Allzu gern brüsten sich Verlage, Redaktionen oder Unternehmen mit ihrem durchschlagenden Erfolg in den sozialen Netzwerken. Man habe 100.000 Freunde bei Facebook und 50.000 Follower bei Twitter heißt es dann. Auch berichtet wird gern über solche angeblichen Erfolge - auch bei MEEDIA. Doch die Zahlen - sie sind kaum etwas wert. Denn sie sagen nahezu nichts darüber aus, wie viele Menschen tatsächlich die Inhalte der angeblich so populären Accounts nutzen, beachten, weitergeben.
Das Schielen auf die plakativen Zahlen bei Facebook und Twitter ist durchaus nachvollziehbar. In allen Mediengattungen gibt es seriöse und plakative Daten: die verkaufte Auflage, die Zuschauerzahlen, Visits oder Unqiue Visitors. Doch diese Zahlen weisen einen fundamentalen Unterschied zu denen bei Twitter oder Facebook auf: Sie zeigen, wie viele Leute in einem aktuellen Zeitraum ein Medium genutzt haben. Gerade das tun die Follower- und Friends-Zahlen der sozialen Netzwerke aber nicht - und deswegen sollte man auch nicht so mit ihnen umgehen.
Nehmen wir die Follower-Zahlen bei Twitter. Das Blog "web evangelisten" veröffentlicht alle paar Monate ein Ranking deutscher Twitternutzer nach aktiven Followern. Und hier zeigt sich bei jedem Mal, das nur 20% bis 30% der Menschen, die den Top-Twitter-Accounts folgen, Twitter überhaupt nutzen. Natürlich werden in den restlichen 70-80% auch ein paar dabei sein, die durchaus bei Twitter reinschauen, aber nicht selbst schreiben, doch die große Mehrheit dieser Follower dürfte zu den Ex-Nutzern gehören, die sich mal bei Twitter angemeldet haben, aber irgendwann die Lust verloren haben. Das Problem: Sie alle werden bei den offiziellen Follower-Zahlen trotzdem mitgerechnet. So kann es sein, dass ein recht neues Twitter-Account mit 1.000 Followern in Wirklichkeit ein größeres Publikum hat als ein älteres Account mit 10.000 Followern. Im Bezug auf Einschaltquoten wäre das beispielsweise so, als würde die "Tagesschau" täglich veröffentlichen, wie viele Menschen jemals eine Ausgabe der Nachrichten gesehen haben. Die Aussagekraft einer solchen Zahl wäre nicht vorhanden.
Zudem ist es kein Problem, seine Follower-Zahlen künstlich und eigenhändig nach oben zu pushen. Wer schonmal Twitter-Accounts von selbst ernannten Social-Media-Profis gesehen hat, die niemand kennt, die aber 200.000 Follower haben, weiß, wovon ich rede. Diese Menschen nutzen zum einen den Umstand, dass viele Twitterer aus Höflichkeit - oder gleich vollautomatisch - jedem zurückfolgen, der ihnen folgt - oder sie nutzen gleich eine Software oder einen Dienstleister, die ihnen auf ähnlichem Wege zigtausende Follower bescheren. Dass unter diesen 200.000 Followern dann aber nur sehr wenige echte interessierte Menschen sind, ist ihnen egal - es geht ihnen schließlich nur darum, einen plumpen Schwanzvergleich zu gewinnen.
All dies gilt in ähnlichem Sinne auch für Facebook. Auch dort werden über kurz oder lang viele Leute, die das Netzwerk ausprobieren, wieder abspringen - und trotz ihrer Nicht-Nutzung die Friends- oder Likes-Zahlen anderer nach oben pushen. Hinzu kommt bei Facebook noch, dass die Website längst nicht so offen ist wie die von Twitter. So lässt sich eben nicht so einfach überprüfen, ob die 300.000 Menschen, die eine bestimmte Facebook-Gruppe mögen auch alle echt sind - oder ob 280.000 von ihnen Fake-Accounts sind.
