Das Rätselraten um Apples neue "Smartware" ist zuende, die Zeit für die Analyse des aus Sicht der Medienhäuser entscheidenden Themas gekommen: Ist das iPad das Tool, mit dem die Verlage Paid Content im Internet durchsetzen können? Die Antwort: im Prinzip ja, aber für die Medienmacher fängt die Arbeit erst an. Denn Apples Flachmann ist nicht die Lösung, sondern nur eine Chance. Allerdings eine, auf die die Verleger seit Jahren gewartet haben und die vermutlich nicht wieder kommt. Sie sollten sie also nutzen.
Natürlich ist das iPad nicht vollkommen, wird die erste Generation noch Macken und Unzulänglichkeiten haben. So war es auch beim iPhone. Das ist Teil der Apple-Produktstrategie, die Begehrlichkeiten auf jede nachfolgende Generation wecken muss, um das atemberaubende Wachstum des Unternehmens nicht zu verlangsamen. Aber auch wenn das iPhone erst mit dem dritten Modell wirklich ausgereift erscheint, haben doch schon die Vorgänger den Smartphone-Markt revolutioniert. Und dabei erwies sich Apple als Schrittmacher für die Konkurrenz, die nachzog und Modelle mit analogen Features vorstellte, um die veränderten Konsumentenbedürfnisse zu bedienen.
Genau diesen Effekt wird auch das iPad bewirken. Man muss kein Prophet sein, um vorauszusagen, dass der schmale Reader kommerziell ein durchschlagender Erfolg werden dürfte. Denn anders als beim Flop des MacBook Air, das lediglich leicht war, bringt das iPad eine entscheidende Qualität mit, auf die gerade Verlage sehnlichst gewartet haben: ein haptisches, händisches Erlebnis beim "Blättern" von Zeitungen und Magazinen, das zum intuitiven Stöbern nach Zusatzstoffen, Videos oder Archiv-Inhalten einlädt. Denn für diese Form der Nutzung ist das Touchpad des iPhones nicht gemacht: zu klein und zu fummelig.
Was beim iPhone eher Arbeit ist, sollte beim iPad spielerisch möglich sein. Die Bildschirmgröße erlaubt es, die Seite nicht aus den Augen zu verlieren, wenn man die Inhalte überfliegt oder anliest. Denn Ordnung, Strukturierung und übersichtliche Rubrizierung war stets ein wesentliches Merkmal guter Printmedien. Zudem ist das iPad mit wenig mehr als 700 Gramm auch kaum schwerer als manches Magazin oder die Wochenendausgabe überregionaler Zeitungen. Von beiden kann man Dutzende in das iPad einladen, ohne dass es ein Gramm schwerer wird. Von allen weiteren Möglichkeiten (Büchern, Spielen etc.) ganz zu schweigen. Das alles bringt das iPad in Farbe und ist damit schon jetzt dem Kindle entschieden überlegen.
Ab diesem Frühjahr wird es also ein Instrument geben, das alle aus Verlagssicht nötigen Voraussetzungen mitbringt, um als Infrastruktur inklusive Abrechnungsmodell Printtitel zu vollwertigen elektronischen Magazinen und Zeitungen zu transfomieren. Doch damit allein ist noch nichts gewonnen. Die zweite entscheidende Barriere ist die weltweit manifeste Gratismentalität, wonach Medieninhalte im Netz umsonst zu haben sind. Allen jetzt zu beobachtenden Starts von kostenpflichtigen Apps oder Webinhalten zum Trotz wird es noch lange, vielleicht sogar immer, Gratisangebote aller Medienrichtungen geben. Schließlich hat auch iTunes nicht dazu geführt, dass es keine Netzpiraterie bei der Musik mehr gibt. Der Unterschied: Die Konzerne verdienen inzwischen Geld mit bezahlten Downloads. Gezahlt wird für Musik nicht immer, aber immer öfter.
Wenn das iPad sich zum Volks-Reader entwickeln sollte, und daran habe ich auf Sicht keinen Zweifel, dann werden die Medienunternehmen zu den Gewinnern gehören, die die richtigen Inhalte in marktkompatibler Verpackung anbieten. Denn die Nutzer werden nur dann zahlen, wenn sie überzeugt sind, ein Paket zu erwerben, das deutlich anders und besser ist als alles, was sie online in Hülle und Fülle vorfinden. Premium-Angebote haben hier einen Startvorteil, weitere Kriterien werden Einfachheit, Zeit- und Kostenersparnis, Nutzwert sowie Individualisierbarkeit sein.
