Offiziell schweigen alle Beteiligten. Aber immer mehr Indizien sprechen dafür, dass die Tage von Thomas Rabe als Bertelsmann-Finanzchef gezählt sind. Der in Unternehmskreisen bestens vernetzte "Manager Magazin"-Autor Klaus Boldt lokalisiert im "extrem starken Anführungsdruck" des CFO das Grundproblem, weist aber auch auf problematische wie folgenreiche Entscheidungen Rabes hin. Der hatte für Schlagzeilen gesorgt, weil er wiederholt mit anderen Konzernen über einen Top-Job verhandelte.
"Der Fall des Ikarus" titelt das "Manager Magazin" in seiner heute erschienenen Ausgabe und fasst den Tenor der Story in der Vorzeile kompromisslos zusammen: "Der überehrgeizige Finanzchef Thomas Rabe hat sich im Vorstand isoliert. Nun soll er weg." In der Tat ist es schon ein starkes Stück, was sich das Finanz-Ass in den letzten Monaten geliefert hat: Nach seinem Versuch, als ProSiebenSat.1-Chef ausgerechnet zum RTL-Konkurrenten zu wechseln, verhandelte Rabe im Frühjahr erneut mit einem Konzern: Er empfahl sich als Spitzenkraft beim Handelshaus Haniel. Das Treuebekenntnis, das der 43-Jährige wenige Wochen vorher gegenüber Bertelsmann abgelegt hatte, erwies sich als reine Makulatur.
Dass ein Vorstand mitten in der gewaltigsten Krise, die das Unternehmen derzeit schüttelt, so penetrant auf Abwanderung aus zu sein scheint, würde Führungskräften in allen großen Häusern die Karriere verbauen. Offenbar hat Rabe mit seiner andauernden Unlust, nur die Nummer zwei im Vorstand zu sein, aber auch gepokert und dabei gehofft, dass das Unternehmen ihn für unverzichtbar hält und an die Spitze befördert. Alles spricht dafür, dass Rabe dabei die tatsächlichen Machtverhältnisse und Einschätzungen seiner Verdienste verkannte und wohl auch übersah, dass ein Weltkonzern sich in Krisenzeiten nichts weniger leisten kann als unklare Führungsverhältnisse.
Mit Verwunderung hatten unternehmensnahe Kreise einen Bericht der "Süddeutschen Zeitung" registriert, in dem der Eindruck erweckt wurde, nicht Rabe, sondern Vorstandschef Hartmut Ostrowski "wackele". Zitat aus dem Artikel von "SZ"-Medienautor und Sueddeutsche.de-Chef Hans-Jürgen Jakobs: "Zudem fehlt dem geradlinigen Vorstandschef Ostrowski in den Augen seiner Kritiker gesellschaftlicher Glanz, Wachstumsfantasie und Kosteneffizienz." Rabe hingegen wird in dem Bericht vom 3. Juni ("Rosskur in Gütersloh") als entscheidungsstarker Manager und "Ober-Sanierer" gewürdigt.
Das "Manager Magazin" listet dagegen unerbittlich auf, was in der Bilanz des Finanzchefs negativ zu Buche schlägt: die 400 Millionen Euro schwere Abwicklung des Internet-Projekts Napster etwa, die für Bertelsmann viel zu teuer gekommen sei. Oder der Rückkauf des 25,1 Prozent-Anteils des Gesellschafters Albert Frère, die 4,5 Milliarden Euro kostete und das Unternehmen "nahezu handlungsunfähig" gemacht habe. Andere Projekte seien erst gar nicht realisiert worden – insgesamt also mehr Schatten als Licht im Wirken Rabes.
Dies und die sowohl den Arbeitnehmervertretern wie Aufsichtsräten übel aufgestoßenen "Fluchtversuche" sollen nun eine zeitnahe Entscheidung über den Verbleib Rabes herbeiführen, der bei Bertelsmann noch bis 2011 unter Vertrag steht und jahrelang als Hoffnungsträger galt. Dass Dissonanzen im Vorstand ein derart widersprüchliches Echo in den Medienbeiträgen finden, dürfte ebenfalls zu Verstimmungen geführt haben sowie zur Frage, wer hier eigentlich mit wem und zu welchem Zweck "off the record" spricht.
