Ein Leisetreter ist Bernd Buchholz bekanntlich nicht, und deshalb wundert es auch niemanden, dass die Keynote des G+J-Chefs bei der Dmexco zum kämpferischen Bekenntnis zu den traditionellen Medien geriet. Und sicher kann der frühere und amtierende Zeitschriften-Vorstand nichts dafür, wenn die Veranstalter ausgerechnet ihn als „führenden Kopf der Internet-Industrie“ präsentieren.
Deshalb ist es legitim, wenn auch oder gerade im Rahmen einer Online-Messe die Bedeutung der klassischen Medien betont wird. Allerdings kann man dies durchaus tun, ohne – wie Bernd Buchholz – gleichzeitig die digitalen Rivalen mehr als unterschwellig abzukanzeln. Wenn der G+J-Lenker Facebook praktisch in einem Atemzug mit der Vermarktungs-Blase Second Life erwähnt, wenn er Social Media wie Twitter nur eine Kanalisierungsfunktion zuschreibt, dann zeigt sich daran, dass der CEO sich offenbar auch im Herbst 2009 noch an den typischen Missverständnissen und Antipathien der Medienmacher abarbeitet, die in der Branche eigentlich überwunden und einem respektierten Miteinander gewichen sind.
Es geht doch gar nicht um die Frage, ob Twitter oder Facebook die besseren Nachrichtenzentren sind, sondern nur darum, wie es gelingen kann, diese gigantischen Marktplätze als Distributoren auch für die eigenen Angebote zu erobern. Dass die Relevanz, wie der G+J-Chef argumentiert, das mediale Killer-Kriterium der Zukunft sein wird, mag ja sein. Aber genau genommen war sie es schon immer. Eine Vision vermittelte die Keynote nicht, eher eine Abwehrhaltung, und von daher ist der Eindruck des „Schattenboxens“, den ZEIT Online-Chefredakteur Wolfgang Blau äußerte, wohl treffend. Die Attacke geht deshalb ins Leere, weil der Gegner ganz woanders steht.
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Im Norden nichts Neues. Auf diesen Punkt hätte man den Info-Stand bei der Aufklärung der Betrugsaffäre um "Tatort"-Chefin Doris Heinze reduzieren können. Dass bei der Pressekonferenz der ARD-Intendanten dennoch ausgiebig zum Thema referiert wurde, zeigt zweierlei: Der gefühlte Imageschaden ist gewaltig. Und: Das Medienecho hat auch die kritikerprobten öffentlich-rechtlichen Senderchefs nicht kalt gelassen. Programmchef Volker Herres wies schärfere Kontrollen gar als Versuch der "Mehdornisierung" der ARD zurück.
"Wir sind nach wie vor gewillt, die Sache restlos aufzuklären", sagte Lutz Marmor und verwies im Sitzungssaal des NDR in Hamburg auf den bekannten Stand der internen und staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen. Von allen Seiten wird dem NDR-Intendanten ein vorbildliches Krisenmanagement bescheinigt, und ihm ist anzumerken, dass in der Sache von Senderseite nichts vertuscht oder zurückgehalten wird. Aber auch ihm ist bewusst: "Es ist ein Doppelschaden entstanden. Wir sind die Betrogenen und müssen uns gleichzeitig öffentlich rechtfertigen."
Die Frage, die nach dem Bekanntwerden des Ausmaßes der Affäre im Raum hängt, ist die nach möglich Mitwissern im Sender, bei Kollegen aber vor allem auch bei Vorgesetzten. Marmor beteuert, dass es für diese Hypothese derzeit keinen begründeten Verdacht gebe. Genau dies hatten anonyme Quellen und zuletzt "Schimanski"-Autor Felix Huby behauptet. Doch offenbar hat auch Huby seine Ausführungen auf Nachfrage gegenüber dem Sender nicht wiederholt oder durch überprüfbare Angaben untermauert. Diese Frage wird wohl noch lange offen bleiben, zumal auch frühere Vorgesetzte von Doris Heinze wie die heutige WDR-Fernsehdirektorin Verena Kulenkampff auf Anfragen äußerst reserviert reagierten.
Marmor scheint entschlossen, die Hygiene der Prdoduktionsabläufe langfristig zu sichern. So soll ein Workshop mit allen am Entstehungsprozess Beteiligten, also auch externen Mitarbeitern, helfen, die Regeln zu optimieren. Und verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen. Marmor kündigte an: "Wir werden in Zukunft bei der Auftragsvergabe restriktiver sein und vielleicht auch von Mitarbeitern verlangen, dass sie sich entscheiden - für die Autorentätigkeit oder die Verfahrensherrschaft."
ARD-Chef Peter Boudgoust wiederholte seinen Standpunkt, dass es sich bei Heinze um einen Einzelfall handele: "Nach allem, was wir jetzt wissen, gibt es keinerlei Systematik." Die anonymen Beschuldigungen wertete der SWR-Intendant als "Pauschalverdacht", dem ein "ganzer Berufsstand ausgesetzt" werde. Boudgoust wörtlich: "Die, die etwas zu sagen haben, sollen aus den Büschen kommen und Ross und Reiter nennen."
Volker Herres, als Programmchef mit Sitz in München in dieser Sache nicht direkt involviert, wollte sich nicht ofiziell äußern, sondern als "Staatsbürger und Zeitgenosse". Er machte kein Hehl daraus, dass er die Medienberichterstattung im Fall Heinze für aufgebauscht hält, schließlich gebe es ja noch "Afghanistan und die Finanzkrise".
