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Dienstag 05. Juni 2012 12:36

E-Books an der “Schwelle zur Marktrelevanz”

Mal wieder hat der Börsenverein des Deutschen Buchhandels Zahlen für die Buchbranche vorgelegt. Mal wieder wird verkündet, das E-Book sei an der “Schwelle zur Marktrelevanz”. Weil der Marktanteil von E-Books am deutschen Buchmarkt von 2010 zu 2011 von 0,5 auf 1 Prozent gewachsen ist. Für 2012 werden 1,2 Prozent vorhergesagt. Es geht also voran im Schneckentempo. Für den Buchhandel dürften solche Zahlen das falsche Signal geben, dass man E-Books nicht ernst nehmen muss.

Nochmals zu den aktuellen Zahlen des Börsenvereins: 4,7 Millionen E-Books wurden laut Börsenverein 2011 in Deutschland verkauft, doppelt so viele wie im Jahr zuvor. Immerhin. Trotzdem reicht das nur für mickrige 1 Prozent am Gesamtumsatz der Buchbranche von 9,6 Milliarden Euro. Aber: Der Umsatz der Gesamtbranche war 2011 erstmals seit Jahren rückläufig, und zwar um 1,4 Prozent. Will heißen: Die Erlöse der Buchbranche fallen, die Erlöse mit E-Books steigen. Es ist ein Bisschen wie bei den Printmedien: die Werbeerlöse in Printmedien sinken, Online-Werbung steigt. Doch die steigende Online-Werbung kann die fallenden Print-Werbeerlöse bei weitem nicht ausgleichen.

Die Buchbranche hat hier allerdings den Vorteil, dass sie ihr Geld nicht mit der volatilen Werbung verdient, sondern fast ausschließlich mit Paid Content, Büchern nämlich. Hier fallen die Umsätze nicht so stark, wie es die Anzeigen-Umsätze von Zeitungen und Zeitschriften tun. Aber gerade darum, sollte die aktuelle Entwicklung die Branche in Wallung versetzen. Stattdessen dürfte das E-Book-Phänomen anhand der jüngsten Zahlen mal wieder als irrelevantes Nischenthema abgetan werden: lohnt sich nicht, Konvertierungskosten sind zu hoch, das Kulturgut gedrucktes Buch wird es ewiglich geben usw.

Statt die Zeit zu nutzen, Strategien für die sich anbahnende Digitalisierung der Buchbranche zu entwickeln, wiegt man sich lieber in Sicherheit und hält in Treue fest an der Buchpreisbindung. Dabei gibt es keine Gründe, warum die Entwicklung in den USA und Großbritannien sich hierzulande nicht wiederholen sollte - wen auch mit gehöriger zeitlicher Verzögerung. Der Marktanteil von E-Books in den USA ist von 2008 bis 2010 von 0,6 auf 6,4 Prozent gestiegen. In Großbritannien liegt der Marktanteil von E-Books bei über sechs Prozent.

Unwohl könnte deutschen Buch-Grossisten auch bei dem Gedanken sein, dass sich zwei US-Riesen (Amazon und Apple) den E-Book Markt in Deutschland von Beginn an relativ gemütlich untereinander aufteilen. Dazu trägt auch der Börsenverein mit seinen widersprüchlichen Mitteilungen und Signalen bei. Während Börsenverein-Geschäftsführer Alexander Skipis einerseits das E-Book an der “Schwelle zur Marktrelevanz” wähnt, sagt Steffen Meier, Sprecher des Arbeitskreises Elektronisches Publizieren im Börsenverein, das E-Book biete zwar Perspektiven, rentiere sich aber für die wenigsten Marktteilnehmer. Was, denn nun!? Die Bekenntnisse des Börsenvereins zum E-Book wirken wie Lippenbekenntnisse. Dort wird das Thema offenbar genauso unterschätzt und kleingeredet, wie fast überall sonst in der deutschen Buchbranche.

Dass sich das E-Book tatsächlich durchsetzen wird, erkennt man dagegen ganz woanders. Im Homeshopping-Kanal QVC werden seit kurzem absurd teure und abscheulich gestaltete (okay, das liegt im Auge des Betrachters) E-Book-Hüllen feilgeboten. Wenn sogar diese Zielgruppe schon mit E-Book-Accessoires versorgt wird, dann kann die Schwelle zur Marktrelevanz nicht mehr allzu fern sein.

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Letzte Kommentare

Anzeige: 1 - 6 von 6

11.06.12 12:48

Steffen Meier Web-Site

Ich habe nun einige Daten aufbereitet, versucht zu analysieren und bin nach wie vor der Meinung, dass Verlage zwar ein ambitioniertes, aber erreichbares Ziel haben:
http://www.meier-meint.de/der-e-book-markt-2011-digitale-marktanteile-z

08.06.12 09:06

Stefan Winterbauer

@Steffen Meier Die Zitate von Herrn Skipis und Ihnen halte ich, mit Verlaub, trotzdem für widersprüchlich. Auch in der Vollständigkeit. Die von Ihnen nachgeschobene Behauptung, die Perspektiven seien gut, werden überhaupt nicht begründet. Einerseits solle es gute Perspektiven geben und die Schwelle zur Marktrelevanz erreicht sein. Andererseits rechnet der Börsenverein die Marktanteile klein und behauptet, derzeit rentiere sich das Geschäft nicht.

