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Donnerstag 24. Mai 2012 00:45

Börsen-Flop: Was ist Facebook wirklich wert?

Facebook kommt nicht aus den Schlagzeilen: Auch wenn die Aktie nach zwei katastrophalen Handelstagen eine leichte Gegenreaktion zeigte, ist die Verunsicherung der Anleger immens. Offenbar gab es unmittelbar vor dem Börsengang Indiskretionen mit den konsortialführenden Banken, die daraufhin ihre Prognose reduzierten. Doch auch davon unabhängig kam Facebook völlig überteuert an den Markt. Bleibt die Frage, wo der faire Wert des Social Networks liegt? Wall Street-Experten sind sich einig: Noch immer deutlich tiefer als der aktuelle Kurs.

Wann ist es genug? Wie viel Prügel und Häme muss das bis vor einer Woche heißeste Unternehmen der Welt noch einstecken? Und wann hat die Aktie endlich einen Boden erreicht? Gestern gab es zumindest kurzfristig positive Nachrichten für Facebook-Aktionäre: Nach einem Blutbad von in der Spitze Minus 32 Prozent in nur drei Handelstagen setzte die Gegenreaktion ein – die Facebook-Aktie gewann einen Dollar oder 3 Prozent an Wert und notiert nun bei 32 Dollar. 

Zeichner, die sich vom Facebook-Börsengang schöne Gewinne versprachen, wird das kaum trösten: Nach nicht mal einer Woche liegen sie knackige 16 Prozent hinten. Das Rätselraten, wie der "Jahrhundert-Börsengang" so schwer floppen konnte, geht weiter. In den vergangenen Tagen erschütterten Aktionäre vor allem die Gerüchte um eine versteckte Umsatzwarnung Facebooks gegenüber ausgewählten institutionellen Investoren. Dann wiederum wurde die Technologiebörse Nasdaq durch ihren verzögerten Handelstag verantwortlich gemacht.

Ist Zuckerbergs Kapuzenpulli schuld am Kursrutsch?

Der renommierte Technologieanalyst Michael Pachter, der Gründer Mark Zuckerberg bereits während der Roadshow ins Visier nahm, erneuerte seine Kritik am erst 28-jährigen CEO. "Wenn Zuckerberg auf der Roadshow statt eines Kapuzenpullis ein Sakko getragen hätte und Investoren deutlich gemacht hätte, dass er ihren Erwartungen Rechnung trägt, dann würden vielleicht nun mehr Leute kaufen", so die etwas krude Theorie des Wedbush-Analysten.

Kapuzenpulli hin oder her – fest steht, dass das Anlegervertrauen in Facebook nur eine Woche nach dem IPO weiter schwer erschüttert ist. Und das dürfte nicht zuletzt am extrem ambitionierten Pricing des IPO liegen. "Alles kam hier zusammen", zeigte sich die Investorenlegende Jack Bogle erschüttert: "Anlegergier, Gier der begleitenden Banken und Gier des Unternehmens".

"Die Mai-Zahlen waren wirklich schlecht"

Bleibt die Frage, was Facebook am Ende nun tatsächlich wert ist, wenn man den Faktor Gier abzieht? Der renommierte Vermögensverwalter Doug Kass, der einige Parallelen zwischen dem Sturzflug von AOL und Facebook sieht, legte den Finger in die Wunde: "Die Umsätze verlangsamen sich merklich, die Bewertung gegenüber Apple und Google ist hoch."

Damit ist Facebooks größtes Problem genannt: Das weltgrößte Social Network, das über Jahre wie in einem anderen Orbit zu schweben schien, muss sich in der harten Börsenrealität beweisen. Und in der wird jedes Anzeichen von Schwäche mit harten Kursabschlägen gnadenlos bestraft. Genau das ist nun passiert: Facebooks Wachstum scheint sich weiter zu verlangsamen, was mit der ambitionierten Bewertung schlicht nicht zusammenpasst. "Die Mai-Zahlen waren wirklich schlecht", erklärt der einflussreiche CNBC-Moderator James Cramer, der  in den 90er Jahren Finanzportal TheStreet.com gegründet hat. "Das übersehen die Leute wohl."

Optimistische Erwartungen für 2012: KGV über 60

Selbst wenn sich die aktuelle Delle nicht in der Geschäftsentwicklung von Facebook niederschlägt, bleibt das Social Network schließlich extrem sportlich bewertet. Für das laufende Geschäftsjahr erwarten Analysten ein Ergebnis je Aktie zwischen 0,50 und 0,60 Dollar – was bereits einen Gewinnsprung von mehr als 50 Prozent unterstellt.  Wohl gemerkt: Im abgelaufenen Quartal gingen die Nettogewinne um 12 Prozent zurück!

Doch selbst wenn Facebooks Geschäfte im zweiten Halbjahr – wie auch immer –  an Fahrt gewinnen sollten, ist die Aktie auf dem gegenwärtigen Niveau bei 32 Dollar weiter sehr teuer.  Das Social Network würde dann nämlich mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von happigen 64 bis 53 gehandelt. Zum Vergleich: Der marktbreite S&P500-Index notiert aktuell bei einem KGV von 13, das erwartete 2012er KGV von Apple und Google liegt zwischen 11 und 14. 

Wall Street senkt den Daumen: Kursziele zwischen 18 und 20 Dollar

Wie wäre da der vier- bis fünffache Aufschlag zu rechtfertigen, zumal Facebooks Gewinne nicht mal schneller wachsen als die von Apple – im Gegenteil? Eine theoretische Anpassung an das KGV der beiden Platzhirsche der Technologie- und Internetwelt, dürfte Facebook-Aktionäre geradezu schockieren: Würde das Social Network entsprechend wie Apple oder Google heute bewertet, würde die Facebook-Aktie nämlich zwischen 7 und 8 Dollar notieren! 

So schwarz sieht die Wall Street dann aber doch nicht: "Um die 20 Dollar", taxiert Henry Blodget vom Business Insider den fairen Wert der Facebook-Aktie. Wie der frühere Merrill Lynch-Analyst daraufkommt? Er rechnet mit einem "aggressiven Gewinn je Aktie" von 1 Dollar in 2013. Bei einem deutlich reduzierten KGV von 20 im nächsten Jahr käme Facebook auf dieses Kursniveau. 

Francis Gaskins von IPO Desktop senkt den Daumen noch weiter: „Facebook hat das mobile Internet noch nicht entdeckt. Zuckerberg kann nicht über Wasser gehen“, so das harsche Urteil des Investmentveteranen. Sein Kursziel für die nächsten sechs bis neuen Monate: "18 Dollar je  Aktie", so Gaskins. Bewahrheitet sich die Einschätzungen der Wall Street-Strategen hätte die Facebook-Aktie weiter viel zu verlieren – Anlegern stünde das Schlimmste noch bevor... 

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Nils Jacobsen
ist Wirtschaftsjournalist und Internetexperte in Hamburg. Der studierte Germanist und Medienwissenschaftler berichtet seit mehr als einem Jahrzehnt über die Entwicklung der Aktienmärkte und Internet-Wirtschaft - u.a als Chefredakteur der Portale clickfish.com, US FINANCE.de und YEALD.de. In dieser Tradition schreibt, analysiert und bloggt Jacobsen für MEEDIA über das Beste der beiden Welten Internet und Wirtschaft.

 

Folgen Sie ihm auf Twitter: @crackr

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