Für die Verlage wäre es ein fataler Denkfehler nun zu glauben, man müsse ans eigene Online-Angebot nun nur ein Preisschild hängen und dieses im App-Store ausstellen. Das werden die Ladenhüter auf dem Web-Markt sein. Erfolgreich kann nur sein, wer ein Produkt neu entwickelt und gestaltet, auch wenn einige Komponenten bereits bekannt sind und noch kostenlos genutzt werden. Dabei müssen alle Möglichkeiten des technischen Mediums ausgeschöpft werden. Wer ein Paid-Produkt zum Erfolg machen will, sollte bei Null anfangen und sein Angebot konsequent anhand des von Apple vorgegebenen Rahmens neu denken.
Auch die Zielgruppen sind in dieser Hinsicht relevant. Lukrativ ist das iPad nicht nur für First Mover, sondern auch für alle, die sich mit dem Thema Computer und Technik schwer tun. Deshalb ist der neue Apple-Tabletrechner für die Verlage auch eine Chance, eher wenig webaffine Leserschaften für die Paid Content-Angebote zu gewinnen. Vielleicht gibt es ja schon bald nicht nur Spiegel, Stern, Focus & Co. als E-Magazine, sondern auch die Neue Post.
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Ein Jahr Entwicklung, drei Arbeitsgruppen mit unterschiedlichen Vorgaben, am Ende eine Zusammenführung der Ergebnisse: Beim Münchner Magazin bereitete man die Ausbaustufe des Focus akribisch vor. Im Vorfeld gab es aber auch Kritik: Am Zeitpunkt, weil das überarbeitete Heft wenige Monate vor dem Antritt des Chefredakteurs Wolfram Weimer aufgelegt wird. An der Konzeption, weil Focus-Gründer Helmut Markwort bewusst auf jede Hilfe von außen verzichtete. Das Heft der „neuen Seiten“ im MEEDIA-Check.
Mit Spannung hat die Branche „die neuen Seiten von Focus“ erwartet. Seit Montag früh liegt das Magazin am Kiosk. Freundlich fällt gleich auf der ersten Doppelseite der Gruß vom Anzeigenkunden aus. Der bayerische Autohersteller bewirbt seine aktuelle Reiselimousine für die gehobene Mittelklasse mit der umgetexteten Anspielung „Freude hat Design im Focus“ – und gratuliert damit der Redaktion zu dem, der ... ja was eigentlich? Relaunch durfte das Ergebnis der „Initiative Z“, die Chefredakteur Helmut Markwort im Frühjahr 2009 gestartet hatte, nicht heißen. Medienjournalisten schrieben vom Rebrush, Facelift oder einer „Runderneuerung“ (FAZ), intern hatte man sich auf die Vokabel Weiterentwicklung verständigt.
Diese Wortkombination setzt allerdings voraus, dass es bisher so etwas wie eine Entwicklung beim Münchner Fakten-Heft gegeben hat, was durchaus in Zweifel gezogen werden kann. Die Situation beim Focus spiegelt die besonderen Verhältnisse und Probleme vieler Gründer-geführter Unternehmen wider. Innovationen haben es dort oft schwerer, sich gegen eine Was-gestern-richtig-war-kann-heute-nicht-falsch-sein-Beharrungstendenz durchzusetzen. Von Rudolf Augstein ist der Satz überliefert: „Wann immer jemand beim Spiegel etwas verändern will, bin ich dagegen. Das geht mir schon seit der ersten Ausgabe so.“
Am Ende musste sich Augsteins Spiegel dann doch reformieren, ausgerechnet unter dem Druck des erfolgreichen Rivalen aus München, der vergangene Woche sein 17-jähriges Jubiläum beging. Dass der Focus mit den neuen Seiten leicht verzögert erscheint, hat Helmut Markwort zufolge „redaktionstechnische Gründe“. Die Erneuerung ist dabei, ganz egal, wie man sie etikettiert, ein ebenso aufwändiger wie notwendiger Schritt. Und unabhängig davon, ob das Magazin derzeit kaufmännisch schwarz ist, wie Markwort und Geschäftsführer Frank-Michael Müller behaupten, oder nicht: Der Focus ist unter Druck. 30 Prozent Netto-Minus bei den Anzeigen, eine unerfreuliche Auflagenentwicklung, das spürbar blasser werdende Themenprofil.