Fairerweise sollte man hinzufügen, dass eine 4,5 Milliarden-Investition sicherlich nicht nur das Werk eines Finanzvorstandes sein kann. Doch wer mit seinen Interpretationen richtig liegt, scheint inzwischen überflüssig. Bei Bertelsmann, so hat es Anschein, kann es nur einen geben – und alles andere als ein klares Bekenntnis der Gesellschafter zu Hartmut Ostrowski und seinem Sanierungskonzept scheint unrealistisch. Für seinen bisherigen Finanzchef heißt dies, dass Gesprächen über vakante Top-Jobs in anderen Unternehmen bald nichts mehr im Wege stehen dürfte.
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Google ist eine wunderbare Erfindung, die manchmal erstaunliche Treffer liefert. Doch gelegentlich ist der Absender mit dem Ergebnis nicht glücklich – so wie derzeit wohl viele bei Gruner + Jahr. Das für November 2009 terminierte Groß-Projekt Gesundheitsmagazin "Vitaguide" steckt noch in der Entwicklungsphase, während bei Google dezidierte Verkaufsunterlagen auf Anhieb zu finden sind. Zudem wirft die Präsentation die Frage auf, ob es sich um einen redaktionellen Titel oder schlicht Promotion handelt.
Wer in diesen Tagen den Begriff "Vitaguide" in die Google-Suchmaske eintippt, stößt schon an dritter Stelle der Trefferliste auf eine PDF-Datei von G+J Media Sales. Die 20-seitige Vermarktungsunterlage enthält nicht nur Details und Beispielseiten des hochauflagigen Supplements, das ab Herbst Premium-Titeln wie "Stern", "Brigitte" "Eltern", "Healthy Living", "Emotion" sowie "Gesund leben" beiliegen wird, sondern macht potenziellen Anzeigenkunden auch in einem Satz klar, was das Magazin sein soll: eine "titelübergreifende Kommunikationsplattform für die Pharma-Branche".
Dagegen wäre nichts einzuwenden, wenn dies auch im Magazin klar kommuniziert würde. Doch die beigefügten "Beispiele redaktioneller Seiten" enthalten keinen Hinweis darauf, dass "Vitaguide" dem Corporate Publishing weitaus näher ist als einem redaktionell unabhängigen Objekt. Dafür spricht auch, dass der Gesundheits-Titel von G+J Corporate Media verantwortet wird. Eine (wie auch immer geartete) Kennzeichnung als Verlagssonderveröffentlichung wäre dabei eigentlich naheliegend, was allerdings erfahrungsgemäß den (Pharma-)Kunden nicht übermäßig freut.
Stattdessen laviert die Broschüre bei der Definition der redaktionellen Rolle um den heißen Brei. Die G+J-Verkäufer attestieren im Markt einen "Mangel an hochqualitativen Pharma-Umfeldern in Print" und bescheinigen dem neuen Heft: "Premium-Redaktion mit Nutzwert zeichnet das Konzept aus – ein Umfeld, in dem man seine Marken gerne sieht..." Und an andererer Stelle: "Qualitativ hochwertige, klare und freundliche Anmutung – wie man es von G+J-Titeln gewohnt ist."
Spätestens hier kommt die redaktionelle Trennschärfe abhanden. Man mag sich ausmalen, was die Ressortchefs Gesundheit bei den Traditionstiteln wie "Stern" und "Brigitte" davon halten. Sind ihre Specials, die es ja schon lange gibt, etwa kein "hochqualitatives Pharma-Umfeld"? Könnte es daran liegen, dass bei diesen Titeln auch kritische Artikel über Pharma-Konzerne und -produkte zu finden sind? In den Sales-Unterlagen kommt der "Vitaguide" dagegen eher als thematischer Weichspüler mit hohem Wohlfühlfaktor für mediengestresste Unternehmen rüber. O-Ton: "Was für eine Wohltat – die gesündesten Wannenbäder." Das klingt nicht gerade nach knallhart nachgefragt.
