Intern wird seit Wochen darüber geredet, durch die Veröffentlichung des Kontakters wurde das "Projekt Blau" zum Branchenthema: das Ringen um eine strategische Neuausrichtung von Stern.de. Nach Angaben von Gruner + Jahr wird die Diskussion "ergebnisoffen" geführt. Allerdings rechnen Insider damit, dass unterm Strich auch eine Kostensenkung und damit ein Stellenabbau stehen wird, manche sprechen offen von einem "Rückbau". Dabei könnte Stern.de stellvertretend für ein Kernproblem vieler Medienhäuser stehen.
Auf 15 bis 20 Millionen Euro taxiert man im Verlagsumfeld das aktuelle jährliche Minus der digitalen Gesamtaktivitäten, das allerdings aufgrund eines in den vergangenen Monaten kräftig angezogenen Werbegeschäfts 2010 auch geringer ausfallen könnte. Größter Verlustbringer ist Stern.de. Die entscheidende Frage, die am Baumwall gestellt wird, ist die nach dem künftigen Stellenwert der aktuellen News. Diese praktisch rund um die Uhr im Wettstreit mit etlichen anderen Nachrichten-Sites zu bedienen, erweist sich nicht nur für Gruner als eher brotlose Kunst. Dem hohen Personalaufwand stehen im Verhältnis eher mickrige Werbeerlöse gegenüber, und das wird sich auf unabsehbare Zeit nicht ändern. Hinzu kommt, dass wohl nirgendwo die Paid Content-Chancen geringer sind als bei den Nachrichten von der Stange, die es im Web immer irgendwo gratis geben wird: ein auf Dauer ruinöses Geschäftsmodell, das nicht nur beim Stern eine Überdenkung der bisherigen Strategie erforderlich macht. Wie aber könnte eine erfolgreiche Positionierung aussehen?
Zuerst der Blick auf die Zahlen: Nachdem Stern.de zwei Jahre lang mit stagnierenden Klickzahlen kämpfte, ging es in den vergangenen Monaten einen Schritt nach vorn. Im Januar 2008 erzielte die Website laut IVW 16,1 Mio. Visits - damals ein neuer Rekord. In den folgenden Monaten und Jahren blieb man aber in etwa auf diesem Niveau, schwankte bis zum Februar 2010 zwischen 13,7 Mio. und 17,5 Mio. Visits. Im März 2010 gelang der nächste Schritt auf 19,65 Mio. Visits, im Mai folgte die erste Visits-Zahl über der 20-Mio.-Marke (21,36 Mio.). Zum Vergleich: Im selben Monat lag Spiegel Online bei 130,89 Mio. Visits, die Homepage des im Print wesentlich kleinere Focus bei 27,79 Mio. Visits.
Bei der AGOF ging es zwischen dem ersten Quartal 2007 (2,58 Mio. Unique User) und dem vierten Quartal 2009 (2,12 Mio.) sogar klar nach unten, die Konkurrenz von Focus Online, Welt Online und Sueddeutsche.de hat man dort längst aus dem Auge verloren. Die aktuelle AGOF-Zahl von 4,46 Mio. Unique Usern ist wegen Umstellungen in der Berechnungsgrundlage nicht mehr mit den älteren Zahlen vergleichbar. Auch hier der aktuelle Vergleich mit der Konkurrenz: Spiegel Online hat aktuell 9,40 Mio, Focus Online 7,46 Mio Unique User. Und schließlich die Zahlen aus Googles Research-Tool Ad Planner. Hier stammt der stern.de-Rekord aus dem Juli 2009, damals gab es 2,40 Mio. Unique Visitors. In den folgenden Monaten ging es zwischendurch auf bis zu 1,60 Mio. nach unten, im April und Mai immerhin wieder auf 2,00 Mio. und 2,10 Mio. hinauf.
Die relativen Zuwächse kann man sich schönreden, doch im Web gelten harte Gesetze: Nur wer es schafft, im Segment Marktführer oder wenigstens unter der Top drei zu sein, hat im inflationären Handel mit User-Millionen bei den Vermarktern überhaupt Aussicht auf hinreichende Erlöse. Tatsache auch: Die Strahlkraft der Marke Stern spiegelt sich in Klickzahlen und Unique Visitors nicht wieder, verglichen mit der Offline-Reichweite strahlt der Stern im Web eher blass.