Alles gute Gründe, das Konzept zu hinterfragen, zu überarbeiten und neu zu beleben. Die Redaktion hat sich viel vorgenommen: „Mehr Analysen, mehr Haltung, mehr Orientierung, mehr Perspektive“, heißt es in der Eigenwerbung, die auch enttäuschte Abbesteller wieder als Abonnenten gewinnen will. Oder, wie Co-Chefredakteur Uli Baur den Werte-Spagat beschrieb: „Das Magazin soll analytischer und emotionaler werden.“
Was aber ist wirklich neu am Focus? Nicht viel, ist der erste Eindruck, auf jeden Fall nicht genug. Sicher, es sind Rubriken hinzugekommen, die Titelstory erreicht (inklusive Service) gemessen an der alten Fasse-dich-kurz-Philosophie die atemraubende Länge von 22 Seiten. Das Heft, das stets mehr Weltsortierer als Welterklärer war, stößt in ein Segment vor, das andere erfolgreicher besetzen: Spiegel, Zeit, FAZ, Süddeutsche. Wer in dieser Liga angreifen will, muss mehr bieten als Ordnung und schnelle Orientierung. Hier zählen Qualität und Tiefgang.
Als Blatt für die (im Zweifel konservative) Info-Elite war Markworts Focus 1993 gestartet; damals eine Marktlücke. Ausgerechnet in dieser Schlüssel-Positionierung hat das Magazin in den letzten Jahren nicht mehr überzeugen können. Zudem setzte das Internet dem Focus mehr als anderen zu. Das liegt allerdings nicht, wie der Gründer sagt, daran, dass die Leser webaffiner seien, sondern daran, dass die Fakten, Tabellen und Rankings im Netz aktueller, dezidierter und vor allem kostenlos erhältlich sind. Bei einem Magazin, dass mit Headlines wie „Nie wieder Brille“ fast dreimal so viele Exemplare am Kiosk verkauft wie mit einem ambitionierten Titel zur Bundestagswahl, ist das eine strategisch besorgniserregende Tendenz.
Den Machern des Focus wird gar nichts anderes übrig bleiben, als konsequent die Rolle des Referenz-Mediums zu suchen und auszufüllen, und zwar jenseits von Ärztelisten und Mietrechtstipps. Dieser Sichtweise entspricht auch die Verpflichtung von Wolfram Weimer als Chefredakteur, der den Focus mehr in Richtung Meinungs- als Wissensmagazin trimmen dürfte. Doch bis dahin ist es ein weiter Weg. Und kein einfacher: Wer den neuen Focus dieser Woche mit der Ausgabe des Hauptrivalen Spiegel vergleicht, erkennt im Punkt zu Punkt-Vergleich die Defizite des Burda-Flaggschiffs.
Zwar ist die Titelgeschichte „Mr. Inflation“ in dem Sinne konkurrenzlos, dass die Hamburger das Thema US-Notenbank nicht spielen. Allerdings wirkt deren Dreiseiter über „Obamas Kampf gegen die Wall Street“ fast wie eine Gegendarstellung zur Sichtweise der Münchner, die die Bankenfreundlichkeit des Notenbankchefs in den Vordergrund ihrer Betrachtung stellen. Das überlange Porträt von Ben Bernanke lässt Fragen offen, wie die, ob es tatsächlich glaubhaft ist, dass ein Mann allein das Finanzschicksal der Welt steuert. Und gerade bei solch üppigen Stücken fällt auf, dass man diesen Mann nicht aus der Nähe beschreiben kann und schon bei der Einrichtung seines Büros „Time“ zitieren muss.
Dass Guido Westerwelle beim Focus in der neuen Rubrik „Dechiffriert“ auftaucht, ist eine Sache. Aber warum lesen wir nichts über die FDP-Parteispendenaffäre, der der Spiegel einen Artikel plus Kommentar widmet? Auch beim Thema Afghanistan kommen die Norddeutschen schneller auf den Punkt, dass nämlich die von den US-Amerikanern angestrebte neue Militärstrategie mit hohen Verlusten bei deutschen Soldaten verbunden sein wird. Hier ist der Focus nur im Detail informativer, wo es darum geht, wie ungeprüft deutsche Entwicklungsgelder im Land der Taliban versickern. Dafür hat der Spiegel eine ganze Titelgeschichte zum Scheitern der Supermächte in Afghanistan im Angebot, inklusive einer DVD, die den Klassenunterschied in der Auflage auch gegenüber dem neuen Focus zementieren sollte. Bei den großen Themen der Woche hat der Spiegel auch in der Haiti-Berichterstattung Artikel, die fundierter, näher dran und einfach besser geschrieben sind. Zudem versteht man nicht, warum so ein wichtiges Thema auch im weiterentwickelten Focus erst am Heftende zwischen Kultur und Sport zu finden ist.