Wie könnten also Zahlen aussehen, die mehr Aussagekraft haben als die derzeitigen Follower- oder Friends-Zahlen? Twitter und Facebook könnten selbst eine solche Maßeinheit ins Leben rufen. Dazu müssten sie nur eine Art "aktuell aktive Follower"-Zahl veröffentlichen - also beispielsweise die Zahl der Twitter-Follower nennen, die sich innerhalb der vergangenen vier Wochen eingeloggt haben. Technisch gesehen wäre das kein Problem, aber womöglich wollen Twitter und Facebook solche Zahlen auch gar nicht nennen, weil so schnell deutlich würde, dass es auch bei boomenden sozialen Netzwerken ständig Leute gibt, die abspringen und die Lust verlieren.
Doch auch solche "aktiven Follower" würden nichts darüber aussagen, wie viele Leute tatsächlich die Tweets bestimmter Twitterer mitbekommen, sie lesen, retweeten oder weiterverbreiten. An interessanten Ansätzen für aussagekräftigere Zahlen arbeiten im Fall von Twitter derzeit u.a. Anbieter wie backtype, Klout oder resonancers. Aus einer Vielzahl von zusätzlichen Faktoren errechnen sie, welche Twitter-Accounts tatsächlich einflussreich sind. Wie oft werden Tweets geretweetet, wie oft als Favorit markiert, wie einflussreich sind wiederum die Follower des Accounts - das sind nur einige der Faktoren. Noch wird mit diesen Methoden herumexperimentiert - und welcher der drei Anbieter die beste Methode entwickelt, muss sich erst herausstellen. Aussagekräftiger als die reinen Follower-Zahlen dürften die Daten aber schon jetzt sein.
31.03.11 16:49
bernd schmekel Web-Site
Sehr guter Bericht! Toll! Ich frage mich manchmal warum immer mehr Serverparks, für zig Milliarden gebaut werden müssen, um den ganzen Datenmüll zu speichern - hier könnte man mal ausmisten und für die Stromersparnisse min. ein AKW abschalten!
22.03.11 16:52
G. Böhme Web-Site
Unwichtig schon mal gar nicht! Man sollte noch einen weiteren Punkt berücksichtigen: Natürlich ist bei Twitter etc. auch viel SPAM dabei - aber eben auch einige wirklich Interessierte.
Interessant und relevant ist aber das Verhältnis von "followern" und Accounts denen man selbst folgt - folgen einem erheblich mehr Personen/ Accounts als man selbst folgt, spricht das für die Qualität des eigenen Accounts.
Will man etwas für die Sichtbarkeit seines Unternehmens tun, sollte man nur ausgewählten und qualitativen Accounts folgen. Zusätzlich nur qualitativ sinnvolle Inhalte twittern.
Dadurch baut man sich eine "authority" auf, die auch den Suchmaschinen nicht verborgen bleibt. Die Sache mit der Qualität und der Authorität gilt für alle SocialMedia Kanäle.
12.03.11 23:21
Kai S. Web-Site
Ich gehöre dann zu den wertlosen Accounts... Ich retweete nichts und trete nicht in Aktion:
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Zitat:
Natürlich werden in den restlichen 70-80% auch ein paar dabei sein, die durchaus bei Twitter reinschauen, aber nicht selbst schreiben, doch die große Mehrheit dieser Follower dürfte zu den Ex-Nutzern gehören, die sich mal bei Twitter angemeldet haben, aber irgendwann die Lust verloren haben.
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Ich denke es sind gar nicht so wenige welche Twitter wie einen modernen News-Feed nutzen und demnach das Medium nur konsumieren.
lg
09.03.11 15:28
Herbert Starmühler Web-Site
Allerdings sind auch die Zahlen der geprüften normalen Websites wegen der eingestellten Algorithmen nicht sehr glaubwürdig und sicherlich tw. heillos übertrieben.
08.03.11 21:53
Nils Kersten Web-Site
Vielen Dank für diese klaren Worte. Ich freue mich immer über tolle Freunde-Statistiken und -Rankings. Sie sagen so viel aus wie ein Stummer beim Verhör.
