Heute morgen lieferte ein Kurier einen Umschlag bei MEEDIA an. Doch trotz des Absenders Gruner + Jahr wäre keiner darauf gekommen, dass darin eine Zeitschrift steckte, so schwer war das Päckchen. Tatsächlich war es die neue Schöner Wohnen. Ein Beipackzettel der Exclusive & Living-Verlagsgeschäftsführerin Julia Jäkel brachte Aufklärung: "Sie halten jetzt die aktuelle Ausgabe von Schöner Wohnen in Ihren Händen. Es wiegt fast 1,2 Kilo und ist durch die vielen Anzeigen das dickste Heft seit zehn Jahren."
Es gibt sie also noch, die guten Nachrichten von der Printfront. Denn nicht nur die Anzeigenbelegung inklusive mehrerer Prospektbeigaben ist rekordverdächtig; auch bei den Verkäufen des inzwischen recht betagten Titels stimmt es. "Die Auflage entwickelt sich gut", so Jäkel, "mit Heft 2/2010 haben wir im Einzelverkauf mehr verkauft als mit jeder anderen Schöner Wohnen-Ausgabe der letzten fünf Jahre. Für die Verlagsmanagerin Anlass, ein geradezu programmatisches Fazit zu ziehen: "Es gibt Trends in der Print-Branche, aber es gibt keine negativen Automatismen. Mit Handwerk und Begeisterung für das eigene Heft und die eigene Tätigkeit kann man eine Menge verändern."
Das freut, aber es sollte bei aller Begeisterung für den Rekordverkauf des Februar-Heftes (168.000 Exemplare im Einzelverkauf) nicht unterschlagen werden, dass der tolle Wert vor allem dadurch möglich wurde, dass die Zeitschrift im Bundle mit "Das neue Buch der Klassiker. Die 400 besten Möbel und Wohn-Accessoires angeboten wurde, nach dem Motto: "1 Heft + 1 Buch = 1 Preis". Bei den Abos geht es für Schöner Wohnen seit 2006 indes stetig bergab. Hatte das Magazin im zweiten Quartal 2006 noch über 80.000 Abonnenten, waren es im ersten Quartal 2010 nur noch 57.007 – die geringste Abonnentenzahl seit 1985.
Das Beispiel zeigt aber auch, dass es durch redaktionelle Arbeit am Heft und geschickte Manöver im Verlagsmanagement möglich ist, Tendenzen umzukehren, und das gilt auch für ein Magazin, das schon fünf Jahrzehnte auf dem Markt ist. Oder wie es auf dem aktuellen Cover der Wohnzeitschrift heißt: Renovieren lohnt sich.
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Das hatte gerade noch gefehlt. Nachdem sich der Kerl im Herbst so daneben benommen hatte, kommt er schon wieder um die Ecke. Seit Donnerstag liegt "Business Punk", das etwas andere Wirtschaftsmagazin von Gruner + Jahr, wieder am Kiosk. Aber so auf Krawall gebürstet wie beim Debüt ist das Magazin trotz der pampigen Headline "Vergesst Facebook!" nicht. Der Business Punk wirkt, als hätte er ein paar Pillen weggelassen und mal eine Nacht durchgeschlafen. Aber ehrlich: Eine fiese Type ist er immer noch...
Vorweg: Das Magazin insgesamt erscheint ausgereifter und zentrierter als beim ersten Versuch. Es gibt eine ganze Reihe lesenswerter Stories sowie ein eindrucksvolles Porträt über die Startup-Ikone Dennis Crowley und seinen hippen Dienst Foursquare. Der Sexismus und das Machogehabe des Startheftes sind spürbar zurückgefahren worden, was der Zeitschrift die schwül verklemmte Lüsternheit des One Shots vom Oktober nimmt. Das Layout ist nicht mehr wild und planlos, die Fotosprache stimmig und hochwertig.
So gesehen hätte Business Punk durchaus das Zeug zu einem erfolgreichen Magazin in jungen Zielgruppen, aber auch nur so gesehen. Denn auch der Punk reloaded in der Version 2010 ist ein Raffzahn, dem es nur um sich und seine Karriere geht – ein Menschentyp, der primär mit zoologischen Kategorien zu beschreiben ist, weil weder seine intellektuelle, geschweige denn die emotionale Dimension der Rede wert scheint. Abseits von Parties und Nightlife, dem eigentlichen Kern des Daseins eines Business Punks, wird tagsüber das soziale Stachelhalsband angelegt. Die Company wird zum Survival Camp, der Lebenspartner umso angenehmer, je seltener man sie oder ihn um sich hat, weil es verführerischer ist, mit den Kumpels einen drauf zu machen.