Wenig überzeugend ist auch das zweite Focus-Titelthema „Die Welt als Apfel“. Das immerhin fünf Seiten lange Feature liest sich streckenweise, als würde das Magazin zum ersten Mal über Apple berichten und ist mit „Die ultimative Jobs-Show“ zeitlos betitelt: Unter dieser Headline könnte man jede Produktpräsentation des Unternehmens ankündigen. Und zu Google würde einem in diesen Tagen auch anderes einfallen als ein hofierendes Porträt von Marissa Mayer – sicher dem schönsten, in jeder Beziehung nicht aber dem relevantesten Gesicht der Suchmaschine. Tiefgang und Relevanz, das sind auch hier die Ziele, die bedeutender scheinen als die Design-Kosmetik, die einer mögen wird, ein anderer nicht. Wer beide Magazine in dieser Woche vergleicht, erhält beim Spiegel subjektiv die vollere Packung, obwohl der Focus mit 156 acht Seiten mehr hat.
Dabei sind allerdings die Veränderungen am Layout insgesamt gelungen. Das fängt bereits mit dem übersichtlichen Inhaltsverzeichnis an. Zudem gibt es nun viel mehr Raum für Text in den Geschichten. Die roten Linien in den Seitenköpfen sind jetzt viel feiner, das wirkt deutlich edler.
Unterm Strich bleibt: Beim Focus entwickelt sich was, und das ist vielleicht höher zu bewerten als der insgesamt nicht überzeugende Eindruck des ersten Versuchs. Die Richtung, die angestrebt wird, ist sicher nicht falsch, auch wenn das Ergebnis noch nicht wirklich ablesbar ist. Ob der Focus sich aus eigener Kraft ändern und sich im umkämpften Markt wieder fester verankern kann, ist keine Frage von Wochen, eher von Monaten.
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Eine kritische Aufarbeitung der Rolle des Springer-Verlags bei den 68er-Protesten ist aller Ehren wert, könnte man denken. Oder auch: ein sperriges und unzeitgemäßes Thema. Klimawandel, Afghanistan, Hartz IV – was schert uns Springers Publiziertes von vorgestern? Den Ex-68ern scheint es so zu gehen. Der Einladung zu einer Neuauflage der Debatte folgten sie nicht und haben so auch eine Chance vertan. Denn die Erklärungen zu ihrer Verweigerung sind vordergründig. Sie hätten auch wenig zu gewinnen.
Gescheitert, müde, ratlos: An vielen Köpfen der Revoluzzer-Jahre ist die Zeit vorbei gegangen. Noch-"Welt"-Chefredakteur Thomas Schmid gehört nicht in diese Kategorie. Er wechselte das Lager, ja. Aber er ist kein Wendehals, sondern ein Überzeugungstäter. Seine Kommentare sind lesenswert und vielbeachtet, Schmid zählt heute zu den maßgeblichen Köpfen der Medienszene. Er hatte Erfolg, in dem Sinne, dass er präsent blieb: auch in aktuellen Fragen und nicht nur als Zeitzeuge.
Das Medienhaus Axel Springer litt und leidet unter dem Image, Steigbügel-Halter für Hitzköpfe und Attentäter gewesen zu sein und eine ganze Generation von Protestierern kriminalisiert und stigmatisiert zu haben. Der mächtige konservative Verleger, der im eigenen Unternehmen (zumal aus derzeitiger Sicht) auch eine bemerkenswert soziale Ader hatte, steht seither im Ruf, mittelbar auch für Leid und Tod verantwortlich zu sein. Der Stachel sitzt tief, und man könnte ahnen, dass dieses schwelende Thema die Verleger-Witwe Friede Springer ebenso umtreibt wie Thomas Schmid und Vorstandschef Mathias Döpfner.