Das alles wäre kein Problem, wenn Sinn und Zweck klarer definiert würden. Aus dem Umfeld des Verlages ist zu hören, dass dies bei G+J Irritationen ausgelöst hat. "Missverständlich", heißt es, sei die Kunden-Präsentation und die Google-Verlinkung "höchst unglücklich". Ein Insider: "Das Gegenteil von gut gemacht ist gut gemeint." Allerdings sollte der Sales Unit auch die "hohe Umdrehungszahl" zugute gehalten werden, die derzeit in den Großverlagen herrscht. Schon am 14. August ist Anzeigenschluss für das Supplement, das erstmals am 4. November mit der "Brigitte" ausgeliefert wird. 161.500 Euro kostet die Anzeigen-Doppelseite, 85.000 Euro die Einzelseite 4c – was im Vergleich zur getrennten Belegung aller acht G+J-Titel einer Rabattierung von 58 Prozent entspricht.
Das Projekt "Vitaguide" muss zudem im Kontext der Neuausrichtung des Medienhauses gesehen werden. Vorstandschef Bernd Buchholz hatte zuletzt angekündigt, dass sich Gruner + Jahr verstärkt als Dienstleister profilieren wolle. Dadurch sollen abseits vom schwierigen Zeitschriftengeschäft neue Erlösquellen erschlossen werden, die umso nötiger gebraucht werden, als die Sparvorgaben des Mutterkonzerns Bertelsmann inzwischen bei rund 150 Millionen Euro anzusiedeln sind.
Das Credo des Vorstandschefs wird in derzeit oft zitiert. "Gruner + Jahr ist ein Medienhaus mit einer langen Tradition, hohen verlegerischen Ansprüchen und Qualitätsbewusstsein", hatte Bernd Buchholz Anfang April bei der Vorstellung des Jahresberichts gesagt. Jetzt kommt es darauf an, die Punkte zwei und drei durch die Krise zu retten.
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Die aktuellen Magazine werden wirtschaftlich von der Finanzmisere besonders hart gebeutelt: Bis zu einem Drittel sind die Anzeigenumsätze bei den Wochentiteln eingebrochen. Doch den Redaktionen von "Spiegel", "Stern" und "Focus" ist es auch gelungen, aus der Krise Kapital zu schlagen. In der 21. Verkaufswoche gelang das den Münchnern am besten. Der "Focus" erzielte mit dem Cover "Krisen-Gewinner Immobilie: Wer jetzt kaufen sollte und wer nicht" im Einzelverkauf ein Plus von 39,8 Prozent.
Mit einer Variation der Alltagsweisheit "Eigener Herd ist Goldes wert" kam das Markwort-Blatt auf einen Einzelverkauf von 127.056 Exemplaren und einen Gesamtverkauf von 653.793 Heften. Der Immobilientitel war dabei nicht der einzige Auflagen-Erfolg des "Focus" zum Thema Krise. Unter den vier meistverkauften Ausgaben des Jahres 2009 sind drei Krisen-Titel zu finden, nur ein Diät-Thema ("Welcher Ess-Typ sind Sie") schaffte es in die Top 4. "Nur so schützen Sie sich vor Inflation" (Heft 19/09, 165.081 allein im Einzelverkauf) war dabei der Bestseller des Jahres, vor Heft Nr. 14/09 ("Jetzt Geld absichern") mit 153.060 Exemplaren im EV.
Mit Blick auf die Konkurrenz wird auch deutlich, wie sich die Rollen im Magazin-Business verteilen. Der "Spiegel", der in den letzten Monaten immer wieder starke Krisen-Verkäufer lieferte, profilierte sich als Welterklärer ("Der Jahrhundert-Fehler", "Das Prinzip Gier"), während das Team um Helmut Markwort sich als verlässlicher Service-Lieferant erwies. Der "Stern" schlug zumindest auf dem Cover einen anderen Weg ein und beleuchtete eher die individuellen Auswirkungen des Wirtschafts-Desasters, wie bei "Gefeuert – das Märchen vom Kündigungsschutz" (Heft 19/09). Insgesamt fand die Krise am Baumwall aber nicht so häufig den Weg auf den Titel; Dauerbrenner wie Rückenschmerzen oder Heidi Klum sind für ein optisches Magazin im Zweifel die sichereren Verkäufer.
