Es war einer seiner raren öffentlichen Auftritte: Bei der Präsentation der Neuerungen, die das Handelsblatt zuletzt vollzogen oder für den Jahreswechsel geplant hat, saß auch Dieter von Holtzbrinck auf dem Podest des Konferenzraumes in der Frankfurter Zweigstelle des Wirtschaftsblatts. Der 69-Jährige begründete vor Fachjournalisten seine Entscheidung, Jahre nach dem Rückzug aus allen operativen Ämtern wieder als "Jungunternehmer" ins Verlagsgeschäft eingestiegen zu sein. Ein denkwürdiger Auftritt.
Der Mann, zu dessen großen Erfolgen der Aufbau der Handelsblatt-Gruppe wie die Sanierung des von vielen schon abgeschriebenen Hamburger Zeit-Verlags gehören, beschreibt zunächst die Umstände seines Comebacks als Verleger: "Der Gesellschafterwechsel kam auch für mich überraschend. Ich war immer überzeugt davon, dass die Nachfolge in einem Unternehmen rechtzeitig geregelt werden muss, und ich hatte mir fest vorgenommen, mit 60 aus der Geschäftsführung auszuscheiden und spätestens mit 65 auch den Aufsichtsrat zu verlassen."
Dass er mit diesem Prinzip gebrochen hat, erklärt er so: "Vor knapp zwei Jahren kam mein Bruder auf mich zu und sagte, dass er Teile des Zeitungs-Portfolios verkaufen will." Ihn selbst muss das tief getroffen haben. Dieter von Holtzbrinck formuliert es anders, er sagt "Für mich war das ein gewisser Schock", und man kann die interfamiliäre Dynamik und konträre Bewertung der unternehmerischen Zukunft an dieser Stelle nur ahnen, die schließlich zur Aufspaltung des Unternehmens führte.
Nie würde er öffentlich ein Wort der Kritik über Stefan von Holtzbrinck äußern, aber er verschweigt auch die Unterschiede zu dem eine Generation jüngeren Bruder nicht: "Er wollte auch in der Krise seine Strategie und seine Ziele unverändert weiter verfolgen." Und diese Ziele lägen für Stefan von Holtzbrinck mehr im Bereich der Wissenschaft und Forschung sowie den Internet-Beteiligungen: "Ich war dagegen, die Handelsblatt-Gruppe an Dritte zu veräußern." Über die Einigung sagt er lediglich: "Die Familie hält zusammen, und wir haben uns auf ein Tauschgeschäft geeinigt."
So fiel dem Aussteiger auf Zeit die Düsseldorfer Wirtschaftsgruppe, die operative Führung und ein 50-Prozent-Anteil an der Zeit sowie am Berliner Tagesspiegel zu. Eine Risiko-Entscheidung für einen, der über hohe jährliche Garantiezahlungen aus dem Verlagsgeschäft eigentlich in der Krise abgesichert und fein raus war. "Börsianer hätten mir von dem Deal abgeraten", sagt Dieter von Holtzbrinck, "selbst Freunde haben mir gesagt, dass ich mir das unsichere Geschäft nicht antun soll."
Doch vier Jahrzehnte Verlagserfahrung haben ihre eigenen Maßstäbe geschaffen und eine Urteilskraft, die unabhängig von Medienmoden ist. "Meiner Meinung nach", sagt der 69-Jährige fast bescheiden, "gibt es ein großes Missverständnis im Markt." Klassische Medienhäuser seien bei den Analysten "eher unterbewertet". Dass ihn nach seiner Entscheidung "einige mit Herr Bellheim begrüßten", irritierte ihn nicht: "Ich glaube, es geht nicht um Print gegen Digital, sondern um die Frage, ob es im Markt einen Bedarf an Qualitätsjournalismus gibt, unabhängig vom Kanal, über den dieser vertrieben wird." Dieter von Holtzbrinck beantwortet diese Frage nicht, für ihn ist sie rhetorisch.
