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Dienstag 17. August 2010 15:12

3D-Kino: kopfschmerzträchtiger Budenzauber

Heute vermeldet die Financial Times Deutschland, dass sich die in diesem Sommer mit großen Erwartungen gestarteten 3D-Streifen "Cats & Dogs – die Rache der Kitty Kahlohr" und "Step Up 3D" zu formidablen Flops für die Hollywoodstudios entwickeln. Vor diesem Hintergrund wäre es vielleicht mal an der Zeit, den bislang überwiegend kritiklos hingenommenen Trend zum 3D-Kino zu hinterfragen. Ist das wirklich die Zukunft des Films? Subjektive Antwort vom MEEDIA-Blogger: hoffentlich nicht.

Keine Frage, die 3D-Technik vermittelt atemberaubende Effekte. Wer zum ersten Mal damit aufgemotzte Szenen im Kinosessel erlebt, erschrickt oder zieht instinktiv den Kopf ein, weil ein Ball oder Geschoss auf einen zuzurasen scheint. James Camerons "Avatar" setzte hier Glanzlichter. Reicht das, um eine ganze Industrie zu begründen? Einen guten Film machen die Effekte nicht aus und einen schlechten nicht unbedingt besser. Es ist eher wie die Fahrt in einer Geisterbahn, es wird geraunt und gejohlt, aber der Effekt versendet sich schnell. In den Sequenzen jedoch, in denen ein Thema entwickelt wird, wo sich ein guter Film beweisen muss, hilft der überteuerte Budenzauber nicht weiter.

Bei meinem letzten Versuch, mit der 3D-Technik warm zu werden, sah ich mit meinen sechsjährigen Söhnen "Drachenzähmen leicht gemacht". Den beiden ging es  wie mir: Nach kurzer Zeit nervte die unbequeme Kunstoffbrille, einige Minuten später klagten sie über Kopfschmerzen. Am Ende waren wir uns einig: Wir hätten an der Kinokasse nicht nur einige Euro sparen können, sondern nebenan mit der nicht aufgepeppten Version auch den besseren Film gesehen. Bombastische Effekte mögen ein Wachstumsmotor für die Filmindustrie sein, der Zuschauer allerdings scheint besser beraten, Filme nach dem Gehalt und nicht nach der Technik auszuwählen - von der Umweltsünde, die rot-grünen Sichthilfen nach Gebrauch in die bereitstehende Abfalltonnen zu werfen, mal ganz abgesehen.

Auch bei den Profis ist die Produktionsart umstritten. So sagen namhafte Regisseure, die vor Monaten noch vom neuen Kino fasziniert waren, inzwischen Nein zur revolutionären Technik: J. J. Abrams ("Star Trek", "Lost") etwa findet das Seh-Erlebnis mit der Kassen-Brille "trübe". 3D eröffnet zwar eine neue Dimension, leider auch was die Erzählweise und die Budgets der Produzenten angeht. Investiert wird in teure Technik und Maschinen, auf Kosten von der Qualität der schauspielerischen Besetzung. Ob sich der Trend ("Wenn du es nicht gut machen kannst, mach es in 3D") langfristig durchsetzt, bleibt abzuwarten. Die Entscheidung liegt bei uns Zuschauern. 

 

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Mittwoch 04. August 2010 15:50

Die weltfremde Medienmoral-Debatte

Zu den immer lukrativeren Jobs im Mediengeschäft gehören seit einiger Zeit offensichtlich jene, die sich nicht über den Journalismus, sondern über die Kritik an den Blatt- und Fernsehmachern definieren. Auf einem Terrain, das einst allein der Presserat bewachte, haben sich eine ganze Reihe von selbsternannten oder per Lehrauftrag lizensierten Watchdogs breit gemacht, die vereint anschlagen, wenn eine Katastrophe oder ein Skandal Schlagzeilen macht – und dabei oft grundsätzlich falsch liegen.

Als sich nach der tödlichen Massenpanik bei der Loveparade in Duisburg das kollektive Entsetzen legte, war es wie so oft Springers Bild, die ins Visier der Medienwächter geriet. Mehr als 150 Beschwerden gingen innerhalb von drei Tagen beim Presserat ein, nachdem Deutschlands auflagenstärkste Zeitung in seiner Montagsausgabe ein seitenfüllendes Foto von zusammengepferchten Menschen auf dem Titelblatt gedruckt hatte. Wer das Bild genauer betrachtete, kam zum Schluss, dass von den Dutzenden abgebildeten Menschen vielleicht drei zu erkennen waren, vielleicht auch weniger. Dennoch war schnell von der Missachtung ethischer Grundrechte die Rede, von einem Eingriff in die Persönlichkeitsrechte der Menschen im Tunnel.

Um nicht falsch verstanden zu werden: Selbstverständlich gelten für Berichterstatter unumstößliche Grundsätze, was die Grenzen des Zumutbaren für Opfer und auch Leser oder Zuschauer angeht. Ein Katastrophenjournalismus, dem es nur um den Effekt geht, der aus Sensationsgier das Entsetzliche auf Kosten der Betroffenen zur Schau stellt, verstößt gegen die Grundregeln der verantwortlichen Presse und ist deshalb zu Recht abzulehnen und zu verurteilen.

Die aktuelle Kernfrage aber lautet: Haben Bild und Der Spiegel, wie es jetzt heißt, tatsächlich gegen diese Grundsätze verstoßen? Man könnte andersherum fragen: Ist das größte Problem derer, die in einen namenlosen Duisburger Tunnel gezwängt worden waren und ums bloße Überleben kämpften, tatsächlich, dass Medien eben diese unverantwortliche Situation in einer Weise darstellen, die jedem klar macht, was dort passierte?  Oder anders: Wie viele der Beschwerdeführer beim Presserat waren Betroffene oder Angehörige von Opfern? Könnte man nicht argumentieren, dass es gerade denen, die das Unglück direkt betraf, auch darum geht, auf das Leid und das Versagen der Verantwortlichen hinzuweisen?