Dies will der Konzern nicht mehr stehen lassen. Das Medienarchiv68 ist die Aufforderung, die gängigen Annahmen auf den Wahrheitsgehalt hin zu überprüfen. Die entscheidende Frage ist: Sollen dabei die tatsächlichen Vorgänge, die Polemik, auch Bösartigkeit im Nachhinein verklittert werden, weil der Verlag in der Debatte der bislang einzige erkennbare Akteur ist? Das gilt es intensiv zu klären.
Davon abgesehen scheint es vielen Ex-Aktivisten nur recht zu sein, wenn die Rolle des Springer-Verlags in den 60er Jahren nicht neu definiert wird. Was der Medienkonzern zur Legende enthüllen will, ist in der Geschichtsschreibung längst Fakt geworden. Warum daran jetzt noch rütteln? Je geringer der Feind, desto kleiner der persönliche Helden-Account von einst. Gewinnen, so scheint es, kann in dieser Sache nur einer: Der Springer-Verlag, wenn es gelingt, seine damalige Rolle als "Hassprediger" zu relativieren und den gefühlten Kausalzusammenhang mit der Gewalteskalation zu entkräften.
Die Ablehnung aller Gesprächsangebote ist der finale Solidarpakt einer längst versprengten Protest-Gemeinschaft, die sich auch untereinander nicht mehr viel zu sagen hat – und der Wunsch, mit der einseitigen Sprachlosigkeit einen letzten Sieg gegen den übermächtigen Gegner zu erringen. Beim Marsch durch die Institutionen haben sich viele verausgabt, mussten erleben, wie nachfolgende Generationen sie als "Alt-68er" verspotteten.
Als das Thema im vergangenen Jahr hochpoppte, war es ein Ex-68er, der den ersten Pflock einschlug: Schriftsteller Peter Schneider schrieb in der FAZ, dass Hamburger Chefredakteure und Verleger bereitwillig große Summen für das Springer-Tribunal gespendet hätten. Doch schon diese Darstellung hielt der folgenden Diskussion nicht stand: Zwar ist es richtig und verbürgt, dass sowohl Rudolf Augstein als auch Gerd Bucerius Sympathien für die Studenten-Proteste und gaben auch Geld – allerdings wohl nicht zur Finanzierung des Tribunals. Dass Schneider zudem einräumen musste, fälschlicherweise auch Henri Nannen als Geldspender genannt zu haben, war ein weiterer Dämpfer. Er habe den Stern-Gründer, so der Schriftsteller, mit Bucerius verwechselt. Das war dann schon peinlich.
Aus Sicht von Springer kommt nun darauf an, dass sich genügend helle und unabhängige Geister finden, die das Archiv durchforsten und ihre Einschätzungen publizieren. Denn das wäre die größte Niederlage für Schmid & Co.: Wenn das Thema die Fachwelt und Öffentlichkeit kalt lassen würde.
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Während Claus Strunz den Blick auf einen Punkt weit in der Zukunft gerichtet hatte und den fast 1.000 Gästen beim Neujahrsempfang seine Idee der "Bürgerzeitung 2020" darlegte, hatte sein "Hamburger Abendblatt" ein praktisches Problem, das zeigt, wie sehr Anspruch und Wirklichkeit manchmal auseinander liegen. Der Finanzjournalist Andreas Kunze hatte eine Peinlichkeit enthüllt, die via Bildblog schnell die Runde machte: Die Redaktion hatte einen PR-Text kopiert und als Paid Content deklariert.
"ARAG-Werbung beim Hamburger Abendblatt" jetzt kostenpflichtig titelte Kunze in seinem Wirtschaftsblog und zeigte anhand von Screen Shots, wie die Online-Redaktion der Metropolenzeitung eine PR-Veröffentlichung des Rechtsschutzversicherers ARAG ohne dies kenntlich zu machen, als eigene Service-Strecke ausgegeben hatte. Die einzige Eigenleistung habe darin bestanden, den Text PI-optimiert in eine sechsteilige Klickgalerie aufzuteilen. Der "Abendblatt"-Artikel "Stürze bei Schnee und Glatteis – wer zahlt?" stammt vom 18. Dezember. Ein derartiges Vorgehen scheint kein Einzelfall zu sein. Schon im Oktober hatte Kunze darauf hingewiesen, dass auf der Website des Blattes ein Bericht publiziert worden war, in dem es um Haftungsfragen bei grober Fahrlässigkeit ging. Verfasser laut Autorenzeile sei der Pressesprecher des Versicherers HUK Coburg gewesen.