Die Auflagen der "Focus"-Rivalen in der jetzt gemeldeten Woche 21/09 (18. bis 24. Mai) waren im Einzelverkauf übrigens unauffällig: Der "Spiegel" liegt mit 348.293 Exemplaren und dem Hitler-Titel "Die Komplizen" erneut vor dem "Stern", der "Die neue Lust auf Deutschland – Im Urlaub das eigene Land entdecken" titelte und auf 322.454 verkaufte Hefte kam.
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"Spiegel", „Stern“, „Zeit“: Alle drei Renommiertitel waren in den letzten Wochen zumindest am Rande mit der Aufarbeitung einer mehr als vier Jahrzehnte zurück liegenden Geschichte beschäftigt. Im Mittelpunkt standen Verleger und Chefredakteure, und es ging um ihre Rolle bei den Studentenunruhen der 68er-Jahre. Die Namen Augstein, Nannen und Bucerius stehen für ein bis heute wirkendes journalistisches Vermächtnis – Vergangenheitsbewältigung zwischen Instrumentalisierung und Bagatellisierung.
Denn neben den Verlagen, die mit angeblichen Geldzahlungen der liberalen Blattmacher an die „Enteignet Springer“-Kampagne von Rudi Dutschke & Co. konfrontiert waren, gab es ja den Medienkonzern Axel Springer, der durchaus eigene Interessen bei der aktuellen Diskussion verfolgte. Das Haus, dessen Schatten in den 60er Jahren überlebensgroß schien, vor allem auch der Vorstandsvorsitzende Mathias Döpfner, sind seit einiger Zeit um eine Neubewertung von Ursache und Wirkung bei den gewalttätigen Protesten bemüht.
So war es spannend zu sehen, wie sich die Betroffenen aus der Affäre ziehen würden. Dem „Spiegel“ war es nur ein Einspalter auf der letzten Redaktionsseite wert, die Berichte über eine Unterstützung der radikalen Studenten durch Rudolf Augstein zu entkräften. Man verneinte nicht, dass gezahlt wurde, wohl aber, dass dies zum Zwecke eines „Anti-Springer-Tribunals“ erfolgt wäre. Dies allerdings war so auch nie behauptet worden.
Der „Stern“ immerhin wählte den direkten Weg und interviewte den Schriftsteller Peter Schneider, ehemals selbst Aktivist im Dutschke-Umfeld. Er hatte die Diskussion mit einer Buchveröffentlichung („Rebellion und Wahn“) und einem Artikel in der „FAZ“ losgetreten. Und siehe da: Schneider räumte ein, dass er den Namen Nannens irrtümlich in die Liste der Geldgeber eingereiht hatte. Er habe den „Stern“-Gründer mit Gerd Bucerius verwechselt. Damit war die Angelegenheit für die Chefredaktion wie für Gruner + Jahr geklärt: Der „Stern“ hat nicht gezahlt, sondern lediglich „Zeit“-Verleger Bucerius. Dass dieser in jenen Jahren auch „Stern“-Verleger und G+J-Gesellschafter war, wurde dabei nicht thematisiert.
Die überzeugendste Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit leistete am Donnerstag die „Zeit“. Gleich vier Artikel, allesamt lesenswert, ließen Zeitzeugen zu Wort kommen und arbeiteten die Dokumente aus dem Bucerius-Archiv auf. Der langjährige Chefredakteur Theo Sommer erinnert sich an die Treffen mit den schmuddeligen Linken, er offenbart auch, dass es bei seinem Verleger eine Akte mit der Aufschrift „Ideologische Zahlungen“ gegeben habe, die finanzielle Transaktionen an die Studenten-Komitees verzeichnete, wie an anderer Stelle nachzulesen ist, insgesamt 84286,52 Mark.
Aber Sommer liefert auch eine aufschlussreiche Charakterisierung von Bucerius, die eine aktive Unterstützung einer Enteignungskampagne als „absoluten Unsinn“ erscheinen lässt. Sommer räumt ein, dass es tatsächlich eine Wahrheit jenseits der Akten und Erinnerung von Zeugen geben könne, was ihn ehrt, aber er entkräftet diese Theorie mit einem sensiblen Psychogramm des „Zeit“-Verlegers vollends. Bucerius, der ehemalige CDU-Bundestagsabgeordnete, sei überzeugt gewesen, dass Freiheit und Eigentum untrennbar seien.
