Für den Australier Ross Dawson, nach eigener Meinung "globally recognized as a leading futurist" ist der Plan aufgegangen. Dawson veröffentlichte am Sonntag eine "Newspaper Extinction timeline" für jedes Land der Erde. Sprich: Er sagt voraus, wann Zeitungen aus der Gesellschaft verschwinden werden. Für Deutschland kommt er auf das Jahr 2030. Doch Dawsons Methodik für diese gewagte Prognose ist nicht nur zweifelhaft, sie ist pseudo-wissenschaftlich, populistisch und einfach blödsinnig.
In den USA verschwinden Zeitungen schon 2017, in England und Island 2019, in der Schweiz 2025, in Deutschland 2030 und in den meisten afrikanischen Ländern erst nach 2040. Wie Dawson darauf kommt? Das erklärt er in seiner Veröffentlichung stichwortartig mit so genannten "key factors". So hat er in seine Prognose angeblich u.a. Trends im mobilen Internet, dem Geschäft mit Werbung, und dem mit paid content einberechnet, für die einzelnen Länder kamen dann noch die Entwicklungen in Wirtschaft, Infrastruktur, Demographie, Politik, Konsum und Technologie hinzu.
Was auf den ersten Blick sinnvoll und durchdacht klingt, ist auf den zweiten Blick aber nichts anderes als pseudowissenschaftlicher Hokuspokus. Denn: Niemand weiß, wie sich all diese Dinge in den kommenden Jahrzehnten entwickeln werden. Noch so ausgeklügelte Methoden können nicht darüber hinwegtäuschen, dass kein Mensch in die Zukunft schauen kann. Natürlich gibt es Trends in allen Bereichen des Lebens. Doch wie wackelig solche Trends sein können, zeigen andere Beispiele.
Zwei solche populäre Prognosen sind die für Bevölkerungsentwicklungen oder das Wirtschaftswachstum. Schon Anfang des 20. Jahrhunderts wurde Deutschland spätestens für die 70er Jahre eine komplette Vergreisung vorher gesagt - eine These, mit der auch im Jahr 2010 noch immer Politik gemacht wird - auch wenn die Vergreisung nun für 2050 vorher gesagt wird. Kaum ein Thema eignet sich besser zum Angstmachen als das der Demographie. Und doch müssen Wissenschaftler zugeben, dass niemand eine Ahnung hat, wie groß die Bevölkerung tatsächlich in 20 oder 50 Jahren sein wird. Denn: Niemand konnte und kann plötzliche Effekte wie Kriege, die Erfindung der Pille, Ein- und Auswanderungen oder die Geburtenrate vorhersagen.
Ähnlich heikel sind die Konjunkturprognosen. Noch im Oktober 2008 sagten Experten für das Jahr 2009 "nur" ein Wachstum von 0,2 bis 0,5% voraus. Tatsächlich schrumpfte die deutsche Wirtschaft aufgrund der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise um fast 5%. Wenn die Experten sich also schon in einem Zeitraum von wenigen Monaten so verschätzen, wie sollen sie dann voraussagen, was in 20 oder 30 Jahren sein wird? Solche Prognosen können nur dann ungefähr zutreffen, wenn sich alle einberechneten Trends genau so fortsetzen. Doch das passiert eher selten.
Und genau das gilt für die Berechnungen Dawsons. Niemand, auch kein australischer Zukunftsforscher, kann voraussagen, ob es in 10, 20 oder 100 Jahren noch Zeitungen gibt. Wer weiß, ob die - selbstverständlich vorhandenen - Auflagenrückgänge nicht irgendwann stoppen, Papier als Medium eine Reniassance erlebt, das Internet aus irgendwelchen Gründen teurer wird oder sich Zensurmaßnahmen so durchsetzen, dass das Netz als Massenmedium langweilig wird? Paid-Content-Modelle populär werden und die Leute wieder verstärkt zur Zeitung greifen? Verlage und Redaktionen großartige neue Inhaltsformen entwickeln, die das Medium Papier wiederbeleben? Terroristen, Kriege oder Außerirdische großflächig das Internet lahm legen? Natürlich klingen solche Szenarien unrealistisch bis absurd, sie machen aber deutlich, dass die Zukunft vor allem eines ist: unsicher. Das Aus des Mediums Tageszeitung kann 2030 kommen, vielleicht auch schon 2020, erst 2100 oder nie. Niemand weiß das, auch Ross Dawson nicht.
Und so sollte Dawsons Modell einfach als das genommen werden, was es ist: ein populistischer Versuch eines Unternehmensberaters und Keynote-Speakers, sich ins Gespräch zu bringen und Aufträge an Land zu ziehen.
02.11.10 16:00
Peter Bläuling
Wer sich die Entwicklung der Zeitungsverkäufe (Print) anschaut, sieht, dass es seit mindestens zehn Jahren bergab geht.
Natürlich wird es auch 2030 Zeitungen geben. Aber wenige, hochpreisige udn exklusive.
Es wird ein Nischenprodukt sein.
Die Masse der Nachrichteninfoamtionen werden dann digital weitergegeben.
Wer glaubt, dass Stielke im Jahr 2030 noch so fette Auslagen braucht, hat dieGlocken einfach nciht gehört .
