Brisanter Kolumnisten-Transfer: Medienautor Kai-Hinrich Renner scheidet bei der Welt-Gruppe aus und wechselt zum „Hamburger Abendblatt“. Seine letzte Kolumne „Menschen und Medien“ erscheint in der heutigen „WamS“. Ab kommenden Sonnabend ist er mit „Medien-Macher“ im „Abendblatt“ vertreten. In Berlin hatte man den Vertrag schon vor längerer Zeit gekündigt, um Kosten zu sparen. Der neue „Abendblatt“-Chefredakteur Claus Strunz treibt mit der Verpflichtung seine Qualitäts-Offensive weiter voran.
Mit Wirkung zum 31. März kündigte „Welt“-Chefredakteur Thomas Schmid den hochdotierten Pauschal-Vertrag mit dem 47-Jährigen. Eine Entscheidung, die schon vor einiger Zeit getroffen wurde, die sich wegen der langen Vertragsfristen aber erst jetzt auswirkt. Renner fängt nur eine Woche später in gleicher Funktion beim „Abendblatt“ an. Dessen Chef Claus Strunz verfolgt das Ziel, die Metropolen-Zeitung als überregionales Medium zu profilieren. Dabei scheint die Verpflichtung des renommierten Medienjournalisten ein weiterer Baustein zu sein.
Bei der „Welt“ hingegen war nach zwei Jahren Schluss: Zum 1. April 2007 hatte Renner seine Tätigkeit für die „Welt“ & Co. in Berlin gestartet. Zuvor war er beim Branchendienst „Werben & Verkaufen“ sowie dem „Kontakter“ ein unermüdlicher Rechercheur und Enthüller gewesen. Über seinen Neustart bei Springer schrieb Medienjournalist Peter Turi damals: „Wer ist Kai-Hinrich Renner? Einer, der dahin geht, wo's anderen zu weh tut, der auch am schönsten Medienbuffet zwischen Lachs-Schnittchen und Rinds-Carpacchio dem Herrn Vorstandsvorsitzenden noch eine exklusive News aus den Rippen leiert, zudem Kontakt zu Betriebsräten und der Medienbasis hält. Dass es Verlage gibt, die Kai gern auf der dunklen Seite des Mondes sähen, ist ein Satz, den offiziell niemand in Hamburg so sagen würde. Zusammen mit Ulrike Simon, die schon jetzt bei der ‚Welt’ eine Menge guter Geschichten schreibt, ist das ein starkes Duo. Auf die Ausweitung der ‚Welt’-Medienseite (derzeit nur eine schwache halbe Seite) warten wir geduldig.“
Das Experiment glückte nur zum Teil. Ulrike Simon, die vom eher linken „Tagesspiegel“ kam, wurde mit Springer nie warm und verließ den Verlag im Streit. Renner machte sein Ding, aber das war der „Welt“ nicht genug: Das Herumstochern in Medien-Interna, so offenbar die Überzeugung der verantwortlichen Chefredakteure, war für die Zielgruppe zu spitz. Die jüngere Generation der Medienjournalisten verfolgt einen ganzheitlichen Ansatz und widmet sich primär den großen Themen und weniger den Hakeleien im operativen Geschäft.
Zudem hat der glänzende Rechercheur Renner seine Qualitäten bei den zeitlichen (wöchentliche Kolumne) und unternehmenspezifischen (bei Springer musste er viele Rücksichten nehmen) Rahmenbedingungen nicht voll ausspielen können. Und in diesen Zeiten ist einer, der den großen Playern oft so gnadenlos Contra gab, vielleicht auch nicht mehr so attraktiv für ein Medium, das selbst den eisigen Wind der Krise spürt.
Und spätestens mit Ahnung der aufziehenden Anzeigenkrise war klar, dass es andere Prioritäten gab. Die Mediengeschichten bei „Welt“, „WamS“, „Welt kompakt“, Welt.de und „Berliner Morgenpost“ werden künftig von Redakteuren aus dem Kultur- und Wirtschaftsressort zugeliefert. Einen Nachfolger wird es auf absehbare Zeit nicht geben.
Was bedeutet die Personalie? Der Wechsel von Springer zu Springer zeigt, das Claus Strunz den Mut hat, Dinge anders zu bewerten als „Welt“-Chefredakteur Thomas Schmid, der bei Vorstandschef Mathias Döpfner höchstes Ansehen genießt. Und der "Abendblatt"-Chef manifestiert seinen Mut mit einem nahtlosen Anschlussvertrag. Ob der Wechsel im Detail abgesprochen war und harmonisch erfolgt, ist unklar. Vielleicht klärt Kai-Hinrich Renner dies ja in seiner Kolumne auf. Stay tuned, es lohnt sich.