Es spricht für die Ernsthaftigkeit der „Zeit“-Geschichte zum Thema, dass neben Sommers Artikel ein Interview mit einem Geldempfänger, ein Autorenbeitrag von Peter Schneider sowie eine detaillierte Aktenschau in Ausgabe Nr. 25 nachzulesen sind. Der Schriftsteller muss sich wohl vorwerfen lassen, im Detail (Nannen, Höhe der einzelnen Zahlungen) geschlampt zu haben. Gleichzeitig ist es ihm zu verdanken, dass die Debatte, die der Axel Springer Verlag bereits einseitig eröffnet hatte, so in einen breiteren Kontext eingebettet wurde, der klar macht, wie populär die Anliegen bei den liberalen Intellektuellen waren.
Und insgesamt wird in der „Zeit“ die Zerrissenheit der Liberalen in der Dutschke-Ära deutlich. Theo Sommer erinnert sich: „Die ‚Zeit’ hat Springer damals unter Dauerfeuer genommen. Sie warf den Schreibtischtätern von ‚Bild’ und der Berliner Springer-Presse ‚eine permanente Verhetzung der Studenten’ und ‚marktbeherrschenden Aufwiegeljournalismus’ vor und bekam vor Gericht recht. Im August 1967 veröffentlichte Chefredakteur Josef Müller-Marein, vom Verleger mit Fakten und Argumenten gespickt, zwei Leitartikel. Am 26. August schrieb er unter der Überschrift Axel Springers Fall: ‚Es kann keinem politisch denkenden Menschen im Sinn liegen, dass ein einziger Verleger übermächtig wird… Wenn Axel Springer ein Demokrat ist, sollte er sich über die Existenz eines jeden Blattes freuen, das er nicht besitzt. Wenn nicht, stoppt Springer!’“ Augstein hat wohl zweifellos ähnlich gedacht.
Bucerius fasste seine auch für die eigene konservative Leserschaft schwer nachvollziehbare Sympathie für die jungen Wilden nach einer Diskussion so zusammen: „Sie irren – aber ich beneide Sie um Ihren Glauben und Ihre Redlichkeit.“ Die Protestler, der Verleger, die Motive: ein genialer Satz für alles.
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Mit seinen Äußerungen zu Spendenzahlungen liberaler Verleger und Chefredakteure an die studentische Apo der 60er Jahre hat Schriftsteller Peter Schneider, einer der damaligen Aktivisten, für Gesprächsstoff aber auch Unruhe in den Großverlagen gesorgt. Bei der Aufarbeitung der Rolle des Springer-Verlags bei den 68er-Protesten könnten die Vorgänge leicht zum Politikum im gerade derzeit nicht immer einfachen bilateralen Verhältnis der Medienhäuser werden. Das will niemand, aber ignorieren lassen sie die Dinge auch nicht.
Deswegen ist es interessant, wie die Verlagsspitzen mit der Situation umgehen. Der "Spiegel" ging vergangene Woche zunächst quasi mit sich selbst in Klausur und überprüfte die Akten aus dem Jahre 1967. Peter Schneider hatte davon berichtet, dass Rudolf Augstein die Anti-Springer-Kampagne finanziell unterstützt habe, in dem er einem Komitee-Mitarbeiter in zwei "Tranchen von je 25000 DM" Bargeld zugesteckt habe. Daneben sollen "Stern"- und "Zeit"-Verleger Gerd Bucerius wie auch "Stern"-Gründer Henri Nannen "beträchtliche Summen" für "Enteignet Springer" gezahlt haben.
Die Reaktion des "Spiegel" ist in der heutigen Ausgabe nachzulesen. Sie findet sich aber weder im Medien- oder Deutschland-Ressort noch in einer "In eigener Sache"-Stellungnahme der Hausmitteilung. Statt dessen wird eine Passage des FAZ-Artikels von Peter Schneider vom 3. Juni im "Rückspiegel" zitiert, gefolgt von einer längeren Anmerkung der Redaktion.
Darin werden nicht die Zahlungen von Augstein über 50000 Mark bestritten, wohl aber der Zweck für den diese bestimmt gewesen seien. So konstatiert die Redaktion zwar einen "losen Austausch" des "Spiegel"-Verlegers mit Köpfen der Studentenbewegung und stellt zudem fest: "Die Publizisten sympathisierten mit vielen der studentischen Forderungen nach Reformen und sie waren bereit, Dutschke und seine Mitstreiter zumindest in der Anfangsphase der Bewegung finanziell zu unterstützen."