Für diese Situation gibt es historische Gründe. Als der Spiegel Ende der 90er Jahre seine Homepage systematisch ausbaute, war dies auch aus der Not geboren: Damals galt es dort, eine 20-köpfige Nachrichtenredaktion weiter zu beschäftigen, deren Aufgabenfeld durch das Auslaufen eines Dienstleistervertrags von Spiegel TV für die Vox-Nachrichten wegfiel. Hinzu kam eine Handvoll Redakteure, die nach erfolglosen Experimentieren mit digitalen Tageszeitungen ebenfalls eine neue Tätigkeit brauchten. Das Problem durch Kündigung zu lösen, war damals beim wirtschaftlich blendend dastehenden Spiegel keine Option, und dies erwies sich als glückliche Fügung, die Spiegel Online den Vorsprung sicherte, von dem das Portal bis heute profitiert. Und es entspricht dieser Logik, dass zwei Redakteure dieser Ur-Mannschaft heute die Chefredaktion des Web-Riesen bilden.
Beim Stern wurden die ersten Gehversuche im Web zwar ähnlich früh, aber nur halbherzig gestartet. Eine Handvoll Mitarbeiter mit unsicherer Zukunftsperspektive betrieb anfangs das Portal und wurde von den Printredakteuren überwiegend kritisch beäugt. Als das Personal 2007 deutlich aufgestockt wurde, waren die Rollen im News-Geschäft bereits verteilt und die Ansage des Redaktionschefs Frank Thomsen, man wolle innerhalb von zehn Jahren Spiegel Online überholen, von vornherein fragwürdig. Diesem widersprach auch die spätere Konzeptänderung, infolge deren Stern.de zum "visuellen Nachrichtenportal" wurde. Im Grunde verabschiedete man sich damit endgültig aus dem Traffic-Rennen um die Spitzenposition der News-Sites, aber immerhin führte dies Print-Marke und Web-Auftritt thematisch enger zusammen.
In diese Richtung scheinen nun auch die strategischen Überlegungen der Verantwortlichen für die künftige inhaltliche Ausrichtung zu gehen, was aber u.a. auch die Frage aufwirft, ob die logische Konsequenz dann nicht eine Verzahnung von Print- und Online-Redaktion wäre. Was in der Tat ein radikaler Umbau wäre. Grundsätzlich gibt es für ein wöchentliches Print-Magazin keine Verpflichtung, im Internet ein 24-Stunden-Nachrichtenportal zu betreiben, selbst wenn die Wettbewerber dies tun. Die entscheidende Frage ist, wofür die frei werdenden Ressourcen dann genutzt werden und wie die dann kreierten Inhalte – wenn man schon einmal dabei ist – zur Etablierung von Paid Content-Modellen verwendet werden können.
Online-Chefredakteur Frank Thomsen sieht die Diskussion als normalen Vorgang, der in der Tradition der ursprünglichen Konzeptüberlegungen steht: "Stern.de arbeitet weiter konsequent seine Strategie aus dem Jahr 2007 ab, die wir ja auch immer wieder öffentlich herausgestellt haben: Wir haben in diesen Jahren das redaktionelle Angebot ausgeweitet und deutlich verbessert. Wir haben einen vom Markt sehr positiv aufgenommenen Relaunch erfolgreich umgesetzt. Wir haben Innovationskraft aufgebaut, die uns etwa mit der i-Phone-App einen großen Erfolg beschert hat. Und auch wirtschaftlich kommen wir in diesem Jahr deutlich voran, auch wenn wir da noch einen Weg vor uns haben. Wenn man so will, ist der Plan 2007 damit abgearbeitet."
Mit dem Projekt Blau erarbeite man nun "einen neuen Plan, um Stern.de für die kommenden Jahre noch besser im Markt zu verankern. Wichtige Aufgaben sind zum Beispiel profitables Wachstum oder die Entwicklung von Paid-Content-Ansätzen. Wir arbeiten dazu auch mit externen Experten zusammen, etwa in den Disziplinen SEO, Technik und Web-Development. Stern.de wird durch das Projekt Blau noch agiler im Web agieren können. Für konkrete Ergebnisse ist es aber noch zu früh, das Projekt läuft ja überhaupt erst und es geht um einen Fahrplan, der ein paar Jahre halten soll. Insofern wird es auch ein Prozess für die kommenden Jahre werden."