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Mit einem Energieakt hat der Vorstand der Lead Academy die Finanzierung der Preisverleihung und Party am 1. April gesichert. Nur zwei Wochen, nachdem der Vereinsvorsitzende Markus Peichl noch den Spiegel-Verlag als Hauptsponsor präsentiert hatte, steht nun eine alternative Konzeption zur Deckung der Kosten: Rund 20 neue Sponsoren, darunter Verlage, Media-Agenturen, Unternehmen und Einzelpersonen, unterstützen die Veranstaltung 2009. Allerdings wird der Event in kleinerem Rahmen stattfinden.
Kurzfristig hatten u.a. Gruner + Jahr, Bauer, der Jahreszeiten-Verlag, Condé Nast, der Süddeutsche Magazinverlag, der Zeit Verlag, Beiersdorf, Ströer sowie die Agenturen Serviceplan und KNSK Gelder oder Anzeigenraum zur Verfügung gestellt, um die Awards in diesem Jahr abzusichern. Weil dies nicht ausreicht, die durch den Rückzug des Spiegel-Verlags entstandene Etatlücke von rund 250.000 Euro zu schließen, wird auf einige kostspielige Details verzichtet: So entfallen die aufwändigen Einspielfilme bei der Vorstellung der Preisträger, ein gleichzeitiger Besuch von Party und Ausstellung wird ebenfalls nicht möglich sein. Und auch beim Catering werden Abstriche gemacht. Peichl sprach von einem „beispiellosen Akt der Hilfsbereitschaft“.
Zugleich erneuerte er die Kritik am Spiegel. Dieser sei „wortbrüchig“ geworden und habe seine Verpflichtungen aus dem bis einschließlich 2009 laufenden Vertrag nicht erfüllt. Die vom Verlag ausgesprochene außerordentliche Kündigung vom März 2008 sei unwirksam, weil ihr keine Abmahnung vorausgegangen sei. Der Spiegel hatte wiederholt erklärt, dass mit der Lead Academy nach der Vertragsbeendigung lediglich Gespräche über alternative Beteiligungsformen stattgefunden hätten, diese aber Ende September vergangenen Jahres ergebnislos abgebrochen worden seien.
Peichl präsentierte den Medienjournalisten Auszüge aus Schreiben und E-Mails, die er von leitenden Angestellten des Verlags erhalten habe. Zudem habe er sich noch Anfang März mit einem Verantwortlichen in einem Café zu einem zweistündigen Gespräch getroffen. Ob dies allerdings den "Tatbestand" einer Verhandlung mit dem Spiegel erfüllt, dürfte wohl nur von einem Gericht zu klären sein.
Der Vorstand der Lead Academy, so Peichl, ist entschlossen, zur Klärung der Frage notfalls auch den Klageweg zu beschreiten. Eine Entscheidung darüber, ob Regressansprüche an den Verlag gestellt werden, werde aber "in aller Ruhe" nach der Preisverleihung getroffen. Für die Zukunft sieht Peichl allerdings die Notwendigkeit, andere Formen der Finanzierung zu wählen. Das Sponsoren-Prinzip habe sich als "nicht krisenfest" erwiesen. Möglich sei es, dass die Eintrittsgebühren für die Ausstellung sowie das Symposium erhöht werden. Einreichungsgebühren hält Peichl dagegen für kein probates Mittel.
Die Diskussion um die langfristige Absicherung der Lead Awards und die Diskussion um die Verantwortlichkeiten bei der finanziellen Achterbahnfahrt der letzten Wochen wird wohl auch nach der Veranstaltung am 1. April anhalten. Aber erstmal werden Preisträger und Party gefeiert – soviel ist sicher.
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Es ist der spektakulärste Deal des Medienjahres 2009: Mit dem Verkauf der überregionalen Printtitel sowie eines 50 %-Anteils an der „Zeit“ an Dieter von Holtzbrinck hat der Stuttgarter Konzern einen Befreiungsschlag vorgenommen. Für Stefan von Holtzbrinck entfällt die Bürde der millionenschweren jährlichen Abfindungen an den 2006 ausgeschiedenen Bruder; Dieter von Holtzbrinck bringt seine ganze Printkompetenz ein, um die überregionalen Flaggschiffe des Verlages durch die Krise zu steuern.