Die Annahme eines Marktanteil von 17% für 2015 halte ich für pure Fantasie. Das kann kein Mensch voraussagen.

07.06.12 16:23

Susanne Vieser Web-Site

Nicht die Branche wird das Thema E-Books erkennen, sondern Start-ups wie dotbooks.de in München, die sich gerade als eBook-Verlag formieren. Von dort werden dann auch Herstellungsprozesse und sicher auch die Verkaufsprozesse verändert.

Ich denke, die relativ konservative Buchbranche kann das ebenso wenig, wie die Zeitschriften- und Zeitungsverlage. Die investieren ja auch nicht in die Weiterentwicklung ihres Personals.

Dass aber Verlage und Handel nicht schon eifrig über Ladestationen für eBook-Käufer nachdenken, finde ich schon grotesk. Da geht eine Branche sehenden Auges an einem neuen Geschäft vorbei, und selbst Händler wie Weltbild oder Thalia, die eigene Lesegeräte verkaufen, verweisen Leser aufs Internet, wenn die im Laden schmökern, ein Buch finden, dieses aber nicht gedruckt, sondern elektronisch auf ihr Lesegerät laden wollen.

Das Heulen wird groß sein.

07.06.12 12:45

Steffen Meier Web-Site

"Während Börsenverein-Geschäftsführer Alexander Skipis einerseits das E-Book an der “Schwelle zur Marktrelevanz” wähnt, sagt Steffen Meier, ..., das E-Book biete zwar Perspektiven, rentiere sich aber für die wenigsten Marktteilnehmer."

Seufz...wenn schon aus Pressemeldungen zitieren, dann bitte richtig:
"Der E-Book-Markt hat auch in Deutschland Perspektiven, vor allem für den herstellenden Buchhandel. Derzeit rentiert sich das E-Book-Geschäft für die wenigsten Marktteilnehmer, immer noch müssen Verlage und Buchhand-lungen aber in erster Linie investieren. Die Perspektive für 2015 jedoch ist gut"

Grundtenor: Momentan wird in vielen Verlagen massiv investiert (technische und organisatorische Workflows), aber die Perspektiven sind sogar kurzfristig gut, in 2015 sehen die meisten Verleger einen Umsatzanteil E-Books von 17%.

Die Zahlen sind teilweise aus dem GfK-Verbraucherpanel (hier fehlen auch Fachbuch und Schulbuch, weswegen die 1% nicht stimmen), teilweise aus Expertenbefragungen Verlage.

Zu der ganzen Thematik blogge ich am Montag unter www.meier-meint.de Würde mich über einen kritischen Austausch freuen

06.06.12 09:03

Stefan Winterbauer

@Tom Ate Das mit den QVC-Hüllen war nicht 100%ig ernst gemeint. Ich wollte diese Scheußlichkeiten aber unbedingt irgendwo unterbringen. Ich glaube nicht dass der Buchhandel zwangsläufig zum Aussterben verurteilt ist. Die Händler müssten sich womöglich stärker spezialisieren, auf einen "Erlebnischarakter" setzen, Geschenkbände, Bildbände etc. So etwas kann das E-Book nicht.

Und manche Bücher liest man auch einfach lieber gedruckt. Habe gerade Das "Foucaultsche Pendel" als Antiquariats-Exemplar via Amazon bestellt (jaja, auch kein stationärer Handel ;-) aber immerhin über eine echtes Antiquariat als Drittanbieter) super Hardcover, erste Auflage in Neuzustand für schlappe 9 Euro inkl. Versand. So ein Buch wollte ich nicht als E-Book haben.

"Alltags-" und Unterhaltungsliteratur lese ich dagegen fast nur noch als E-Book.

Btw: Woher weiß der Börsenverein das mit dem 1 % Marktanteil? Melden Amazon und Apple denen genaue Verkaufszahlen? Ich wage das zu bezweifeln.

05.06.12 18:39

Tom Ate

Na, wenn bei QVC jetzt E-Book-Hüllen verkauft werden, dann muss das digitale Buch ja tatsächlich kurz vor dem Durchbruch stehen - ich habe selten ein überzeugenderes Argument gelesen! ;-)

Aber mal im Ernst: Wer sagt denn, dass Deutschland den USA und den Briten alles nachmachen muss? Es gibt durchaus auch andere, technische Trends, die bei den Angelsachsen enorm gefragt sind und hier nicht (oder umgekehrt).

Auch rückläufige Buchverkäufe sagen nicht viel aus: Der vergleichsweise bescheidene Rückgang von 1,4 Prozent kann auch schlicht damit zusammenhängen, dass in den letzten Monaten keine Mega-Bestseller wie etwa Harry Potter neu auf den Markt gekommen sind.

Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels ist allerdings in der Tat ein Schnarchverein, der eine Politik im Sinne der Verlage, nicht aber des Buchhandels betreibt. Der Interessenverband hätte längst eine ernstzunehmende Konkurrenz zu Amazon und Apple ins Leben rufen müssen, die den Buchhandel finanziell einbindet. Auf der Hand liegt, dass E-Book-Besitzer nicht zum Download neuer Inhalte in die Buchläden kommen werden, wodurch Buchhandlungen langfristig ähnlich wie Plattenläden vom Aussterben bedroht sind.

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Stefan Winterbauer ist Medienjournalist und schreibt für MEEDIA über Print, TV, Internet und den digitalen Wandel.

 

 

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