Wie schwer sich die Verlagswelt mit dem Phänomen E-Books tut, erkennt man unter anderem an den Bestsellerlisten. Die Fachzeitschrift Buchreport veröffentlicht zusammen mit Spiegel Online nun in regelmäßigen Abständen eine E-Book-Bestsellerliste, die von Media Control erstellt wird. Das ist zunächst löblich und interessant. Die Bestsellerliste hat aber mit dem tatsächlichen Kaufverhalten bei E-Book nur bedingt etwas zu tun. E-Book-spezifische Trends werden einfach weggelassen.
“Favoriten im Gleichschritt”, schrieb der Buchreport über die jüngste E-Book-Bestsellerliste, die die Verkäufe von digitalen Büchern für den Februar 2012 darstellen soll. Weiter heißt es: “Die meisten digitalen Bestseller lagen auch gedruckt auf den Spiegel-Verkaufsrankings weit vorn.” Es folgt der sattsam bekannte Mix aus Charlotte Link, Jussi Adler-Olsen, Kerstin Gier usw. Auf dem E-Book nix Neues, könnte man schlussfolgern. Auch digital wird der gleiche Kram gelesen wie gedruckt.
Wenn da nicht das Gefühl wäre, dass mit dieser Bestsellerliste etwas ganz gewaltig nicht stimmt. Schaut man sich die E-Book Verkaufszahlen bei Amazon an, stehen dort nämlich ganz andere Bücher oben: Auf Platz 1 “Holunderküsschen” von Martina Gercke, Platz 2 “The Unquiet Heart”, Platz 3 “Halbe Leichen - Ein Berlin Krimi mit Lisa Becker” usw. Das erste Buch in Amazons Bestseller-Liste, das auch beim Buchreport vorkommt, taucht auf Platz 9 auf: “Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand”. Bei Media Control/Buchreport landete der noch auf Platz 3.
Beide Listen natürlich nicht hundertprozentig vergleichbar. Erstens bezieht sich die Buchreport-Liste auf den Februar und Amazons Liste ist eine Darstellung der aktuellen Verkäufe. Zweitens deckt die Buchreport-Liste mehrere Händler ab und Amazon zeigt nur die dort verkauften Bücher. Es ist aber doch bemerkenswert, welche fundamentalen Unterschiede es gibt. Die Bestseller-Liste, die von Media Control erstellt wurde, klammert interessante neue E-Book-Trends komplett aus.
So fehlen dort beispielsweise die E-Book-only Produktionen, die oft von unabhängigen Autoren ohne Anbindung an einen traditionellen Verlag stammen. Da wäre beispielsweise die “Berlin Gothic”-Serie von Jonas Winner zu nennen, die für 99 Cent pro Stück bei Amazon schon länger Verkaufserfolge feiert und bei Media Control schlichtweg fehlt. Auch andere Bücher wie die billigen Hexen-, Fantasy- und Thriller-E-Book-Reihen für je 99 Cent fehlen bei Media Control. Es scheint, als ob E-Book-Reader hier eine neue Generation an Fast-Food-Literatur begünstigen.
Was ebenso fehlt in der Media Control Liste sind englischsprachige Bücher. Anlässlich des Kinoerfolgs von “Die Tribute von Panem” sind auch die Buchvorlagen in den Bestseller-Listen vertreten. Bei Amazon tauchen in den E-Book-Verkaufscharts die englischen Originale “The Hunger Games” auf: auf den Verkaufsrängen 14, 17 und 23. Für englischsprachige Bücher, die zum vollen Preis angeboten werden, ist das durchaus ein achtbares Ergebnis. Der Erfolg der englischen Originale lässt sich leicht erklären: Die deutschen Übersetzungen der “Hunger Games” sind nämlich gar nicht als E-Book erhältlich.
Und noch etwas ist erstaunlich an den Amazon-Verkaufscharts der E-Books. Neben der genannten Fast-Food-Literatur findet sich auch viel “hohe Literatur” in der Liste. “Stolz und Vorurteil” von Jane Austen etwa (Rang 31) oder T.C. Boyles “The Woman (Rang 33). Warum das? Diese Bücher wurden und werden immer wieder zum Sonderpreis von 99 Cent angeboten. Über den Preis lässt sich also auch durchaus anspruchsvolle Literatur älteren Datums und sogar im Original verkaufen.
Ohne dass solche Trends berücksichtigt werden, bilden E-Book-Bestseller-Listen eher das Wunschdenken der klassischen Verlage ab und weniger das tatsächliche Kaufverhalten der E-Book-Kundschaft.
18.04.12 21:50
Sebastian Posth Web-Site
Dieser Post ist sachlich ziemlich uninformiert vorgetragen! Aber dafür mit einer reißerischen Überschrift versehen! Ich habe versucht, die Debatte mit ein paar Erklärungen ein wenig zu versachlichen, quasi als "Entgegnung" zur Haltung dieses Textes.
Siehe: http://publishinghurts.de/2012/04/work-progress/
13.04.12 19:06
Jürgen Schulze Web-Site
Mein kleiner Ein-Mann-Verlag hat mit Grimms Märchen das meist verkaufte E-Book auf Amazon 2011 herausgebracht.
Juckt SPIEGEL nicht.... aber mich auch nicht...