Das ist die gute Nachricht, wenn man so will. Allerdings schrumpft das Stuttgarter Traditionshaus durch den Verkauf kräftig, und gleichzeitig tritt mit der Dieter von Holtzbrinck Medien GmbH ein neuer, mächtiger Player im Printgeschäft auf den Plan. Die Preisfrage: Wie harmonisch war der Übergang wirklich? Es ist ja keineswegs selbstverständlich, dass ein 67-Jähriger ins Geschäft zurückkehrt, das über Jahre sein 22 Jahre jüngerer Halbbruder verantwortet hatte. Das nährt Spekulationen über einen Feuerwehreinsatz des Alt-Verlegers, der passender Weise bekennt: „Ich hatte nicht vor, nochmals als Verleger tätig zu werden.“
Das wissen natürlich auch die Beteiligten. Und wohl deshalb wird im um Punkt 15 Uhr publizierten Doppelinterview mit der Hauszeitung „Handelsblatt“ vor allem die Harmonie beschworen. Unter der Headline „In bewährten Familienhänden“ betonen beide Brüder die Kontinuität, die auch in der neuen Konstellation gewahrt werde. Dass die operative Führung auch der „Zeit“ künftig bei Dieter von Holtzbrinck liegen wird, spricht aber Bände. Stefan von Holtzbrinck wird beim renommierten Wochenblatt mitverdienen, aber wohl nicht mehr mitreden.
Was auf Stefan von Holtzbrinck zukommt, ist neben dem verbleibenden angestammten Verlags-Business das unsichere und volatile Webgeschäft. Kein anderer ist beim Thema Internet so mutig gewesen wie der 45-Jährige, aber er hat seine Vorreiterrolle auch teuer erkauft und im Internet nicht immer glücklich agiert. Auch wenn er wohl zu Recht behauptet, dass die Summe der Online-Projekte profitabel sei, so fragt man sich doch, auf welchem Niveau. Und dass nun der von ihm vor Jahren ausgemusterte Geschäftsführer Michael Grabner wohl zurückkehren wird, dürfte die Stimmung des jungen Verlegers nicht aufhellen. Mit von Partie könnte auch Arno Mahlert sein, ehemals Finanzchef der Holtzbrinck-Gruppe und derzeit bei Maxinvest (Tchibo) tätig.
Der öffentlichkeitsscheue Rückkehrer Dieter von Holtzbrinck, der Segeltörns auf dem Bodensee Gala-Empfängen stets vorgezogen hat, geht die neue Aufgabe ruhig und analytisch an. Dem „Handelsblatt“ sagte er: „Zunächst werde ich jetzt gemeinsam mit den Geschäftsführern und Chefredakteuren eine Bestandsaufnahme machen. Langfristig betrachtet, bin ich nicht pessimistisch wegen der Krise, denn jede Krise geht einmal vorbei. Bezogen auf die Handelsblatt-Gruppe, die im Anzeigengeschäft jetzt besonders Federn lassen muss, sollte man sehen, dass gerade die Bedeutung professioneller Wirtschaftsinformationen und von zuverlässiger Orientierung eher zu- als abnimmt. Gleiches gilt für den Qualitätsjournalismus von 'Zeit' und 'Tagesspiegel'." In Düsseldorf, Hamburg und Berlin wird man dies mit Erleichterung vernommen haben.
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Das Ende kam nicht unerwartet: Josef Depenbrock legte seine vielen Ämter nieder und verlässt den Berliner Verlag. Auch wenn er diesen Vorgang in seiner Mail an die Redaktion im Aktiv formuliert, so dürfte doch der neue Eigentümer DuMont bei der Entscheidungsfindung kräftig nachgeholfen haben. Der Abgang des 47-Jährigen, der das Zeitungshaus drei Jahre lang wie ein Zampano dirigierte, ist eine gute Nachricht. Für das Blatt und für die Branche.
Wie kein Zweiter hat Depenbrock den Kotau vor dem Kapital praktiziert und dabei die „Berliner Zeitung“ an den Abgrund gebracht. Durch seine Doppelfunktion fiel ihm das leicht: Der Geschäftsführer Depenbrock diktierte die Sparprogramme, die der Chefredakteur Depenbrock widerspruchslos hinnahm. Es ist klar, dass dieser Workflow der Idealvorstellung eines Finanzinvestors wie David Montgomery sehr nahe kommt. Der Brite förderte seinen Vasall in der Hauptstadt, bei der Redaktion waren beide gleichermaßen verhasst. Und beiden, so hört man, war das herzlich egal.