Mit Krisen, sagt der Verleger, werde man "mit der Zeit fertig, wenn man sich mit Augenmaß dagegenstemmt und nicht zu viele Fehler macht". Seine Bilanz nach gut zwölf Monaten der Sanierung ist ordentlich, er spricht von "einem guten Break-Even" im laufenden Jahr und einer Rückkehr in die Gewinnzone 2011. Möglich wurde dies durch eine Kostensenkung, der im Verwaltungs- und Vermarktungsapparat eine deutlich dreistellige Zahl von Stellen zum Opfer fiel. In der Handelsblatt-Redaktion, deren Chefredakteur er austauschte, wurden keine Stellen gekürzt, sondern hier und da sogar die eine oder andere neu geschaffen.
Die Zukunftsvision des Alt-Verlegers hat viel mit Qualität zu tun, mit dem Wunsch, den "Milliarden von wertlosen Informationen im Internet" etwas Nachhaltiges entgegen zu setzen. Das erfordert hohen Aufwand, und das kostet. Da spart dann auch der Schwabe nicht, der sonst mit Blick auf die Branche stets eine "Wirtschaft der Vernunft" anmahnt. Und der ohne Arroganz, sondern dem Gewicht der Autorität seines Lebenswerks auch Wettbewerber kritisiert, wie an diesem Tag Gruner + Jahr für die Entscheidung, allen Wirtschaftstiteln eine Zentralredaktion zu verordnen: "Ich habe das immer für falsch gehalten. Die Titel verlieren so auf Dauer ihre Identität."
Ob seine Erwartung und Hoffnung in Erfüllung geht, über Tablet-Computer und neue digitale Vertriebswege dauerhaft lukrative Geschäftsmodelle jenseits des Zeitungs-Business zu finden, ist offen. Dieter von Holtzbrinck jedenfalls glaubt daran, genau so wie an seinen neuen Chefredakteur Gabor Steingart. Den ehemaligen Spiegel-Mann wie seine Geschäftsführer will er behutsam führen: "Ich sehe mich als Sparringspartner, halte ihnen den Rücken frei und ermuntere sie auch, Risikos einzugehen." Es ist der Runde anzumerken, dass die Chemie in Düsseldorf derzeit stimmt, und auch das abschließende Statement des Verlegers überrascht am Ende im Publikum niemanden: "Ich bin sehr glücklich, dass ich wieder eingestiegen bin."
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Was zunächst nur nach dem Zwist zwischen einem Blogger und einem Verlagsvorstand aussah, ist spätestens seit heute eine handfeste Medienaffäre, die in den Qualitätszeitungen diskutiert wird. Die Süddeutsche Zeitung, die Financial Times Deutschland und die FAZ berichten ausführlich und fragen sich: "Hat der prominente Verlegersohn Konstantin Neven DuMont unter zahlreichen Pseudonymen das Niggemeier-Blog mit Kommentaren überschwemmt?" (SZ) Leider spricht allzu viel dafür.
Dass die Süddeutsche in ihrer Dienstagsausgabe von "hellem Entsetzen" schreibt, welches die Unternehmensführung ergriffen habe, ist nach MEEDIA-Recherchen keine Untertreibung. Die Außenwirkung ist bereits katastrophal, bevor die Frage geklärt ist, ob der Verlagsmanager die aberwitzigen Kommentare selbst verfasst oder deren Veröffentlichung von seinem Rechner über Wochen fahrlässig zugelassen hat. Bislang galt Konstantin Neven DuMont, 40, Sohn des Kölner Verlegers Alfred Neven DuMont, in der Branche zwar als Exot. Aber er zählt auch zu den wichtigen und mächtigen Entscheidern: Vorstand im eigenen Konzern, Aufsichtsrat bei der Deutschen Presse-Agentur, Mitglied im Deutschen Presserat, auserkoren als künftiger oberster Chef des drittgrößten deutschen Zeitungshauses.
Dass dieser derzeit Zielscheibe des Spotts im Social Web ist, wird nicht dadurch besser, dass Neven DuMont trotz aller Dementis im Wesentlichen selbst dieses – bei Bloggern "Shitstorm" genannte – PR-Fiasko im Web selbst verursacht hat. Und die Führungsetage in Köln wird es darüber hinaus als äußerst bedenklich einstufen, dass die Zeitungen der eigenen Führungskraft zumindest unterschwellig eine wenig austarierte Persönlichkeit attestieren.