12.04.12 09:50
Anna Cron
Bestseller werden nicht geschrieben, sondern von den Verlagen - respective den Vertriebsleitern - dazu gemacht. Insofern wundert mich der Vorgang nicht. Ein Bekannter von mir hatte ein Buch geschrieben, das den Vertriebsleitern gefiel und von Anfang an als Bestseller gehandelt wurde, bevor auch nur ein Exemplar davon verkauft war. In den Buchhandlungen kam es auf den entsprechenden Verkaufstisch, im Spiegel wurde es als Bestseller besprochen. Dass es tatsächlich nur sehr schleppend verkauft wurde, hat nicht unbedingt mit der Qualität des Werks zu tun, zeigt aber, dass man den Bestsellerlisten nicht vertrauen kann.
11.04.12 17:35
Karsten Sturm Web-Site
Lieber Marc Bischoff,
„weil mich die Art und Weise, wie die Kritik an der Liste…..geführt wird, stört…“ sagt mir schon alles. Wieso darf es zu den von Media Control gemachten „Regeln“ keine kritische Äußerung derart geben, dass für das neue Medium ebook eben andere Regeln gelten sollten als für gedruckte Bücher. Eine Bestsellerliste für Deutschland sollte einen möglichst objektiven Gesamteindruck der Verkäufe bei allen wichtigen Buchhändlern verbreiten. Darüberhinaus stimmen die Platzierungen, alleine wenn ich Amazons und Apples Listen mit der Bestsellerliste von Media Control vergleiche, keineswegs überein. Denn wir haben uns wie bereits erwähnt die Mühe gemacht. Auch zeitversetzt stimmt dies so nicht. Und nicht nur wir hatten das schon letztes Jahr festgestellt. Viele andere Marktbeobachter auch. Gerade Buchtitel in dem Preissegment 2,99 bis 4,99 fehlen, insofern sie von kleineren Verlagen veröffentlicht wurden, auch auf mehreren Kanälen. Wenn Buchhändler selbst Bestsellerlisten führen und veröffentlichen wirkt es mehr als unglaubwürdig wenn egal wer eine angeblich gesamtgültige Liste veröffentlicht, die von denen der Buchhändler abweicht. Im Netzzeitalter bleiben solche Dinge nicht lange verborgen und werden öffentlich diskutiert. Mag sein, dass in der Vergangenheit diese Bestsellerlisten den Verbraucher beeinflusst haben und teilweise immer noch. Doch wer sie in dieser Art unglaubwürdig macht, vernichtet zugleich dieses alte Marketinginstrument des Buchhandels. Deswegen lehne ich mich gelassen zurück und warte auf die Kraft des mündigen Verbrauchers, der heutzutage kritisch solchen Dingen gegenübersteht.
11.04.12 14:25
Marc Bischoff Web-Site
Ich habe bei Media Control angerufen und eine Antwort erhalten.
http://schreibix.wordpress.com/
Gruß
Marc
11.04.12 13:33
Kirsten Wendt Web-Site
Vielen Dank für diesen Artikel, der zeigt, wie ignorant und falsch die allgemein bekannten Bestsellerlisten sind!
11.04.12 13:12
Pat McCraw Web-Site
Das ist ausgesprochen interessant. Vielen Dank für die Info. Die Frage ist welche Liste denn überhaupt noch neutrale und richtige Verkaufszahlen ausweist...
11.04.12 13:03
Hans Peter Roentgen Web-Site
Danke, dass das mal jemand sagt. Da wird ganz offensichtlich das gepusht, das man gerne auf der Bestsellerliste haben möchte ;-).
Und die 5 größten Ebookhändler? Sollte mich sehr wundern, wenn die Amazon berücksichtigen, das tun sie ja auch bei Hardcovern nicht.
Das ist eine Liste nach Wunsch der deutschen Verlage und des Buchhandels, die ganz bewußt alles ausschließt, was sie nicht sehen wollen.
11.04.12 12:23
Karsten Sturm Web-Site
Ich hatte das bereits im Oktober letzten Jahres moniert und war sogar vor Ort in Baden-Baden. Dort erklärte man mir, dass die Charts selbsgestrickten Chartregeln unterliegen. Eine Regel beinhaltet, dass nur Bücher oberhalb einer gewissen Preisgrenze in die Charts dürfen. Alles andere seien ja keine vollwertigen Bücher. Die gleiche Antwort bekam ich dieses Jahr zur Leipziger Buchmesse am Stand von Media Control. Wenn man alle Buchhändler-Bestsellerlisten vergleicht, und wir hatten uns die Mühe gemacht, dann sollten da ganz andere Titel stehen. Einige Buchhändler bestätigten mir sogar auf Nachfrage, dass von Media Control niemand bei ihnen nach Verkaufsdaten jemals angefragt hätte und waren ebenfalls entsetzt.
10.04.12 13:17
Daniel Wegner
Media Control war auf Anfrage nicht zu erreichen..?

Stefan Winterbauer ist Medienjournalist und schreibt für MEEDIA über Print, TV, Internet und den digitalen Wandel.
01.12.12 14:00
airport towncar saif Web-Site
Und noch etwas ist erstaunlich an den Amazon-Verkaufscharts der E-Books. Neben der genannten Fast-Food-Literatur findet sich auch viel “hohe Literatur” in der Liste. “Stolz und Vorurteil” von Jane Austen etwa (Rang 31) oder T.C. Boyles “The Woman (Rang 33). Warum das? Diese Bücher wurden und werden immer wieder zum Sonderpreis von 99 Cent angeboten. Über den Preis lässt sich also auch durchaus anspruchsvolle Literatur älteren Datums und sogar im Original verkaufen.