05.03.11 07:57
Markus Krieg Web-Site
Hallo, ich bin noch recht neu in Twitter und Facebook und mich schrecken bei Twitter solche automatisierten Accounts oft total ab, die followen und wenn man sie dann auch followed, eine automatische Nachricht versenden lassen. Ich followe auch nur Accounts, die ich wirklich lesen mag, weil ich sie interessant finde. Ich kann das ehrlich gesagt nicht ganz verstehen, wie man 1000 Leute followen kann. Ich will mich einloggen und dann auch die Chance haben, rückwirkend bis zum letzten Login alles lesen zu können.
Die Tools oben habe ich alle getestet mit meinem Account und nur bei klout.com eine Ausgabe erhalten, die ich doch recht sympathisch finde. Bei den anderen Tools läuft es so ähnlich wie mit Quantcast für Webseiten: Nur bei den Großen gibt es Daten. Das macht für mich keinen Sinn, denn zumindest für weniger besuchte gut rankende Nischenseiten erwarte ich mir da eigentlich schon eine Anzeige.
Grüße
04.03.11 22:28
Claus Hoffmann Web-Site
Zur Lektüre empfohlen: http://www.facebookfanskaufen.com
Passenderweise ohne Impressum.
04.03.11 20:43
Sebastian Schwerk Web-Site
Natürlich sind reine Friend- und/oder Followerzahlen nicht aussagekräftig. Aber wie aussagekräftig sind die Auflagehöhen von kostenlosen Wochenzeitungen? Social Media lebt ebensowenig von Reichweite wie ein E-Mail Verteiler. Was nützen 100.000 Empfänger, wenn keiner antwortet? Zählen tut nur der Umsatz! Und die Währung im Social Web heißt Interaktion (Likes, Sharings, Retweets whatever) und es gibt genug Messgrößen und tools, um diese zu erheben. Der Vergleich mit Ebay hinkt! Wer kauft denn bei Ebay oder Amazon seinen Neuwagen oder seinen Rasierschaum oder schließt dort sein Zeitungsabo ab? Wer nur daran denkt, einem Kunden einmal in zehn Jahren eine Laptoptasche zu verkaufen, der kann die Finger ganz getrost von Social Media Maßnahmen lassen. Wer nachhaltig Markenaufbau und Kundenbindung erreichen will, der kommt nicht mehr drumherum! Das gilt für Medien genauso wie für Kosmetik, Pharma und Automobil.
Vergleichen wir doch mal einige Medien bei http://klout.com/ oder anderen tools? Wäre doch sehr spannend...
04.03.11 20:26
Christoph Zeidler Web-Site
Sehr richtig, dass vieles sich auf Twitter in einer eigenen Welt abspielt und nicht zwangsläufig (um nicht zu sagen eher selten) messbares Interesse in der "echten" Welt weckt. Das lässt sich z.B. an Klickzahlen auf Inhalte messen, die via bit.ly o.ä. geretweetet werden. Page Impressions, die auf Tweets zurückgehen, gehen oft nur auf einen Bruchteil der Followerzahl zurück. Da hilft auch das Zählen von Hashtags/Tweets nichts.
04.03.11 16:30
Theodor Mosh Web-Site
Bezüglich Twitter mag das Stimmen, wenn es um Facebook geht hat sich in letzter Zeit doch einiges getan: http://bit.ly/ihXNvw
04.03.11 16:29
Theodor Mosh Web-Site
Bezüglich Twitter mag das Stimmen, wenn es um Facebook geht hat sich in letzter Zeit doch einiges getan: http://bit.ly/ihXNvw
04.03.11 13:02
Claus Hoffmann Web-Site
Es ist auch eine Frage intelligenter Konzepte. Auf dem US-Markt setzt zum Beispiel Anheuser-Busch InBev verstärkt auf Facebook-Promotions, die ein messbares Feedback generieren. Etwa über die Registrierung für ein Preisausschreiben (das nur über Facebook läuft) oder die Abstimmung über einen TV-Spot. Damit werden gleichzeitig Follower aus weniger relevanten Märkten ausgefiltert, da die Teilnahme an den Preisausschreiben nur Bürgern der USA offen steht.
04.03.11 11:30
Katharina Weinberger Web-Site
Vielen Dank für den interessanten Beitrag.