Wer sich mit dem Fall an sich beschäftigt, ist geneigt, die Lektüre des Artikels von Stefan Niggemeier über die seltsamen Kommentare und die Vielzahl spinnerter Nicknames auf halber Strecke abzubrechen. Denn schon da scheint klar, dass es keine Antwort auf die Frage geben wird, wer sich da mit sich selbst vor den Augen der Web-Öffentlichkeit zu welchem Zweck mit sich selbst unterhält. Die Headline der FTD "Wer bin ich und wenn ja, wie viele" nimmt darauf in unbarmherziger Weise Bezug.
Es ist nicht auszuschließen, dass es sich bei dem oder den beiden anonymen Verfassern, wie Konstantin Neven DuMont behauptet, um Menschen aus seinem Umfeld handelt. Es ist aber nicht sehr wahrscheinlich. Schon was der Medienjournalist Stefan Niggemeier in seinem Blog-Artikel akribisch dokumentiert, ist eine Flut von Indizien, die wenig Ausfluchtsmöglichkeiten bieten. Und spätestens nach der Erklärung, die Konstantin Neven DuMont auf MEEDIA-Anfrage abgab, ist auch klar, dass hier kein ominöser Hacker am Werke war, der dem Konzernerben Schaden zufügen wollte. Zwei ihm bekannte Personen seien für die anonymen Kommentare verantwortlich: "Sie hatten Zugang zu meinem Rechner. Im Nachhinein war das natürlich ein Fehler." Und: "Ich habe sie darum gebeten, keine weiteren Einträge unter meiner Mailadresse zu veröffentlichen."
Ist es wirklich so gewesen? Dagegen spricht die teilweise frappierende Übereinstimmung von Formulierungen in "offiziellen" Web-Kommentaren Neven DuMonts mit denen der anonymen Postings. Ein weiteres Indiz aus eigener Erfahrung: Am 3. September ging es bei MEEDIA um ein Interview mit Konstantin Neven DuMont. Dabei äußerte dieser den Wunsch, dass das Gespräch mit Fernsehkameras aufgezeichnet werden solle und begründete dies so: "Dann hätten auch lesefaule Menschen etwas davon."
In der folgenden Nacht, um 0:03 Uhr, notierte im Blog von Stefan Niggemeier ein anonymer Schreiber ("Medienjournalist") unter der E-Mail und von der IP-Adresse Neven DuMonts: "Im Januar 2010 führte Georg Altrogge (MEEDIA) ein Interview mit Neven DuMont durch. Heute einigten sie sich auf ein Gegeninterview. Diesmal wird das Ganze von einer Kamera aufgezeichnet. Lesemuffel sollen ebenfalls erreicht werden." Merkwürdig: Weder hatte ich dem TV-Interview zugestimmt, noch den Vorschlag DuMonts irgendjemandem zur Kenntnis gebracht.
"Lesefaule" und "Lesemuffel" – soll das tatsächlich zwei verschiedenen Personen fast gleichzeitig in den Kopf gekommen sein? Noch verwirrender wird die Sache, dass die anonymen Einträge mit der angeblichen "Enttarnung" der anonymen Verfasser durch den Verlegersohn nicht aufhörten. Auch am Montagabend gab es mehrere neue Kommentare unter der Mail- und IP-Adresse von Konstantin Neven DuMont. Die FAZ schreibt darüber: "Ihr unbekannter Verfasser schlüpfte dabei in die Rolle von DuMonts Kindern."
Als MEEDIA am Dienstag Konstantin Neven DuMont per Mail u.a. mit der Frage konfrontierte, ob es sich bei den ominösen Account-Nutzern um Menschen aus dem persönlichen statt dem beruflichen Umfeld handele, kam keine Antwort mehr. Eine Unternehmenssprecherin teilte unter Bezug auf die Anfrage mit: "Herr DuMont ist im Urlaub, und er will Ihre Fragen nicht beantworten." Bei "Konstantingate" (Turi2) gibt es viele offene Fragen, und der Verlegersohn wird sie zumindest intern aufklären müssen. Ob er will oder nicht.