Vielleicht ist die Situation am Baumwall heute so ähnlich wie die am Baumwall Ende der 90er Jahre. Aber dafür muss man etwas völlig Neues starten. Ins Blaue hinein.
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Das Ende einer Zeitschriften-Historie ist stets freudlos. Niemandem macht es Spaß, einen Titel, der einst hoffnungsvoll gestartet war, vom Markt zu nehmen, weil die Lage im Verkauf oder Anzeigengeschäft aussichtslos ist. Und nebenbei eine Redaktion zu entlassen. Doch solche Entscheidungen sind manchmal unvermeidlich und trotz aller Härten richtig. Für Healthy Living trifft all dies zu, und es gäbe wenig zu kommentieren, wenn die offizielle Verlautbarung der Einstellung durch Gruner + Jahr nicht so abstrus wäre.
Als die Pressemitteilung am Donnerstag um 11:01 Uhr im E-Mail-Korb landete, mussten viele zweimal hinsehen. Absender war Gruner + Jahr, beim Anlesen der Headline glaubte man allerdings, dies sei ein Versehen. "Vital investiert in Zukunft...", hätte eher zum Jahreszeiten Verlag gepasst, der das gleichnamige Gesundheitsmagazin herausbringt. Dieses investiert also und, nun kommt's, "übernimmt Titelrechte und Abos von Healthy Living". Moment, denkt man, Healthy Living? Das glücklose Gruner + Jahr-Magazin hat doch erst vor kurzem quasi den Verlag gewechselt, als Klambt die redaktionelle Betreuung übernahm und den Job künftig federführend im Joint Venture mit Gruner erledigen wollte.
Auch der fett gedruckte Vorspann der Mitteilung löst das Rätsel nicht auf: "Nach den erfolgreichen Marketingaktionen rund um das Jubiläum des Titels Vital im vergangenen Jahr, dem Re-Launch von vital.de und Launch des Vital-Diät-Coaches investiert der Jahreszeiten Verlag weiter in die Zukunft seines Titels und erwirbt die Titelrechte sowie den Abonnentenstamm von Healthy Living."
Erst danach folgt die bittere Wahrheit: "Mit der Ausgabe 8/2010 ... erscheint die in Hamburg erstellte Zeitschrift Healthy Living nach rund viereinhalb Jahren zum letzten Mal als eigenständige Zeitschrift. Die Redaktion wird geschlossen." Diese Zusammenfassung sowie alles, was folgt, ist einwandfrei, versendet sich aber und segelt geradezu unter der falschen Flagge einer Positivmeldung. Aus der Perspektive des Jahreszeiten Verlags, der die Meldung gleichlautend verbreitetete, erscheint dies legitim und logisch – schließlich ist das Haus nur als Käufer von Titel und Abo-Kartei involviert. Ganz anders sieht dies im Fall Gruner + Jahr aus, das Healthy Living 2005 auf den Markt brachte.
Die harte Nachricht zu vernebeln, mag dabei die Absicht gewesen sein, was das Ganze aber nicht weniger problematisch macht. Die so wohl angestrebte Lesart erinnert an das PR-Kunststück des früheren Focus-Sprechers Uwe Barfknecht, der es schaffte, den Magazin-Tod der Lifestyle-Ikone Max als "Strategiewechsel" zu verklausulieren. Eine Magazin-Einstellung ist und bleibt aber eine Magazin-Einstellung, und man sollte sie aus vielerlei Gründen nicht anders etikettieren. Einer davon, und vielleicht der wichtigste, ist der, dass sich Stärke oft gerade daran zeigt, Misserfolge auch offen eingestehen zu können. Wer Niederlagen präzise und ehrlich kommuniziert, darf damit rechnen, auch in anderen Zusammenhängen überzeugend zu wirken. Und umgekehrt.
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Ab heute zieht in die übervollen Presseregale der Kioske und Supermärkte eine neue Zeitschrift ein, und die Kolleginnen links und rechts im Frauen-Segment könnten kopfschüttelnd die Nasen rümpfen, für wen sie noch dichter zusammenrücken müssen. Happinez aus dem Hause Bauer kommt leicht weggetreten lächelnd daher, ornamentgeschmückt und mit einer Botschaft, die nichts weniger verheißt als "Liebe". Ein Magazin für "Mindstyle" und angetreten, den deutschen Markt zu erobern.
