Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung prangert Ungereimtheiten in der aktuellen ma 2012 Pressemedien I an. Das Blatt war mit 765.000 Lesern und einem Minus von 19% als einer der großen Verlierer aus der Reichweiten-Analyse hervor gegangen. Laut Verlag liegt der Grund in einer "fehlerhaften Titelkarte", die für die Umfrage verwendet wurde. In der Tat hatte die ma eine andere Titelkarte als sonst genutzt. Doch diese Tatsache wirft viel grundsätzlichere Fragen auf: Wie korrekt ist die ma überhaupt?
Die so genannten Titelkarten, auf denen die Titellogos der abgefragten Zeitschriften oder Zeitungen abgebildet sind, werden in den Leser-Befragungen zur ma seit jeher verwendet, damit sich potenzielle Leser besser an das Blatt erinnern können. Genau so lang wie es die ma gibt, gibt es auch Kritik an diesem Vorgehen. Es würden eher Images und die Bekanntheit abgefragt als tatsächliche Leserzahlen. Sieht man sich die Zahlen an, gibt es auch genügend Beispiele, die für diese Theorie sprechen. So hat die Bild am Sonntag derzeit laut ma 10,78 Mio. Leser pro Ausgabe, gekauft wird sie laut aktueller IVW aber nur von 1,387 Mio. Leuten - jede BamS müsste also durch die Hände von fast 8 Menschen gehen, sollten die ma-Zahlen tatsächlich realistisch sein. Kaum zu glauben.
Die kleine Affäre um die Zahlen der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitungen zeigt nun ebenfalls, wie zweifelhaft die Reichweitenzahlen womöglich sind. Wenn nur eine veränderte Titelkarte an einem angeblichen Leserschwund von 19% Schuld sein soll, wie realistisch sind diese Zahlen dann überhaupt? Denn es ist ja nicht so, dass die "fehlerhafte Titelkarte", wie sie der F.A.S.-Verlag bezeichnet, irgendeinen Quatsch enthalten hätte, mit dem die Sonntagszeitung nicht mehr identifizierbar gewesen wäre.
Im ma-Methoden-Steckbrief, der bereits im Vorfeld auf die F.A.S.-Änderungen hingewiesen hatte, heißt es: "Die Reichweite für die 'Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung' wurde mit einer gegenüber früheren Ausweisungen veränderten Titelkarte erhoben. Die Veränderung besteht in dem Zusatz 'gemeint ist die Sonntagsausgabe der Frankfurter Allgemeinen'. Die Titelkarte der FAS mit Aufdruck wurde in den beiden Berichtswellen der 2. Welle ma 2011 und 1. Welle ma 2012 in der ma-Befragung eingesetzt."
Sollten also fast 20% der F.A.S.-Leser durch diesen Zusatz so verwirrt gewesen sein, dass sie ihre Zeitung nicht erkannt haben? Und welchen Einfluss haben die Titelkarten dann auf die Leserzahlen anderer Magazine und Zeitungen? Laut F.A.Z. hat die ma die F.A.S.-Titelkarte inzwischen korrigiert, die Zahlen könnten bei der nächsten ma also wieder höher sein. Die Fragen an der Glaubwürdigkeit der Leserzahlen werden durch diese kleine Affäre aber sicher nicht weniger.
26.01.12 12:55
Christoph Witton
Ich habe als Student selber Umfragen durchgeführt und weiß, dass die Ungeduld der befragten Personen nicht zu unterschätzen ist und sich definitiv auf das Umfrageergebnis auswirkt. So war es oft so, dass bekannte Marken schneller erkannt und auch im Befragungsbogen von mir eher angekreuzt wurden, als unbekannte, nur um die Gegenüber nicht allzu sehr zu belästigen und selber schneller ein Ergebnis zu erhalten. Der Befragte hatte oftmals gar nicht so viel Geduld, sich über die Fragen Gedanken zu machen, dementsprechend bezog sich die Antwort meist eher auf Bekanntheit eines Produkts als auf die Verwendung seitens des Befragten. Es kam auch immer darauf an, wie ich die Fragen stellte, so konnte ich die Umfragen ganz einfach steuern und zu einem schnelleren Abschluss gelangen. Im übrigen wurden fehlende Fragebögen einfach der Tendenz folgend von mir „hochgerechnet“, was mir seitens der Unternehmensleitung auch – aus Zeitgründen – so empfohlen wurde.
Wie heißt es so schön: Glaube nur der Statistik, die Du selber gefälscht hast.

Jens Schröder berichtet bei MEEDIA täglich über Einschaltquoten, IVW-Auflagen, MA-Reichweiten, Visits, PIs und Unique User. Im "Mr. Analyzer"-Blog beleuchtet er die Hintergründe der wichtigen Zahlen.
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29.01.12 14:22
Michael Heyer Web-Site
Da hat Christoph Witton aber ins Schwarze getroffen. Ich wundere mich allerdings über diese Diskussion: schon in den 1970er Jahren war bekannt, dass in der MA keine Realitäten abgebildet werden. Damals gab es zu diesem Thema wegweisende Untersuchungen des Bauer-Verlags, wegweisend allerdings auf einem Weg, der -aus "politischen" Gründen wohl- nicht weiter verfolgt wurde. Alles ein alter Hut zwar, aber man kann die Fragwürdigkeit von Umfragedaten nicht oft und lang genug betonen.
Noch eine schöner Spruch: Wir alle hoffen, dass die Interviewer repräsentativ schieben!