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Drei Tage dauerten die Münchner Medientage und prägten die Berichterstattung der Fachpresse in der vergangenen Woche. Doch es gab auch kritische Stimmen: zu beliebig und altbekannt sei vieles gewesen, was im Kongresszentrum in die Mikrofone gesprochen wurde. Von Münchner Mainstreamtagen war die Rede, und auch viele Besucher äußerten in den Kaffeepausen, dass sie von der Veranstaltung mehr Impulse und innovative Ansätze erhofft hätten. Die Manöverkritik: Was sich bei den Medientagen ändern sollte.
Besonders harsch fiel der Verriss von Medienberater Thomas Knüwer aus, der nicht nur an der ergebnisarmen Elefantenrunde zum Auftakt Anstoß nahm, sondern auch bilanzierte, dass "die Kluft zwischen dem Wissen der Medienentscheider und der Realität" immer größer werde. So sei der Name "Facebook" in der Elefantenrunde nur ein einziges Mal erwähnt worden und stattdessen immer nur von Google die Rede gewesen.
Gerade die nach dem Proporz-Prinzip besetzte traditionelle Elefantenrunde steht seit Jahren unter Beschuss, und es ist nicht zu leugnen, dass sie auch diesmal für eine vertane Chance stand, die Zuhörern (und wohl auch den überaus diplomatisch aufgelegten) Branchengrößen eher Zeit stahl, als dass sie neue Erkenntnisse gebracht hätte. Doch damit hätte man gut leben können, wenn die folgenden Panels konzentrierter und kontroverser gewesen wären.
Leider war das nicht oder zu selten der Fall. Was "Wert(e) der Medien in der digitalen Welt" sind, blieb oft im Bereich grundsätzlicher Beliebigkeit und führte unterm Strich nicht zu fassbaren Ergebnissen. Genau kann man dies ohnehin kaum beurteilen, weil die Präsenz von 500 Experten als Podiumsgäste bei insgesamt 90 Veranstaltungen von niemandem unter den 6.000 Messebesuchern auch nur annähernd ganzheitlich erfasst werden konnte. Wo steuern die Verlagshäuser, Radio- oder Fernsehsender hin, was ändert sich im Werbegeschäft? Wer darauf eine Antwort suchte, lief schnell Gefahr, sich im Geflecht etlicher, teils parallel verlaufener zu verirren.
Das ist auch der erste Punkt, an dem die Veranstalter ansetzen könnten. Eine Straffung des Veranstaltungsprogramms und die Fokussierung auf konkrete Lösungsansätze könnten die Ergebnisse der Diskussionen deutlich verbessern. Im Münchner Messezentrum blieb zu vieles im luftleeren Raum, fehlte es an nicht nur abstrakten Konzeptionen. Hinzu kam, dass zu den beherrschenden Themen auch die politischen Debatten um Leistungsschutzrecht oder Netzneutralität gehörten, wo die Positionen vielfach ausgetauscht und sattsam bekannt sind.
Auch die von den Teilnehmern verbreitete Grundstimmung geriet zum Problem. In München wurde der branchenübliche Optimismus noch eine Spur dicker aufgetragen als bei anderen Events. Die Zahl der von Psychologen als "Alles-klar-Melder" bezeichneten Berufsfröhlichen jedenfalls schien rekordverdächtig. Natürlich sei allen gegönnt, nach Jahren der Beklemmung wieder den Aufwind zu spüren und durchzuatmen. Dennoch bleiben in etlichen Geschäftsbereichen die strukturellen Probleme trotz des aktuellen Werbeschubs virulent – und eben darauf hätte das Hauptaugenmerk der Diskussionen liegen sollen.
Viele Teilnehmer waren aber offensichtlich bemüht, PR in eigener Sache oder der ihres Medienhauses zu machen. Es war interessant, aber nicht unbedingt sachdienlich, etwa zu beobachten, wie viel der eloquente Google-Europachef Philipp Schindler darüber verbreitete, was sein Konzern angeblich NICHT macht als darüber, wie die Suchmaschine tatsächlich agiert. Oder dem Yahoo-Geschäftsführer Terry von Bibra zuzuhören, wie dieser das Kunststück vollbringt, die Geschichte des Internets zu referieren, ohne ein einziges Mal das Wort Google in den Mund zu nehmen.
