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Dienstag 11. September 2012 09:15

Facebook-Fluch: Xing-Aktie auf Tauchkurs

Grausamer Sommer nicht nur für Facebook: Auch die erste Web 2.0-Aktie, die jemals an der Börse debütierte, leidet unter der großen Social Media-Flaute an der Börse. Die Hamburger Xing AG, die Anleger im vergangenen Jahr noch zu Höchstkursen von 63 Euro begeisterte, hat binnen zwölf Monaten fast die Hälfte ihres Wertes eingebüßt. Aktionäre mussten vergangene Woche Mehrjahrestiefs verkraften. Nach gestiegenen Investitionen und rückläufigen Gewinnen bleibt die Frage, ob Xing dem mächtigen Rivalen LinkedIn auf Dauer gewachsen ist. 

Es waren glückliche Sommertage für deutsche Medienaktien: Aktionäre von Sky konnten sich zwischen Juni und August über Kurszuwächse von mehr als 30 Prozent, ProSiebenSat.1-Anteilseigner über knapp 20 Prozent freuen. Für Besitzer von Papieren der Axel Springer AG waren in den vergangenen drei Monaten immerhin Kursgewinne von rund 15 Prozent drin.

Ein echtes Verliererpapier hatten dagegen Xing-Aktionäre zuletzt im Portfolio: Seit Anfang Juni ging es von 45 auf nun nur noch 36 Euro nach unten – ein herber Rückschlag von mehr als 20 Prozent. Ein harter dazu: Denn bei 35 Euro notierte die Xing-Aktie in der vergangenen Woche auf Mehrjahrestiefs – nämlich so schwach wie seit Jahren Ende 2010 nicht mehr.

In Sippenhaft von Facebook – Aktie fast halbiert

Wie ist die Tristesse am Gänsemarkt mitten in der Sommerrallye zu erklären? Natürlich reflexartig mit Facebook. So wie das weltgrößte Social Network in den Monaten vor seinem IPO die Stimmung an den Aktienmärkten anheizte, so zieht das trotzdem noch viertwertvollste Internet-Unternehmen Social Media-Aktien rund um den Globus nach unten.

Und dazu gehört auch der Hamburger Web 2.0-Pionier Xing, der vom Serienentrepreneur Lars Hinrichs 2003 gegründet wurde und schon 2006 an der Frankfurter Börse debütierte. Auf Allzeithochs um 63 Euro im Zuge des LinkedIn-IPOs im Frühjahr 2011 und abermals im Herbst vergangenen Jahres folgten nun traurige Tiefs bei nur noch 35 Euro – ganz synchron zum Facebook-Fiasko.

Zuletzt rückläufige Gewinne

Doch das ist nur die eine Seite der Medaille. Ein Gutteil des Kursverfalls ist nämlich fraglos auch hausgemacht: Erst vor wenigen Wochen musste der zum Jahresende scheidende CEO Stephan Groß-Selbeck sinkende Gewinne verkünden. 

Das kommt an der Börse bekanntlich selten gut an – auch nicht, wenn die Begründung steigender Zukunftsinvestitionen plausibel erscheint. Um immerhin 13 Prozent auf nur noch 2,07 Millionen Euro fiel der Gewinn im zweiten Quartal, während die Umsätze immerhin um 11 Prozent auf 18,19 Millionen Euro anzogen.   

Gegenentwurf LinkedIn : In einer anderen Welt

Vor allem der internationale Rivale LinkedIn lässt Xing immer kleiner aussehen: Seit dem furiosen IPO im vergangenen Mai befindet sich das von Jeff Weiner geführte und mit 175 Millionen Nutzern bei Weitem weltgrößte Business-Netzwerk in einem einzigen Siegeszug. Die Umsatz-Wachstumsraten liegen bei konstant 100 Prozent, während die Aktie ihren beeindruckenden Höhenflug nach dem Börsengang verteidigte – trotz Facebooks Börsendebakel.

Am Freitag gelang LinkedIn sogar das Kunststück erstmals seit dem IPO im Mai vergangenen Jahres neue Allzeithochs bei 122 Dollar aufzustellen – das Papier liegt seit Jahresanfang um enorme 89 Prozent im Plus. In der traurigen Parallelwelt bewegt sich dagegen das Hamburger TecDax-Mitglied mit einem Minus von 15 Prozent – und das in einem Jahr, in dem der Vergleichsindex schon um 18 Prozent vorne liegt.

Banken senken die Daumen

Entsprechend reagieren auch die Banker. Die Berenberg Bank nahm das Kursziel für Xing nach den jüngsten Quartalszahlen um 6 Euro herunter – allerdings sieht die 12-Monatszielmarke von 51 Euro aktuell immer noch ziemlich sportlich aus; einen Euro darunter sieht die Deutsche Bank den fairen Wert.  

Die DZ-Bank stufte die Aktie nach dem jüngsten Zahlenwerk hart von 60 auf 45 Euro herunter, während Analyst Marcus Silbe von Close Brothers Seydler Research den Hamburger Social Media-Anbieter dagegen nur noch bei 40 Euro für angemessen bewertet hält. Börsenblogger und technisch orientierte Händler sehen unterdessen gar Abwärtspotenzial bis unter 33 Euro. 

Burda rutscht mit Hinrichs-Aktienpaket ins Minus

Für Stefan Groß-Selbeck ist der Zeitpunkt des Abschieds damit vielleicht noch ganz gut getroffen, wie unlängst Welt Online unkte. Sein Nachfolger Thomas Vollmöller, der vom früheren eBay-Manager in diesen Tagen eingearbeitet wird, tritt damit ein problematischeres Erbe an, als es noch bei Verkündung der Stabübergabe im Mai aussah. Der frühere Chef des Schweizer Handelskonzerns Valora muss Xings Vormachtstellung zumindest im deutschsprachigen Raum in einem harten Abnutzungskampf gegen den fünfzigmal wertvolleren US-Platzhirsch verteidigen. 

Vor allem gilt es, an der Börse nicht zum nachhaltigen Verlustbringer zu werden, worauf nicht zuletzt Großaktionär Burda sehr genau schauen wird: Die Münchner hatten sich das Aktienpaket von Gründer Lars Hinrichs im November 2009 gesichert. Kaufpreis: 36,50 Euro. Seit einigen Tagen liegt das einst so vielversprechende  Investment damit unter Wasser. Auch der einstige Ausgabekurs aus den Internet-Urzeiten des Jahres 2006 ist mit 30 Euro nicht mehr weit entfernt. So oder so: Das Business-Netzwerk muss sich jetzt professionell an der Börse positionieren. 

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Nils Jacobsen
ist Wirtschaftsjournalist und Internetexperte in Hamburg. Der studierte Germanist und Medienwissenschaftler berichtet seit mehr als einem Jahrzehnt über die Entwicklung der Aktienmärkte und Internet-Wirtschaft - u.a als Chefredakteur der Portale clickfish.com, US FINANCE.de und YEALD.de. In dieser Tradition schreibt, analysiert und bloggt Jacobsen für MEEDIA über das Beste der beiden Welten Internet und Wirtschaft.

 

Folgen Sie ihm auf Twitter: @crackr

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