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Montag 08. November 2010 15:39

Die ungewisse Zukunft von Spiegel TV

Für schlechte Nachrichten gibt es keinen guten Zeitpunkt. Doch die Mitteilung der Spiegel TV-Geschäftsführer, Dutzende von Stellen zu streichen und die Berlin-Redaktion faktisch aufzulösen, kam im ungeeignetsten Moment. Während alle großen Medienhäuser aufatmen, TV-Konzerne wie RTL oder ProSiebenSat.1 Rekordzahlen präsentieren, bricht in Hamburg die Krise aus: Massenentlassungen und eine rabenschwarze Bilanz im laufenden Geschäftsjahr. Die Zukunft von Spiegel TV ist ungewiss, die Krise auch hausgemacht.

In einer Mitteilung des Spiegel-Verlags heißt es, die TV-Tochter plane "neue Strukturen und den Abbau von Stellen". Die Redaktion solle am Standort Hamburg "gebündelt" werden, eine vielsagende Anspielung auf die Hauptstadt-Dependance des Unternehmens, die künftig wohl lediglich Produktionsstätte sein wird. Sender wie Phoenix oder Deutsche Welle buchen das dortige Spiegel TV-Studio für Berichte aus Berlin. Noch arbeiten dort 25 Angestellte.

Von den derzeit insgesamt 261 Mitarbeitern des Unternehmens werden etliche gehen müssen. 15 Prozent der Stellen sollen eingespart werden, dies entspräche etwa 39 Vollzeitstellen. Aufgrund von Teilzeitverträgen ist dies nach MEEDIA-Informationen jedoch eine rechnerische Größe. Tatsächlich werden wohl 50 Mitarbeiter gehen. Über Einzelheiten will die Geschäftsführung laut Verlag "in den kommenden Wochen" mit Betriebsrat und Angestellten reden. Erste Gespräche sollen am Mittwoch stattfinden.

Die Mitarbeiter reagierten betroffen auf die Darlegungen des Managements im Spiegel-Pavillon. Dabei waren erstmals auch konkrete Zahlen zur Geschäftsentwicklung im laufenden Jahr genannt worden. Offenbar wird der Umsatz auf 40 Millionen Euro sinken, statt Gewinnen ein Minus von 6 Millionen Euro zu Buche stehen. Geschäftsführer Cassian von Salomon über die Negativ-Entwicklung: "Der Markt wird enger, die Budgets knapper, die Geschäftsfelder immer kleinteiliger. Und: Informationsfernsehen hat es zurzeit auf allen Kanälen schwer, sich durchzusetzen." Zudem habe es einen Rückschlag in der langjährigen Kooperation mit der dctp von Alexander Kluge gegeben, die als Partner von Vox 52 Sendeplätze von Spiegel TV habe abgeben müssen. Das Gegenrezept des Geschäftsführers: "Um der für uns wachsenden Bedeutung von Auftragsproduktionen gerecht werden zu können, sind schlankere und flexible Strukturen notwendig."

An dieser Stelle muss die Frage erlaubt sein, warum eine solche Strukturreform erst jetzt angegangen wird, wo Spiegel TV in vielen Segmenten bereits am wirtschaftlichen Abgrund steht. Der Verlust von Sendeplätzen oder großen Auftragsvolumen ist seit längerem bekannt. Dass die Kreativabteilungen mit der eigentlich ständigen Produktion von Pilotfolgen es dabei nicht fertig brachten, neue lukrative Konzepte am Markt zu etablieren, hätte früh ein Warnsignal sein sollen, dass auch hier vielleicht an der falschen Stelle gebohrt wurde. Verlässliche Geldbringer sind derzeit vor allem das von eher überschaubaren Redaktionseinheiten bediente "Spiegel TV Magazin" auf RTL, die Sat.1-"Spiegel TV Reportage" und (mit Blick auf die Quoten zumindest bis aufs Weitere) die Infotainment-Schiene, die "Kerner" und "Die Oliver Pocher Show" (beide Sat.1) bestückt.