Und wenn die Chef-Innovatoren der Web-Units von gleich drei Großverlagen auf einem Podium sitzen, dann hätte man sich gewünscht, dass diese ganz konkret darüber debattieren, wie ihre Apps aussehen und welchen tatsächlichen Mehrnutzen diese bieten, damit Nutzer auch tatsächlich namhafte Abogebühren dafür zahlen. Fertige Apps liegen bei allen inzwischen in den Schubladen, nur reden will man über die Zukunftsprojekte offenbar ungern. Hier sollten die Medientage mehr Workshop-Charakter bekommen, in dem ein interdisziplinärer Ideen-Austausch erfolgt. Davon hätten die Besucher deutlich mehr als vom Posing der Podiumsgäste mit der eigenen Marke. Vor allem zum heißen Thema iPad und Apps wurde in München viel kalter Kaffee serviert.
Immerhin beim Diskurs "Wert und Werte von Social Media" ging's zur Sache. "Social Media Marketing kann jeder Depp – Ergebnisse erzielen nur Experten", konterte etwas Thomas Kaspar, Chefredakteur Community bei Chip Xonio Online den reichlich verkopften Vortrag seines Vorredners aus der Unternehmensberatung und fügte einen prägnanten Vergleich hinzu: "Social Media Marketing ist wie eine Herz-OP. Ein Fehler kann tödlich sein." Das war eben nicht das übliche Schaulaufen, und deshalb sollte man sich dieses Panel für 2011 schon mal vormerken.
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Je länger der Prozess dauert, desto komplizierter erscheint er: Das Vergewaltigungsverfahren gegen Jörg Kachelmann ist ein zähes Ringen um Terminierungen, Zeugen und Expertisen zahlreicher Gutachter. Wechselseitige Befangenheitsanträge machen die Wahrheitssuche noch verwirrender. Ein Urteil, das mal für Ende Oktober geplant war, wird es in diesem Jahr vielleicht nicht geben. Das Landgericht Mannheim ist Schauplatz eines Sitzungsmarathons, dessen erste Verlierer feststehen: die Gerichtsreporter.
Erster Grund dafür ist, dass der gesamte Fall schon im Vorfeld des ersten Verhandlungstages durch zahlreiche investigative Veröffentlichungen aufgerollt und bundesweit bekannt gemacht worden war. Praktisch alles, was Eingang in die Ermittlungsakten gefunden hatte, war publik geworden: von intimen Details der langjährigen Beziehungspartner, gutachterlichen Einschätzungen sowie polizeilichen Protokollen. Ob diese Details auch von allen Journalisten sauber abgebildet und richtig eingeordnet worden waren, ist eine andere Frage. Die Spiegel-Gerichtsikone Gisela Friedrichsen hatte in einem Fernsehinterview an einem der ersten Verhandlungstage abfällig von „dem ganzen Müll“ gesprochen, der vor dem Prozess von Zeitungen und Magazinen veröffentlicht worden war.
Da mag sie mit ihrer unbestrittenen Rechtskenntnis nicht ganz falsch liegen. Allerdings gehören auch die vor der Verhandlung von ihr selbst geschriebenen Artikel zu den umstrittensten Publikationen in Sachen Kachelmann. Gerade Qualitätsmedien wie Der Spiegel oder Die Zeit haben eine Debatte darüber ausgelöst, ob eine redaktionelle Schuldig- oder Freisprechung eines Angeklagten journalistisch vertretbar ist. Die teilweise suggestiven Berichte, die in den genannten Medien im Unterton deutliche Zweifel an der Plausibilität der Tatvorwürfe transportierten, riefen am Ende die Feministin Alice Schwarzer auf den Plan, die – nicht ungeschickt – via Bildzeitung und Bild.de im Prozess ein Gegengewicht aufbaut.