Das Grundproblem des Business Punks ist es, dass seine Helden in Wahrheit ganz anders sind als er. Je mehr er sich so gibt wie die, umso mehr wird ihm bewusst, dass er im Vergleich zu denen ein hedonistischer Hohlkopf ohne Ziele und Überzeugungen ist. Wohl deshalb müht sich das Magazin, den Weg nach oben zu ebnen. "Wer im Job weiterkommen will, muss dienen lernen ... und im entscheidenden Moment kämpfen zu können", betitelt Business Punk ein achtseitiges Dossier zum Thema "Schnelle Karriere" und fordert die Zielgruppe damit aufs Äußerste: eine Überzeugung zu entwickeln und daran zu glauben, dass man erst Männchen machen muss, bevor man eiskalt zuschlägt.
Denn darum geht es, und diesen Geist verströmen die Porträts der Heroes des schnellen und globalen Business, in deren Biographien die Redakteure den Schlüssel zum Erfolg wittern, die kostbarste Handelsware des Magazins, das seinen Lesern vorgaukelt, dass sich easy Karriere machen lässt, wenn man Skrupel über Bord wirft und die richtigen Tricks und Typen zu nutzen versteht. Und deswegen Formeln ausgibt wie diese: "Der Weg zum Erfolg ist Style." Das streichelt das Ego der Männchen-Macher und tröstet sie darüber hinweg, dass die Stunde des Zuschlagens unerreichbar fern scheint. Der Business Punk gleicht einem pubertären Vorläufer des Erfolgstypen, dem es erkennbar an Authentizität mangelt.
Weil seine Welt ein Abziehbild der Realität ist, eine Mischung aus Hollywoodklischees, halbstarkem Posing und geborgter Identität, wundert es nicht, dass die Redaktion vor allem im Ausland nach Vorbildern fahndet. Selfmade in London, Manhattan oder Venedig, so läuft's Business beim Punk. In Deutschland scheint von den üblichen Verdächtigen abgesehen an Heldensagen Ebbe zu herrschen, und die wenigen Beispiele wirken im Vergleich eher trist und langweilig.
Hier könnte die Lösung liegen: statt sich in stereotyper Glorifizierung der Erfolgreichen zu ergehen, könnte der Business Punk sich endlich mal ernsthaft und ehrlich um sich selbst kümmern. Vielleicht entdeckt er dabei ja jenseits von Konferenzintrigen und Komasaufen sogar eine soziale Ader. Das würde ihn am Ende womöglich zu einem ganz passablen Kerl machen.
Business Punk, ab 15. April 2010 im Handel, 6 Euro, Auflage 100.000 Exemplare, nächste Ausgabe erscheint am 16. September 2010. Anzeigenpreis 1/1 Seite: 9.000 Euro
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Mit einem wuchtigen Auftritt kommt die erste Handelsblatt-Ausgabe von Gabor Steingart, 47, daher. Fast zehn Seiten sind der Staatsverschuldung gewidmet, womit der neue Chefredakteur gleich zeigt, wohin die Reise bei der Wirtschaftszeitung gehen soll: Hintergrund und Analyse statt Aktualität und News-Grabbing. Der Schwerpunkt ist eine von langer Hand journalistische vorbereitete Fleißarbeit, bei der Politiker, Manager und Ökonomie-Experten zu Wort kommen. Auch die Titelseite ist anders als bisher gestaltet.
In der Nacht zum Dienstag hatte Steingart ("Liebe Freunde") an Weggefährten, Ex-Kollegen und Medienjournalisten eine Mail zum Neustart versandt. Dort heißt es: "Das Leben nach dem Spiegel hat begonnen. Wer möchte, kann morgen ja mal einen ersten scheuen Blick in das Handelsblatt werfen. Es startet eine vierteilige Serie 'Die Schuldenkrise: Was kostet uns die Weltenrettung?', von der ich glaube, dass sie allen Beteiligten ganz ordentlich gelungen ist."
Und er listet auf, welche Autoren er gewonnen hat, deren Beiträge von " Korrespondentenberichten aus aller Welt" flankiert sind: Friedrich Merz (Dienstag), Franziska Augstein (Mittwoch), Prof. Dennis Snower (Freitag) und Prof. Robert Shiller aus den USA (Mittwoch). Darüber hinaus verweist er darauf, dass das Signet zur Schulden-Serie von Thomas Bonnie, dem früheren Titelbildchef des Spiegel, gestaltet wurde – auch das Signal dafür, dass das Handelsblatt unter ihm magaziniger werden wird.