Herres erinnerte an die Affäre um erfundene Interviews, die Tom Kummer im "SZ-Magazin" platzieren konnte: "Manchmal haben eben auch wir Kummer." Die einzige Alternative zum derzeit praktizierten System sei die "totale Überwachung aller Mitarbeiter." Dies, so Herres, käme einer "Mehdornisierung des Apparats" gleich, "und das wäre für mich keine Alternative".
Doris Heinze, das ist nach der Intendantentagung klar, ist und bleibt für die ARD-Senderchefs ein NDR-Phänomen. Marmor, übernehmen Sie.
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Das "Hamburger Abendblatt" beschreibt ein Kartell der Sprachlosigkeit in der Autorenszene. Viele scheinen Angst zu haben, dass die Macht der "Tatort"-Verantwortlichen fortdauert, obwohl der NDR Heinze kaltgestellt hat. Und auch bei den Öffentlich-Rechtlichen ist der dringende Wunsch zu verspüren, zur Tagesordnung zurückzukehren und bloß nicht am System zu rütteln.
Zwar heißt es beim NDR, man werde künftig die Verwendung von Pseudonymen ohne Zuordnung von Echtnamen nicht mehr zulassen, doch eine Neuerung ist dies nicht: Die Vorschrift gibt es seit langem, nur nahm es damit offenbar nicht so genau. Dass die Aufklärung der Machenschaften beim Sender zuvorderst als interne Aufgabe gesehen und dementsprechend mit dem Leiter der Innenrevision besetzt wird, spricht ebenfalls Bände. Denn es geht um mehr als die Bezifferung eines materiellen Schadens, den der NDR lediglich auf eine eher niedrige fünfstellige Summe taxiert.
Halten wir fest: Ein "Tatort"-Kommissar, der ins Fettnäpfchen tritt und seine Rolle los wird, indem er das unter Pseudonym von der Ober-Frau verfasste Drehbuch abkanzelt. Ein Drehbuch-Autor, der behauptet, dass alle schon seit Jahren über die umtriebigen Praktiken Bescheid wussten. Schon diese beiden Indizien würden gewöhnlich genügen, das ganze Prozedere von A bis Z zu durchleuchten. Aber selbst wenn dies intern geschehen sein sollte, so fehlt das Bekenntnis des Senders, dass hier ganz augenscheinlich der Kontrollmechanismus über fast ein Jahrzehnt versagt hat.
Und zumindest beim NDR redet keiner der Offiziellen darüber, dass sich ein Drehbuch ja nicht von selbst schreibt. Wo nahm die in Vollzeit als Fernsehspielmanagerin beschäftigte Doris Heinze die Zeit her, Skripte zu realisieren, für die Autoren gewöhnlich Monate brauchen? Schrieb sie vielleicht auch oder sogar vornehmlich in ihrer Arbeitszeit? Wie hoch wäre der Schaden über die Jahre dabei? Und wie sieht eigentlich konkret das Auswahlverfahren bei den Filmstoffen und Drehbüchern aus? Wer außer Doris Heinze wirkte an den Entscheidungen mit?
Es ist deshalb folgerichtig, wenn der Bundesverbandes der Film- und
Fernsehschauspieler im Zusammenhang mit dem NDR-Drehbuchskandal von einem "Fehler im System der Öffentlich-Rechtlichen" sprechen. Vorstandsmitglied Hans-Werner Meyer forderte im Interview der "WAZ" deshalb "strukturelle Änderungen". Denn: "So lange das Film-Geschäft so organisiert ist wie
heute, werden Fälle wie Heinze immer wieder passieren." Das Problem
sei dabei gar nicht die "eine Redakteurin, die sich selbst Aufträge
zuschanzt, sondern dass es in der Branche keinen echten Wettbewerb
gibt." Meyer weist darauf hin, dass die Öffentlich-Rechtlichen ihre Filme hauptsächlich über ihre Tochterfirmen produzieren lassen.
Das Ergebnis ist eine kreative Inzucht, deren Folge unter anderem ein schleichender Qualitätsverlust ist, der dem Anspruch der Öffentlich-Rechtlichen diametral entgegensteht. Die wahre Frage, die es auch im Interesse der Gebühren zahlenden Zuschauer aufzuklären gilt, ist nicht die nach dem Ausmaß der kriminellen Energie einer Einzelnen, sondern die nach der Vetternwirtschaft mit System. Diese beschränkt sich nicht auf die Abteilung Fernsehspiel und nicht auf den Norddeutschen Rundfunk. Wie tief der Sumpf ist, drüber kann nur spekuliert werden.
Ohne den Einzelfall der "Tatort"-Chefin zu sehr strapazieren zu wollen, ist es doch auffällig, dass der Marktanteil der Öffentlich-Rechtlichen im Gesamtprogramm in den vergangenen eineinhalb Jahrzehnten ständig gesunken ist. 1993 betrug dieser noch 34,7 Prozent, aktuell liegt dieser allen Gebührenerhöhungen zum Trotz nur noch bei 23,3 Prozent. Liegt es wirklich daran, dass Quote und Qualität nicht vereinbar sind, wie es die Köpfe der gebührenfinanzierten Sender kolportieren?
Für die Öffentlich-Rechtlichen ist der NDR-Drehbuchskandal ein Betriebsunfall. Die Aufräumarbeiten konzentrieren sich auf die Unfallstelle, nicht aber auf den eigentlichen Gefahrenherd: Betriebsblindheit.
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Georg Altrogge ist Chefredakteur von MEEDIA und sammelte in leitenden Funktionen fast zwei Jahrzehnte Erfahrung im Print-Business, unter anderem als Chefredakteur von „Tomorrow“. Hier beschreibt er Außen- und Innenansichten einer Branche im Nahkampf mit den digitalen Medien.
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