Frau Schwarzer ist auch deswegen in Mannheim vor Ort, weil aus ihrer Sicht aufgrund der vielen zweifelnden Berichte das öffentliche Urteil schon zu Verhandlungsbeginn feststand: Das „Opfer“ (sagen wir genauer: die Belastungszeugin) steht nach ihrer Ansicht in der Wahrnehmung der Leser am Pranger, der Moderator sei allenfalls der Vielweiberei zu bezichtigen und jedenfalls kein Vergewaltiger. Dem widerspricht Alice Schwarzer seit dem ersten Prozesstag und betreibt damit eine Kampagne, die im Kern politisch begründet ist und nichts mit dem Wunsch zu tun hat, dem auf den Grund zu gehen, was sich in der betreffenden Nacht zwischen dem Wettermoderator und seiner Geliebten zugetragen hat.
Doch es fällt schwer, gegenüber der Feministin daraus einen Vorwurf zu konstruieren. Schließlich scheint das ganze Verfahren Politik zu sein. Die Verteidigung bezahlt Gutachter aus eigener Tasche, die sie später in einem Fall freiwillig zurückzieht, einen anderen schließt der Richter – gegen den ebenfalls ein Befangenheitsantrag läuft – vom Verfahren aus. Der Staatsanwalt hat bei der Verhaftung eine so verlogen anonymisierte Pressemitteilung herausgegeben, dass auch dem jungen Juristen klar sein musste, dass der von ihm als TV-Moderator titulierte Unbekannte in kürzester Frist enttarnt werden würde. Das Oberlandesgericht hat schließlich mit der Haftentlassung des Moderators ohne jegliche Auflage die komplette Argumentation des Landgerichts und letztlich auch der Staatsanwaltschaft konterkariert. Bei vielen der am Kachelmann-Verfahren Beteiligten wird, im Namen des Volkes, auch an der eigenen Reputation und Karriere geschmiedet. Was, bitte, soll man nach all dem von einem Prozess erwarten? Die Wahrheit wäre wohl zuviel verlangt, ein Urteil wird und muss es aber geben.
Doch der Weg dahin ist steinig, vor allem für die Gerichtsreporter. Wurden sie schon vor Verlesung der Anklage zu dem üblichen entwürdigenden Rattenrennen um die wenigen Plätze im Verhandlungssaal verdammt, wurden sie wie ebenfalls üblich den nicht minder entwürdigenden Leibesvisitationen unterzogen, mit denen Gerichte es klar zu machen verstehen, wer hier der Chef ist, so stecken sie nun in einer Sackgasse: Immer mehr Termine finden statt, bei denen die Öffentlichkeit außen vor bleibt. Selbst das Fotografieren im Saal ist nicht mehr erlaubt. Die Medien balgen sich um die wenigen Schnappschüsse, die es von der vorfahrenden Kachelmann-Anwälte-Limousine gibt. Auch das: entwürdigend.
Die Justiz, in diesem Fall ein Vorsitzender Richter, gegen den ein im Kern berechtigter Befangenheitsantrag anhängig ist, gibt die Schlagzahl vor. Jetzt ist vieles privat, was Monate lang allzu öffentlich war. In der Logik der Gerichte, die sich wiederholt und vehement dagegen gewehrt haben, dass Filmaufnahmen von Prozessen gemacht werden dürfen oder dass wie in den USA ganze Verhandlungen live übertragen werden, ist das stringent. In der Wahrnehmung einer Medien- und Informationsgesellschaft wirkt dies wie ein konstanter Rückschritt ins publizistische Mittelalter.
Doch niemand wehrt sich offen gegen die Selbstherrlichkeit der Richter, die mitten in der Mediengesellschaft dazu legitimiert sind, öffentliche Verfahren nach eigenem Gutdünken auf ein unverstehbares Minimum zu reduzieren. Die Gerichtsreporter sind auf eben jene Klientel angewiesen und überlegen sich lange, ob sie rebellieren, wenn der Vorsitzende Richter sie auch von elementaren Phasen der Prozesse ausschließt. Am Ende stehen sie mit leeren Händen da, müssen ihren Blattmachern erklären, warum sie außer den vielseitig interpretierbaren Beobachtungen auf den Gerichtsfluren keine News aus der Verhandlung liefern können, obwohl sie doch auf Ortstermin mit Hotel, Taxi und Spesensatz sind. Um dann als Top-Reporter auch nicht mehr liefern zu können als der Kollege von der dpa oder der Lokalschreiber: Das ist für viele bitter, aber eben auch nicht zu ändern.