Provokant auch Steingarts erste Schlagzeile "Die Rechnung, bitte". Wer die Artikel, Interviews und Meinungsbeiträge liest, für den wird die Stoßrichtung schnell deutlich: Die Politik ist gefordert, ihre über Jahre bedenklose Verschuldungsstrategie zu korrigieren und die Staatsfinanzen zu konsolidieren. Auch der Wert des Notfallmanagements während der Bankenkrise wird kritisch bewertet und ausgerechnet von CDU-Mann Friedrich Merz auf eine höchst prägnante Formel gebracht: "Der Löschschaden ist größer als der Brandschaden."
Steingart selbst übt sich in der ersten Ausgabe in Bescheidenheit. Zwar kommentiert er auf der Frontpage zur neuen Serie ("Sie leben über unsere Verhältnisse"), ver(sch)wendet aber keinen Satz darauf, die eigene Person als neuen Kopf und Blattmacher von Deutschlands größter Wirtschaftszeitung vorzustellen. Es ist davon auszugehen, dass der Ostern angetretene Chef mit seinem ersten Blatt die künftige Schlagzahl nicht nur der Branche, sondern auch der Redaktionsmannschaft klar machen wollte.
Dazu passt, dass parallel zum aufwändig gestalteteten Print-Debüt auch online Innovatives zu finden ist. Das Team von Handelsblatt.com, vom neuen Mann erst kürzlich zur 24 Stunden-Onlinepräsenz verpflichtet, hat einen Video-Clip verlinkt, der optisch den Schuldentacho simuliert – ein netter Gimmick. Steingart, der im Vorfeld mit markigen Sprüchen ("Qualität kommt von Quälen") und Seitenhieben gegen die Konkurrenz aus Hamburg für Gesprächsstoff sorgt, ist in Düsseldorf nun buchstäblich angekommen. Nun muss er sich nach innen und außen beweisen, jeden Tag.
Den direkten Vergleich mit der Dienstagsausgabe der Financial Times Deutschland entscheidet das Handelsblatt jedenfalls klar für sich. Gruners FTD macht die Kritik des afghanischen Präsidenten Karsai zum Thema des Tages auf Seite 1, ungewöhnlich für ein Wirtschaftsblatt, zumal sich darunter noch ein seltsam abwegiges Thema in dreispaltiger Aufmachung findet: die "Bio-Offensive" der US-Militärs, die Kampfjets erstmals mit Sprit aus Pflanzenöl fliegen lassen.
Aber natürlich ist all dies nur ein Fanfarenstoß aus Düsseldorf, dessen Aussagekraft über eine tatsächliche Marktattacke sich erst "in the long run" zeigen wird. Ein so volles Pfund wie in dieser Woche wird auch die engagierteste Redaktion nicht jeden Tag präsentieren können. Und bei der aktuellen Themengewichtung fällt z.B. auf, dass der iPad-Launch ein wenig lustlos mit einer Meldung abgehandelt und nur der Anti-Apple-Strategie von Google eine Story zugestanden wird.
Seit dem Relaunch und der Formatverkleinerung hat das Handelsblatt zudem auch hausgemachte Probleme, unter anderem beim Layout der Titelseite. Anders als bisher wagt Steingart am Dienstag einen Freisteller mit einer Schuldenberg-Infografik. Das ist zwar mutig und ungewöhnlich, lässt die Seite aber gleichzeitig noch kleiner erscheinen und reduziert die dort präsentierten Themen auf den einen Schwerpunkt.
Unter seinem Vorgänger waren auf der rechten Seite weitere Teaser für Blattinhalte vorgesehen; Steingart schaffte diese (auch aus nachvollziehbaren Gründen) ab. Allerdings: Wenn das gesetzte singuläre Thema beim Leser nicht wie erhofft funktioniert, könnte dies empfindliche Dellen allerdings übersichtlichen Einzelverkauf zur Folge haben. Auch hier geht der neue Chefredakteur wohl (selbst)bewusst auf Risiko. Alles oder nichts scheint für Steingart keine Alternative zu sein, sondern nur eine Option: alles.
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Georg Altrogge ist Chefredakteur von MEEDIA und sammelte in leitenden Funktionen fast zwei Jahrzehnte Erfahrung im Print-Business, unter anderem als Chefredakteur von „Tomorrow“. Hier beschreibt er Außen- und Innenansichten einer Branche im Nahkampf mit den digitalen Medien.
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