – sie sind alles andere als unsere Freunde. Sie sind unsere Gegner. Sie sind nur die andere scharfe Seite der Zange, in der sich immer mehr Inhalteproduzenten eingequetscht finden. Journalisten, freie zumal, haben es immer häufiger mit Auftraggebern zu tun, die sparsam zahlen. Je mehr aber das Raubrittertum im Internet um sich greift, je mehr Raubkopien von unseren Leistungen in der Welt unterwegs sind, um so größer wird der Druck zunächst auf jene, die für Zeitschriften noch Geld verlangen. Und umso kleiner wird zunächst ihr Profit. ‚Na, ist das nicht wunderbar!’ mögen da die Kämpfer gegen den Profit als solchen jubilieren. Unsere Antwort: Nein, das ist es keineswegs! Denn die Konsequenz bedeutet nichts anderes als das: Je schwieriger es für die „Bezahlmedien“ wird, noch profitabel zu sein, je größer wird der Druck auch auf uns, die Journalisten. Und umso kleiner wird in letzter Etappe auch unser Verdienst.
Noch einmal ein Rollenspiel: Es wird dem Gesellen, der das Brot gebacken hat, nicht helfen, wenn der Kunde mit der Begründung, der Geselle sei ja schon vom Bäcker bezahlt, das Brot für null Euro verlangt. Eine solche Haltung des Kunden wird mit dem Bäcker zugleich auch den Gesellen zerstören!
Das heißt: Jene, die uns for free haben wollen, helfen uns nicht. Sie sind Teil einer Zertrümmerung, und nicht der kleinste. Auf ihre Krokodilstränen verzichten wir gerne. Und wenn es nicht Chupze ist, so ist es die Dummheit, die wir nicht wollen. Denn uns, den Produzenten geistiger Leistungen, haben sich die Parasiten des Netzes zu stellen, und nicht das, was uns zusteht, auf die „Industrie“ abzulenken!
Und was wollten sie, wenn sie es denn geschafft haben sollten, uns zu entwerten, dann an die Stelle zum Beispiel professioneller journalistischer Leistungen setzen? Ihre in die Sessel gepupten Kommentare?
Ich war ein bisschen unterwegs in der Welt als Reporter – und habe, null Überraschung, keinen der Propagandisten des kostenlosen Selbstbedienungszugangs zu den Leistungen anderer je dort getroffen. Nicht im Irak, nicht in russischen Gefängnissen, nicht bei kolumbianischen Naturkatastrophenopfern. Wer von ihnen war bei den Straßenkindern in Brasilien? Hat eine Organtransplantation in Madrid verfolgt? Wer geht nach Homs? Wer hat den Panzerdeal mit Saudi-Arabien recherchiert? Einer von denen, die immer nur kommentieren, was Reporter und Rechercheure und Korrespondenten aus aller Welt oder auch nur von der Bundespressekonferenz zusammentragen?
Und welcher Gegner des „Profitschutzrechtes“ der Verlage möchte es sich antun, 16 Redakteure ein halbes Jahr auf Kunduz anzusetzen? Wer will Journalisten finanzieren, die über ein halbes Leben hinweg Kompetenz in einem fundamentalen wissenschaftlichen oder gesellschaftspolitischen oder ökologischen Thema aufbauen? Wer berappt 20 000 Euro für eine Fotoreportage aus Bengasi? Wer finanziert ein halbes Dutzend Verifikationsredakteure, die dazu angestellt sind, Parole von Wahrheit trennen? Und wer baut selbst einem Niggemeier das warme Nest?
Übernehmen Sie das, liebe Freibeuter? Werden wir von Ihnen künftig die Bücher und Drehbücher, die Kompositionen und Reportagen, die Filme und Gedichte, das Design und die Brötchen bekommen? Das allerdings möchte ich mir nicht ausmalen müssen.
Und ich weiß, dass es andere auch nicht wollen. Diese anderen sind ebenfalls Kunden. Und da sie für das bezahlen, was sie erwerben, möchte ich sie Bürger nennen, um den „König“ zu vermeiden. Denn die Bürger einer Gesellschaft wissen, dass eine Solidargemeinschaft unweigerlich den Bach runtergehen muss, wenn die vom Stamme Nimm ans Ruder kommen.
Leuchtet Ihnen nicht ein? Starten Sie einen Selbstversuch, wenn Sie schon nichts anderes verstehen wollen. Bieten Sie Ihrem Arbeitgeber einfach an, auf Ihr persönliches „Profitschutzrecht“ ab sofort zu verzichten. Arbeiten Sie for free! Dann wird es Ihrem Arbeitgeber ein wenig einfacher sein, das Ergebnis Ihrer Arbeit auch for free auf den Markt zu schmeißen. Wovon sie dann leben? Ist doch egal. Oder?
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