Die Gerichtsreportage, ein einst glanz- und reizvoller Zweig des journalistischen Berufs, scheint zu veröden. Denn wenn die langjährigen Fachkräfte am Ende des Prozesses kenntnisreich erklären, warum der Angeklagte verurteilt oder freigesprochen wurde, wirkt dies wie aus zweiter Hand und mit dem Vorbehalt des in diesem Fall wohl unabwendbaren Revisionsverfahrens. Danach könnte dann alles wieder anders aussehen. Wie viel Wert das erstinstanzliche Urteil am Ende im Strafprozess gegen Jörg Kachelmann haben wird, ist völlig offen. Viel spricht dafür, dass der jetzt verantwortliche Richter nicht den letzten oder verbindlichen Spruch in dieser Sache spricht.
Doch von der Entschiedenheit und scheinbaren Klarheit der Vorberichte auf den Prozess sind die ungewollt zerstückelten Gerichtsartikel weit entfernt. Statt einer Gesamtschau auf den Fall sind es Momentaufnahmen einer von der Gerichtsbürokratie vorgegebenen Dramaturgie. Und jeder, der es wagt, Zeugen oder Zeuginnen der Anklage zu kontaktieren, um sich ein eigenes Bild vom Fall zu machen, muss mit eisiger Verachtung durch die Staatsorgane rechnen, am Ende sogar mit strafrechtlicher Verfolgung. Investigation, das hohe Gut des Journalismus, wird zum Problem, sobald ein Gericht über eine Anklage zu befinden hat, die eine Staatsanwaltschaft erhoben hat, auch wenn sie noch so zusammengezimmert wirkt. Und es spielt dabei keine Rolle, ob man als Reporter das örtliche Käseblatt vertritt oder das Premiummagazin. Mehr als ein Hauch von Willkür lastet auf dieser Verfahrensweise. Doch ohne Gesetzesänderungen wird dieses Problem nicht zu lösen sein.
Als Jungredakteur war ich selbst zwei Jahre lang Gerichtsreporter, um den an sich spannenden Job dann aufzugeben – eben wegen dieser Schieflage. Gute Journalisten haben ein investigatives Gen und sind wenig bereit, sich die Grundlagen ihres schreiberischen Handelns diktieren zu lassen. Man will der Sache auf den Grund gehen. Die Justiz verfolgt dem Anspruch nach dasselbe Ziel, doch die Prozesstaktik wird immer dominanter. Und so paradox es klingt, ist für manche das tatsächlich Geschehene nachrangig. Im Vordergrund steht nicht die Frage, ob ein Tatvorwurf wahr ist, sondern ob dieser beweisbar ist. Das kann in der Rechtspraxis ein großer Unterschied sein, und er führt dazu, dass etwa viele namhafte Strafverteidiger sich bei der Übernahme eines Mandats gar nicht erst mit der Frage aufhalten, ob der Angeklagte das ihm zur Last gelegte Verbrechen tatsächlich begangen hat – jedenfalls konfrontieren viele Anwälte ihre Mandanten nicht mit dieser Frage. Ein Journalist, der seinen Job ernst nimmt, würde dieses Vorgehen gar nicht aushalten.
Hinzu kommt: Bei spektakulären Fällen verlangt die Öffentlichkeit immer rascher nach umfassenden Erklärungen. Das Tempo der Prozesse hält dem rasanten Tempo der modernen Informationsgesellschaft nicht mehr Stand. Verlierer dieser Entwicklung sind die Justizreporter, aber nur wenige von ihnen würden das zugeben.
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Georg Altrogge ist Chefredakteur von MEEDIA und sammelte in leitenden Funktionen fast zwei Jahrzehnte Erfahrung im Print-Business, unter anderem als Chefredakteur von „Tomorrow“. Hier beschreibt er Außen- und Innenansichten einer Branche im Nahkampf mit den digitalen Medien.
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