Darin wird die Aussagekraft von Zahlen über registrierte Nutzer in sozialen Netzwerken angesprochen, die ich mit einem Beispiel aufgreifen möchte. Die Internet Community Jappy löst das wie folgt (denn natürlich gibt es auch hier Nutzer, die die Lust verlieren und abspringen): Inaktive User werden zunächst an ihre Mitgliedschaft erinnert und schließlich etwa 5 Monate nach ihrem letzten Login gelöscht. Mit den bei Jappy ausgewiesenen 2 Millionen Mitgliedern sind also tatsächlich nur die User beziffert, die aktiv sind.
Ohne diese Maßnahme hätte Jappy zwar eine - absolut betrachtet - höhere Mitgliederzahl, jedoch bestimmt keine so lebendige und aktive Community.
04.03.11 10:45
Georg Grohs Web-Site
Viele lassen sich von der Brutto-Reichweite bei Social Media täuschen. Wow, über eine halbe Milliarde registrierte Nutzer bei Facebook. Das ist aber eine rein theoretische Größe für das, worauf es ankommt: Umsatz.
Die meisten Leute sind zum Quatschen und zur Unterhaltung unterwegs. Von hier aus ist es ein weiter (gedanklicher) Weg bis zu einem Verkauf. Hingegen _suchen_ User bei Google, ebay, Amazon, Buchungsplattformen, etc. _aktiv_. Entsprechend leichter sind die Umsätze geschafft - prinzipielles Kundeninteresse vorhanden, nur ein paar Klicks mit weniger Absprüngen.....
03.03.11 20:22
Caro Schleibinger Web-Site
Ich bin ähnlicher Meinung. Ich habe mir vor kurzem einen Twitteraccount zugelegt und den einen oder anderen Follower bekommen, die mir ein wenig nach Spam aussahen (für irgendwelche Onlineshops, Unternehmensberater etc.) Typisch Social Media eben. Nachdem ich denen nicht folgen wollte, sind die schnell wieder abgesprungen (oder sie waren von meinem Gezwitscher genervt...). Es wäre schon interessant, zwischen Fake-Accounts und echten besser unterscheiden zu können, doch ich denke, das wird kommen. Nachdem Google nun den Content-Farmen den Kampf ansagt und sich ein Trend in Richtung zu verifizierten Nutzern bildet...
03.03.11 16:47
Stefan Wehler
Die Maßeinheit der aktiven Friends gibt es auf Facebook längst. Jeder Seitenadministrator hat über die Seitenstatistiken darauf Zugriff. Die Frage ist, ob man diese Zahlen veröffentlichen will.
03.03.11 14:52
Marco Ripanti Web-Site
Genau!!!!
Sag ich doch schon seit Monaten. Mehr Transparenz muss her.
Wir helfen dabei.
Danke
Marco
03.03.11 14:36
Rainer Bartel Web-Site
Vielen Dank für diesen erhellenden Beitrag, der vieles vom immer noch anschwellenden Hype vom Kopf auf die Füße stellt. Pflichtlektüre für selbsternannte Social-Media-Gurus!

Jens Schröder berichtet bei MEEDIA täglich über Einschaltquoten, IVW-Auflagen, MA-Reichweiten, Visits, PIs und Unique User. Im "Mr. Analyzer"-Blog beleuchtet er die Hintergründe der wichtigen Zahlen.
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06.04.11 10:57
Sven Schwartz
Wie so oft, hilft es auch in diesem Punkt einfach mal durchzuatmen. Klar ist, dass die Industrie gerne verlässliche Zahlen hätte. Hätte ich auch gerne und hier wird sich auch einiges ändern. Aber das ist in anderen Bereichen wie dem Sponsoring auch so.
Dennoch ist schwarz-weiss-malerei nicht angebracht:
Den realen Wirkungsgrad eines 18/1, einer Print-Anzeige oder eines Werbespots muss mir auch erst mal jemand beweisen. Und solange wir den künstlich geschaffen Zielgruppensegmentierungen (14-49) anhängig sind, kann ich mir ein süffisantes Lächeln schon gar nicht verkneifen.