Weniger als nach Schleichwerbung riechen diese Vorgänge danach, dass beim "Abendblatt", wie bei vielen deutschen Zeitungs-Portalen, etliche Inhalte nach wie vor eilig zusammengeschustert und auf die Site geklatscht werden. Zwar sicherte sich der Axel Springer Verlag im Dezember mit viel Brimborium die Vorreiterrolle bei der Einführung von Bezahlinhalten auf Presse-Portalen. Doch in der kurzen Zeit, die bis zur Errichtung der Paid-Schranke verblieb, war eine gezielte Abgrenzung von tatsächlichen hochwertigen Eigenleistungen von Service-Ramsch und Ähnlichem offenbar nicht möglich.
Denn genau genommen handelt es sich bei den Rechtstipps ja nicht um regionalen Content, und lediglich dieser soll nach Verlagswillen kostenpflichtig sein. Es rumpelt also noch gewaltig im Bezahlreich des Springer-Webs, dessen Mauern zudem bekanntlich durch die simple Google-Suche von jedem Nutzer übersprungen werden können. Claus Strunz dürfte dieses Problem bekannt sein. Der sonst so wortgewaltige Chefredakteur hielt sich in der Diskussion um den Paid Content auf seinem Portal bisher auffallend zurück und überließ Feld und Fettnäpfe seinem Vize Matthias Iken.
Die Wahrheit ist auf dem Platz, heißt es bei den Fußballern. Claus Strunz wird wissen, dass jede Vision nur so viel wert ist wie es gelingt, diese auch umzusetzen. Es gibt viel zu tun.
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Helmut Markwort hat Fakten geschaffen. Seine Entscheidung, den Relaunch durchzuziehen, während der Nachfolger tatenlos zusehen muss, ist mehr als eine Managementmaßnahme. Es ist ein Signal an Wolfram Weimer, an Philipp Welte, auch an Hubert Burda. Und es ist ein Affront. Selten wurde ein designierter Chefredakteur vom Vorgänger öffentlich so beschädigt wie Weimer in diesen Wochen von "Mr. Focus" Markwort. Gut möglich, dass es statt zum geordneten Rückzug nun zum Bruch kommt.
"Herr Weimer darf sich freuen, wenn er ein modernes Heft übernehmen kann", hatte Markwort Anfang November gesagt und süffisant hinzugefügt, der Neue könne ja "noch zusätzliche Akzente setzen". Das war schon nicht freundlich. Weimer, von dem so viel erwartet wird, musste sich wie ein Verwalter fühlen, der das Werk seines Vorgängers hier oder da polieren darf. Nicht Architekt, eher ein Hausmeister. Kein Hoffnungträger, sondern ein Juniorpartner. Und Markwort hatte noch eine Überraschung für seinen Nachfolger parat: "Die Leser lieben mein Tagebuch. Ich werde diese wöchentliche Kolumne als Tagebuch des Herausgebers weiterführen". So tunnelt man einen designierten Chefredakteur, der vielleicht so unbescheiden sein könnte, die Leser selbst begrüßen zu wollen.
Mag sein, dass die Leser SEIN Tagebuch lieben. Aber auch Markwort weiß, dass die Leser immer weniger werden und dass ihm zuletzt immer seltener eingefallen ist, wie angesichts der im Branchenvergleich überproportionalen Verluste redaktionell und konzeptionell gegengesteuert werden kann. Er musste registrieren, wie das politische Profil des "Focus" zunehmend verblasst, wie der Einzelverkauf immer öfter unter die 100.000er-Marke sackt. Die Probleme sind gewaltig; der "Focus" braucht eine Generalkur, keinen Rebrush. Und selbst Verlagsinsider fragen sich, ob dieser Kraftakt allein aus der Redaktion gestemmt werden kann.
Genau dies aber war die erste Fehlentscheidung im "Projekt Z", wie der Chef die Operation Relaunch taufte. Es war die einsame Entscheidung des "Focus"-Gründers, der dabei seine herausragende Stellung bei Burda ausnutzte. Schließlich ging es um sein Magazin, seine letzten Monate mit voller Machtfülle, seinen Ruf als Blattentwickler und -macher. Das, so muss befürchtet werden, wiegt aus der Sicht des Chefredakteurs, Herausgebers und Vorstands mehr als die aktuellen wirtschaftlichen Probleme seiner Zeitschrift oder mögliche Blessuren im Image seines Nachfolgers.