Happinez ist ein Zeitschriftenableger des im Buchgewerbe boomenden Esoterik-Trends und in den Niederlanden bereits ein Riesenerfolg. Wer Tantra für ein Automodell hält, Schamanen für eine seltene Tierart und Nahtod-Erfahrungsberichte für spinnertes Geschwafel, versteht nichts von der Parallelwelt, die sich beim Blättern der 146 Seiten starken Erstausgabe auftut. So verstrahlt manchem Happinez erscheinen mag, einen luschigen Auftritt kann man der entrückten Dame nicht vorwerfen. An der Heft-Ausstattung wurde nicht gespart: Großformat, Hochglanztitel und edles Magazinpapier – da braucht Happinez am Kiosk keinen Vergleich zu scheuen.
Laute Themen sucht man vergebens, dem Magazin scheint alles Plakative fremd zu sein, es säuselt geradezu seinen geheimnisvollen Kanon daher, als kenne man sich schon lange. Mit einem bemerkenswerten Selbstbewusstsein verzichtet die Redaktion auf dem Cover auf den üblichen "Neu"-Button und platziert dort eine Rufnummer für Abo-Besteller.
Wer Happinez beurteilen will, kann dies eigentlich nur aus der Sicht der Zielgruppe. Leser von Geo oder P.M. würden sich mit Grausen abwenden, wenn sie den wissenschaftlich verbrämten Nonsens lesen, aus dem sich die Weltanschauung des Heftes speist. Gurus des "Neuen Bewusstseins" sind hier die Helden, Leiter eines "Instituts für Herz-Mathematik", besagte Schamanen und natürlich der unvermeidliche Paulo Coelho. Also: vor der Rezension am besten einen Yogi-Tee aufgießen, Räucherkerzen anzünden und andächtig der inneren Stimme lauschen. Für Chefredakteur Uwe Bokelmann, der sonst für Bauers Erfolgs-Titel tv14 und Welt der Wunder verantwortlich ist, dürfte die Arbeit am neuen Magazin in vielerlei Hinsicht eine ganz neue Erfahrung sein. Nach dem Motto: Der Wurm muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler.
In Holland begründete die Zeitschrift das Segment der Mindstyle-Magazine, um dann gleich noch den Markt der Frauenhefte aufzurollen. Aktuell liegt die verkaufte Auflage dort bei knapp 200.000 Exemplaren. Damit ist die Zeitschrift Marktführer der monatlichen niederländischen Frauenmagazine. Dass sich die Hamburger kräftig beim niederländischen Mutter-Blatt bedienen, wird schon beim Blick auf die Autorenzeilen klar. So sprach Tun Touber mit dem US-Autor Gregg Barden, Vietnam wurde von Dagmar van der Neut besucht, und Christine Pannebakker berichtet über das keltische Ritual des Handfasting.
Das Erfolgsrezept beschrieb Bauer-Geschäftsführer Jörg Hausendorf gegenüber MEEDIA so: "Happinez ist ein Magazin für Menschen, die daran interessiert sind, neue Einblicke und Erkenntnisse zu gewinnen und zu vertiefen, kombiniert mit einem modern-geschmackvollen Lebensstil." Dem holländischen Original gelingt seit Jahren das Kunststück, jeden Monat ein neue Ausgabe vorzulegen, die anders aussieht, aber doch immer dem strengen Heft-Look and Feel entspricht. Happinez gelingt dieser Effekt durch zwei einfache grafische Kniffe: Jede Ausgabe ist stets in nur einer Grundfarbe gehalten, und alle Fotos sind zusätzlich mit arabisch- und indisch-anmutenden Ornamenten versehen.
Deshalb fällt es nicht störend ins Gewicht, dass sich die Heftstruktur des Magazins in rekordverdächtige 19 Rubriken gliedert. Eine davon heißt "Das Herz", und definitiv geht es hier um mehr als einen Muskel: Happinez ist quasi das Heft der zwei Herzen. Das Editorial macht klar, wo das Magazin den Hebel ansetzen will: "In den vergangenen Jahren haben wir eine Zeit von Erfolg, Wohlstand und Luxus erlebt. Eine Zeit, die unsere Welt zugleich aber immer schneller und imm verwirrender werden ließ. Eine ermüdende Welt, ein immer ermüdenderes Leben." Happinez wolle versuchen, dem geplagten Erdbewohner bei der Entdeckung seiner "Innerlichkeit" zu helfen. Ein Magazin, das nicht weniger verspricht, als den "Graben zwischen Geist und Herzen zu überbrücken".