Der in Kürze aus Altersgründen ausscheidende Geschäftsführer Fried von Bismarck verunsicherte die Spiegel TV-Mannschaft zusätzlich, in dem er ankündigte, dass es ohne Ausnahme in allen Bereichen und Abteilungen Kürzungen und einen Stellenabbau geben werde. Bismarck hatte nach Einschätzung von Brancheninsidern seit 2007 die sich damals bereits abzeichnende Notwendigkeit zur nachhaltigen Entwicklung von Neugeschäften als Hauptverantwortlicher praktisch ergebnislos verwaltet – eine Bilanz, die jetzt voll durchschlägt. Denn auch der zeitweise gehypte Aufbau einer Online-Video-Unit geriet zum millionenteuren Flop. Hier gelang es dem Management nicht, sich vom Schatten des umtriebigen Gründers zu befreien, der mit sicherem Gespür für Marktchancen und einem Netz ausgezeichneter Kontakte neue Projekte angebahnt hatte.

Von Verlagsgeschäftsführer Ove Saffe ist bekannt, dass er den TV-Bereich nach dem Abgang von Gründer Stefan Aust früh als Großbaustelle identifiziert hatte. Doch es gab andere Pflichtaufgaben, und Saffe ist als langjähriger Printexperte dem Fernsehgeschäft eher fern. Der Wunsch, den enormen Kostenapparat der TV-Abteilung zu optimieren, führte zur Einstellung etlicher Controller – und letztlich vorerst noch höheren Kosten.

Mit dem Abbau von Stellen fügt sich das Management in quasi letzter Minute den wirtschaftlichen Zwängen und tut, was in solchen Fällen eben getan werden muss. Mehr als eine Pflichtbewältigung ist das nicht. Warum die Krisenbewältigungsstrategie sowie die Neuentwicklungen der Geschäftsführung nicht anschlugen – auch dafür wird man sich sich irgendwann rechtfertigen müssen. Und nicht alles lässt sich mit Markteinflüssen verargumentieren. Bei Pitches um Aufträge hat Spiegel TV Mühe, kleinere Anbieter wie die Fernsehmacher von Ex-Kerner-Redaktionsleiter Markus Heidemanns aus dem Feld zu schlagen. Und dass das ZDF sein Geschäft mit den Hamburgern deutlich reduziert hat, könnte auch atmosphärische Gründe haben. Wie im Umfeld des Mainzer Senders zu hören ist, war Programmdirektor Thomas Bellut beim Wechsel seines Talkers Johanns B. Kerner zu Sat.1 über das Informationsgebaren der Produktionsfirma Spiegel TV enttäuscht, die schließlich mit dem Moderator die Seiten wechselte.

Einen neuen Auftraggeber hat Spiegel TV allerdings jüngst gewinnen können: Stefan Aust. Ausgerechnet der geschasste Chef beschert seinen Kollegen, von denen er einst verbittert im Unfrieden schied, ein interessantes Neugeschäft: Für seinen Sender N 24 wird sich Aust großflächig aus dem Spiegel TV-Archiv bedienen und seinem alten Arbeitgeber Einnahmen verschaffen. Für die Hamburger ist das aber nur ein Nebenschauplatz. Hier wird es eher darum gehen, ob es mit 15 Prozent Stellenabbau langfristig getan sein wird. Denn auch um die dann verbleibenden rund 210 Mitarbeiter profitabel zu beschäftigen, wird das Unternehmen neue Projekte realisieren müssen. Cassian von Salomon sagt dazu: "Es ist unser Ziel, die starke Position von Spiegel TV im deutschen Fernsehmarkt zu erhalten und weiter auszubauen." Wie ihm das gelingen soll, sagte er nicht.

 

Der Autor war 1996 bis 1998 Redakteur bei Spiegel TV.

 

 

 

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Georg Altrogge ist Chefredakteur von MEEDIA und sammelte in leitenden Funktionen fast zwei Jahrzehnte Erfahrung im Print-Business, unter anderem als Chefredakteur von „Tomorrow“. Hier beschreibt er Außen- und Innenansichten einer Branche im Nahkampf mit den digitalen Medien.

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