Die Uhr tickt. Schon bei der Bambi-Verleihung war zu spüren, wie sehr sich das Verhältnis der Protagonisten des Konflikts abgekühlt hat. Die Begrüßung der 800 Gäste per Handschlag übernahm neben dem Verleger statt dem Ersten Journalisten der seit einem Jahr amtierende Vorstand Philipp Welte. Markwort saß angesäuert drinnen am Tisch. Wolfram Weimer war einer der Gäste, Herzlichkeiten zwischen dem scheidenden und dem kommenden "Focus"-Macher sind nicht überliefert. Nachdem nun klar ist, dass der Relaunch im Januar kommt, dürfte professionelle Kühle in Frost umschlagen. Der Verleger muss mit Weimer den Mann der Zukunft stützen und stärken, die offenkundige Einfrierung des millionenschweren Marketing-Budgets für den Relaunch ist ein erster Schritt hierzu.
Helmut Markwort ist zu klug, um die Kollateralschäden seiner Sturheit nicht zu sehen, es scheint eher, dass er diese bewusst in Kauf nimmt. Der "Focus"-Gründer ist ein Journalist mit einer glänzenden Karriere und großen Verdiensten im Hause Burda, aber er ist auch eitel. Und manchmal kapituliert die Intelligenz vor dem Charakter. Markwort ist ein Sonnenkönig, keiner für die zweite Reihe. Fast 500 ausstehende Urlaubstage habe er noch, sagte er kürzlich und fügte hinzu, dass er mit freien Tagen wenig anzufangen weiß.
In den bald zwei Jahrzehnten der "Focus"-Geschichte hat er eine auf ihn eingeschworene Redaktion aufgebaut, in der es bisher kaum personelle Wechsel und keine empfindlichen Sparrunden gegeben hat. Etliche leitende Redakteure sind seit vielen Jahren beim "Focus" und treue Vasallen des Gründers, der stets seine mächtige Hand schützend über sie gehalten hat. In diesen Tagen gründet die Redaktion einen Betriebsrat, man weiß ja nicht, was nach Markwort kommt. Mit 73 Jahren muss der nun akzeptieren, dass es Zeit ist, sich zurückzuziehen, ob er will oder nicht. Soviel scheint klar: Er will nicht. Ebenso klar ist: Markwort als Mann mit dem auf Dauer größeren Schatten – das kann es nicht sein. Damit geriete der ohnehin zähe Führungswechsel vollends zur Groteske.
Die alles entscheidende Frage ist dabei, wie aktiv Markwort seine Herausgeberschaft definiert. Skepsis ist angebracht, dass er die neuen Regeln akzeptiert und sich stattdessen mit Weimer sowie Philipp Welte, der seine Vorstandsmacht zum Jahresende erben wird, überwirft – zum Schaden der Beteiligten und des ohnehin nicht sorgenfreien Magazins. Dieses Problem muss bis zum Amtsantritt von Wolfram Weimer, den Ringier erst im Juni freigeben will, nachhaltig gelöst werden. Es gibt nur einen, der das kann.
Von Hubert Burda weiß man, dass ihm daran gelegen ist, die Ära des Ersten Journalisten harmonisch ausklingen zu lassen. Macht mir den Markwort bitte nicht nieder, ließ er dem Vernehmen nach Medienautoren ausrichten, nachdem klar war, dass ein neuer Chefredakteur bereitsteht. Nicht nötig, möchte man entgegnen, das erledigt Helmut Markwort gerade selbst. Der Verleger, der seine Nachfolge – wohl auch als Signal an den drei Jahre älteren "Focus"-Chef – selbst bereits geregelt hat, ist auch dafür bekannt, dass er wie im Fall Todenhöfer eine harte Entscheidung trifft, wenn er sie im Interesse des Konzerns für unausweichlich hält. Er dürfte ahnen, dass ihm eine solche auch 2010 nicht erspart bleiben könnte.
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"Konstantin Neven DuMont hat die Feiertage in diesem Blog verbracht", stellte Stefan Niggemeier am Sonntag fest und listete mehr als 30 Kommentare, die der Vorstand der Mediengruppe M. DuMont Schauberg seit Heiligabend im Blog des Medienjournalisten hinterlassen hatte. Die "Werkschau" der Postings des 40-Jährigen hat schon mehr als 200 teils hämische Leserkommentare, und die Branche fragt sich: Warum tut DuMont das, warum tut er sich das an? Wir fragten Konstantin Neven DuMont. Hier seine Antworten.