Dass „Montys“ Zeitungsimperium unter dem Druck der Finanzkrise im Rekordtempo verfällt und dabei auch die deutschen Beteiligungen verloren gingen, hat mit Depenbrock wenig zu tun. Der Deutsche hatte die selbstmörderischen Renditevorgaben aus London mustergültig bedient und dabei praktisch alle Investitionen gestrichen. Die verhängnisvollste Entscheidung bestand darin, die Mittel für die auf dem Berliner Markt überlebenswichtigen Auflage stützenden Maßnahmen auf Null herunterzufahren. Auch wenn dies am Ende korrigiert wurde, trugen die Abozahlen eine empfindliche Delle davon. Zur Karikatur des Sparzwangs geriet im Herbst 2008 die Anweisung an alle Unternehmensteile, Dienstreisen nur noch im Berliner Raum zu genehmigen.
Depenbrock begann seinen Aufstieg als CvD des „Berliner Kuriers“. Chef vom Dienst ist eine Vokabel, die auch sein weiteres Wirken in der Medienbranche treffend umschreibt. Er war immer einer, der die Abläufe analysiert und kontrolliert, und er verstand etwas von Personalführung. Er wusste, dass er in diesem Job loyale Mitstreiter braucht und fand sie. Im stressigen Mediengeschäft strahlte er eine Ruhe aus, die viele mit Souveranität verwechselten, weil ihnen nicht auffiel, dass einer wie er nicht viel zu verlieren hatte und sich die Gelassenheit auch mit dem Verzicht auf jegliches journalistisches Sendungsbewusstsein erkaufte. Depenbrock war stets Machtmensch und Macher, nie Überzeugungstäter. Er schaffte es, jeden Widerstand zu brechen und Betriebsräte an die Leine zu legen, wofür ihm der Respekt seiner Geldgeber sicher war. Aber dabei höhlte er die Funktion des Chefredakteurs aus, indem er die Rolle nur gab, anstatt sie zu verkörpern: Rendite statt Redaktion, Tantieme statt Rückgrat. Am Ende gab es bei diesem Spiel nur einen Gewinner – Depenbrock selbst.
Er strich die Stellen von Schluss- und Bildredakteuren, entvölkerte den Verwaltungsapparat, kürzte die Honoraretats zusammen. Bei der „Hamburger Morgenpost“ war es am Ende der Energieleistung der über die Jahre gebeutelten Redaktion zu verdanken, dass das übersparte Produkt überhaupt noch marktfähig war. In Berlin war der „große Zampano“ zwar eilig im Ankündigen von rigiden Sanierungsmaßnahmen; durchgesetzt hat er vieles davon aber nicht mehr. So gab es bei der „Berliner Zeitung“ nie eine betriebsbedingte Kündigungswelle, auch wenn die ständige Furcht davor die Redaktion lähmte. Bei Licht betrachtet ist seine Ära beim Berliner Verlag eine verlorene Zeit: Depenbrock war laut Eigen-PR ein Sanierer, in der bleibenden Betrachtung aber nur ein Unruhestifter.
Dass einer wie er überhaupt zum Chefredakteur einer Zeitung aufsteigen konnte, die Erich Böhme einst als deutsche „Washington Post“ sah (oder sehen wollte), spricht weniger gegen Depenbrock als für den blamablen Zustand von Teilen der Branche. Das Experiment ist gescheitert, die Folgen werden auf noch nicht absehbare Zeit das neue Management beschäftigen.
Durch den Verkauf seines Anteils an der „Hamburger Morgenpost“, der er als Geschäftsführer vorstand, wurde Depenbrock finanziell unabhängig und versuchte in der Folge doch, sein Vermögen durch einen unappetitlichen Grundstücksdeal auf St. Pauli zu mehren. Sein Ausscheiden aus dem Berliner Verlag dürfte für ihn einträglich sein, auch wenn er wie es heißt gar kein Verlagsangestellter war. Der neue Eigentümer wird die Abfindung mit Überzeugung bezahlen. Schließlich ist es beim Berliner Verlag seit Jahren die erste Investition in die Zukunft.