Die Sprache von Happinez ist durchdrungen von suggestiven Vokabeln, bei denen sich alles um Liebe, Erfüllung, Träume, Geheimnisse, Magie dreht. Im Spiritualitäts-Teil heißt es unter Punkt eins "Wir erschaffen unsere Realität", was eigentlich für das ganze Magazin gilt. Auch für jene Leserinnen, die bei der gepredigten Wendung nach innen enttäuscht auf Hohlräume stoßen, hat das Magazin Hilfe parat: die "Bring-mehr-Liebe-in-Dein-Leben"-Karten zum Heraustrennen und Aufbewahren in der Handtasche. "Flüstern Sie sich heute mehrmals zu: Mir fehlt nichts", heißt es etwa. Und: "Ich habe schon alles. Ich bin in Sicherheit!"
Das ist speziell, darauf muss man sich einlassen können. Genau so wie an anderer Stelle auf die Behauptung eines "Wissenschaftlers", ein Versuch habe nachgewiesen, dass sich die Kriminalitäts- und Unfallrate in einer Großstadt durch massenhafte Meditation von Erleuchteten um 23 Prozent senken lasse. Das klingt gaga, aber bevor man zu laut lacht, sollte man die Verkaufszahlen abwarten. Denn Happinez ist so anders als alles, was bislang in den Verkaufsregalen ausliegt, dass es durchaus das Zeug zu einem Bestseller hat: eine Art Esoriklust für eine bislang im Stillen Bücher verschlingende Zielgruppe, die Bauer mit dem neuen Titel als treue Magazinleser gewinnen will.
Dass dieses Segment Millionen Menschen umfassen könnte, zeigen die Verkaufszahlen der Happinez-Helden, von den es etliche in die Bestseller-Charts geschafft haben. Hier ist eine von den traditionellen Medien nur gestreifte Themenwelt, die offenbar gerade in Krisenzeiten mit der Aufforderung zur inneren Einkehr immer mehr in den Bann zieht.
Auch wenn im Heft einige Anzeigen (Kosmetik, Katzenfutter, Telco, Reise) zu finden sind, ist Happinez Bauer-typisch als Vertriebstitel konzipiert. Die Rechnung könnte durchaus aufgehen, und mit der Home Shopping-Rubrik "House of Happinez" bringt die Zeitschrift eine weitere Erlösquelle mit, in der Chakra-Ketten mit magischen Steinen zu 75 Euro, metallene Lebensbäume (49 €) oder der kosmische Wandbehang "Weihrauch" (85 €) feilgeboten werden.
Happinez erscheint zweimonatlich zum Einzelverkaufspreis von 4,95 Euro. Die Druckauflage liegt bei 150.000 Exemplaren. Eine redaktionell gespeiste Website zum Magazin gibt es übrigens (noch) nicht, unter happinez.de sind vorerst nur Produktbestellungen möglich.
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Nicht nur, dass sich die allgemeine Begeisterung der Medien für den niedersächsischen Bundespräsidentschafts-Aspiranten in sehr überschaubaren Grenzen hält: Am Wochenende ergriffen Springers WamS und BamS derart offensiv Partei für den Gegenkandidaten der Opposition, dass schon hieran klar wird, wie zerrüttet das Verhältnis zwischen Leitmedien und Bundesregierung derzeit ist. Und auch der Spiegel titelt am Montag ebenso lapidar wie entschieden: Joachim Gauck. Der bessere Präsident.
Von einer "Belastung" der schwarz-gelben Koalition ist im Spiegel die Rede, entfacht durch das Abstimmungsduell zwischen dem niedersächsischem Ministerpräsidenten und dem integren langjährigen Leiter der Stasi-Aufklärungsbehörde, Joachim Gauck. Die Parlamentsbeobachter des Nachrichtenmagazins registrieren "ein Beben", das durch die Hauptstadtpolitik gehe und diagnostizieren bei Wulff einen schweren Fall von Wackelkandidatschaft: "Angela Merkel kann sich nicht mehr sicher sein, dass sie ihren Kandidaten Christian Wulff durchbringt." Der Spiegel hält "Merkels Mann" für "ziemlich blass", und das langjährige Sturmgeschütz der Demokratie nimmt es der Kanzlerin übel, dass sie sogar das Amt des Bundespräsidenten nach Art des üblichen innerparteilichen Postengeschachers zu verscherbeln im Begriff ist.