Sie sind der einzige Verleger, der sich offen und aktiv an Diskussionen in kritischen Blogs beteiligt. Warum tun Sie das?
Mich ärgert die Art und Weise, wie undifferenziert einige Blogger über uns ablästern. Da werden zum Teil auch Unwahrheiten in die Welt gesetzt. Außerdem lerne ich bei diesen Diskussionen viel, es schult quasi meine intellektuelle Intelligenz.
Fehlt es im deutschen Web an einer Plattform, auf der Medienmanager und -kritiker konstruktiv miteinander diskutieren können?
Eine neutrale Plattform wäre nur dann gut, wenn sich die Protagonisten auch daran beteiligen würden. Fragen Sie doch einmal die führenden Köpfe aus der Blogosphäre bzw. der Verlagswelt. Ich befürchte, dass die daran kein Interesse haben werden. Ich wäre mit Sicherheit dabei.
In vielen Kommentaren anderer Besucher des Blogs von Stefan Niggemeier wurden Sie hart angegangen. Wie gehen Sie damit um?
An polemische Pöbeleien gewöhnt man sich schnell. Mich kann ein wahrheitswidriger Vorwurf nicht verletzen.
Im Internet herrschen raue Sitten, viele kommentieren anonym: Wann ist Ihre Schmerzgrenze erreicht, wann klinken Sie sich aus?
Ich habe mir ein Tageslimit von 30 Minuten gesetzt.
In welchen Foren oder bei welchen Blogs beteiligen Sie sich sonst noch aktiv?
Ich beteilige mich seit über 15 Monaten im forum.ksta.de. Außerdem habe ich einen Facebook-Account. Einige Kommentare habe ich auch auf carta.info bzw. indiskretionehrensache.de geschrieben.
Was fasziniert Sie am Blog von Stefan Niggemeier?
Mich hat fasziniert, wie oberflächlich sich Stefan Niggemeier mit den Medien auseinandersetzt. Außerdem schien mir da für meinen Zweck am meisten los zu sein. Ein gewisses Grundrauschen sollte in einem Blog schon vorhanden sein.
Stefan Niggemeier hat Ihre Kommentare zu einem eigenen Blogartikel gemacht. Fühlen Sie sich darin fair behandelt?
Ich fühle mich von ihm sehr unfair behandelt. Niggemeier schreibt zum Beispiel, "…und als Sohn von Alfred Neven DuMont wird ihm eines Tages Köln gehören,” Auf den materiellen Reichtum der Stadt kann das nicht bezogen gewesen sein, da mir dann Null-Komma-X Prozent gehören würde. Auch die Einflussmöglichkeiten auf den Rat der Stadt Köln kann er unmöglich gemeint haben, da das Gegenteil durch unzählige Ratsbeschlüsse längst bewiesen ist. Es ging Niggemeier an dieser Stelle gar nicht darum, Fakten aufzuzählen, sondern mich in aller Öffentlichkeit zu diskreditieren. Teilweise ist ihm das sogar gelungen, wie sich in der Blogosphäre leicht nachprüfen lässt.
Es fällt auf, dass gerade im Internet oft massiv Kritik an den Verlagshäusern und Verlegern generell geübt wird. Verstehen Sie Ihre Kommentare als Mittel, die Diskussion zu versachlichen?
Ob sich damit irgendetwas versachlichen lässt, wird sich in Zukunft herausstellen. Ich würde das allerdings begrüßen. Zurzeit geht es mir eher darum zu demonstrieren, mit was für Mitteln in dieser Szene zum Teil gearbeitet wird.
Glauben Sie, dass viele Blogger zu wenig von der Realität eines Medienkonzerns verstehen?
Davon bin ich fest überzeugt.
>> Die Kommentarwut des Jung-Verlegers
>> stefan-niggemeier.de: Ein Sandkasten für Konstantin Neven DuMont
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Georg Altrogge ist Chefredakteur von MEEDIA und sammelte in leitenden Funktionen fast zwei Jahrzehnte Erfahrung im Print-Business, unter anderem als Chefredakteur von „Tomorrow“. Hier beschreibt er Außen- und Innenansichten einer Branche im Nahkampf mit den digitalen Medien.
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