Ich erinnere mich an eine Katastrophe vor 12 Jahren, als ein ICE entgleiste und an einer Brücke im niedersächsischen Eschede zerschellte. Damals war ich als Reporter zufällig in der Gegend und wurde von der Redaktion in den Ort unweit von Celle beordert. Was ich vor Ort sah und in der gespenstischen Stille hinter den Rauchschwaden an der Brückenböschung nur vermuten konnte, war eine Tragödie unfassbaren Ausmaßes. 101 Menschen verloren damals ihr Leben. Obwohl das Ereignis eine ganze Woche lang die Medienberichterstattung beherrschte, gab es keine Fotos, die in irgendeiner Weise diese Leid zum Ausdruck gebracht hatten, nicht einmal aus der Ferne oder verpixelt.

Zu sehen waren nur Waggons, die wie Streichhölzer übereinandergetürmt waren; Metallschrott statt Menschen. Schnell war in den Berichten davon die Rede, dass die Einsatzkräfte von Psychologen und Seelsorgern betreut wurden – das Leid der Retter wurde stellvertretend zum Synonym für das Geschehene, die Helfer waren die für die Medien die einzigen greifbaren Opfer. Zu Recht war damals von einer sterilen Katastrophe die Rede, zugedeckt von der Öffentlichkeitsabteilung der Deutschen Bahn, die damit zugleich ihre vordersten eigenen Interessen und das gut gehende Geschäft mit den Hochgeschwindigkeitszügen schützte.

Zweifelsohne gibt es viele, denen es nur Recht wäre, wenn auch von der Loveparade keine Bilddokumente veröffentlicht worden wären, die ein Zeugnis liefern von der Panik im Tunnel, dem opferverachtenden Verhalten der Zuständigen in der Duisburger Stadtverwaltung oder eines Oberbürgermeisters, der sich in grotesker Weise an ein gut dotiertes Amt klammert.

Hier meldet sich nun der Düsseldorfer Medienwissenschaftler Christian Schicha, laut eigenem Bekunden Experte für Foto-Manipulation, zu Wort und geht mit dem Hamburger Nachrichtenmagazin Der Spiegel ins Gericht, dem er vorwirft: "Bilder werden häufig missbraucht, um die These eines Artikels zu bestärken. Zum Beispiel zeigte der Spiegel ein Bild des Duisburger Oberbürgermeisters Adolf Sauerland, in dem dieser seine Hände nach oben streckte. Das sollte symbolisieren, dass er sich für unschuldig halte, was er selbst gar nicht gesagt hat." Schon hieran zeigt sich, wie weltfremd die Argumentation des Lehrbeauftragten ist. Denn tatsächlich hatte Sauerland erklärt, er selbst habe in Sachen Veranstaltungsgenehmigung für die Loveparade „nichts unterschrieben“. Was bitte soll das im Kontext der Vorwürfe sonst bedeuten als gefühlte Unschuld eines Stadtoberen, den derzeit die eigenen Wähler aus dem Amt zu skandieren versuchen?

Dabei sind Politiker, die sich in wirtschaftlich schweren Zeiten noch mehr an ihre Ämter und Pensionen zu klammern scheinen als sonst, nur eine Klientel, denen die Argumentation vieler Medienwächter zupass kommen dürfte. Über Verstöße von Medien gegen Kodex und Pressemoral zu urteilen, ist ja eine (legitime) Sache auf der Agenda der Dozenten und Professoren. Eine ebenso wichtige liegt aber darin, auch den investigativen Handlungsspielraum und die Presse- und Meinungsfreiheit zu schützen und zu erhalten. Wann aber hat sich zuletzt einer der vielen Medienkritiker zu Wort gemeldet, wenn es um die Einschränkung der Pressearbeit ging, wo Prominente, Künstler, Unternehmen oder eben Politiker systematisch versucht haben, Berichterstattung im Ansatz zu verhindern? Wo bleibt die Kritik am Verhalten der Medienanwälte, die mit fragwürdigen Methoden und juristischen Winkelzügen (und einigem Erfolg) versuchen, jedwede Form von Berichterstattung zu Geld zu machen, unabhängig vom Wahrheitsgehalt eines Artikels oder TV-Beitrags?

Der Maßstab für die Medienberichterstattung ist die Wahrheit, der sich jeder leidenschaftliche und gute Reporter verpflichtet fühlt. Dass Authentizität bei der Weitergabe an die Leserschaft auch an Grenzen stößt, wissen auch die Berichterstatter und die letztlich verantwortlichen Entscheider in den Redaktionen. Aber wo liegen die Maßstäbe mancher Medienwächter, und wie realistisch sind diese? Wenn ein Dozent wie Christian Schicha einem Leitmedium wie dem Spiegel vorwirft, dieser missbrauche Bilder, um die These eines Artikels zu bestärken, dann fragt man sich, welche Magazine der Medienwissenschaftler in den vergangenen Jahrzehnten gelesen hat. Denn seinen Vorwurf hätte der Herr Professor fortgesetzt auch Rudolf Augstein oder Henri Nannen machen können. Besonders bedenklichen Figuren der Mediengeschichte also.

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Georg Altrogge ist Chefredakteur von MEEDIA und sammelte in leitenden Funktionen fast zwei Jahrzehnte Erfahrung im Print-Business, unter anderem als Chefredakteur von „Tomorrow“. Hier beschreibt er Außen- und Innenansichten einer Branche im Nahkampf mit den digitalen Medien.

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