Was wie ein Eingeständnis wirkt, ist jedoch tatsächlich ein Dementi. Denn Schneider, so der "Spiegel"-Text, sei bei Augstein mit seiner Bitte um Hilfe für ein Anti-Springer-Tribunal abgeblitzt: "Von einem Tribunal hielt Augstein gleichwohl nichts, es sei 'unnütz, ja schädlich'." Augstein habe in einem Brief die Studenten empfohlen: "... der Gedanke an ein Tribunal (muss) aufgegeben werden."
Das liest sich eindrucksvoll, nur: Darauf hatte sich Schneider gar nicht bezogen. Der Schriftsteller am Montag zu MEEDIA: "Ich bestreite nicht, dass sich Augstein im Brief so geäußert hat. Aber das Springer-Tribunal war ja nicht identisch mit der Anti-Springer-Kampagne." Augstein habe sich auf den damals geplanten Schau-Prozess nach Vorbild des Vietnam-Tribunals bezogen, der "Enteignet Springer"-Kampagne aber wohlwollend gegenüber gestanden." Schneider bleibt dabei: "Es ist damals von Seiten der Verleger eine ganze Menge Bargeld geflossen."
Bei Axel Springer, wo man sich derzeit bemüht, die politische Rolle des Medienkonzerns in den 60er aufzuarbeiten, dürften Enthüllungen über eine diskrete Anschubfinanzierung der Studentenproteste durch die Konkurrenz aufhorchen lassen. Doch zu einer Breitseite gegen Ikonen der deutschen Mediengeschichte scheint man sich auch dort nicht durchringen zu können. So äußerte sich Vorstandschef Mathias Döpfner am Wochenende in einem langen Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" zwar ausführlich zu dem "Unrecht", was dem Verlagshaus bezüglich seiner Feindbildfunktion in Apo-Zeiten widerfahren sei. Die liberalen "Enteignet Springer"-Unterstützer aus der Branche nennt Döpfner jedoch nicht, er beschränkt sich auf den kiebigen Halbsatz, dass die aus dem Osten gesteuerte Diffamierungskampagne "zum Teil sogar unter engagierter Mithilfe westdeutscher Wettbewerber" florierte.
Gruner + Jahr hatte zunächst auf die Äußerungen Schneiders nicht reagiert, obwohl neben "Stern"-Gründer Nannen und seinem damaligen Stellvertreter Manfred Bissinger (der als Geldbote fungierte) auch "Stern"-Verleger Gerd Bucerius zu den Unterstützern der Kampagne gehört haben soll. Der frühere CDU-Bundestagsabgeordnete war nach dem Verkauf seiner G+J-Anteile auch Aufsichtsratsvorsitzender der Bertelsmann AG. Dabei hat Manfred Bissinger die Zahlungen von Bucerius offenbar auch dem "Spiegel" auf Anfrage bestätigt. Am Freitag veröffentlichte der Verlag dann in Abstimmung mit der "Stern"-Chefredaktion ein Statement: ""Der 'Stern' hat bezüglich der 'Enteignet Springer'-Kampagne nichts mitfinanziert. Ob Henri Nannen in dieser Sache privat Geld gegeben hat, können wir leider nicht sagen und auch nicht mehr feststellen."
Vermutlich endet damit die Geschichte, zumindest der offizielle Teil. Die maßgeblichen Protagonisten von einst, Augstein, Nannen und Bucerius, können sich nicht mehr erklären. So verbleibt auch die Einschätzung von Peter Schneider im freien Raum der individuellen Deutung. "Es wird aus heutiger Sicht oft verkannt, dass die Anti-Springer-Kampagne zumindest in den Anfängen bei liberalen Intellektuellen äußerst populär war. Und ich glaube nicht, dass sich Augstein, Nannen oder Bucerius im Nachhinein für ihr Handeln geschämt hätten."