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Twitter-Leser wissen mehr: Nach der schwer fassbaren Ermittlungspanne bei der Aufklärung der Hintergründe des Amoklaufs von Winnenden blamierte sich nicht nur die Polizei, sondern auch zahlreiche Medien, die eine Falschmeldung verbreiteten, ohne sie zu hinterfragen. Beim Microblogging-Dienst war nicht nur die Wahrheit zu lesen – Twitter, in den letzten Tagen als banaler und pietätloser Katastrophen-Kanal gescholten, lieferte wichtige Hinweise zur Enttarnung des „Beweisstücks“ als Fälschung.
Am Donnerstagmittag hatte der baden-württembergische Innenminister Heribert Rech erklärt, dass Amokläufer Tim K. seine Tat in einem Internet-Forum angekündigt habe. Der Politiker präsentierte nicht nur den gesamten Text, sondern auch einen „Screenshot“, also eine Kopie des angeblichen Eintrags. „Ich werde morgen früh an meine Schule gehen und mal so richtig gepflegt grillen.“ Auch die Staatsanwaltschaft hielt die Ankündigung aus dem Forum Krautchan für authentisch. Die Folge: Eilmeldungen der Agenturen, die in alle Welt gingen und von den deutschen Nachrichtenmedien übernommen wurden. Es gab auch Zweifel und kritische Fragen, doch am Ende siegte der Druck, beim Topthema keine News zu verpassen.
Bei Twitter ergab sich ein ganz anderes Bild. Die weberfahrenen Nutzer waren mehr als skeptisch, schließlich sind „Fakes“ nach solchen Taten im Web an der Tagesordnung. Noch vor dem Dementi der Krautchan-Betreiber twitterte ein US-Nutzer: „NOT TRUE!“ Nicht wahr! Und er erklärte, er habe die Pressekonferenz im Fernsehen verfolgt und es sofort gewusst, als der Name der Website fiel: Krautchan ist der deutsche Ableger der amerikanischen Site 4Chan, die dafür berüchtigt ist, Medien hereinzulegen und Fakes zu verbreiten.
Bei Twitter ging es nun ausschließlich darum. Schnell gerieten die etablierten Medien in die Kritik. Schon gegen 13 Uhr, Stunden bevor die Falschmeldung zurückgezogen wurde, hatte "DocMichi" von Krautchan gepostet: „Hier wurde kein Amoklauf angekündigt, es gibt hier nur Leute, die mit Photoshop umgehen können.“ Und dann, frustriert: "Scheinbar ist recherchieren heutzutage uncool. Schlimm genug, bei Wikipedia abzuschreiben, aber hier? Grundgütiger."
Was folgte, war eine Mischung aus Kommentar („Nichts als ein Fake, und alle schreiben mal wieder ab“), Häme („Krautchan verarscht die gesamte deutsche Presse und die Polizei seit heute morgen. Das ist echt traurig.“ Oder: „Twitter Qualitätsjournalisten doch überlegen“) sowie sachdienlichen Hinweisen, die eine Fälschung erklären und beweisen sollten („Hier ist der Link zum Google-Cache...“). Was im Twitter-Slang längst als „gephotoshoppter Fake“ gehandelt wurde, war für die meisten Medien zu diesem Zeitpunkt noch die wahre, weil von der Polizei verbreitete Version. Den Journalisten, die bei Twitter mitlasen, kam der investigative Ansatz einiger Tweets zu Hilfe. Carsten Erdmann, Chefredakteur der „Berliner Morgenpost“ zu MEEDIA: „Bei der Nachricht rund um die angebliche Internetankündigung des Amoklaufs im Internet hat Twitter andere Medien und die Nachrichtenagenturen geschlagen und Impulse für Recherchen und die Berichterstattung geliefert.“
Viele Medien unterschlugen das Dementi der Website-Betreiber von Krautchan und ignorierten die Hinweise, die Twitter lieferte. Dabei hätte die Recherche schnell stichhaltige Punkte ergeben, die geeignet waren, die offizielle Version zu erschüttern. Am Donnerstagabend korrigierte sich endlich auch die Polizei. "Irgendein Verrückter hat eine schlimme Falschmeldung in die Welt gesetzt", zitiert die "Süddeutsche Zeitung" Innenminister Rech. Es ist unklar, wen er damit meinte.
Fest steht: Twitter hat in diesem Fall gezeigt, was die Vernetzung vieler Nutzer leisten und was sie liefern kann – zum Beispiel die Wahrheit.