02.11.10 15:22
Andreas Jung
"Jüngere lesen keine Zeitung mehr". Das wird gerne als Beweis für den bevorstehenden Tod von Zeitungen herangezogen. Im Gegensatz zu früher, wo 12jährige begeistert die FAZ am Frühstückstisch lasen? Wer sind sie denn eigentlich, die "Jüngeren." Ich selbst bin 47. Mein erstes Zeitungsabo hatte ich mit Anfang 20. Subventionierte Studentenversion der Regionalzeitung – und damit kein echter Umsatzbringer. "Richtiger" Zeitungleser wurde ich erst mit Ende 20 – und da vermutlich schon kein "Jüngerer" mehr. Ich denke, dies ist stellvertetend für den Markt vor 20 Jahren. Ob der heute ganz anders aussieht, wäre mal die eigentliche Frage.
02.11.10 14:59
David Radicke Web-Site
Ich halte solche Prognosen auch für pseudowissenschaftlich...
Aber jeder, der an das langfristige Überleben der Print-Zeitungen glaubt, sollte doch einmal überlegen, wie viele Menschen in seinem erweiterten Bekanntenkreis, die KEINE JOURNALISTEN und jünger als 45 Jahre sind, täglich eine Print-Zeitung kaufen....
Und wir werden ja nicht alle in 30 Jahren im Ruhestand plötzlich wieder Zeitungen kaufen, oder?
02.11.10 14:56
Wolfgang Messer Web-Site
Ich sage mal voraus, dass sich die heiße Luft in Ross Dawsons Kopf bis 2020 so ausgebreitet hat, dass er wie ein Ballon in höhere Sphären entschwebt. Diese Prognose dürfte ähnlich exakt sein wie seine über die Zeitungen.
Gilt sinngemäß auch für andere "Zukunftsforscher" - hier bitte beliebige Namen einsetzen:...........
02.11.10 14:48
Sven Dierks
Man kann ja auch seit ugefähr 20 Jahren beobachten, dass sich jüngere deutlich von den Tageszeitungen zurückziehen, ein Prozess, der schon vor der Entstehung des Internets in Gang kam. Natürlich ist nicht ausgeschlossen, dass irgendwann - warum auch immer - Zeitungen wieder eine Rennaissance erleben, auch wenn das aus heutiger Sicht als sehr unwahrscheinlich erscheint.
Damit das nicht passiert, erbringen die Tageszeitungsverleger schon jetzt ihren Beitrag, in dem sie in vorauseilender Aktion ihre Produkte zurechtsparen. Das ist dann der entscheidene Beitrag, warum die Prognose vom Tod der Tageszeitungen schneller eintreten wird als jetzt erwartet
02.11.10 14:34
Kai Lahmann
Ich denke, dass langfristige Prognosen durchaus brauchbare Ergebnisse liefern; andererseits aber gerne nur die halbe Wahrheit erzählen. Ein schönes Beispiel hierfür ist die Geschichte der "Vergreisung":
In den 2040er Jahren wird - so nichts außergewöhnliches passiert - der letzte Jahrgang, der ohne Pille zur Welt gekommen ist (die sogenannten "Baby-Boomer") im Schnitt sterben. Das heißt, in diesem Zeitraum wird die Bevölkerung in DE genauso abrupt schrumpfen, wie die Zahl der Babys in den 1960ern geschrumpft ist - und zwar ausschließlich bei den Alten. Insofern mag es sein, dass der Anteil der Rentner zwischen 2040 und 2060 extrem hoch sein wird; er wird sich aber (wie bis dahin die Gesamtbevölkerung!) in der Folgezeit sehr schnell halbieren (!).
Und so ähnlich sieht es auch bei den Zeitungen aus: Es ist durchaus wahrscheinlich, dass gedruckte Zeitungen "irgendwann in rund 20 Jahren" (jede genauere Prognose ist sowieso Quatsch, zumal sich solche Schrumpfungsprozesse zum Ende hin seeeeeehr stark verflachen) eine Randerscheinung sind. Aber dass sie *ganz* verschwinden halte ich für genau so einen Unsinn wie irgendeine Annahme, dass diesen ein signifikanter Bevölkerungsteil dann noch nachweint.

Jens Schröder berichtet bei MEEDIA täglich über Einschaltquoten, IVW-Auflagen, MA-Reichweiten, Visits, PIs und Unique User. Im "Mr. Analyzer"-Blog beleuchtet er die Hintergründe der wichtigen Zahlen.
April (1)
März (2)
Februar (1)
Oktober (1)
September (3)
August (2)
Juli (2)
Mai (1)
März (2)
Januar (2)
September (1)
Juli (1)
Mai (1)
April (2)
März (1)
Januar (1)
November (2)
Juli (2)
Juni (2)
Mai (1)
Dezember (4)
November (1)
Oktober (4)
September (5)
August (7)
Juli (5)
Juni (6)
Mai (7)
April (5)
März (10)
Februar (10)
Januar (13)
Dezember (15)
November (9)
Oktober (10)
September (3)
August (9)
Juli (13)
Juni (23)
Mai (11)
07.12.10 23:39
Paul Pandeus Web-Site
Sicherlich ist die Prognose, Zeitungstod in 2030 reine Fantasie, aber ich prognostiziere, dieser Zeitungstod kommt schon früher, weil die Zeit wirklich reif ist für diese Dinge. Warum sollen wir auch noch in 20 Jahren soviel Energie verschwenden für einige wenige, die dann noch Papier als Informationsträger gebrauchen.