Vor diesem Hintergrund droht Angela Merkel ein Stimmungs-GAU, denn bis zur Wahl am 30. Juni ist es noch lang hin, und die Schlagzeilen der auflagenstarken Sonntagsblätter waren nicht freundlicher: "Gauck fliegen liberale Herzen zu", titelte die Welt am Sonntag süffisant und bezog sich auf die ostdeutschen FDP-Parteisoldaten, die Guido Westerwelle in der Präsidentenfrage die Gefolgschaft verweigern. Die Bild am Sonntag wählte die Radikallösung und schlagzeilte "Yes, we Gauck". Der zwecks Verständlichkeit im Vorspann der Titelseite mitgelieferte inhaltliche "Beipackzettel" behauptet: "Es riecht nach einem Ruck in Deutschland." Und weiter, in Anspielung auf die am Wochenende startende Fußball-WM: "Beginnt nun ein politisches Sommermärchen?"
Für Kanzlerin Merkel bedeuten diese Headlines Alarmstufe Rot. Mehr als drei Wochen werden sie und ihr latent tolpatschiger wie formulierungsschwacher Präsidentschaftskandidat – der immer noch ein wenig aussieht wie eine Nachher-Ausgabe eines Vorsitzenden der Jungen Union – durch das mediale Kreuzfeuer gehen müssen. Wo könnte Hilfe winken? Bei der konservativen FAZ? Eher nicht. Die beteiligte sich zwar nicht plakativ an der Kampagne contra Wulff oder pro Gauck. Statt dessen las die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung aber Merkel die Leviten und monierte, dass die Kabinettschefin ihre Ministerin und mehrtägige Favoritin für die Köhler-Nachfolge, Ursula von Leyen, zu lange darüber im Unklaren gelassen habe, dass die Entscheidung der Union für Wulff bereits gefallen war.
Das Ganze ist eine Frage des Stils, oder genauer, eine des fehlenden. Die Entscheidung der verkrachten Koalition und ihrer bislang verkorksten Amtszeit für einen Kandidaten, dem der Job wohl haupftsächlich deshalb zugeschanzt werden soll, weil er dann der amtierenden Kanzlerin in ihrem Job nicht mehr gefährlich werden kann, ist einfach zu durchsichtig, als dass profilierte Polit-Kommentatoren dies den Regierungsparteien durchgehen zu lassen bereit wären. Und dies, das ist das Bemerkenswerte, gilt nicht für ein Medium, sondern für das Gros der Berichterstatter.
Hier scheint eine Rechnung in gewaltiger Höhe offen. Das steigert die Chancen des numerisch eigentlich chancenlosen Pastors aus Ostdeutschland, der für den Durchschnittsbürger zugleich so viel nachvollziehbarer das Zeug zum Bundespräsidenten hätte. Mit einer einzigen Personalie hat die Regierung ihren Kredit bei den Medien aufgebraucht, und die einschneidenden, schmerzhaften Nachrichten für die einstigen Wähler kommen ja erst noch.
Man muss kein Gauck-Fan sein, um anzunehmen, dass die Aktien des 70-Jährigen für das Amt der Ämter in den nächsten Wochen kräftig steigen dürften. Sein Gegner hat einfach zu sehr den Stallgeruch, die Parteikarriere stets über andere Interessen gestellt zu haben. Die Opposition um Sigmar Gabriel hat das gewittert und genutzt, die Medien reagieren allergisch. Als im Vergleich zu Gauck zwei Jahrzehnte jüngerer Noch-Favorit sollte Christian Wulff vielleicht einmal ein lehrreiches Wahldesaster via Google in Erinnerung rufen. Er braucht nur zwei Worte einzutippen: Heide Simonis.
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Georg Altrogge ist Chefredakteur von MEEDIA und sammelte in leitenden Funktionen fast zwei Jahrzehnte Erfahrung im Print-Business, unter anderem als Chefredakteur von „Tomorrow“. Hier beschreibt er Außen- und Innenansichten einer Branche im Nahkampf mit den digitalen Medien.
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