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Der Himmel war ein Grau in Grau, die Silhouette der Hauptstadt hinter den Panoramafenstern schien fern und konturlos. Im grauen Anzug trat Springer-Chef Mathias Döpfner ans Rednerpult und – Stopp, hier endet die Tristesse! – verhielt sich antizyklisch. „Meine Damen und Herren“, begann er seine Rede zur Bilanzpressekonferenz für 2008, „es ist manchmal schwieriger, in schlechten Zeiten gut zu sein als in guten Zeiten besser.“ Bilanz in Kürze: Wir waren nicht nur besser, wir waren die Besten.
Was folgte waren eine Menge Zahlen, das übliche Wirtschaftsdenglisch von Umsatz, EBIT, EBITDA, Überschuss, Ergebnis, Profit, Rendite und Dividende, oft gekoppelt an ein stolzes Wort: Rekord. Die Zahlen sind längst über die Nachrichtenticker gelaufen, wurden kommentiert und analysiert. Doch obwohl sich an diesem Mittwochmorgen in Berlin scheinbar alles um Zahlen drehte, ging es im Kern doch um etwas Anderes.
So beindruckend die Eckdaten waren (und hier und da vielleicht auch nicht, wie Wirtschaftsexperten später erklärten), so sensationell das Konzernergebnis als Ganzes vor dem Hintergrund eines in der zweiten Jahreshälfte trüben Marktumfeldes ausfällt – das Bemerkenswerte an der Rede von Mathias Döpfner war die psychologische Leistung. Der Vorstandschef redete die Angst weg. Was der 46-Jährige flankiert von 34 Powerpoint-Charts zu sagen hatte, war nicht der Abgesang auf die Medienbranche, sondern geriet beinahe zum Hohelied auf die Krise.
„Wir sind überzeugt, dass wir Marktanteile gewinnen werden“, sagte Döpfner, „und dadurch strategisch gestärkt aus der Krise hervorgehen werden.“ Für den grassierenden „Skeptizismus“ der Branche bringt er wenig Verständnis auf: „Ich prophezeie: Die Welt wird nicht untergehen. Und die Zeitung vorerst auch nicht.“ Der Springer-Boss als Motivationskünstler. Ein Blick in die Runde der versammelten Medienjournalisten verriet, dass es nicht jedem leicht fiel, seinen Optimismus zu teilen.
Doch Döpfner beließ es nicht beim Formelhaften; er führte Argumente an: Springer gehe mit niedriger Schuldenlast, einer auf Jahre abgesicherten hohen Kreditlinie und mit strenger Kostendisziplin in die Krisenzeit. Das Medienhaus profitiere zudem von der konsequenten Marktführer-Strategie und sei deshalb in der Lage, einen Betrag von „300, 400 oder 500 Millionen Euro“ zu investieren, um „attraktive Assets zu sehr günstigen Bewertungen zu erwerben“. Das Augenmerk gilt dabei dem Digitalgeschäft, „aber auch im Print geht noch was.“ Dies sei eine „vermutlich einmalige Chance“, so der Vorstandschef, „und die werden wir gezielt und nach genauer Prüfung nutzen.“ Den Verlag sieht er im "Spirit der Angriffslust".
Und er war noch nicht fertig. Hatte bis dahin der Unternehmer Döpfner gesprochen, so folgte jetzt der Verleger und ehemalige Chefredakteur: „Die Grundlage unseres Geschäfts sind Inhalte, guter Journalismus. Wir leben von harten Rechercheuren, begnadeten Sprachvirtuosen, provokationsfreudigen Leitartiklern und leidenschaftlichen Geschichtenerzählern.“ Diesen versprach er: „Wir wollen mittel- und langfristig Wert schaffen. Und wir wollen auch nach der Krise noch Zeitungen, Zeitschriften und Websites anbieten, die mit exzellentem Journalismus ihre Leser begeistern.“
Das hörte sich so ganz anders an als die jüngsten Verlautbarungen der Manager anderer großer Medienhäuser, wo Einstellungsstopp, Stellenstreichungen oder betriebsbedingte Kündigungen gemeint sind, wenn von „Qualitätsoffensive“ die Rede ist. Der Zukunftsentwurf von Mathias Döpfner ist ein im Kern journalistischer. Allein dafür möchte man dem Springer-Chef in diesen Zeiten zurufen: Danke, Mann.
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Georg Altrogge ist Chefredakteur von MEEDIA und sammelte in leitenden Funktionen fast zwei Jahrzehnte Erfahrung im Print-Business, unter anderem als Chefredakteur von „Tomorrow“. Hier beschreibt er Außen- und Innenansichten einer Branche im Nahkampf mit den digitalen Medien.
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