Nachtrag, 9. Juni, 11:35 Uhr:
Der ehemalige Apo-Aktivist Peter Schneider hat seine Behauptung, "Stern"-Gründer Henri Nannen habe die Anti-Springer-Kampagne Ende der sechziger Jahre mitfinanziert, widerrufen. "Ich habe da etwas durcheinandergebracht", sagte Schneider dem "Stern" in der am Mittwoch erscheinenden Ausgabe. Er habe Nannen mit dem Verleger Gerd Bucerius verwechselt. Schneider weiter: "Nannen hat sich nach meiner Kenntnis nie bei der Apo finanziell engagiert." Auf die Frage, ob denn der "Stern" an die Anti-Springer-Kampagne gezahlt habe, antwortete Schneider: "Nicht, dass ich wüsste."
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Die Rolle der großen Verleger bei den Studentenunruhen in den 60er Jahren wird derzeit in allen Medienhäusern diskutiert. Nach der Behauptung des Schriftstellers Peter Schneider in der FAZ, Rudolf Augstein sowie der "Stern"-Gründer Henri Nannen hätten "beträchtliche Summen" für die Kampagne "Enteignet Springer" gespendet, werden jetzt weitere Details bekannt. Nach Darstellung von Schneider hat Augstein einem Kampagnen-Mitarbeiter 50000 Mark in bar zugesteckt. Auch Gerd Bucerius soll Geld beigesteuert haben.
Freimütig schildert der Schriftsteller die Einzelheiten der Geldübergaben. So sei Rudolf Augstein zweimal um Spenden gebeten worden, die er in "Tranchen von je 25000 DM" übergeben habe, indem er "die von einem Gummi zusammengehaltenen Bündel aus der Hosentasche" zog. Schneider erinnert sich: "Augstein, Nannen, Bucerius spendeten großzügig für die Antispringerkampagne – sicher auch aus Eigeninteresse gegenüber dem übermächtigen Konkurrenten Springer, aber auch aus genuiner Neugier und Sympathie für den rätselhaften Virus der Rebellion, der sich in der Republik verbreitete." Und weiter: "Sie alle hatten das Gefühl, daß sich nach den Jahren des Schweigens und der Verklemmung in Deutschland etwas ändern müsse, und verwöhnten die Bewegung vorsorglich mit Spenden, um sich nicht bekennen zu müssen."
Schneider berichtet auch vom Besuch eines Komitee-Mitarbeiters in der Hamburger "Zeit"-Redaktion, bei dem der Studentenführer Rudi Dutschke Verleger Gerd Bucerius stark beeindruckt habe. Nach Darstellung des damaligen Stellvertretenden "Stern"-Chefredakteurs Manfred Bissinger, heute Geschäftsführer des Hoffmann und Campe Verlages, auf die sich Schneider beruft, sollen die drei aus Berlin angereisten Aktivisten je 5000 Mark in einem Umschlag erhalten haben. Zudem habe Bucerius "auf Bissingers Konto 50000 DM für die Antispringerkampagne überwiesen, die Bissinger pünktlich an Dutschke weiterreichte."
Erstaunlich ist, dass die Diskussion um die Ereignisse erst durch den Artikel Schneiders in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" ausgelöst wurde. Der Schriftsteller hatte davon nämlich schon in seinem 2008 erschienenen Buch "Rebellion und Wahn" berichtet. Dort liefert er auch eine Anekdote über eine steuerliche Panne bei der Geldüberweisung: "Allerdings hatte die Sache für Bissinger ein Nachspiel. Das Finanzamt sah in der Spende eine Einnahme Bissingers und forderte eine Steuerzahlung von rund 22000 DM." Im Beisein Bissingers habe "Stern"-Chefredakteur Nann bei Bucerius angerufen und ihm davon berichtet.
Bucerius habe eine Spende am Telefon "standhaft verleugnet". Zwei Tage später habe Bissinger jedoch den vom Finanzamt geforderten Betrag auf seinem Konto gehabt – nach Auskunft der Bank eine anonyme Bareinzahlung.
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Georg Altrogge ist Chefredakteur von MEEDIA und sammelte in leitenden Funktionen fast zwei Jahrzehnte Erfahrung im Print-Business, unter anderem als Chefredakteur von „Tomorrow“. Hier beschreibt er Außen- und Innenansichten einer Branche im Nahkampf mit den digitalen Medien.
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